Einführung
Hemiparese bei Kindern, eine halbseitige Lähmung, stellt eine besondere Herausforderung dar. Ergotherapie kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten, um die motorischen Fähigkeiten und die Selbstständigkeit der betroffenen Kinder spielerisch zu fördern. Der Boden als Therapiefläche bietet dabei vielfältige Möglichkeiten.
Grundlagen der Hemiparese und ergotherapeutische Ziele
Hemiparese entsteht durch Schädigungen des Gehirns, die zu einer Schwäche oder Lähmung einer Körperseite führen. Die ergotherapeutische Behandlung zielt darauf ab, die betroffene Seite zu aktivieren, die Körperwahrnehmung zu verbessern und kompensatorische Strategien zu entwickeln, um den Alltag bestmöglich zu gestalten. Dabei wird stets der ganzheitliche Ansatz verfolgt, der die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes berücksichtigt.
Förderung der Körperwahrnehmung
Die Körperwahrnehmung spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung motorischer Fähigkeiten. Bei Kindern mit Hemiparese ist diese oft beeinträchtigt. Ergotherapeutische Maßnahmen zielen darauf ab, das Gehirn anzureizen, damit sich neue Informationswege zu den Muskeln ausbauen können.
- Stimulation der Hemiseite: Um die Aufmerksamkeit auf die betroffene Seite zu lenken, können verschiedene Hilfsmittel eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise knallige Farben bei der Kleidung auf der Hemiseite oder Rassel-/Glöckchenbänder für Fuß oder Handgelenk.
- Lagerung: Im Babyalter kann die Lagerung so erfolgen, dass die betroffene Seite gut sichtbar ist.
- Massagen und Dehnübungen: Tägliche Massagen und Dehnübungen helfen, die Durchblutung zu fördern und die Muskeln geschmeidig zu halten.
- Materialien zur Körperwahrnehmungsförderung: Ketten (auch zum Ziehen), verschiedene Griffe und Henkel, Drehscheiben und Schiebeperlen, Spiegel, Fädelspiele, Pinsel, Schwämme und Bürsten können eingesetzt werden, um die Körperwahrnehmung zu fördern.
Förderung der Motorik am Boden
Der Boden bietet eine sichere und vielseitige Umgebung, um die motorischen Fähigkeiten von Kindern mit Hemiparese spielerisch zu fördern.
- Krabbeln: Alles, was zum Krabbeln anregt, ist hilfreich: Matratzen, Fellteppiche, Luftmatratzen, Wellblech, Kartons mit Bällen darunter oder schwere Decken, Yogamatten etc. Unterschiedliche Untergründe bieten vielfältige sensorische Erfahrungen.
- Hängehöhle: Eine Hängehöhle kann zur Förderung des Gleichgewichts und der Körperkontrolle eingesetzt werden.
- Galileo-Therapie: Die Galileo-Therapie, eine Form der Vibrationstherapie, kann später im Behandlungsverlauf eine sinnvolle Ergänzung sein.
Spielerische Aktivitäten zur Förderung der Handfunktion
- Gegenstände zum Greifen: Alles, was gut an Zehen oder Finger zu hängen ist und Geräusche macht, ist ideal. Spielzeuge wie der O-Ball eignen sich gut.
- Spieluhr: Eine Spieluhr kann so platziert werden, dass das Kind durch eigene Kraft mit der betroffenen Seite Erfolg erfährt, z.B. indem es Fuß oder Bein in Position bringt und animiert wird, einen Knopf zu drücken.
Weitere therapeutische Ansätze
- Bobath-Konzept: Das Bobath-Konzept ist ein bewährter Ansatz in der neurologischen Rehabilitation, der auf die Förderung physiologischer Bewegungsabläufe abzielt.
- PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation): PNF ist ein Konzept, das durch gezielte Handgriffe innerhalb einer Aktivität, wie z.B. beim Anziehen, das motorische Lernen fördert.
- Sensorische Integration: Die Sensorische Integrationstherapie hilft, sensorische Informationen besser zu verarbeiten und zu integrieren.
Ergotherapie im Kontext von ADHS und Aufmerksamkeitsstörungen
Ergotherapie ist auch ein sinnvoller und evidenzbasierter Bestandteil im multimodalen Behandlungskonzept bei ADHS und Aufmerksamkeitsstörungen. Durch die Kombination von kognitiven, lerntheoretischen und verhaltenstherapeutischen Interventionen können problematische Alltagshandlungen von Kindern und Jugendlichen effektiver gestaltet werden. Dies geschieht durch individuumszentrierte Alltagstrainings, kognitive Strategien, Selbstregulationstrainings, funktionale Aufmerksamkeitstrainings sowie Koordinations- und Sozialkompetenztrainings. Die Einbindung aller Bezugspersonen (Eltern, Lehrer) ist ein wesentlicher Bestandteil der multimodalen Therapie.
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Ergotherapie bei psychiatrischen und psychosozialen Störungen
Die Ergotherapie befasst sich mit Patienten aller Altersstufen und mit vielerlei psychiatrischen und psychosozialen Störungen, Beeinträchtigungen und zeitweiligen oder auch chronischen Erkrankungen. Hierbei kommen Entspannungsverfahren, sowie Übungen zur Förderung der Persönlichkeit- und zur Verhaltensstörung zum Einsatz.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Eine erfolgreiche ergotherapeutische Behandlung von Kindern mit Hemiparese erfordert eine enge Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen, wie z.B. Ärzten (Neuropädiatern), Physiotherapeuten, Logopäden und Psychologen.
Fallbeispiel: Traumatische Dissektion nach Rangelei
Ein 11-jähriger Junge wird nach einer Rangelei auf dem Schulhof mit Kopfschmerzen und Erbrechen stationär aufgenommen. Im Verlauf zeigen sich Vigilanzschwankungen, Erregung, Angst und eine leichte sensomotorische Hemiparese links. Eine MRT ergibt den Verdacht auf eine traumatische Dissektion der A. vertebralis. Nach Stabilisierung zeigt der Junge Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen. Dieser Fall verdeutlicht, wie wichtig eine umfassende Diagnostik und interdisziplinäre Betreuung bei Kindern mit neurologischen Auffälligkeiten ist.
Hilfreiche Tipps und Tricks für den Alltag
- Tragen: Beim Tragen des Kindes kann die gesunde Seite blockiert werden, z.B. durch den Tragegriff oder indem der gesunde Arm im Pulli fixiert wird.
- Baden: Tägliches Baden mit Wasserstimulation und Wasserspielen kann die Körperwahrnehmung fördern.
- Unterstützung bei Aktivitäten: Das Kind sollte bei Aktivitäten unterstützt werden, damit es durch eigene Kraft Erfolgserlebnisse hat.
Fort- und Weiterbildungen für Ergotherapeuten
Um eine qualitativ hochwertige Behandlung von Kindern mit Hemiparese zu gewährleisten, ist es wichtig, dass Ergotherapeuten sich regelmäßig fortbilden. Es gibt zahlreiche Fortbildungen zu verschiedenen Themen, wie z.B. Bobath-Konzept, PNF, Sensorische Integration, Handtherapie und ADHS. Die Teilnahme an Live-Webseminaren bietet eine flexible Möglichkeit, um auf dem aktuellen Stand der Therapietechniken zu bleiben.
Adaptiertes Spielzeug
Adaptiertes Spielzeug lässt sich durch viele Taster ansteuern und ermöglicht Kindern mit Bewegungseinschränkungen das Spielen. Besonders beim Erlernen des Ursache-Wirkung-Zusammenhangs leisten solche Hilfsmittel einen wertvollen Beitrag.
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