Hildegard von Bingen und die Behandlung von Migräne: Ein ganzheitlicher Ansatz

Hildegard von Bingen, eine Benediktinerin des 12. Jahrhunderts, war eine bemerkenswerte Frau, die als Mystikerin, Naturforscherin, Ärztin und Komponistin wirkte. Ihr umfassendes Wissen über Heilpflanzen und natürliche Heilmethoden hat bis heute einen großen Einfluss auf die Naturheilkunde, insbesondere im Bereich der Behandlung von Migräne und Kopfschmerzen.

Hildegards Verständnis von Kopfschmerzen und Migräne

Hildegard von Bingen betrachtete Kopfschmerzen und Migräne nicht als isolierte Symptome, sondern als Ausdruck eines Ungleichgewichts im Körper. In ihren Werken "Physica" und "Causae et curae" beschreibt sie detailliert verschiedene Arten von Kopfschmerzen und ihre möglichen Ursachen. Dabei differenziert sie zwischen gewöhnlichen Kopfschmerzen und dem "Halbseitenkopfschmerz" (Migräne), wobei sie in beiden Fällen die "schwarze Galle" als ursächlichen Körpersaft identifiziert. Im humoralpathologischen Verständnis galt die schwarze Galle als kalt und trocken, weshalb Hildegard fast ausschließlich wärmende Heilmittel empfahl.

Hildegards Empfehlungen zur Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne

Hildegard von Bingen offerierte eine Vielzahl von Rezepten und Anwendungen zur Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne. Ihre Empfehlungen umfassen sowohl äußerliche Anwendungen als auch innerliche Einnahmen von Kräutern und anderen natürlichen Substanzen. Einige Beispiele sind im Folgenden aufgeführt:

Äußerliche Anwendungen

  • Tannensalbe: Obwohl in der populärwissenschaftlichen Literatur oft für Kopfschmerzen empfohlen, war diese Salbe nach Hildegard eigentlich für andere Beschwerden gedacht. Sie empfahl sie bei "gichtbrüchigen, hirnwütigen oder wahnsinnigen" Zuständen.
  • Aloe-Myrrhe-Teig: Bei Migräne empfahl Hildegard einen Teig aus Aloe, Myrrhe, Semmelmehl und Mohnöl, der auf den gesamten Kopf aufgetragen und unter einer Mütze drei Tage und Nächte belassen werden sollte.
  • Zitwerwurzelstock-Pulver: Bei starken Kopfschmerzen sollte ein in ein Tüchlein gebundenes und in Wasser durchfeuchtetes Pulver des Zitwerwurzelstockes auf Stirn und Schläfen aufgetragen werden.
  • Salbei-Malve-Öl: Bei Kopfschmerzen, die durch "Schwarzgalle" verursacht werden, empfahl Hildegard eine Salbe aus zerstoßener Malve und Salbei, übergossen mit Olivenöl. Diese sollte von der Stirn über den Scheitel bis zum Hinterhaupt aufgetragen und mit einem Tuch umbunden werden.
  • Veilchensaft-Öl: Eine Salbe aus Veilchensaft, Olivenöl und Bockstalg sollte quer über die Stirn gerieben werden.
  • Wermutwein: Bei Kopfschmerzen empfahl Hildegard, den Kopf mit Wermutsaft in warmem Wein zu befeuchten und mit einer Wollkappe zu bedecken.
  • Eibisch-Salbei-Öl: Eine Salbe aus Eibisch, Salbei und Olivenöl sollte vor dem Auftragen auf die Stirn erwärmt und der Kopf anschließend mit einem Tuch verbunden werden.
  • Apfelbaum-Öl: In Olivenöl eingelegte Sprossen des Apfelbaumes, die in der Sonne erwärmt wurden, sollten zur Behandlung von Migräne auf das Haupt aufgetragen werden.
  • Pfirsichharz-Teig: Bei Kopfschmerzen sollte Weizenteig mit zerlassenem Pfirsichharz warm auf den Scheitel gelegt werden.
  • Lorbeerbeeren-Wein: Zerstoßene Lorbeerbeeren sollten mit Wein vermischt und auf Schläfen und Haupt aufgetragen werden.
  • Olivenöl-Nachtschatten-Brennnessel-Salbe: Eine Salbe aus Olivenöl, Rosenwasser, Nachtschattenfrucht und Brennnessel sollte auf Scheitel, Stirn und Schläfen aufgetragen und mit einer Wachsbinde umwickelt werden.
  • Weinstock-Saft-Öl: Saft vom Abschneiden der Reben, vermischt mit Olivenöl, sollte auf das Haupt aufgetragen werden.
  • Käuzchenleber-Pulver: Ein Pulver aus getrockneter Käuzchenleber mit Fenchelfrüchten und Bockshornkleesamen sollte in einem Tuch auf Stirn und Schläfen gebunden werden.
  • Elefanten-Stirnbein: Ein in der Sonne erhitztes Stirnbein des Elefanten sollte auf das Haupt gelegt werden.
  • Dachsleber-Salbe: Eine Salbe aus Dachsleber, Dachsfett, Gichtbaum und Eberraute sollte auf Nacken, Hals, Schläfen und Stirn eingerieben werden.
  • Wieselherz-Wachs: Ein getrocknetes Wieselherz, dünn mit Wachs umhüllt, sollte kurzzeitig auf die Ohren gelegt werden.
  • Edelsteine: Smaragd, Sarder, Karfunkel und Perle wurden auf unterschiedliche Weise äußerlich angewendet.

Innerliche Anwendungen

  • Gerste: In Wasser gekochte Gerste sollte gegessen werden, um dem "Brennen und Wüten des Kopfschmerzes Widerstand zu leisten".
  • Weiße Erbsen: Zerbissene weiße Erbsen, mit Honig vermischt, sollten auf die Schläfen aufgetragen werden.
  • Reiherschnabel-Pulver: Ein Pulver des Reiherschnabels sollte zusammen mit Salz auf einem Brot gegessen werden.
  • Hirschzungenfarn-Pulver: Getrocknete und zerstoßene Hirschzunge sollte nüchtern und nach dem Essen von der Hand geleckt werden.
  • Muskateller-Salbei: In Wasser gekochter Muskateller-Salbei sollte heiß auf den Kopf gelegt und mit einem Tuch bedeckt werden.
  • Weihrauch-Törtchen: Weihrauch-Törtchen sollten unter die Nase gehalten werden.
  • Mandeln: Die inneren Kerne von Mandeln sollten oft gegessen werden.

Hildegards ganzheitlicher Ansatz

Neben den spezifischen Rezepten und Anwendungen betonte Hildegard von Bingen stets die Bedeutung eines ganzheitlichen Ansatzes bei der Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne. Dazu gehören:

  • Darmsanierung: Hildegard erkannte die Bedeutung einer gesunden Darmflora für die allgemeine Gesundheit und empfahl die Birnhonig-Kur mit Bärwurz zur Reinigung des Darms und zur Stärkung der Abwehrkräfte.
  • Entgiftung und Entsäuerung: Hildegard betonte die Wichtigkeit der Entgiftung über die Leber und die Entsäuerung des Körpers.
  • Ernährungsumstellung: Hildegard empfahl eine dauerhafte Ernährungsumstellung oder Fastenkuren zur Stärkung des Darms.
  • Stressreduktion: Hildegard erkannte, dass Migränepatienten oft besonders sensitive Menschen sind, die stark auf Reize reagieren. Sie empfahl Entspannungstechniken wie Muskelrelaxation nach Jakobson, regelmäßige Pausen und ausreichend Flüssigkeitszufuhr.

Moderne Perspektiven auf Hildegards Heilkunde

Obwohl Hildegards Heilkunde auf einem mittelalterlichen Weltbild basiert, finden sich in ihren Empfehlungen einige Aspekte, die auch aus moderner Sichtweise relevant sind. So wird heute die Bedeutung einer gesunden Darmflora für die allgemeine Gesundheit und das Immunsystem zunehmend anerkannt. Auch die entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften einiger der von Hildegard empfohlenen Kräuter und Gewürze wie Ingwer und Curcuma sind wissenschaftlich belegt.

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Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Hildegards Heilkunde nicht als Ersatz für moderne medizinische Behandlungen betrachtet werden sollte. Bei chronischen Kopfschmerzen oder Migräne ist es ratsam, einen Arzt oder Heilpraktiker zu konsultieren, um die Ursachen der Beschwerden abzuklären und eine geeignete Therapie zu finden.

Fazit

Hildegard von Bingen war eine Pionierin der Naturheilkunde, deren Wissen und Erfahrungsschatz bis heute von Bedeutung sind. Ihre ganzheitliche Sichtweise auf den Menschen und ihre Empfehlungen zur Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne können eine wertvolle Ergänzung zu modernen medizinischen Therapien darstellen. Es ist jedoch wichtig, ihre Heilkunde kritisch zu hinterfragen und sie in Absprache mit einem Arzt oder Heilpraktiker anzuwenden.

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