Dronabinol bei Trigeminusneuralgie: Eine umfassende Betrachtung

Die Trigeminusneuralgie ist eine äußerst schmerzhafte Erkrankung, die durch heftige, einschießende Schmerzen im Gesicht gekennzeichnet ist. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden gestaltet sich oft schwierig, und viele Betroffene suchen nach alternativen Therapieansätzen. In diesem Zusammenhang rückt medizinisches Cannabis, insbesondere Dronabinol, zunehmend in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Dronabinol bei Trigeminusneuralgie, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und Erfahrungsberichten.

Einführung in die Trigeminusneuralgie

Die Trigeminusneuralgie ist eine Form von Nervenschmerz, die durch eine Reizung des Trigeminusnervs verursacht wird. Dieser Nerv ist für die Sensibilität im Gesicht verantwortlich. Die Schmerzen werden oft als blitzartig, stechend oder elektrisierend beschrieben und können durch alltägliche Aktivitäten wie Sprechen, Essen oder sogar leichte Berührungen ausgelöst werden.

Schmerz und das biopsychosoziale Modell

Schmerz ist ein komplexes Phänomen, das als Warnsignal des Körpers dient. Er kann akut auftreten, beispielsweise bei Verletzungen, oder chronisch werden, wenn er länger als drei bis sechs Monate anhält. Das biopsychosoziale Schmerzmodell erklärt Schmerz als Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Dieses Modell berücksichtigt, dass Schmerz nicht nur eine körperliche Empfindung ist, sondern auch von emotionalen und sozialen Aspekten beeinflusst wird.

Medizinisches Cannabis in der Schmerztherapie

Cannabis wird zunehmend als ergänzende Option in der Schmerztherapie betrachtet, insbesondere wenn traditionelle Therapien nicht den gewünschten Erfolg bringen. Studien zeigen, dass Cannabis bei bestimmten chronischen Schmerzzuständen lindernd wirken kann. Insbesondere neuropathische Schmerzen, die durch Nervenschädigungen verursacht werden, sprechen möglicherweise auf eine Behandlung mit Cannabinoiden an. Allerdings ist die Datenlage nicht einheitlich, und die Wirksamkeit kann individuell variieren.

Dronabinol: Ein Überblick

Dronabinol ist das psychoaktive Stereoisomer des THC ((−)-∆9-trans-Tetrahydrocannabinol) und eine synthetische Form von Tetrahydrocannabinol (THC), einem der Hauptwirkstoffe in Cannabis. Es wird in der Medizin zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie-Patienten sowie zur Appetitsteigerung bei HIV/AIDS-Patienten eingesetzt. Darüber hinaus wird Dronabinol auch zur Schmerzlinderung bei chronischen Schmerzzuständen erforscht.

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Die rechtliche Lage von Cannabis in Deutschland

Seit dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes (CanG) am 1. April hat sich die rechtliche Landschaft für Cannabis in Deutschland grundlegend verändert. Für Apotheker bedeutet dies eine Vereinfachung im Umgang mit medizinischem Cannabis. Die bisherigen strikten Dokumentationspflichten und die Notwendigkeit, Cannabis in Tresoren zu lagern, entfallen. Ein Arzt kann Cannabis auf Rezept verschreiben, wenn der Patient an einer schwerwiegenden Erkrankung leidet und andere Therapieoptionen nicht ausreichend helfen. Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten für Cannabisarzneimittel, wenn die medizinische Notwendigkeit durch einen Arzt bestätigt wird.

Wie Dronabinol bei Nervenschmerzen wirken kann

Medizinisches Cannabis, das sowohl THC (Tetrahydrocannabinol) als auch CBD (Cannabidiol) enthält, kann über das Endocannabinoid System im Körper wirken. THC bindet dabei hauptsächlich an die CB1 Cannabinoid Rezeptoren im zentralen Nervensystem, wodurch es die Modulation von Schmerzsignalen beeinflussen kann. CBD hingegen wirkt allen voran an den CB2 Rezeptoren in den peripheren Geweben und Organen. Durch die indirekte Interaktion mit den Rezeptoren kann CBD die Regulierung von Entzündungen, Allodynie (extreme Schmerzempfindlichkeit bei Berührung) und Hyperalgesie (extreme Reaktionen auf Schmerz) beeinflussen. Medizinisches Cannabis kann die Schmerzübertragung unterbinden, Entzündungen hemmen und die Neuroplastizität verbessern.

Standardtherapien bei Nervenschmerzen

Nervenschmerzen sind ein besonderer Fall in der Schmerzmedizin, da nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR Medikamente) keine Wirkung auf die Symptomatik zu haben scheinen. Mangels speziell für Neuropathien zugelassener Medikamente werden zur Behandlung neuropathischer Schmerzen meist Off-Label-Therapien angewendet. Dazu gehören Antikonvulsiva und Antidepressiva sowie Opioide. Diese Medikamente wirken auf unterschiedliche Weisen gegen die Entstehung und Weiterleitung von Schmerz. Vorwiegend finden Kombi-Therapien mit mehreren Mitteln gleichzeitig Anwendung bei Nervenschmerzen.

Antikonvulsiva

Antikonvulsiva wie Gabapentin und Pregabalin beispielsweise unterbinden die Schmerzweiterleitung im Rückenmark und können so die Reizempfänglichkeit der Neuronen im zentralen Nervensystem senken.

Antidepressiva

Amitriptylin und Duloxetin zählen zu den Antidepressiva. Sie erhöhen die Verfügbarkeit bestimmter Neurotransmitter im Gehirn und reduzieren somit die Schmerzwahrnehmung.

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Lokale Betäubungsmittel

Behandlungen mit Lidocain und Capsaicin wirken lokal schmerzstillend für bis zu drei Monate.

Opioide

Opioide wie Tramadol und Tilidin werden nur bei starken Schmerzen eingesetzt, wenn andere Medikamente nicht ausreichend wirken. Generell werden Opioide aufgrund der suchtfördernden Wirkung nur kurzzeitig angewendet.

Dronabinol als Add-on-Therapie

Eine Add-on-Therapie mit Cannabis verschafft mögliecherweise die ersehnte Linderung bei Nervenschmerzen. Bei richtiger Dosierung sind die Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis deutlich geringer als die konventioneller Medikamente. Cannabinoide werden in der neuen Leitlinie ebenfalls erstmals erwähnt. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass keine der Substanzen für die Schmerz-Indikation zugelassen ist: Die Therapie erfolgt somit off-label. Der Einsatz wird daher nur in Einzelfällen empfohlen, wenn andere Schmerztherapien bereits versagt haben.

Anwendung von Dronabinol in der Praxis

Medizinisches Cannabis kann als Fertigarzneimittel (Extrakte) oder in Form natürlicher Cannabisblüten vorliegen. Bei neuropathischen Schmerzen können medizinische Cannabisblüten ein- bis mehrmals täglich inhaliert werden. Die genaue Anwendbarkeit und Dosierung wird von einem qualifizierten Arzt bzw. einer qualifizierten Ärztin festgelegt.

Dosierung und erste Einnahme

Die richtige Dosierung von Cannabisblüten ist entscheidend für den Therapieerfolg und die Minimierung von Nebenwirkungen. Die erste Einnahme sollte idealerweise am Abend erfolgen, um mögliche Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit besser kontrollieren zu können.

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Dronabinol bei Fibromyalgie

Nachdem ab März 2017 cannabisbasierte Medikamente (z. B. Dronabinol) bzw. medizinisches Cannabis (z. B. Blüten) als Kassenleistung verordenbar waren, wurden sie bei Patienten mit FMS, die keine ausreichende Schmerzreduktion durch die Leitlinientherapie erfahren hatten, als weitere medikamentöse Therapieoption in Betracht gezogen. Als Substanz wurde in dem untersuchten Zeitraum ausschließlich Dronabinol, das psychoaktive Stereoisomer des THC ((−)-∆9-trans-Tetrahydrocannabinol), verwendet. Als Darreichungsform kam überwiegend die Kapselform zum Einsatz (nur 5 Fälle mit Einnahme in flüssiger Form). Nach Indikationsstellung wurde in der Regel mit Kapseln von 1,25 mg begonnen und die Dosis pro Tag um 1,25 bis 2,5 mg gesteigert, beim Einsatz von Tropfen mit 2 Tropfen (1,6 mg) begonnen und tgl. um 1-2 Tropfen erhöht. Beim Auftreten von Nebenwirkungen wurde erst wieder erhöht, wenn diese abgeklungen waren.

Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen

Medizinisches Cannabis kann eine Vielzahl von Wirkungen auf den Körper haben, die sowohl therapeutisch als auch unerwünscht sein können. Diese Nebenwirkungen sind in der Regel mild und vorübergehend. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit und verminderter Appetit. Diese Nebenwirkungen schwächen in der Regel im Verlauf der Therapie ab. Cannabis kann die Wirkung anderer Arzneimittel beeinflussen.

Die Rolle des Apothekers

Als Apotheker spielen Sie eine entscheidende Rolle in der Versorgung und Beratung von Patienten, die die medizinische Cannabis Therapie einsetzen. Neben der korrekten Verordnung sollten Sie auf die Lagerung und Dokumentation achten. Sie müssen die Identität des Produkts überprüfen und sicherstellen, dass Wirkstoffgehalt und Reinheit den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Bei der Patientenberatung kommt Ihnen eine besondere Rolle zu. Viele Patienten haben wenig Erfahrung mit Cannabis als Medizin. Falls Unklarheiten zur Verordnung oder Dosierung bestehen, ist eine enge Abstimmung mit dem verschreibenden Arzt notwendig. Um Ihre Patienten optimal zu beraten und stets auf dem neuesten Stand der medizinischen Cannabistherapie zu bleiben, ist eine kontinuierliche Weiterbildung essenziell.

Fallbeispiel: MS-Patient mit Trigeminusneuralgie

Ein Forumsmitglied mitMultipler Sklerose (MS) seit etwa 20 Jahren berichtet, dass die Trigeminusneuralgie (TN) mit extremen Anfällen nach einer Fampyra-Behandlung auftrat. Carbamazepin konnte die Schmerzen nur lindern, die Anfälle blieben. Nach diversen Medikamentenversuchen wurde Gabapentin eingesetzt. Aufgrund der Nähe zur niederländischen Grenze kam das Thema Cannabis auf. Obwohl der Neurologe grundsätzlich offen für das Thema ist, gestaltet sich der legale Weg zu einem Therapieversuch langwierig und kompliziert.

Forschungsergebnisse und Studien

Eine retrospektive Studie untersuchte den klinischen Einfluss einer Dronabinolmedikation während einer interdisziplinären multimodalen stationären Schmerztherapie (IMST) bei Patienten mit Fibromyalgie (FMS). Die Ergebnisse zeigten, dass die mit Dronabinol behandelten Patienten im Vergleich zu den nach Standard therapierten Patienten eine signifikant stärkere Schmerzreduktion während des stationären Aufenthalts zeigten. Auch die Lebensqualität verbesserte sich signifikant stärker in der Dronabinolgruppe.

Einschränkungen und zukünftige Forschung

Die Aussagekraft der vorliegenden retrospektiven Auswertung ist vorsichtig zu bewerten, auch wenn hiermit erste Daten zur Versorgungsforschung im stationären Setting vorgelegt werden können. Sie umfasste einen relativ kurzen Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 14 Tagen an einem einzigen Zentrum. Alle Patienten absolvierten ein weitgehend standardisiertes Therapieprogramm, das letztlich zeitgleich mit der THC-Applikation seinen Einfluss auf die Patienten ausübte. In unserer Studie erfolgte keine systematische Erfassung von Nebenwirkungen, ebenso wenig kamen FMS-typische Verlaufsfragebögen (z. B. FIQR) zur Anwendung. Der genaue Wirkmechanismus von MC bei FMS-Patienten ist nicht geklärt. Die Ergebnisse der vorliegenden Auswertung weisen aber ähnlich wie in anderen Studien darauf hin, das THC eine medikamentöse Alternative in Ergänzung zu den bisher in verschiedenen Leitlinien empfohlenen Substanzen sein könnte. Vor einer Empfehlung zum klinischen Einsatz sind allerdings weitere Studien, vor allem zur Verträglichkeit und zur Effektivität bei mittel- und langfristiger Anwendung, notwendig. Dabei sind auch Risikofaktoren zu berücksichtigen, die den Therapieerfolg beeinflussen können.

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