Sexuelle Aktivität und Kopfschmerzen stehen in einer komplexen Beziehung zueinander. Der berühmte australische Neurologe James Lance sagte einst: „Viele schöne Beschäftigungen des Lebens können durch Kopfschmerzen gestört werden, sexuelle Aktivität bildet hier keine Ausnahme.“ Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse darüber, ob ein Orgasmus bei Migräne helfen kann, und betrachtet auch die Kehrseite - den sogenannten Sexualkopfschmerz.
Sexuelle Aktivität und Kopfschmerzen: Zwei Seiten einer Medaille
Die Meinungen darüber, ob Sex bei Kopfschmerzen hilft, gehen stark auseinander. Für manche Menschen verschlimmert allein der Gedanke an Sex während einer Migräneattacke die Schmerzen, während andere darin ein Allheilmittel sehen.
Die US-Studie von Couch und Evans
James R. Couch und Randolph W. Evans untersuchten in der Kopfschmerzklinik der Southern Illinois University die Wirkung eines Orgasmus auf Migräne. Sie stellten fest, dass knapp 50 Prozent der Teilnehmer nach dem Sex von den Kopfschmerzen befreit waren, während die andere Hälfte keine Veränderung spürte. Nur ein geringer Anteil berichtete, dass sich die Migräne während des Liebesspiels verschlimmerte.
Diese Studie von 2001 ist bisher die einzige, die sich mit dem Thema Orgasmus und Migräne beschäftigt hat. Eine medizinische Erklärung, warum Sex den einen hilft und den anderen nicht, lieferte sie jedoch nicht. Andreas Straube vermutet, dass die ausgeschütteten Endorphine und die Entspannung nach dem Orgasmus Schmerzen reduzieren könnten.
Migräne und Lustempfinden
Eine Forschergruppe der Wake Forest University ging dem Zusammenhang zwischen Migräne und Lustempfinden nach. Sie befragten 68 Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Dabei zeigte sich, dass die Migränepatienten nach eigenen Aussagen mehr Lust auf Sex hatten als Patienten mit Spannungskopfschmerzen.
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Timothy T. Houle erklärte dies durch den Serotoninspiegel. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der sowohl Migräne als auch den Sexualtrieb beeinflusst. Angeblich ist der Serotoninspiegel von Migräneleidenden niedriger als normal. Da zu viel Serotonin im Blut als lusthemmend gilt, schlussfolgerte Houle, dass dies der Grund für die gesteigerte Lust der Migränepatienten sein müsse.
Andreas Straube sieht hier allerdings keinen generellen Zusammenhang: „Generell kann man nicht sagen, dass Migränepatienten einen niedrigeren Serotoninspiegel haben. Bei einem Migräneanfall wird Serotonin vermehrt durch die Thrombozyten, also durch die Blutplättchen, ausgeschüttet. Dadurch häuft sich das Serotonin an manchen Stellen des Gehirns, an anderen wiederum gibt es zu wenig.“ Er kommentiert das Ergebnis der Studie von Houle mit einem Augenzwinkern: „Irgendein evolutionärer Vorteil muss ja immer bestehen. Dass Migräne noch nicht ausgestorben ist, liegt wahrscheinlich daran.“
Die Wirkung von Hormonen
Unterschiedliche Studien belegen, dass Orgasmen gegen Schmerzen wie Migräne oder Menstruationskrämpfe helfen können. Beim Orgasmus werden Endorphine sowie die Hormone Serotonin, Oxitocin und Dopamin freigesetzt. Oxitocin wirkt sich regulierend auf das Stesshormon Cortisol aus. Die Endorphine docken an den Opioidrezeptoren in Rückenmark und Gehirn an und hemmen das Schmerzempfinden. Darüberhinaus wird die Durchblutung gefördert.
Sexualkopfschmerz: Wenn Sex Kopfschmerzen verursacht
Geschlechtsverkehr kann jedoch auch Kopfschmerzen auslösen. In diesem Fall sprechen Mediziner von Sexualkopfschmerzen. Eine mögliche Ursache dafür vermuten Experten in der plötzlichen Blutdruckveränderung im Gehirn, welche unter Umständen zu einer Fehlversorgung führt. Empfindliche Personen können darauf mit Kopfschmerzen reagieren.
Was ist Sexualkopfschmerz?
Sexualkopfschmerz ist eine Kopfschmerzart, die ausschließlich während der sexuellen Aktivität auftritt. Bereits Hippokrates beschrieb im alten Griechenland Kopfschmerzen, die durch „unvernünftige Verrichtungen“ wie maßlosen Geschlechtsverkehr hervorgerufen würden.
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Früher wurden zwei verschiedene Formen von Sexualkopfschmerzen unterschieden:
- Der Präorgasmuskopfschmerz: Dessen Intensität beim Geschlechtsverkehr langsam zunimmt. Betroffene beschreiben diese Art des Sexualkopfschmerzes als dumpf und drückend.
- Der Orgasmuskopfschmerz: Hierbei tritt der Kopfschmerz anfalls- und explosionsartig auf. Betroffene beschreiben den Schmerz als blitzartig und einschießend. Die Schmerzattacke dauert zwischen einer Minute und drei Stunden.
Die Unterscheidung zwischen Prä- und Orgasmuskopfschmerz ist jedoch nicht mehr aktuell, da sich die beiden Formen nicht eindeutig voneinander abgrenzen lassen.
Einer von 100 Menschen ist in seinem Leben einmal vom Sexualkopfschmerz betroffen. Bei Männern kommen diese Kopfschmerzen etwa zwei bis drei Mal häufiger vor als bei Frauen. Migränepatienten haben ebenfalls eine höhere Wahrscheinlichkeit, Sexualkopfschmerzen zu entwickeln als Menschen ohne Migräne. Der Sexualkopfschmerz tritt meist bei Patienten zwischen 20 und 45 Jahren erstmals auf und verschwindet bei den meisten Betroffenen nach einem relativ kurzen Zeitraum von mehreren Wochen bis Monaten wieder. Es besteht aber die Möglichkeit, dass der Sexualkopfschmerz nach einer beschwerdefreien Zeit wiederkehrt.
Wann tritt Sexualkopfschmerz auf?
Der Sexualkopfschmerz - auch primärer Kopfschmerz bei sexueller Aktivität genannt - tritt insbesondere beim Orgasmus auf. Die Schmerzsymptome können sich jedoch in unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbildern äußern. Bei einigen Patienten halten die Kopfschmerzen nach dem Sex noch eine Weile an und bleiben als leichter, dumpfer Schmerz in der Nackenregion spürbar. Symptome wie Übelkeit, Sehstörungen, Erbrechen und Licht-Überempfindlichkeit sind keine typischen Symptome für Sexualkopfschmerzen und weisen auf eine andere Ursache des Kopfschmerzes hin. Bei manchen Menschen verschlimmert sich der Sexualkopfschmerz im Stehen oder Sitzen, weshalb sie dann meist eine liegende Position einnehmen.
Was verursacht Sexualkopfschmerz?
Die Ursachen für den Sexualkopfschmerz sind bislang weitgehend ungeklärt.
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Einige Theorien zur Entstehung sind:
- Gestörte Stressverarbeitung im Gehirn: Ähnlich wie bei Migränepatienten reagiert der Körper auf belastende Situationen mit Kopfschmerzen.
- Erhöhter Blutdruck: Beim Geschlechtsverkehr steigen Herzfrequenz und Blutdruck an und belasten kurzfristig den Kreislauf. Möglicherweise weiten sich auch die Blutgefäße in der Situation nicht ausreichend.
- Muskelverspannungen: Kopf- und Nackenmuskulatur weisen eine erhöhte Muskelspannung auf und verspannen sich beim Orgasmus regelrecht. Diese Verspannung drückt wiederum auf die Nervenstränge, was Schmerzen hervorruft.
Verschiedene Risikofaktoren begünstigen Sexualkopfschmerz: Dazu gehören ein erhöhter Blutdruck, vermehrter Stress, männliches Geschlecht, Müdigkeit und häufiger Sex innerhalb kurzer Zeit. Migränepatienten und die Altersgruppe zwischen 20 und 45 Jahren haben ein höheres Risiko für Sexualkopfschmerzen.
Wie lässt sich Sexualkopfschmerz feststellen?
Wer beim Sex vermehrt Kopfschmerz-Symptome bemerkt, sollte sich ärztlich untersuchen lassen. Ein Facharzt oder eine Fachärztin für Neurologie ist die richtige Ansprechperson, um Kopfschmerzen abzuklären. Die aktuellen Beschwerden und Vorerkrankungen (Anamnese) liefern wichtige Informationen über Ihre Beschwerden.
Mögliche Fragen des Arztes sind:
- Haben Sie diese Kopfschmerzen nur beim Geschlechtsverkehr oder auch in anderen Situationen?
- Wo genau haben Sie die Schmerzen?
- Bemerken Sie außer den Schmerzen noch andere Beschwerden, zum Beispiel Missempfindungen oder Sprachstörungen?
- Leiden Sie unter Bluthochdruck?
- Leiden Sie unter Migräne?
- Nehmen Sie Medikamente ein?
Nach dem Anamnesegespräch folgt die körperliche Untersuchung, um gefährliche Ursachen für den Sexualkopfschmerz wie eine Gefäßmissbildung (Aneurysma) oder einen Gehirntumor auszuschließen.
Bei Verdacht auf eine dieser seltenen, aber ernsten Erkrankungen sind weitere Untersuchungen notwendig. Tritt der plötzliche Kopfschmerz beim Sex erstmalig auf und ist er sehr schmerzintensiv, ist es unter Umständen wichtig, durch bildgebende Verfahren eine Gehirnblutung oder einen Hirninfarkt auszuschließen. Ein Kopfschmerz-Tagebuch hilft zusätzlich, um einen Rhythmus oder auslösende Faktoren zu erkennen.
Die Diagnose „Sexualkopfschmerz“ ist eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass sie nur gestellt wird, wenn von ärztlicher Seite andere schwerwiegende Erkrankungen ausgeschlossen werden können. Um das zu tun, sind in der Regel bildgebende Verfahren wie Computertomografie (CT), Angiografie oder Magnetresonanztomografie (MRT) notwendig.
Wie lässt sich der Sexualkopfschmerz behandeln?
Oft verschwindet der Sexualkopfschmerz mit der Zeit von alleine wieder. Es gibt auch die These, dass Sex möglicherweise hilfreich ist, da beim Orgasmus das „Glückshormon“ Serotonin ausgeschüttet wird, dem ein schmerzstillender Effekt nachgesagt wird. Serotonin führt außerdem dazu, dass sich die Gefäße im Gehirn zusammenziehen.
Treten Sexualkopfschmerzen häufig auf, ist es für manche Betroffene hilfreich, etwa eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr ein leichtes Schmerzmittel wie Indometacin einzunehmen. Nach drei Monaten sollte geprüft werden, ob der Sexualkopfschmerz sich bereits gebessert hat, sodass eine medikamentöse Prophylaxe nicht mehr nötig ist.
Einige Betroffene berichten außerdem, dass sich der Sexualkopfschmerz im Stehen oder Sitzen verschlimmert, dafür aber im Liegen bessert. Sind die auslösenden Faktoren bekannt, ist es empfehlenswert, Stress mit gezielten Entspannungsübungen zu mindern. Eine übermäßig schnell ansteigende sexuelle Erregung ist außerdem ein möglicher auslösender Faktor des Sexualkopfschmerzes. Ein ausgedehnteres Vorspiel mit Kuscheleinheiten hilft dabei, den Blutdruck nur langsam ansteigen zu lassen. Das Gehirn hat dadurch mehr Zeit, sich auf die Reizverarbeitung einzustellen und wird nicht überlastet. Sofern kontrollierbar, sollte auch der Orgasmus so „schonend“ wie möglich ablaufen, um Blutdruckspitzen zu vermeiden.
Wann verschwindet der Sexualkopfschmerz?
Die Prognose bei Sexualkopfschmerz ist normalerweise gut. Der Schmerz tritt meistens in kurzen Episoden auf und verschwindet nach einigen Wochen oder Monaten wieder. Es besteht aber die Möglichkeit, dass der Sexualkopfschmerz nach Jahren erneut auftritt. Eine chronische Verlaufsform von Kopfschmerzen beim Sex ist äußerst selten. Dann entwickeln die Betroffenen einen Verlauf ohne kopfschmerzfreie Phasen.