Hippocampus und psychische Traumata: Eine umfassende Betrachtung

Trauma ist ein Begriff, der oft verwendet wird, um belastende Erfahrungen zu beschreiben. Es ist wichtig zu verstehen, was ein Trauma ausmacht, wie es das Gehirn beeinflusst und welche Behandlungsansätze zur Verfügung stehen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen traumatischen Erfahrungen, den Veränderungen im Gehirn, insbesondere im Hippocampus, und den daraus resultierenden psychischen Folgen.

Was ist ein Trauma?

Eine traumatische Situation wird als ein belastendes Ereignis oder eine Situation von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß definiert, die bei fast jedem Menschen tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde (Dilling & Freyberger, 2019). Solche Ereignisse können Unfälle, Gewalttaten, Kriege oder Naturkatastrophen sein. Das Erleben einer traumatischen Situation kann zu einer Traumafolgestörung wie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass nicht jede Person, die ein Trauma erlebt, automatisch eine PTBS entwickelt.

Die unmittelbare Reaktion des Gehirns auf eine traumatische Situation

Wenn eine gefährliche Situation wahrgenommen wird, leiten die Sinnesorgane (z.B. Auge, Ohren) die sensorischen Informationen zunächst an den Thalamus weiter. Von dort wird die Information direkt an die Amygdala geleitet. Die Amygdala reagiert sofort, das Gehirn schaltet in einen "Notbetrieb" und löst eine Stressreaktion aus. Diese Aktivierung des schnellen und langsamen Stresssystems bewirkt u.a. die Ausschüttung der Hormone Adrenalin und Cortisol (Pinel & Pauli, 2012), die den Körper auf die herausfordernde Situation vorbereiten (Zalpour, 2010).

Folgen der Stressreaktion auf das Gedächtnis

Die massive Stressreaktion während des Erlebens einer traumatischen Situation führt zu einer starken Aktivierung der Amygdala und zu einer Hemmung der Aktivierung des Hippocampus (Roozendaal & McGaugh, 2011). Die Amygdala gehört zum "heißen" Gedächtnis, das Emotionen speichert, während der Hippocampus zum "kalten" Gedächtnis gehört, das Kontextinformationen wie Zeitinformationen speichert. Zusammen bilden sie das Furchtnetzwerk.

Durch die massive Stressreaktion werden Informationen dekontextualisiert abgespeichert. Die Zeitinformation fehlt. Die Person hat nur fragmentierte (zersplitterte) Erinnerungen an die traumatische Situation: Emotionen sind meist abgespeichert, aber alle anderen Kontextinformationen fehlen. Dies wird als Trauma-Gedächtnis bezeichnet.

Lesen Sie auch: Der Hypothalamus und Hippocampus im Vergleich

Die Entstehung einer PTBS

Das kognitive Modell (Ehlers & Clark, 2000) besagt, dass das Trauma-Gedächtnis zusammen mit einer dysfunktionalen Interpretation des Traumas (z.B. sich selbst Schuld zuschreiben) und seiner Konsequenzen zu einem Eindruck der weiterbestehenden Bedrohung und damit zusammenhängenden Sicherheitsverhalten führen kann. Liegen ungünstige Vorbedingungen (Risikofaktoren) vor und wird die erlebte traumatische Situation nicht nachbearbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, eine Traumafolgestörung (z.B. Posttraumatische Belastungsstörung; PTBS) zu entwickeln. Die Nachbearbeitung (Erlebnis-Nachbesprechung) sorgt dafür, dass fehlende Kontextinformationen in das Trauma-Gedächtnis integriert werden.

Risikofaktoren für die Entwicklung einer PTBS

Mögliche Risikofaktoren sind: weibliches Geschlecht, geringes Bildungsniveau, sozioökonomischer Status, frühere Traumata, vorhandene psychische Störungen (Maercker, 2013). Der "Building-Block-Effekt" besagt, dass mit zunehmender Anzahl an erlebten Traumatypen die Wahrscheinlichkeit, an einer PTBS zu erkranken, steigt (Neuner et al., 2004).

Die Rolle des Hippocampus bei der Verarbeitung von Traumata

Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Gedächtnisinhalten und der Kontextualisierung von Ereignissen. Traumata können zu einer Schrumpfung des Hippocampus führen, was mit Gedächtnisproblemen und einer erhöhten Anfälligkeit für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) verbunden sein kann.

Hippocampus und Frontalcortex: Verkleinerung und ihre Folgen

Eine Aufgabe von Hippocampus und Frontalcortex, insbesondere von orbitofrontalem Cortex, medialem Cortex und Gyrus cinguli besteht in der Kontrolle und Hemmung von starken emotionalen Reaktionen, die vom Mandelkern kommen. Mit Zwillingsstudien bei Vietnamveteranen und durch Tierexperimente wurde festgestellt, dass der Hippocampus und das Volumen des Frontalcortex bei den meisten PTBS-Patienten verkleinert ist. Allerdings ist noch unklar, ob diese Auffälligkeit ein prädisponierender Faktor oder eine Folge der PTBS ist. Bei PTBS-Patienten hemmen Hippocampus und Frontalcortex die Angstreaktionen nur ungenügend mit der Folge, dass diese nicht wieder gelöscht oder verlernt werden können.

Neurobiologische Folgen früher Traumatisierung

Frühkindliche Traumatisierung hat mehr als nur emotionale Auswirkungen - sie verändert unser Gehirn auf tiefgreifende Weise. Die neurobiologischen Folgen früher Traumatisierung betreffen wichtige Strukturen wie die Amygdala, den Hippocampus und den präfrontalen Kortex. Diese Veränderungen beeinflussen nicht nur unsere Emotionen und unser Verhalten, sondern auch das Risiko für psychische Störungen im Erwachsenenalter.

Lesen Sie auch: Symptome und Diagnose

Warum ist das Gehirn in der Kindheit besonders anfällig?

Das Gehirn befindet sich in den ersten Lebensjahren in einem Zustand hoher Plastizität. Frühkindlich erfahrbare Traumata haben daher eine signifikante Wirkung auf die neuronale Verschaltung - sogenannte neurobiologische Veränderungen sind häufig dauerhaft. Die Amygdala wird dabei überaktiv, der Hippocampus kann in Volumen und Funktion eingeschränkt werden. Diese funktionellen und strukturellen Veränderungen erschweren später die Regulation von Gefühlen, den Aufbau sicherer Bindungen und die soziale Integration.

Wie beeinflusst Trauma den Hippocampus und das Gedächtnis?

Der Hippocampus ist für die Integration von Erinnerungen und Kontext zuständig. Frühe Traumata können hier zu Volumenreduktionen führen - Betroffene haben Schwierigkeiten, traumatische Ereignisse als vergangen zu erleben. Das Gehirn bleibt im Alarmzustand. Zudem wird die Fähigkeit eingeschränkt, Erfahrungen sinnvoll einzuordnen und emotional zu verarbeiten. Besonders bei der Posttraumatischen Belastungsstörung ist dieser Zusammenhang gut belegt. Das Trauma bleibt „unverortet“, was intrusive Erinnerungen und Flashbacks begünstigt.

Was zeigen Studien über strukturelle und funktionelle neuronale Veränderungen?

Der Erkenntnisstand zu den neurobiologischen Auswirkungen von Kindheitstraumata ist umfassend. Bildgebende Verfahren zeigen signifikante Unterschiede im Aufbau des Gehirns zwischen traumatisierten und nicht-traumatisierten Personen.

  • Hippocampus-Volumenreduktion bei Misshandlung in der Kindheit
  • Amygdala-Hyperaktivität bei Traumaexposition
  • Kortikale Veränderungen im präfrontalen Bereich
  • Veränderungen der peripheren T‑Zellen als Immunantwort auf Trauma

Diese traumabedingten biologischen Veränderungen beeinflussen nicht nur das Verhalten, sondern auch das Erkrankungsrisiko für Depressionen, Ängste und psychosomatische Beschwerden.

Genetische Einflussfaktoren auf neurobiologische Veränderungen

Ja - aktuelle Studien zeigen, dass gene variants and adverse life events zusammenwirken. Dabei beeinflussen Polymorphismen und childhood abuse das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.

Lesen Sie auch: Risiken und Chancen der Hippocampus-Entfernung

Beispiele:

  • 5‑HTTLPR - eine Genvariante, die mit erhöhter Angstreaktion korreliert
  • Das Corticotropin-Releasing-Hormon-Rezeptor-Gen - beeinflusst Stressverarbeitung
  • Epigenetische Marker sogenannter life adversity exposures - zeigen langfristige Genaktivitätsänderungen

Diese Erkenntnisse ermöglichen zukünftig gezieltere Prävention und personalisierte Therapieansätze.

Die Bedeutung frühkindlicher Entwicklung für Bewältigungsstrategien

Die frühkindliche Entwicklung ist eine entscheidende Phase für die Entwicklung von Bewältigungsstrategien und Resilienz. Durch zeitige Screening-Maßnahmen können Kinder und Erwachsene, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, identifiziert werden und entsprechende Unterstützung erhalten.

Therapieansätze für Traumafolgestörungen

Die Befunde aus der Hirnforschung geben Anhaltspunkte für die Therapie der PTBS. Diese muss darauf abzielen, die emotionalen Reaktionen zu löschen, hemmende Prozesse zu verstärken und das Trauma in den aktuellen Kontext zu integrieren.

Psychotherapie

Psychotherapie, einschließlich kognitiver Verhaltenstherapie, Traumatherapie und EMDR, kann helfen erschütternde Erinnerungen zu verarbeiten und die Symptome von Traumafolgestörungen zu lindern.

Pharmakotherapie

PTBS wird außer mit Expositionstherapie und kognitiv-behavioraler Therapie auch durch Pharmakotherapie behandelt. In der medikamentösen Therapie werden Antidepressiva und Anxiolytika eingesetzt. Das Mittel der Wahl sind nach Angaben von Steil jedoch SSRIs.

Neuere Entwicklungen

Neuere Entwicklungen sind die Intherapie (Online-Therapie) und Skills-Training zur Emotionsregulation. Zu beiden Verfahren liegen noch keine gesicherten Befunde vor. Erste Auswertungen deuten jedoch darauf hin, dass sie bei bestimmten Patientengruppen wirksam sind. Künftige Forschung sollte sich nach Meinung von Steil stärker der Behandlung komplexer Störungen widmen, da PTBS häufig mit komplexer komorbider Symptomatik auftritt. Der Entwicklung einer PTBS kann nach Steil durch Debriefing nicht vorgebeugt werden. Sie empfiehlt in der akuten Phase direkt nach dem Trauma ein kurzes kognitiv-behaviorales Programm.

Therapeutische Ansätze zur Regulation des Nervensystems

Therapie sollte neurobiologische Veränderungen berücksichtigen. Erfolgreiche Ansätze sind:

  • Somatic Experiencing und körperorientierte Verfahren zur Regulation des Nervensystems
  • Bindungsbasierte Psychotherapie, um sichere Bindung nachzuerleben
  • Traumasensibles EMDR zur neuronalen Reprozessierung belastender Erinnerungen
  • Narrative Verfahren zur Rekonstruktion des Selbstbilds nach Trauma

Ziel ist es, die funktionell beeinträchtigten Systeme wieder zu integrieren und einen stabilen inneren Zustand zu ermöglichen.

Die Rolle von Resilienz und sozialer Unterstützung

Die Fähigkeit, mit Stress umzugehen und sich von Traumata zu erholen - bekannt als Resilienz - spielt eine wichtige Rolle bei der Rehabilitation. Resilienz kann durch verschiedene Faktoren unterstützt werden, darunter positive zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstfürsorge und Bewältigungsstrategien. Soziale Unterstützung ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung.

tags: #hippocampus #psychische #traumen