Eine Hirnblutung, umgangssprachlich auch als hämorrhagischer Schlaganfall bekannt, entsteht, wenn ein Blutgefäß im Gehirn platzt oder reißt. Dies führt zu einer Einblutung in das Hirngewebe, wodurch ein Bluterguss entsteht, der das umliegende gesunde Hirngewebe schädigen kann. Eine Hirnblutung ist immer ein medizinischer Notfall, der eine sofortige Behandlung in einem Krankenhaus mit einer spezialisierten Stroke Unit erfordert.
Einführung
Wenn ein Mensch stirbt, stellt das Gehirn seine Funktion nicht abrupt ein. Stattdessen durchläuft es eine Reihe komplexer physiologischer Prozesse. Der Neurologe Jens Dreier hat diese Vorgänge untersucht und dabei verblüffende Parallelen zur Migräne entdeckt. Diese Erkenntnisse könnten unser Verständnis von Nahtoderfahrungen und der Behandlung von Hirnschäden verbessern.
Was passiert im Gehirn beim Sterben?
Wenige Sekunden nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt die Sauerstoffkonzentration im Gehirn. Die Nervenzellen schalten in einen Sparmodus, wodurch die neuronale Aktivität massiv gedrosselt wird. Nach etwa sieben bis acht Sekunden verliert die Person das Bewusstsein, und nach 30 bis 40 Sekunden ist die gesamte Hirnaktivität erloschen. Allerdings hängt der genaue Zeitpunkt vom Ausmaß der Restdurchblutung ab.
Hyperpolarisation und Depolarisationswelle
Zuerst kommt eine Phase ohne Aktivität, in der die Neurone lediglich gehemmt, aber noch lebendig sind. Sobald die Durchblutung wieder einsetzt, arbeiten sie wieder normal. Experten nennen diesen Zustand Hyperpolarisation. Nervenzellen haben ein Membranpotenzial und sind polarisiert. Die Innenseite der Zellmembran ist im Ruhezustand normalerweise negativ geladen. Wenn die Sauerstoffversorgung abbricht, hyperpolarisieren die Zellen und werden noch negativer, als sie es ohnehin schon sind.
Um die Hyperpolarisation aufrechtzuerhalten, benötigt die Zelle Energie, die normalerweise aus Glukose und Sauerstoff gewonnen wird. Wenn nicht mehr genug davon vorhanden ist, können die Membranpumpen, die das Spannungsgefälle erzeugen, nicht mehr arbeiten. Nach ein paar Minuten entsteht eine riesige Depolarisationswelle, auch "terminal spreading depolarization" genannt, bei der sich die Nervenzellen ähnlich wie bei einem Kurzschluss nacheinander entladen. Diese Welle breitet sich mit einer Geschwindigkeit von schätzungsweise drei Millimetern pro Minute über das gesamte Gehirn aus und bewirkt massive Veränderungen im Inneren der Nervenzellen.
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Die Rolle der Reanimation
Vom Herzstillstand bis zum Einsetzen des Nervenzelltods dauert es schätzungsweise fünf Minuten. Bereits nach zirka drei Minuten setzt sich die riesige Welle in Gang. Sobald aber jemand reanimiert, also ordentlich aufs Herz drückt, werden Körper und Gehirn leicht durchblutet. Dann halten die Nervenzellen deutlich länger durch.
Hirnblutung: Ursachen und Arten
Eine Hirnblutung entsteht, wenn ein Blutgefäß im Gehirn platzt oder reißt. Infolgedessen bildet sich ein Bluterguss, der das umliegende gesunde Hirngewebe schädigt. Es werden zwei Haupttypen von Hirnblutungen unterschieden:
- Intrazerebrale Blutung: Die Blutung tritt direkt im Gewebe des Gehirns auf, meist durch lang anhaltenden Bluthochdruck ausgelöst. Dies kann zu einem "blutigen Schlaganfall" führen, bei dem Hirngewebe abstirbt. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Schlaganfälle werden durch eine intrazerebrale Blutung verursacht.
- Subarachnoidalblutung (SAB): Aufgrund eines Traumas oder eines Aneurysmas der hirnversorgenden Gefäße kommt es zu Einblutungen unterhalb der Spinnwebhaut (Arachnoidea). Die Blutung kann sich bis in das Hirngewebe erstrecken und schwere neurologische Ausfälle hervorrufen. Etwa fünf Prozent aller Schlaganfälle sind auf eine Subarachnoidalblutung zurückzuführen.
Weitere Arten von Hirnblutungen
Neben den beiden Haupttypen gibt es noch weitere Formen von Hirnblutungen:
- Epiduralhämatom: Hier sammelt sich Blut auf der harten Hirnhaut (Dura mater), die direkt unterhalb des Schädelknochens liegt. Dies tritt oft in Verbindung mit einem Schädelbruch auf.
- Subduralhämatom: Bei dieser Form sammelt sich das Blut unterhalb der harten Hirnhaut, also zwischen der Dura mater und der mittleren Hirnhaut. Sie wird ebenfalls oft durch Gewalteinwirkung von außen verursacht.
Ursachen und Risikofaktoren im Detail
Die Ursachen und Risikofaktoren einer Hirnblutung sind vielfältig und können je nach Art der Blutung variieren:
- Chronischer Bluthochdruck: In den meisten Fällen ist ein chronischer Bluthochdruck die Ursache für eine intrazerebrale Blutung.
- Kopfverletzungen: Eine Kopfverletzung ist die häufigste Ursache für eine Subarachnoidalblutung.
- Aneurysma: Eine Gefäßfehlbildung, ein Aneurysma, ist eine weitere Ursache für eine Subarachnoidalblutung.
- Schädel-Hirn-Trauma: Ein Schädel-Hirn-Trauma ist in der Regel der Auslöser für ein Epiduralhämatom oder ein akutes subdurales Hämatom.
- Weitere Risikofaktoren: Zu den weiteren Risikofaktoren gehören Arteriosklerose (Gefäßerkrankung), Übergewicht, Nikotinkonsum, kalorienreiche Ernährung, Drogenmissbrauch, krankhafte Gefäßentzündungen, Hirntumoren und Metastasen.
Symptome einer Hirnblutung
Die Symptome einer Hirnblutung treten plötzlich auf und können je nach Ausdehnung und Lokalisation der Blutung variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
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- Plötzliche Lähmungserscheinungen eines Beines, Armes oder der Gesichtsmuskulatur (Fazialisparese)
- Sprach- und Sprechstörungen
- Übelkeit und Erbrechen
- Plötzlich sehr starke Kopfschmerzen
- Nackensteifheit
- Einseitig auftretende Lähmung am Körper, vor allem am Arm, Bein oder Gesicht
- Generelles Taubheitsgefühl
- Schluckstörung
- Sehstörung und vorübergehender Sehverlust auf einem Auge
- Pupillenerweiterung
- Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme
- Schwindel mit Gangunsicherheit
- Verwirrtheit oder Benommenheit bis hin zur Bewusstlosigkeit oder Koma
- Krampfanfälle
Wichtigkeit der schnellen Erkennung
Es ist entscheidend, bei Auftreten von Symptomen einer Hirnblutung sofort den Notarzt zu verständigen, da eine schnelle Behandlung die Überlebenschancen und die Wahrscheinlichkeit von Folgeschäden deutlich erhöht.
Diagnose einer Hirnblutung
Um eine Hirnblutung schnell zu erkennen und eine exakte Diagnose zu stellen, werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:
- Neurologische Untersuchung: Dabei werden die Bewusstseinslage und die Funktion verschiedener Nerven überprüft.
- Computertomografie (CT) des Kopfes: Damit lässt sich eine Blutung im Gehirn bildlich direkt nachweisen. Sie erscheint als "heller Fleck" auf dem Scan des Gehirns und zeigt sowohl das Ausmaß der Hirnblutung als auch den Ort der Entstehung.
- Gefäßröntgen (Angiografie) im Schädelbereich: Mit der Hilfe von Kontrastmitteln wird eine Röntgendarstellung der Hirngefäße erstellt. Um noch bessere Ergebnisse zu erzielen, wird dieses Verfahren oft mit einem CT oder MRT kombiniert.
Behandlung einer Hirnblutung
Die Behandlung einer Hirnblutung hängt von der Größe, Lage und dem Auslöser ab. In der Regel ist eine stationäre Behandlung in der Klinik notwendig, meistens auch auf der Intensivstation.
Konservative Behandlung
Die Symptome einer Hirnblutung und auch die zusätzlich entstandenen Komplikationen werden nach Bedarf versorgt. Starke Kopfschmerzen, Fieber oder Krampfanfälle werden mit Medikamenten wie Schmerzmitteln, Fiebersenkern und kramlösenden Mitteln behandelt. Besonders wichtig ist die Vorbeugung einer Hirnschwellung (Hirnödem).
Operative Behandlung
In manchen Fällen, je nach Ausmaß und Lager der Hirnblutung, muss diese operativ versorgt werden:
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- Intrazerebrale Blutung: Bei dieser Form der Blutung im Hirn wird sorgfältig abgewogen, ob ein operativer Eingriff durchgeführt wird. In der Regel wird zusätzlich ein Katheter oder Shunt gelegt, um Nervenwasser abzuleiten.
- Subarachnoidalblutung: Handelt es sich beim Auslöser dieser Hirnblutung um ein Aneurysma, wird bei einem operativen Eingriff dieses abgeklemmt. Häufiger jedoch wird das sogenannte "Coiling" angewandt. Auch bei der Subarachnoidalblutung muss ein Shunt zum Ablassen des Nervenwassers gelegt werden, damit der Hirndruck gesenkt wird.
- Subduralhämatom: Ein kleines subdurales Hämatom erfordert keinen operativen Eingriff. Handelt es sich allerdings um eine größere subdurale Blutung muss es operativ entfernt werden.
- Epiduralhämatom: Hier sollte die Blutansammlung zwischen Schädeldecke und äußerer Hirnhaut schnellstmöglichst operativ entfernt werden, vor allem wenn es sich um ein größeres Hämatom handelt.
Folgeschäden und Rehabilitation
Eine Hirnblutung kann einige Folgeschäden oder Langzeitschäden sowohl körperlicher als auch geistiger Natur mit sich bringen. Einige der möglichen Folgeschäden sind:
- Bewegungsstörungen
- Sprachstörungen (Aphasie)
- Sprechstörung (Dysarthrie)
- Seh- oder Gedächtnisstörung
Bedeutung der Rehabilitation
Grundsätzlich gilt, dass je früher eine Rehabilitation nach einer Hirnblutung beginnt, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Die anschließende Therapie beinhaltet die Entwicklung von Strategien, um die Folgeschäden bestmöglich zu behandeln oder zu erlernen, wie man am besten mit ihnen im Alltag zurechtkommt.
Prävention einer Hirnblutung
Es gibt einige Faktoren, die Sie positiv beeinflussen können, um einer Hirnblutung vorzubeugen. Zu diesen Risikofaktoren gehören Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Rauchen und Konsum von Alkohol oder Drogen.
Prognose einer Hirnblutung
Die Heilungschancen einer Hirnblutung hängen von verschiedenen Faktoren ab, darunter Alter, Grunderkrankungen, Lokalisation und Ausdehnung der Einblutung sowie eine frühzeitige Behandlung. Unbehandelt droht bei schweren Blutungen der Tod. Studien zeigen, dass etwa 40-50 Prozent der Betroffenen die akute Phase nicht überleben. Die ersten 48 bis 72 Stunden gelten als besonders kritisch.
Hirnblutung und Nahtoderfahrungen
Einige Forscher vermuten, dass die Entladungswelle beim Sterben das physiologische Pendant zu den visuellen Erscheinungen bei Nahtoderlebnissen sein könnte. Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen mit Migräneauren eher zu Nahtoderfahrungen neigen. Bestimmte Drogen wie Ketamin und Dimethyltryptamin (DMT) können ähnliche Erfahrungen auslösen und gleichzeitig die Depolarisationswellen hemmen. Möglicherweise setzt der Körper in Notsituationen ähnliche Stoffe frei, um die "spreading depolarization" zu verhindern oder hinauszuzögern.
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