Hirnleistungstraining nach Apoplex: Studien, Übungen und digitale Hilfsmittel für die Rehabilitation

Ein Schlaganfall kann das Leben eines Menschen von einem Moment auf den anderen verändern. Etwa 270.000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall. Plötzlich auftretende Lähmungen, Gefühlsstörungen oder Sprachstörungen sind häufige Folgen. Doch die Diagnose Schlaganfall bedeutet keineswegs das Ende eines aktiven Lebens. Studien belegen, dass ein großer Teil der Betroffenen, etwa 65-85%, bereits sechs Monate nach dem Ereignis wieder selbstständig gehen kann. Die Rehabilitation spielt hierbei eine entscheidende Rolle, um verloren gegangene Fähigkeiten zurückzugewinnen und die Lebensqualität zu verbessern. Die Regeneration nach einem Schlaganfall verläuft individuell unterschiedlich, wobei besonders in den ersten drei Monaten deutliche Fortschritte möglich sind.

Der Weg zur Rehabilitation: Von der Akutversorgung zum individuellen Therapieplan

Die ersten rehabilitativen Schritte beginnen idealerweise bereits am ersten Tag der stationären Aufnahme im Akutkrankenhaus, sofern der Zustand des Patienten dies zulässt. Stroke Units und neurologische Stationen gewährleisten eine gezielte Frührehabilitation. Die unmittelbare Fortführung der bereits gestarteten Therapien ist hierbei von entscheidender Bedeutung.

Grundlage jeder erfolgreichen Rehabilitation ist ein individueller Therapieplan, der auf die spezifischen Beeinträchtigungen des Patienten zugeschnitten wird. Zunächst erfolgen Gespräche zur Bestandsaufnahme und Untersuchungen, um die genaue Form und Schwere der Störungen zu bestimmen. Darauf aufbauend wird ein individueller Rehabilitationsplan erstellt, der auf die Bedürfnisse, Einschränkungen und Ziele abgestimmt ist. Allerdings muss nicht jeder Patient alle Phasen durchlaufen. Je nach Zustand können einzelne Phasen übersprungen werden. Zudem greifen die Phasen teilweise ineinander.

Körperliche Rehabilitation: Physiotherapie und Ergotherapie

Die körperliche Rehabilitation ist ein entscheidender Faktor für die Genesung nach einem Schlaganfall. Die Physiotherapie setzt bereits im Krankenhaus ein und zielt darauf ab, verloren gegangene Funktionen zurückzugewinnen. Spezielle Konzepte wie die Bobath-Methode oder die „Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation“ (PNF) helfen, gestörte Bewegungsmuster neu zu erlernen. Dabei werden gezielt Gleichgewicht, Koordination und Kraft trainiert, um die alltägliche Mobilität zu verbessern. Ein wichtiger Grundsatz hierbei: Viel hilft viel!

Während die Physiotherapie den Fokus auf Beweglichkeit legt, konzentriert sich die Ergotherapie auf alltägliche Handlungen. Hier lernt man, elementare Bewegungsabläufe wie das Trinken aus einer Tasse oder das Anziehen wieder selbstständig durchzuführen. Studien zeigen, dass die Unabhängigkeit von Betroffenen mit ergotherapeutischer Behandlung wesentlich höher ist als bei Patienten ohne diese Betreuung.

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Zunehmend kommen auch innovative Technologien zum Einsatz. Modernste Gangroboter unterstützen besonders in der frühen Phase nach dem Schlaganfall. Spezielle Software stimmt Rehabilitationsmaßnahmen individuell ab, um die Regeneration gezielter und schneller zu fördern. Auch virtuelle Realität und therapeutische Spiele wie MusicGlove für die Handrehabilitation machen die Therapie motivierender und interaktiver. Ein beharrliches Training ist somit der Schlüssel für eine erfolgreiche Rehabilitation.

Kognitive Rehabilitation und Logopädie: Sprachliche und geistige Fähigkeiten trainieren

Ein Schlaganfall beeinträchtigt häufig nicht nur motorische Fähigkeiten, sondern auch die Sprache und kognitive Funktionen. Nach einem Schlaganfall leidet etwa ein Drittel der Betroffenen unter Sprachstörungen, während viele weitere kognitive Defizite erleben.

Die logopädische Therapie sollte so früh wie möglich beginnen, idealerweise bereits in der Akutklinik. Etwa ein Drittel der Schlaganfallpatienten leidet unter Aphasien (Sprachstörungen) oder Dysphagien (Schluckstörungen). Bei einer Aphasie arbeitet der Logopäde mit dem Patienten an Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen.

Kognitive Einschränkungen wie Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme treten bei vielen Schlaganfallpatienten auf. Das Gehirn kann sich jedoch dank der Neuroplastizität regenerieren. Forschungen zeigen, dass bereits 20 Minuten tägliches Gehirntraining zu signifikanten Verbesserungen führen kann. Besonders wirksam sind Übungen in den Bereichen Gedächtnis, Geschwindigkeit, Schlussfolgerndes Denken und Aufmerksamkeit.

Ein Schlaganfall kann auch die Fähigkeit beeinträchtigen, Sinneseindrücke zu verarbeiten und zu verstehen. Die neuropsychologische Rehabilitation zielt darauf ab, diese Defizite zu minimieren. Dabei werden spezielle standardisierte Verfahren zur Diagnose eingesetzt und individuelle Behandlungspläne erstellt. Besonders für Gesichtsfelddefekte und Neglect (Vernachlässigung einer Körperseite) gibt es wirksame Behandlungsansätze.

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Die Rolle des kognitiven Trainings nach Schlaganfall

Kognitives Training nach einem Schlaganfall gewinnt zunehmend an Bedeutung, um verlorene kognitive Funktionen zu kompensieren und die kognitive Reservekapazität zu stabilisieren und optimal zu nutzen. Das Gehirn besitzt eine größere funktionelle und strukturelle Plastizität als bisher angenommen. Diese neuronale Plastizität ermöglicht die lebenslange Anpassungsfähigkeit des Organismus an seine Umgebung. Spezifisches Training oder spezifische Aktivität des Individuums bestimmen, ob Synapsen, die mit einer bestimmten Funktion in Verbindung stehen, neu gebildet, aufrechterhalten oder aufgelöst werden. Die Fähigkeit zur Neubildung von Synapsen und damit zur Reorganisationsfähigkeit neuronaler Netze bleibt bis ins hohe Alter erhalten.

Im Falle einer Läsion des Gehirns ermöglicht die postläsionelle Plastizität der menschlichen Hirnrinde eine Funktionssubstitution sensomotorischer Integrationsleistungen. Aus der stimulationsbedingten Beeinflussbarkeit der Neuroplastizität ergeben sich neue therapeutische Perspektiven und Strategien zur Behandlung neurologischer Patienten und Hirnverletzter, beispielsweise durch ein kognitives Training der verschiedensten Denk- und Gedächtnisfunktionen.

Ein ganzheitliches Konzept für ein solches kognitives Training umfasst mehrere Säulen:

  1. Evaluierte Kognitive Trainingsprogramme: Diese Programme erfüllen wissenschaftliche Standards und werden je nach Bedarf allgemein aktivierend oder symptomorientiert eingesetzt.
  2. Gedächtnistraining: Hier werden unterschiedliche kognitive Strategien und Mnemotechniken vermittelt und eingeübt.
  3. Anwendung äußerer Gedächtnishilfen: Der zielgerichtete Einsatz von Hilfsmitteln wie Notizbüchern oder Apps wird trainiert.
  4. Verhaltenstraining: Dieses Training bezieht sich auf psychische Verhaltensweisen, die die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, und auf das Training praktischer Handlungen.
  5. Angehörigenberatung und -anleitung: Angehörige werden in Verhaltensweisen bestärkt, die das Denken der Patienten fördern und den Patienten den „Denkstress“ nehmen.

Therapeutische Standards für das Hirnleistungstraining

Die Verschreibungsmöglichkeiten für Hirnleistungstraining bzw. kognitives Training wurden in den neuen Heilmittel-Richtlinien für die Ergotherapie wesentlich ausgeweitet und präzisiert. Vorausgegangen war die Anerkennung von Funktionstraining basaler kognitiver Funktionen und des Trainings komplexer kognitiver Prozesse als wirksames neuropsychologisches Therapieverfahren.

Hirnleistungstraining bzw. kognitives Training kann bei Schädigungen des Gehirns nach Abschluss der Hirnreife (traumatisch, degenerativ, entzündlich, vaskulär, tumorös, hypoxisch, metabolisch) verordnet werden, beispielsweise bei psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen oder bei dementiellen Syndromen im Anfangsstadium. Dabei kann Hirnleistungstraining bzw. Kognitives Training auch längerfristig verordnet werden. Als Therapiefrequenzempfehlung gilt mindestens 1x pro Woche, z.T. als Gruppentraining (z.B. bei Abhängigkeitssyndrom).

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Aus ärztlicher Sicht ist es notwendig, therapeutische Standards für ein solches Training zu formulieren und darzulegen:

  • Anwendung evaluierter Therapieverfahren: Nur wissenschaftlich überprüfte Verfahren gewährleisten Therapiesicherheit und Wirtschaftlichkeit.
  • Förderung von fluider und kristallisierter Intelligenz: Ein kognitives Training sollte beide Intelligenzformen fördern, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
  • Kein Stress oder Leistungsdruck: Stresssituationen erschweren den Abruf von Informationen aus dem Gedächtnis. Daher sollten keine zeitlichen Vorgaben gemacht werden und Konkurrenzsituationen vermieden werden.
  • Erfolgserlebnisse vermitteln: Erfolgserlebnisse ermutigen den Patienten und befähigen ihn erst, auch Therapie der Defizite zuzulassen.
  • Respekt vor der Autonomie und Persönlichkeit des Patienten: Wesentlich für das Erzielen von Erfolgen ist die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Vorlieben des Patienten.

Digitale Angebote und Apps für das Hirnleistungstraining

Zahlreiche digitale Angebote in Form von Apps sollen das Gedächtnis trainieren. Diese Apps bieten verschiedene Übungen und Trainingsprogramme, die auf unterschiedliche kognitive Bereiche abzielen. Einige Beispiele sind:

  • NeuroNation MED: Bietet ein personalisiertes kognitives Training für zu Hause, das auch bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen benutzerfreundlich und leicht bedienbar ist.
  • Lumosity: Ein Marktführer für Gedächtnistraining mit personalisierten Workouts, die fünf kognitive Kernkompetenzen herausfordern.
  • RehaCom®: Ein computerbasiertes Programm zur Förderung der kognitiven Leistungen, das mithilfe von Screenings auf den Patienten abgestimmte Lernkategorien herausarbeitet und gezielt fördert.
  • Fresh Minder 2: Ein Trainingsprogramm, das sich am Computer durchführen lässt und 14 einzelne Aufgaben umfasst, die Merkfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, Konzentration oder auch Wortverständnis trainieren.
  • Neofect Smart Pegboard: Ein Trainingsgerät, das mit optischen und akustischen Reizen arbeitet und verschiedene feinmotorische und kognitive Leistungen trainiert.

Weitere Apps und digitale Angebote:

  • Limedix (Digitales Logopädie-Training): Für Menschen mit Aphasie nach Hirnschädigung.
  • Lingo Lab (Sprachtherapie-App): Für das Eigentraining, bietet Hilfen zu Aussprache, Bedeutung und Schreibweise.
  • SpeechCare (Aphasie-App): Für das Heimtraining, mit großer Auswahl unterschiedlicher Übungen zu Sprache, Sprachverständnis und Wortfindung.
  • nyra health (Tablet- und Smartphone-App): Für das Eigentraining von Sprache, Gedächtnis und Aufmerksamkeit sowie für den klinischen Einsatz in der neurologischen Rehabilitation.
  • Synaptikon (App für personalisiertes kognitives Training): Zum Beispiel bei Aufmerksamkeitsstörungen oder Gedächtnisdefiziten.
  • Fresh Minder (Gedächtnistraining und Konzentrationsübungen): Klar strukturiert und sehr übersichtlich, Oberfläche wirkt etwas veraltet.
  • HASOMED (Software für kognitive Rehabilitation): Für Kliniken, Praxen und Betroffene zur Behandlung von Störungen der Kognition, Gesichtsfeldeinschränkungen und Neglect.
  • BOCANOVA (App für Patienten mit Schluckstörung): Therapiebegleitend zur Muskelkräftigung, Übung von Schlucktechniken und Haltungsänderungen.
  • Bayerische TelemedAllianz (App zum Verständnis von Veränderungen des Bewegungsapparates): Informationen zur Spastik und praktische Übungen, videounterstützt.
  • Blended Clinic AI (12-Monats-Programm für Schlaganfall-Betroffene): Ziel ist die Stärkung der Kraft und körperlichen Fitness.
  • HelferApp (App für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen): Trainingsprogramme zu Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Aktivitäten des täglichen Lebens und Sprache.
  • Synaptic Labs (App zum Training von Gedächtnis und Sprachvermögen): Modernes, aufgeräumtes Design und einfache Bedienung.

Es ist wichtig zu beachten, dass viele Ergotherapien bereits mit digitalen Systemen arbeiten, insbesondere beim Hirnleistungstraining.

Evidenzbasierte Therapie und transdisziplinäres Arbeiten

Die moderne Therapiewissenschaft hat die neurologische Rehabilitation nachhaltig verändert. Heute weiß man, dass traditionelle Therapieansätze bei Patienten mit Schlaganfall, Multipler Sklerose oder Parkinson häufig nicht die gewünschten Erfolge bringen, wenn die hirngerechte Vernetzung motorischer und kognitiver Elemente im Training fehlt.

Immer mehr Bedeutung gewinnt im Reha-Management die Frage, ob und wie Therapeuten und Teams die jeweils neuesten Forschungsergebnisse in die Praxis umsetzen. Evidenzbasiertes Arbeiten bedeutet, sich als Physio- und Ergotherapeuten von traditionellen Therapiekonzepten zu lösen und auf Grundlage der neuesten, als wirksam belegten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu arbeiten.

Schon sehr früh in der Therapie sollte man deshalb kontextsensitiv arbeiten. Das heißt: Die praktischen alltags- und berufsbezogenen Ziele des Patienten werden als Gesamtheit in den Therapieprozess einbezogen. Transdisziplinäres Arbeiten bedeutet also, alle Bereiche der Reha auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und gründlicher Diagnose zusammenzufügen.

Ganz neue Ansätze liefert hier die computer-, robotik- oder virtual-reality-gestützte Therapie. Zwar befinden sich hierbei Forschung und Entwicklung noch in den Kinderschuhen, doch gibt es bereits technische Möglichkeiten, motorisches und kognitives Training zu verbinden.

Präoperatives kognitives Training zur Delirprävention

Eine Studie hat gezeigt, dass ein präoperatives kognitives Training das Risiko für ein postoperatives Delir bei älteren Menschen nach einer Operation unter Vollnarkose verringern kann. In der Studie nahmen 251 Patienten ab 60 Jahren teil, denen eine nichtkardiologische Operation unter Allgemeinanästhesie bevorstand. Personen mit Depression oder Anzeichen einer kognitiven Beeinträchtigung beziehungsweise Demenz wurden ausgeschlossen.

Für 125 Patienten der Interventionsgruppe war präoperativ nach vorheriger Einweisung ein täglich einstündiges computerbasiertes kognitives Training von Gedächtnisleistung, Schnelligkeit, Aufmerksamkeit, Flexibilität und Problemlösung vorgesehen. Während in der Kontrollgruppe in den ersten sieben Tagen nach dem chirurgischen Eingriff 23,0 Prozent ein Durchgangssyndrom entwickelten, waren es in der Interventionsgruppe 14,4 Prozent.

Die Studie deutete sich an, dass Patienten, die weniger als fünf Stunden trainierten, nahezu doppelt so häufig ein postoperatives Delir entwickelten wie Personen mit einer Übungsdauer von mehr als fünf Stunden.

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