Das moderne Verständnis der Gehirnfunktionen basiert auf den Grundsätzen der Lokalisationslehre und der Neuronenlehre. Die Lokalisationslehre besagt, dass es im Gehirn verschiedene funktionelle Zentren gibt, sowohl für physische als auch für psychische Funktionen. Die Neuronenlehre, die im späten 19. Jahrhundert entstand, besagt, dass Nervenzellen individuelle Einheiten sind.
Die Geschichte der Lokalisationslehre
Die Anfänge der modernen Lokalisationslehre reichen etwa zweihundert Jahre zurück. Bereits in der Antike suchte man nach dem Sitz der Seele, wobei Hippokrates das Gehirn als Organ des Denkens sah, während Aristoteles das Herz als sensorium commune betrachtete. Im Mittelalter wurden Wahrnehmung, Erkenntnis und Gedächtnis in den drei Hirnventrikeln lokalisiert.
Ein Wendepunkt war René Descartes' Leib-Seele-Dualismus, der die Zirbeldrüse als Interaktionsort zwischen Körper und Seele festlegte. Um 1800 begann die moderne Lokalisationstheorie mit Franz Joseph Galls These, dass verschiedene geistige Qualitäten in abgrenzbaren Hirnregionen ihren Ursprung hätten. Gall war ein bedeutender Hirnanatom, dessen problematischer Beitrag jedoch die Korrelation zwischen Schädelform und geistigen Eigenschaften war.
Kritik an Galls Materialismus und Determinismus entzündete sich, insbesondere an der Infragestellung des freien Willens. Nach 1860 erlebte der Lokalisationsgedanke eine Wiederbelebung durch die Erforschung zerebral bedingter Sprachstörungen (Aphasie). Paul Broca demonstrierte 1861 den Fall eines Patienten mit einer Schädigung in der linken Hirnhälfte, die zur Unfähigkeit führte, Wörter auszusprechen. Carl Wernicke diagnostizierte 1874 das Gegenstück, die sensorische Aphasie, und lokalisierte Sprachverständnisstörungen in der 1. linken Temporalwindung.
Die Entwicklung der Neuronenlehre
Nach 1880 entwickelte sich die Neuronenlehre, die besagt, dass Nervenzellen individuelle Entitäten sind. Camillo Golgi machte 1873 Nervenzellen mit ihren Verzweigungen durch eine neue Färbetechnik sichtbar. Santiago Ramón y Cajal zeigte 1888, dass sich verschiedene Zelltypen im Kleinhirn annähern, ohne sich zu berühren, was nahelegt, dass die Verbindung zwischen Nervenzellen durch Kontakt und nicht durch Kontinuität zustande kommt. Um 1900 war die Mehrzahl der Anatomen von der Richtigkeit der Neuronenlehre überzeugt.
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Kritik an der Lokalisationslehre
Nach 1900 mehrte sich die Kritik an der Lokalisationslehre, wobei Unstimmigkeiten in der Theorie selbst und weltanschauliche Gründe eine Rolle spielten. Constantin von Monakow und Kurt Goldstein versuchten, eine der individuellen Persönlichkeit des Menschen gerechter werdende biologische Grundlage der Neurologie zu entwickeln. Für Monakow war die Fähigkeit des Organismus, entstandene Schädigungen selbst zu reparieren, ebenso zentral wie die Herausbildung von Kompensationsmechanismen. Goldstein entwickelte seine Theorie des Organismus ausgehend von Erfahrungen mit hirnverletzten Soldaten.
Neuroimaging und die Lesbarkeit des Menschen
Die Neurowissenschaften und ihre bildgebenden Verfahren scheinen die alte Utopie von der Lesbarkeit des Menschen verwirklicht zu haben. Durch Neuroimaging, insbesondere die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), werden Abweichungen in der Sauerstoffversorgung des Hirnblutes gemessen und visualisiert. Die Messwerte werden übereinandergelegt, um ein fiktives Standardgehirn zu erzeugen, in dem aufleuchtende Stellen wiederkehrende neuronale Reaktionsmuster bezeichnen.
Kritisch anzumerken ist, dass die scheinbar selbstverständlichen Schlüsse häufig auf willkürliche Annahmen zurückgehen und sich unter der hochmodernen Wissenschaft ein eher altertümliches Menschenbild verbirgt. Zudem besteht die Gefahr, dass "Gehirn" mit Symbolen, Deutungen und Werten überfrachtet wird und dadurch überzogene Erwartungen geweckt werden.
Die Rolle der Hirnforschung in der Gesellschaft
Die Hirnforschung hat in den letzten Jahren einen enormen Einfluss auf unser Verständnis des Menschen und der Gesellschaft gewonnen. Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth, Wolf Singer und Manfred Spitzer sind nicht nur für ihre wissenschaftlichen Arbeiten bekannt, sondern auch für ihre gesellschaftspolitischen Einlassungen. Sie geben vor, mit der Durchleuchtung der zerebralen Windungen dem Geheimnis des Geistes auf die Spur gekommen zu sein, und leiten daraus die Befugnis ab, sich zu sozialen Fragen aller Art äußern zu können.
Homo Cerebralis: Ein unvollendetes Projekt
Die Cerebralisierung des Menschen ist ein unvollendetes und möglicherweise unvollendbares Projekt der Moderne. Sie birgt die Gefahr, das Gehirn mit Symbolen, Deutungen und Werten zu überfrachten und dadurch überzogene Erwartungen zu wecken, die nicht zu erfüllen sind oder zu heiklen biopolitischen Forderungen führen. Anthropologische Ansprüche an die Hirnforschung bewegen sich eher an der Grenze zwischen Science und Fiction.
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Michael Hagner analysiert mit kritischem Blick, wie Menschen im Laufe der Geschichte das Gehirn betrachteten und wovon ihre Sichtweise abhing. Er prägt so wiederum unsere Wahrnehmung der Neurowissenschaften.
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