Der demografische Wandel, gekennzeichnet durch steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenzahlen, stellt Deutschland und andere Industrienationen vor große Herausforderungen. Dieser Wandel hat weitreichende Auswirkungen auf verschiedene Aspekte des Lebens, von der Gesundheitsversorgung bis zur Wirtschaft. Ein besonders wichtiger Bereich, der von diesen Veränderungen betroffen ist, ist die Gehirngesundheit. Dieser Artikel beleuchtet die Auswirkungen des demografischen Wandels auf das Gehirn, wobei sowohl die Herausforderungen als auch die Chancen betrachtet werden.
Demografischer Wandel: Eine alternde Gesellschaft
Der demografische Wandel ist ein Prozess der Veränderung der Bevölkerungsstruktur, der sich durch steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenzahlen verstärkt. Dies führt zu einer "Alterung" der Gesellschaft, in der der Anteil älterer Menschen im Verhältnis zur jüngeren Bevölkerung zunimmt.
Der Anstieg des Durchschnittsalters
Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung in Deutschland lag im Jahr 2016 bei 44 Jahren. Im Jahr 1980 war die Gruppe der unter 20-Jährigen mit 27 Prozent noch deutlich größer als die über 65-Jährigen (16 Prozent), doch dieses Verhältnis hat sich bereits fast umgekehrt. Nur noch 18 Prozent der deutschen Bevölkerung sind unter 20, während im Jahr 2018 bereits gut 28 Prozent über 60 Jahre alt waren. Deutschland hat somit aktuell die älteste Bevölkerung in ganz Europa.
Ursachen des demografischen Wandels
Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielt der demografische Übergang, der in vielen westlichen Ländern als Konsequenz der Industrialisierung beobachtet wurde. Die Sterberate sank durch eine stetig wachsende Lebenserwartung, während die Geburtenrate zunächst konstant blieb und später sank. Auch gesellschaftshistorische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg und der "Pillenknick" haben langfristige Auswirkungen auf den Altersaufbau der Bevölkerung.
Gehirngesundheit im Fokus des demografischen Wandels
Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist der Begriff Gehirngesundheit in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses gerückt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gehirngesundheit ("brain health") als jenen Zustand in allen kognitiven, sensorischen, sozial-emotionalen, verhaltensbezogenen und motorischen Bereichen, der es einer Person ermöglicht, ihr Potenzial im Laufe des Lebens voll auszuschöpfen, unabhängig davon, ob Störungen vorliegen oder nicht.
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Veränderungen im Gehirn im Alter
Im Laufe des Lebens verändern sich die physiologischen Funktionen aller Organsysteme, auch des Gehirns. Neuropathologische Untersuchungen zeigen, dass es auch bei kognitiv intakten alten Menschen zu Veränderungen kommt, die wir von Krankheiten kennen: Neben Zeichen von Inflammation, Degeneration und Demyelinisierung finden sich Axonschäden, verminderte Neurogenese, erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke und reduzierte Neurotransmission. Daneben gibt es eine Reihe von neurologischen Erkrankungen mit klarem Altersbezug: Schlaganfall, Demenz, Epilepsie und Schädel-Hirn-Trauma treten gehäuft im Alter 80+ auf.
Kognitive Reserve als Schutzfaktor
Eine wesentliche Rolle spielt dabei die kognitive Reserve. Darunter versteht man die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu tolerieren, die durch Alterung, Alzheimererkrankung oder andere Ursachen von Demenz entstehen. Je höher die kognitive Reserve, desto geringer ist das Risiko, dass eine Person bei Vorliegen einer neuropathologischen Schädigung klinische Symptome einer Demenz entwickelt. Die kognitive Reserve wird durch geistig stimulierende und soziale Aktivitäten erhöht, welche die Neuroplastizität fördern und damit kognitive Funktionen verbessern. Diese Aktivitäten müssen allerdings lebenslang aufrechterhalten werden, um eine kognitive Reserve für die gesamte Lebensspanne aufzubauen. In jungen Jahren trägt eine qualitätsvolle Ausbildung zu einer hohen kognitiven Reserve bei.
Herausforderungen für die Gehirngesundheit im Alter
Der demografische Wandel bringt eine Reihe von Herausforderungen für die Gehirngesundheit mit sich.
Zunahme neurodegenerativer Erkrankungen
Die Belastung der Gesellschaft durch neurodegenerative Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz nimmt immer mehr zu. Trotz beachtlicher Fortschritte im grundlegenden Verständnis der Neurodegeneration können neurodegenerative Erkrankungen bisher nur symptomatisch behandelt werden. Daher ist es wichtig, die Umsetzung der Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in neue Behandlungsansätze zu beschleunigen und neue tragfähige Strukturen in der Pflege und Versorgung von Menschen mit Demenz zu schaffen.
Vaskuläre Risikofaktoren
Traditionellen Arterioskleroserisikofaktoren kommt in Hinblick auf Gehirnerkrankungen eine hohe Bedeutung zu. An erster Stelle unter diesen Risikofaktoren ist die arterielle Hypertonie zu nennen. Hoher Blutdruck trägt durch unterschiedliche Faktoren zur Schädigung des Gehirns bei: Die Small-Vessel-Disease führt zu zerebraler Hypoperfusion, arterioarterielle Embolien verursachen Hirninfarkte, die eine kognitive Beeinträchtigung verstärken können. Ein Hypertonus fördert sowohl Amyloid-β-Deposition als auch Hirnatrophie, auch verstärkte Hyperphosphorylierung von Tau-Protein und Inklusion von TDP-43 wurden beschrieben. Im Verlauf verursacht die Hypertonie auch strukturelle Veränderungen des Herzens im Sinne eines Remodelings, was ebenfalls zu einer Verschlechterung kognitiver Funktionen beitragen kann.
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Auch Herzerkrankungen, insbesondere Vorhofflimmern, Typ-2-Diabetes und Hyperlipidämie erhöhen das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenz.
Lebensstilfaktoren
Verschiedene Lebensstilfaktoren können die Gehirngesundheit negativ beeinflussen. Rauchen ist mit einem erhöhten, dosisabhängigen Demenzrisiko verbunden und sollte daher in jedem Alter beendet werden. Hoher Alkoholkonsum ist ebenfalls schädlich, während geringe Mengen (1 Drink/Tag) zumindest nicht schädlich zu sein scheinen. Soziale Isolation, Hörstörungen, Depressionen und Luftverschmutzung tragen ebenfalls zu einem erhöhten Risiko für kognitiven Abbau bei.
Chancen für die Gehirngesundheit im Alter
Trotz der Herausforderungen bietet der demografische Wandel auch Chancen für die Gehirngesundheit im Alter.
Prävention und Risikoreduktion
Durch konsequente Kontrolle von Risikofaktoren könnten bis zu 40% aller Demenzerkrankungen verhindert werden. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die kognitive Reserve, die durch geistig stimulierende und soziale Aktivitäten erhöht werden kann.
Lebensstilmodifikationen
Lebensstilmodifikationen bieten ein breites Spektrum, um zum Erhalt der Gehirngesundheit beizutragen. Regelmäßige körperliche Aktivität senkt das relative Risiko für das Auftreten einer Demenz oder einer Alzheimererkrankung um bis zu 28%. Aktivität fördert synaptische Analoga des Lernens (Kurzzeit- und Langzeitpotenzierung), synaptische Verschaltungen sowie die Verfügbarkeit synaptischer Proteine.
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Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Für die mediterrane Diät, DASH-Diät und MIND-Diät wurden positive Effekte in der Größenordnung einer relativen Risikoreduktion von 10-15% nachgewiesen.
Körperliches Training
Zahlreiche Studien an Tieren konnten bis zum heutigen Datum bereits zeigen, dass körperliches Training den normalen Abbau an Hirnsubstanz verlangsamen bis sogar zum Teil umkehren kann. Dabei stehen vor allem die Hirnstrukturen im Augenmerk, die für die kognitive Leistungsfähigkeit notwendig sind, wie dem Hippocampus und dem Corpus callosum. Nach den vielversprechenden Ergebnissen aus diesen Tierstudien wird aktuell noch die Wirkung von körperlichem Training auf das menschliche Gehirn und auf die kognitive Leistungsfähigkeit untersucht. Bis jetzt konnten Studien bereits zeigen, dass körperliches Training zu einer Volumenzunahme des Hippocampus und auch des Corpus callosum führt. Eine Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit konnte ebenfalls schon in zahlreichen Studien belegt werden.
Neue Perspektiven im Alter
Für Menschen um die 50 eröffnen sich neue Perspektiven: Durch den sich in Zukunft kontinuierlich verschärfenden Facharbeitermangel werden sie auf dem Arbeitsmarkt immer gefragter. Die Erfahrungen und Qualitäten einer zahlenmäßig starken und gut ausgebildeten Generation um die 50 werden auch morgen gefragt sein.
Zunahme des Gehirnvolumens
Das Gehirnvolumen des Menschen nimmt kontinuierlich zu. Dies beeinflusst die Gehirngesundheit und reduziert das Alzheimerrisiko. Das Gehirnvolume von Menschen aus den 1920er-Jahren lag im Mittel bei 1,234 Litern. Bei Menschen aus den 1960er-Jahren war es deutlich mit 1,321 Liter deutlich größer (+ 6,6 %). Überdies nahm auch die Durchschnittsgröße des Menschen von 168 Zentimetern in den 1920er-Jahren auf 172 Zentimeter in den 1960er-Jahren zu (+ 2,4). Laut den untersuchten Gehirnen betrifft die Zunahme des Volumens unterschiedliche Areale, darunter die weiße Substanz des Organs (+ 8,0 %), den Hippocampus (+ 6 %) und die graue Substanz (+ 2 %). Der Hippocampus ist vor allem für das Gedächtnis verantwortlich und bei Menschen mit Alzheimer häufig geschädigt. Zudem sind die Forscher der Ansicht, dass die größeren Gehirnstrukturen für eine bessere Gehirnentwicklung und -gesundheit sprechen.
Anpassung der Gesundheitsversorgung
Die Gesundheitsversorgung in Deutschland muss an die Entwicklungen des demografischen Wandels angepasst werden. Dies erfordert gemeinsame Anstrengungen aller Partner im Bereich Politik, Gesundheit und Forschung sowie der Bürgerinnen und Bürger. Es ist wichtig, nicht nur an Alterskrankheiten zu denken, sondern auch neue Therapien zu entwickeln, die Menschen mit chronischen Krankheiten auch schon in jüngeren Jahren helfen, so dass sie weiter erwerbstätig und gesellschaftlich aktiv sein können.
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