Polysynaptischer Fremdreflex: Ein umfassender Überblick

Reflexe sind automatische Reaktionen des Körpers auf bestimmte Reize, die eine entscheidende Rolle für die Stabilität und Regulation des Körpers spielen. Sie ermöglichen es uns, schnell und unwillkürlich auf Gefahren zu reagieren oder grundlegende Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Es gibt verschiedene Arten von Reflexen, die sich hinsichtlich ihrer neuronalen Verschaltung, ihrer Funktion und ihrer Entstehung unterscheiden.

Reflexe und ihre Bedeutung

Reflexe sind blitzschnelle, unwillkürliche Reaktionen des Körpers, die zur Sicherung des Überlebens dienen. Ohne bewusstes Nachdenken zieht man die Hand von einer heißen Herdplatte zurück oder blinzelt automatisch, wenn etwas ins Auge fliegt. Diese automatischen Abläufe werden durch Reflexe ermöglicht.

Ein Reflex ist eine automatisch und schnell ablaufende Reaktion auf einen äußeren oder inneren Reiz. Reflexe sind unwillkürlich und werden durch das Nervensystem gesteuert, ohne dass das Gehirn aktiv an der Verarbeitung beteiligt ist. Je nach Funktion und Verschaltung unterscheidet man verschiedene Arten, die spezifische Aufgaben im Körper übernehmen.

Der Reflexbogen: Die Grundlage jedes Reflexes

Jeder Reflex basiert auf einem Reflexbogen, der die neuronale Verbindung zwischen einem Rezeptor (Sinneszelle) und einem Effektor (z. B. Muskel) darstellt. Über diesen Bogen laufen Reaktionen ohne bewusste Steuerung ab. Der Reflexbogen besteht aus folgenden Elementen:

  1. Rezeptor: Nimmt den Reiz wahr (z. B. Schmerz, Hitze, Dehnung).
  2. Afferente Bahn: Leitet die Erregung vom Rezeptor zum Zentralnervensystem (ZNS), also zum Rückenmark oder Gehirn.
  3. Verrechnungszentrum: Im ZNS wird die Erregung verarbeitet und an die efferente Bahn weitergeleitet.
  4. Efferente Bahn: Leitet die Erregung vom ZNS zum Effektor.
  5. Effektor: Führt die eigentliche Reflexantwort aus (z. B. Muskelkontraktion, Drüsensekretion).

Monosynaptische und polysynaptische Reflexe: Ein Vergleich

Reflexe können anhand der Anzahl der Synapsen im Reflexbogen unterschieden werden.

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  • Monosynaptische Reflexe (Eigenreflexe): Bei diesen Reflexen erfolgt die Umschaltung der Erregung von der afferenten auf die efferente Bahn über nur eine Synapse im Rückenmark. Dadurch sind monosynaptische Reflexe sehr schnell. Ein typisches Beispiel ist der Kniesehnenreflex.
  • Polysynaptische Reflexe (Fremdreflexe): Bei diesen Reflexen sind mehrere Synapsen in den Reflexbogen eingeschaltet. Das bedeutet, dass zwischen der afferenten und der efferenten Bahn mindestens ein Interneuron liegt. Durch die zusätzlichen Synapsen dauert die Reflexantwort länger als bei monosynaptischen Reflexen. Ein Beispiel für einen polysynaptischen Reflex ist der Hustenreflex.

Der polysynaptische Fremdreflex im Detail

Der polysynaptische Fremdreflex ist dadurch gekennzeichnet, dass Rezeptor und Effektor in verschiedenen Organen liegen und der Reflexbogen mehrere Synapsen enthält. Dies führt zu einer komplexeren Verschaltung im Rückenmark, da mehrere Interneurone zwischen afferentem und efferentem Nerv eingeschaltet sind. Dadurch dauert der polysynaptische Fremdreflex länger als der Eigenreflex.

Merkmale des polysynaptischen Fremdreflexes

  • Rezeptor und Effektor in verschiedenen Organen: Das Sinnesorgan (z.B. die Fingerhaut) liegt weit vom Erfolgsorgan (z.B. einem Muskel) entfernt.
  • Mehrere Synapsen: Der Reflexbogen enthält mehrere Synapsen, was zu einer längeren Reaktionszeit führt.
  • Komplexere Verschaltung: Mehrere Interneurone sind zwischen afferentem und efferentem Nerv eingeschaltet.
  • Habituation: Physiologische Fremdreflexe sind habituierbar, d.h. die Reflexantwort kann bei wiederholter Reizung schwächer werden oder ausbleiben.
  • Afferenzen aus verschiedenen Organen: Die Afferenzen stammen nicht nur aus Muskelspindeln, sondern auch aus anderen Organen wie Gelenken, Bändern, der Haut und den höheren Sinnesorganen.
  • Parallele Weiterleitung zum Großhirn: Die afferenten Neuronen leiten ihre Informationen parallel zum Großhirn weiter, was bei Eigenreflexen nicht der Fall ist.

Beispiel für einen polysynaptischen Fremdreflex: Der Hustenreflex

Ein typisches Beispiel für einen polysynaptischen Fremdreflex ist der Hustenreflex. Hierbei wird z.B. im Hals durch Fremdkörper durch Rezeptoren der Reiz aufgenommen. Die sensible Reizung führt zu einer komplexen Reaktion, die das Ziel hat, die Atemwege von Fremdkörpern oder Schleim zu befreien.

Weitere Beispiele für polysynaptische Fremdreflexe

  • Rückziehreflex: Bei einer schmerzhaften Reizung der Haut (z. B. durch einen spitzen Gegenstand) wird der betroffene KörperteilReflexe sind automatische Reaktionen des Körpers auf bestimmte Reize, die eine entscheidende Rolle für die Stabilität und Regulation des Körpers spielen. Sie ermöglichen es uns, schnell und unwillkürlich auf Gefahren zu reagieren oder grundlegende Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Es gibt verschiedene Arten von Reflexen, die sich hinsichtlich ihrer neuronalen Verschaltung, ihrer Funktion und ihrer Entstehung unterscheiden.
  • Cornealreflex (Lidschlussreflex): Bei Berührung der Hornhaut des Auges kommt es zum Lidschluss.
  • Bauchhautreflex: Die sensible Reizung der Bauchhaut führt zu einer Kontraktion der Bauchmuskulatur.
  • Analreflex: Stimulation der Haut um den After führt zur Kontraktion des Sphincter ani externus.
  • Kremasterreflex: Berührung der Oberschenkelinnenseite führt zum Hochziehen des Hodens.
  • Vestibulo-okulärer Reflex: Ermöglicht die Stabilisierung des Blickfelds bei Kopfbewegungen.

Klinische Bedeutung von Reflexen

Die Untersuchung von Reflexen ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Veränderungen der Reflexe können auf Schädigungen des Nervensystems hinweisen.

  • Areflexie: Das Fehlen von Reflexen kann ein Hinweis auf eine Schädigung des peripheren Nervensystems sein, z. B. bei Polyneuropathien oder Rückenmarksverletzungen.
  • Hyperreflexie: Eine übermäßig starke Reflexantwort kann auf eine Schädigung des zentralen Nervensystems hinweisen, z. B. bei einem Schlaganfall oder Multipler Sklerose.
  • Abgeschwächte Reflexe: Eine Schwäche oder ein Ausfall von Reflexen kann auf eine periphere Lähmung hindeuten, z. B. durch Schädigungen des Nervs oder der Nervenwurzel.

Angeborene und erworbene Reflexe

Reflexe können auch danach unterschieden werden, ob sie angeboren oder erworben sind.

  • Angeborene (unbedingte) Reflexe: Diese Reflexe sind bereits bei der Geburt vorhanden oder entwickeln sich im Laufe der frühen Kindheit. Sie sind genetisch festgelegt und laufen bei allen Individuen gleich ab. Beispiele sind der Kniesehnenreflex, der Rückziehreflex und frühkindliche Reflexe wie der Greifreflex und der Suchreflex.
  • Erworbene (bedingte) Reflexe: Diese Reflexe entstehen durch Lernen oder Konditionierung. Ein bekanntes Beispiel ist der Pawlowsche Hund, bei dem ein Hund darauf konditioniert wurde, auf einen neutralen Reiz (z. B. einen Glockenton) mit Speichelfluss zu reagieren, nachdem dieser Reiz wiederholt zusammen mit der Futtergabe präsentiert wurde.

Frühkindliche Reflexe

Frühkindliche Reflexe sind angeborene Reaktionen, die bei Neugeborenen eine wichtige Rolle spielen, sich jedoch im Laufe der Entwicklung zurückbilden. Sie helfen dem Neugeborenen bei der Anpassung an die Umwelt und unterstützen grundlegende Überlebensmechanismen.

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  • Greifreflex: Druck auf die Handinnenfläche löst reflexartiges Greifen aus.
  • Suchreflex: Berührung des Mundwinkels führt dazu, dass das Baby den Kopf dreht und den Mund öffnet, um die Brust oder Flasche zu finden.
  • Moro-Reflex: Plötzliche Lageveränderung oder ein lautes Geräusch löst ein ruckartiges Ausbreiten der Arme mit anschließender Umklammerungsbewegung aus.

Viszerale Reflexe

Viszerale Reflexe steuern die unbewussten Reaktionen der inneren Organe auf bestimmte Reize.

  • Blasenentleerungsreflex: Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand erfassen die zunehmende Füllung mit Urin und lösen über afferente Nervenfasern im Rückenmark den Reflex aus. Dies führt zur Kontraktion der Blasenmuskulatur und zur Erschlaffung des Schließmuskels, sodass die Blase entleert wird.

Gemischte Reflexe

Gemischte Reflexe entstehen durch das Zusammenspiel von somatischen und viszeralen Nerven.

  • Viszero-kutaner Reflex (Head’sche Zonen): Eine Reizung der Nozizeptoren eines Organs führt zur Aktivierung viszerosensibler Afferenzen, die über das Rückenmark Signale an den Kortex senden. Das Gehirn kann den Schmerz jedoch nicht exakt lokalisieren und ordnet ihn einem entsprechenden Hautgebiet (Dermatom) zu.
  • Viszero-muskulärer Reflex: Äußert sich in Form der Abwehrspannung bei akutem Abdomen.
  • Kuti-viszeraler Reflex: Äußere Wärme (z. B. ein warmes Bad) kann die Funktion innerer Organe beeinflussen.

Haltungs- und Stellreflexe

Haltungs- und Stellreflexe sind komplexe Reflexmuster, die für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und die Koordination von Bewegungen wichtig sind. Sie werden im Stammhirn koordiniert und umfassen:

  • Stellreflexe: Reflexe für die Stellung der Glieder zueinander.
  • Gleichgewichtsreflexe: Reflexe zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts.
  • Reflex-Koordination: Übergeordnete Reflex-Koordination im Stammhirn für koordinierte Reflexmuster über das ganze Rückenmark hinweg.

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