Wenn Ärzte Reflexe überprüfen, indem sie beispielsweise mit einer Taschenlampe in die Augen leuchten oder ein Reflexhämmerchen einsetzen, zielt diese Handlung darauf ab, den Zustand der Nervenfunktionen zu beurteilen. Diese unbewussten Körperreaktionen geben Aufschluss darüber, wie es um die Hirnleistung bestellt ist. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen Eigenreflexen, Fremdreflexen und pathologischen Reflexen und erklärt, wie diese zur Diagnose verschiedener Zustände beitragen können.
Was ist ein Reflex?
Ein Reflex ist eine automatische, unwillkürliche Reaktion eines Körperorgans auf einen Reiz. Diese Reaktion erfolgt unmittelbar auf den Reiz und ist reproduzierbar, anders als eine bewusst gesteuerte Antwort. Der Körper muss in der Lage sein, Reize wahrzunehmen, sie mit seinen Nervenbahnen weiterzuleiten und zu verarbeiten und dann darauf in einer Form zu reagieren, die sein Überleben sichert. Mediziner und Verhaltensbiologen unterscheiden Reflexe danach, ob sie angeboren oder erworben sind, wie viele Nerven an der Reizweiterleitung beteiligt sind und ob die Körperreaktion vom Reizort ausgeht oder ein anderes Organ reagiert.
Eigenreflexe: Reizort und Antwortendes Organ sind Identisch
Ein Eigenreflex zeichnet sich dadurch aus, dass Reizort und antwortendes Organ identisch sind. Die meisten Eigenreflexe sind uns schützende Muskeldehnungsreflexe, bei denen die kurze Muskeldehnung - ob z.B. durch einen Reflexhammer oder ein plötzliches Einknicken des Kniegelenks hervorgerufen - zu einer Kontraktion und damit Zuckung des betroffenen Muskels führt. So verhindert der Patellarsehnenreflex (PSR) beim plötzlichen Einknicken des Knies das Hinfallen, da der Oberschenkelmuskel den Unterschenkel reflexartig nach vorne schnellen lässt und uns wieder ins Gleichgewicht bringt.
Mit den Muskeleigenreflexen kann die Funktion vieler Rückenmarksnerven überprüft werden, da die Nervenerregung vom Reizort bis ins Rückenmark gelangt und direkt wieder zurückgeleitet wird. Beispiele hierfür sind der Patellarsehnenreflex oder der Achillessehnenreflex, wobei jeweils die benachbarten Muskelstränge der Sehnen aktiviert werden.
Der Patellarsehnenreflex
Der Patellarsehnenreflex wird über den Nervus femoralis (Oberschenkelnerv) vermittelt, ein peripherer Nerv aus dem Lendennervengeflecht. Der Reflex trägt unter anderem dazu bei, dass wir beim Gehen auf unebenen Böden, Aufspringen oder Treppensteigen das Gleichgewicht halten und nicht umfallen. Um den Reflex zu testen, sitzt der Patient mit hängenden oder übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Liege. Der Arzt klopft mit einem Hammer auf die Patellarsehne unterhalb der Kniescheibe des frei hängenden Beines. Als Reflex sollte der Unterschenkel ein kleines Stück nach vorn schnellen, da das Kniegelenk durch eine Kontraktion des Quadrizeps (vierköpfiger Oberschenkelmuskel) gestreckt wird. Ist der Patellarsehnenreflex vermindert oder erloschen, kann dies ein Hinweis auf eine Neuropathie (Erkrankung des peripheren Nervensystems ohne traumatische Ursache, z. B. diabetische Polyneuropathie) sein oder auf eine Verletzung bzw. Einengung von Nerven im Bereich der Lendenwirbelsäule. Eine häufige Ursache ist beispielsweise ein Bandscheibenvorfall (im Bereich L3/L4), in seltenen Fällen kann auch ein Tumor den Nerv einengen.
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Der Tibialis-posterior-Reflex
Der Tibialis-posterior-Reflex ist ein wichtiges diagnostisches Kriterium in Bezug auf einen Bandscheibenvorfall im Bereich L5. Der Musculus tibialis posterior, der hintere Schienbeinmuskel, steuert die Hebung des inneren Fußrandes. Um eine solche Hebung zu erreichen, schlägt der Arzt mit dem Reflexhämmerchen direkt unter den Innenknöchel. Bleibt der Reflex aus oder ist vermindert, deutet dies auf einen Bandscheibenvorfall im Bereich L5 hin.
Der Achillessehnenreflex
Die Achillessehne verbindet die Wadenmuskulatur mit der Ferse. Um den Achillessehnenreflex zu testen, liegt der Patient z. B. auf dem Bauch. Die Unterschenkel sollten dabei über den Rand der Untersuchungsliege hinausragen, die Füße zeigen nach unten. Der Arzt drückt den Fuß leicht in Richtung Schienbein und klopft mit einem Untersuchungshammer kurz auf die Achillessehne oberhalb der Ferse. Bei einem gesunden Patienten sollte sich dadurch der Fuß kurzzeitig wie bei einer Ballerina strecken. Bleibt die Reaktion aus, kann - abgesehen von einem Schaden an der Achillessehne selbst - eine periphere Nervenverletzung, z. B. durch einen Bandscheibenvorfall im oberen Kreuzbein (S1), die Ursache sein. Weitere Gründe für einen verminderten oder fehlenden Achillessehnenreflex sind Verletzungen des Rückenmarks oder eine Neuropathie.
Fremdreflexe: Reizort und Erfolgsorgan sind Unterschiedlich
Bei dem komplexeren polysynaptischen Fremdreflex kommt es nach dem Reiz zu einer nervalen Umschaltung im Rückenmark und die Nervenerregung wird auf andere Organe umgeschaltet, die dann auf den Reiz reagieren. Bei einem Fremdreflex sind Reizort und Erfolgsorgan verschieden. Der Reflexbogen verläuft über mehrere Synapsen (polysynaptisch). Man unterscheidet zwischen physiologischen (gesunden) und pathologischen (krankhaften) Fremdreflexen, die sich nur bei Patienten mit bestimmten Erkrankungen auslösen lassen. Beispiele für typische Fremdreflexe sind der Lidschlag oder der Würgereflex.
Der Pupillenreflex
Im klinischen Alltag wird gerade bei Verdacht auf eine Hirnschädigung der Pupillenreflex überprüft, der bei Lichteinfall ins Auge (Sehnerv wird gereizt) zu einer Verengung der Pupille führt (Pupillenfasern reagieren). Da die Reaktion der Pupillen im Gehirn miteinander gekoppelt ist, verengen sich normalerweise beide Pupillen, auch wenn nur ein Auge dem Lichteinfall ausgesetzt wird. Der Pupillenreflex schützt unser Auge vor zu viel Lichteinfall. Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtet der Arzt für einen kurzen Moment in ein Auge des Patienten und prüft, ob sich dadurch in beiden Augen beide Pupillen gleichzeitig verengen (direkter und indirekter Pupillenreflex). Wenn bei der Pupillenkontrolle eine Pupillendifferenz (Anisokorie = unterschiedlich weite Pupillen) auffällt, müssen die Ärzte von einer Schädigung des Gehirns ausgehen, z. B. durch erhöhten Hirndruck auf einer Seite. Weitere Ursachen für eine träge oder fehlende Lichtreaktion können Schädigungen der Sehnerven sein. Des Weiteren können stark geweitete Pupillen auf den Missbrauch von Drogen (z. B. Kokain) und bestimmten Medikamenten (Amphetamine) oder auf eine Vergiftung (z. B. durch Stechapfel, Goldregen oder Eibe) hinweisen.
Der Lidschlussreflex
Der Lidschlussreflex dient dazu, das Auge vor Fremdkörpern zu schützen. Um diesen Reflex zu überprüfen, berührt der Arzt die Hornhaut des Auges des Patienten mit einem Fremdkörper (z. B. mit einem Wattestäbchen). Als Reflexantwort schließt sich das Augenlid.
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Der Würgereflex
Bei gesunden Menschen stellt sich der sogenannte Würgereflex ein, sobald der Arzt mit einem Spatel die hintere Wand des Rachens berührt. Dieser Reflex schützt die Atemwege vor Fremdkörpern wie Nahrung oder Flüssigkeiten. Des Weiteren wird er z. B. bei der Aufnahme extrem bitterer oder schlecht schmeckender Nahrung ausgelöst.
Pathologische Reflexe: Hinweise auf Nerven- oder Hirnschädigung
Pathologische Reflexe treten bei einer Nerven- oder Hirnschädigung auf. Der bekannteste pathologische Reflex ist der Babinski-Reflex, der beim Bestreichen der Fußsohle zur Streckung der Großzehe und Beugung aller anderen Zehen führt. Er gehört zu den frühkindlichen Reflexen und ist normalerweise nach dem 12. Lebensmonat nicht mehr auslösbar. Bei massiven Hirnschädigungen, wie sie nach einer Hirnblutung oder einem Schlaganfall auftreten können, zeigt ein positiver Babinski-Reflex eine starke Großhirnschädigung an. Die Reflexantwort wird immer im Seitenvergleich - also an beiden Armen oder Beinen - bewertet: Eine unterschiedliche Reflexantwort.
Der Babinski-Reflex
Als pathologische Reflexe werden Reflexe bezeichnet, die beim Gesunden nicht vorkommen. Am bekanntesten ist wahrscheinlich der sogenannte Babinski-Reflex. Dabei handelt es sich um einen Reflex, der durch das Bestreichen des seitlichen Fußrandes auftritt. Der große Zeh bewegt sich nach oben, während sich die anderen Zehen nach unten abspreizen. Kann der Arzt diesen Reflex bei einem Erwachsenen auslösen, weist das auf eine neurologische Erkrankung hin. Beim Gesunden ist der Reflex demnach nicht vorhanden. Eine Ausnahme bilden gesunde Säuglingen, bei denen der Reflex ebenfalls auslösbar ist.
Frühkindliche Reflexe
Frühkindliche Reflexe werden auch primitive Reflexe oder Neugeborenenreflexe genannt und dienen Selbstschutz, Nahrungssuche und -aufnahme. Viele dieser Reflexe verlieren sich im Laufe der ersten beiden Lebensjahre und zeigen den Entwicklungsstand des Kleinkindes an. Wichtige frühkindliche Reflexe sind der Suchreflex (bei Berühren eines Mundwinkels dreht der Säugling den Kopf in diese Richtung), der Moro-Umklammerungsreflex (bei plötzlichem Zurückfallen des Kopfes öffnet und schließt der Säugling seine Arme), der Hand- und Fußgreifreflex (Druck auf die Handinnenfläche löst eine Greifbewegung aus; Druck auf die Fußsohle eine Beugung der Zehen) und der Schreitreflex (Kontakt zu einer Unterlage führt zu Gehbewegungen). Einige primitive Reflexe wie der Schluckreflex bleiben lebenslang erhalten - der Schluckreflex sorgt dafür, dass von uns aufgenommene Nahrung in die Speiseröhre und nicht in die Luftröhre gelangt.
Beispiele für frühkindliche Reflexe
- Babinski-Reflex: Bestreicht man dem Baby zentral über die Fußunterseite, zieht es den großen Zeh nach oben.
- Greifreflex: Bei Kontakt mit der Handinnenfläche greift das Baby zu.
- Klammerreflex (Moro-Reflex): Bei plötzlicher Lageveränderung des Kopfes machen Säuglinge eine Klammerbewegung.
- Saugreflex: Ist eng mit dem Schluckreflex verschaltet. Das Baby beginnt zu saugen, sobald etwas den Gaumen berührt.
- Schwimmreflex: Häufig bei Babyschwimmen zu beobachten. Babys beginnen mit paddelartigen Vorwärtsbewegungen, bei großflächigem Kontakt mit Wasser.
- Suchreflex: Durch Berührung der Mundwinkel dreht das Baby seinen Kopf in diese Richtung.
Angeborene vs. Erworbene Reflexe
Von den zuvor genannten angeborenen Reaktionen werden reflexartige Körperreaktionen unterschieden, die erlernt oder anerzogen sind. Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang sicher das Pawlowsche Hundeexperiment, mit dem nachgewiesen werden konnte, dass Hunde nach der Kopplung von Futter mit Glockenton auch auf den alleinigen Glockenklang mit einer Speichelproduktion reagierten. Bei einem erworbenen Reflex wird also ein angeborener Reflex (Speichelfluss bei zu erwartender Nahrung) mit einem anderen Reiz (hier Glockenton) gekoppelt, bis eine Konditionierung erreicht ist, so dass der erste Reiz (Nahrung) entfallen kann.
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Reflexe im Kontext von Erkrankungen
Ob und in welcher Intensität Menschen Reflexe zeigen, gibt Ärzten hilfreiche Hinweise auf den Zustand ihres Nervensystems. Neben besagtem Kniehämmerchen greifen Mediziner bei neurologischen Untersuchungen daher beispielsweise auch zu einer Taschenlampe, um den Pupillenreflex zu testen. Ein beschleunigter Blinzelreflex kann beispielsweise auf eine Gehirnerschütterung hinweisen und der sogenannte Babinski-Reflex einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung anzeigen. Bei bestimmten Erkrankungen oder Verletzungen des Nervensystems kann es auch zu verminderten oder untypischen Reflexen kommen, was sich ebenfalls zur Diagnose nutzen lässt.
Reflexe und Autismus
Ein verstärkter oder verminderter Pupillenreflex könnte ebenfalls auf Autismus hinweisen, wie verschiedene Studien nahelegen. Bei Autisten ist wiederum der sogenannte vestibulo-okuläre Reflex (VOR) übermäßig aktiv: Wenn sich unser Kopf plötzlich dreht, bewegen sich die Augen ebenso schnell in die entgegengesetzte Richtung, um den Blick stabil zu halten. Auch das hilft zur Diagnose: „Wir können es bei Kindern mit Autismus messen, die nicht sprechen oder Anweisungen nicht befolgen können oder wollen“, sagt Kevin Bender von der University of California in San Francisco, dessen Team diesen Effekt kürzlich entdeckt hat.
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