Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das es uns ermöglicht, auf unsere Umwelt zu reagieren. Ein wichtiger Bestandteil dieser Reaktionsfähigkeit sind Reflexe. Reflexe sind automatische, unwillkürliche Reaktionen auf einen Reiz. Sie dienen dem Schutz des Körpers und der schnellen Anpassung an veränderte Bedingungen. Bei der Klassifizierung von Reflexen unterscheidet man hauptsächlich zwischen Eigenreflexen und Fremdreflexen.
Die Grundlage: Nervenzellen und Reflexbögen
Um die Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdreflexen zu verstehen, ist es wichtig, die Grundlagen der Nervenzellen (Neuronen) und des Reflexbogens zu kennen.
Neuron: Baustein des Nervensystems
Die Nervenzelle (Neuron) ist der fundamentale Baustein unseres Nervensystems. Der Neuron Aufbau gliedert sich in mehrere wichtige Bestandteile: Das Soma (Zellkörper) mit dem Zellkern, die Dendriten, das Axon und die Endknöpfchen. Der Zellkern Nervenzelle Funktion umfasst die Steuerung aller Stoffwechselprozesse und des Zellwachstums. Die Endknöpfchen Funktion ist besonders wichtig für die Signalübertragung zwischen Nervenzellen. Es gibt verschiedene Arten von Nervenzellen, die sich in ihrer Struktur und Funktion unterscheiden. Das Nervengewebe Aufbau ist komplex und beinhaltet verschiedene Zelltypen. Das Nervensystem arbeitet durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Neuronentypen. Die Myelinscheide umhüllt das Axon und ermöglicht eine schnelle Signalweiterleitung. Die Nervenzelle beschriftet zeigt verschiedene Anpassungen an ihre jeweilige Funktion. Die Neuroplastizität ermöglicht es dem Nervensystem, sich an neue Anforderungen anzupassen.
Der Reflexbogen: Der Weg des Reflexes
Der Neuron - Aufbau und Funktion ist grundlegend für das Verständnis des Reflexbogens. Ein Reflex beginnt mit der Aufnahme eines Reizes durch spezielle Rezeptoren. Die Reizweiterleitung erfolgt über das afferente Nervensystem zum Zentralnervensystem (ZNS). Im Rückenmark wird der Reiz durch Interneuronen verarbeitet, die als Regulatoren mit erregenden und hemmenden Synapsen fungieren. Die Neuronen Synapsen spielen eine zentrale Rolle bei der Reflexverarbeitung.
Ein Reflexbogen besteht aus folgenden Elementen:
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- Rezeptor: Nimmt den Reiz wahr (z. B. Schmerz-, Temperatur- oder Dehnungsrezeptoren).
- Afferente Nervenfaser: Leitet das Signal vom Rezeptor zum Zentralnervensystem (Rückenmark).
- Zentralnervensystem (ZNS): Verarbeitet das Signal. Hier findet die Umschaltung auf das efferente Neuron statt.
- Efferente Nervenfaser: Leitet das Signal vom ZNS zum Erfolgsorgan.
- Effektor: Führt die Reaktion aus (meist ein Muskel oder eine Drüse).
Die Funktion von Reflexen liegt im Ausführen schneller Routineaufgaben, die kein langes Nachdenken erfordern dürfen (z.B. Schutzreflexe wie Cornealreflex, Hustenreflex oder die Haltung und Stellung des Körpers im Raum). Das automatische Ablaufen von Reflexen kann aber durchaus auch willentlich beeinflusst werden, wenn auch in viel geringerem Maße als bei zielgerichteten Bewegungen. Auslöser für Reflexe sind die bekannten Reize: Druck, Zug, Beschleunigung, Licht, Schall, Temperatur, oder chemische Substanzen. Effektoren für Reflexe sind Muskeln und Drüsen. Gibt es zwischen sensorischer und motorischer Faser nur eine Synapse spricht man von monosynaptischem Reflex, existieren mehrere Synapsen nennt man das polysynaptischer Reflex.
Eigenreflexe: Reiz und Reaktion am selben Ort
Beim Eigenreflex liegen Rezeptor und Erfolgsorgan nah beieinander, wie beim Kniereflex. Eigenreflexe sind monosynaptisch aufgebaut, das heißt sie nutzen nur eine Synapse zwischen zwei Neuronen. Die Reflexzeit - also die Zeit zwischen Reiz und Reaktion - unterscheidet sich deutlich: Bei Eigenreflexen beträgt sie etwa 20 Millisekunden und ist konstant.
Definition und Eigenschaften
Eigenreflexe sind dadurch gekennzeichnet, dass der Reiz und die resultierende Reaktion im selben Organ oder Muskel stattfinden. Das bedeutet, dass der Rezeptor, der den Reiz wahrnimmt, und der Effektor, der die Reaktion ausführt, im selben Organ lokalisiert sind. Sie werden auch als monosynaptische Reflexe bezeichnet, da der Reflexbogen nur eine Synapse zwischen dem afferenten und dem efferenten Neuron aufweist. Dies ermöglicht eine sehr schnelle und direkte Reizübertragung.
- Monosynaptisch: Nur eine Synapse im Reflexbogen.
- Schnelle Reizübertragung: Kurze Reflexzeit (ca. 20 Millisekunden).
- Rezeptor und Effektor im selben Organ: Reiz und Reaktion finden am selben Ort statt.
- Wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Körperhaltung: Eigenreflexe tragen zur Stabilität und Koordination bei.
- Anpassungsfähigkeit: Eine wichtige Eigenschaft von Reflexen ist ihre Anpassungsfähigkeit.
Beispiele für Eigenreflexe
- Kniesehnenreflex (Patellarsehnenreflex): Ein Schlag auf die Patellarsehne unterhalb der Kniescheibe löst eine Kontraktion des Musculus quadriceps femoris (Oberschenkelmuskel) aus, was zu einer Streckung des Unterschenkels führt.
- Achillessehnenreflex: Ein Schlag auf die Achillessehne führt zu einer Kontraktion des Musculus triceps surae (Wadenmuskel) und einer Plantarflexion des Fußes.
- Bizepssehnenreflex: Ein Schlag auf die Bizepssehne in der Ellenbeuge führt zu einer Kontraktion des Musculus biceps brachii (Bizepsmuskel) und einer Beugung des Unterarms.
- Trizepssehnenreflex: Ein Schlag auf die Trizepssehne oberhalb des Ellenbogens führt zu einer Kontraktion des Musculus triceps brachii (Trizepsmuskel) und einer Streckung des Unterarms.
- Muskeldehnungsreflex: Wenn ein Muskel gedehnt wird, reagiert er mit einer Kontraktion, um der Dehnung entgegenzuwirken.
- Mandibular-Reflex: Die klinische Bedeutung des Mandibular-Reflexes besteht "in der Möglichkeit, daß okklusale Kräfte reflektorisch einen exzitatorischen Einfluß auf die Kieferschließmuskeln ausüben und daher ein Zusammenhang mit Muskelspasmen und Kiefergelenkdysfunktion bestehen kann" (Ramfjord, Ash, 1992).
Klinische Bedeutung von Eigenreflexen
Die Überprüfung der Eigenreflexe ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Abweichungen von der Norm (z. B. fehlende, abgeschwächte oder übermäßig starke Reflexe) können auf Erkrankungen des Nervensystems hinweisen.
- Abgeschwächte oder fehlende Reflexe: Können auf Schädigungen des peripheren Nervensystems, der Nervenwurzeln oder der Muskeln hindeuten.
- Übermäßig starke Reflexe: Können auf Schädigungen des zentralen Nervensystems (z. B. des Gehirns oder des Rückenmarks) hindeuten.
Fremdreflexe: Reiz und Reaktion an unterschiedlichen Orten
Bei einem Fremdreflex finden Reiz und Reaktion in unterschiedlichen Organen statt. Da der Reflexbogen in dem Fall aus mehreren Synapsen besteht (polysynaptischer Reflexbogen), nennst du den Reflex auch polysynaptischer Reflex.
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Definition und Eigenschaften
Fremdreflexe zeichnen sich dadurch aus, dass der Rezeptor, der den Reiz wahrnimmt, und der Effektor, der die Reaktion ausführt, in unterschiedlichen Organen oder Körperregionen lokalisiert sind. Der Reflexbogen beinhaltet mehrere Synapsen (polysynaptisch), was zu einer längeren Reizübertragungszeit führt. Fremdreflexe dienen oft dem Schutz des Körpers vor schädlichen Einflüssen.
- Polysynaptisch: Mehrere Synapsen im Reflexbogen.
- Längere Reizübertragung: Längere Reflexzeit im Vergleich zu Eigenreflexen.
- Rezeptor und Effektor in unterschiedlichen Organen: Reiz und Reaktion finden an unterschiedlichen Orten statt.
- Schutzfunktion: Fremdreflexe dienen oft dem Schutz des Körpers.
- Habituation möglich: Fremdreflexe können durch wiederholte Reize abgeschwächt werden.
Beispiele für Fremdreflexe
- Lidschlussreflex: Ein Schutzreflex, der zum Schließen des Augenlids führt. Die Berührung der Hornhaut löst Lidschluß beider Augen aus. Der afferente Schenkel dieses Reflexes wird durch den N. ophthalmicus gebildet, der in der Pars caudalis mit dem Ncl. spinalis nervi trigemini verschaltet ist. Die zentrale Reflexbahn durchläuft Pons und Medulla oblongata bis zum efferenten Neuron im Fazialiskern. Nähert sich ein Gegenstand deinem Auge, so wird sich dein Augenlid automatisch schließen. Eine Person, die sich zum ersten Mal schminkt oder geschminkt wird, wird feststellen, dass es kaum möglich ist, die Augen offen zu halten.
- Hustenreflex: Ein Schutzreflex, der die Atemwege von Schleim oder Fremdkörpern freihält.
- Würgereflex: Ein Schutzreflex, der das Erbrechen auslöst, um das Verschlucken von schädlichen Substanzen zu verhindern.
- Bauchhautreflexe: Die sensible Reizung der Bauchhaut führt zu einer Kontraktion der Bauchmuskulatur. Der Reflexbogen enthält mehrere Synapsen, d.h. es sind mehrere Interneurone zwischen afferentem und efferentem Nerv eingeschaltet.
- Pupillenreflex: Eine Veränderung der Lichtintensität führt zu einer Verengung oder Erweiterung der Pupille, um die optimale Lichtmenge auf die Netzhaut zu regulieren.
- Cornealreflex (Lidschlag bei Berührung der Cornea): Der Cornealreflex (Lidschlag bei Berührung der Cornea) ist willentlich nicht unterdrückbar.
- vestibulo-okulärer Reflex: Haarsinneszelle (1. Synapse) afferentes Neuron (2. Synapse) Interneuron im N. vestibularis (3. Synapse) extraokuläres Motoneuron.
- Rückziehreflex: Beim Rückziehreflex erkennen Rezeptoren in der Haut (zum Beispiel an der Hand) eine starke Erhöhung der Temperatur. Das bedeutet Gefahr, da Hitze die Hautzellen zerstören kann. Ein Signal wird über Nervenzellen wieder ans Rückenmark gesendet. Das Rückenmark sendet das Signal diesmal aber an die Muskeln des Oberarms, die am Zurückziehen der Hand beteiligt sind.
Klinische Bedeutung von Fremdreflexen
Auch die Überprüfung der Fremdreflexe ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Das Fehlen oder die Abschwächung der Fremdreflexe geben Hinweise auf eine (gleichseitige) Pyramidenbahnläsion, sie sind daher diagnostisch sehr wichtig. Pathologische Reflexe (z.B. sog. Babinski-Zeichen) sind stets polysynaptisch und treten nur bei Pyramidenbahnläsion auf.
- Abgeschwächte oder fehlende Reflexe: Können auf Schädigungen des zentralen Nervensystems (z. B. des Gehirns oder des Rückenmarks) hindeuten.
- Pathologische Reflexe: Reflexe, die normalerweise nicht vorhanden sind, können auf bestimmte Erkrankungen des Nervensystems hinweisen (z. B. Babinski-Reflex bei Schädigung der Pyramidenbahn).
Eigenreflex Fremdreflex Tabelle
Um die Unterschiede zwischen Eigenreflexen und Fremdreflexen übersichtlich darzustellen, dient folgende Tabelle:
| Merkmal | Eigenreflex | Fremdreflex |
|---|---|---|
| Rezeptor und Effektor | Im selben Organ | In unterschiedlichen Organen |
| Synapsen | Monosynaptisch (eine Synapse) | Polysynaptisch (mehrere Synapsen) |
| Reflexzeit | Kurz (ca. 20 Millisekunden) | Länger |
| Funktion | Aufrechterhaltung der Körperhaltung, Muskeltonus | Schutzreflexe (z. B. Lidschluss, Husten) |
| Habituation | Keine Habituation | Habituation möglich |
| Beispiele | Kniesehnenreflex, Achillessehnenreflex, Bizepssehnenreflex, Trizepssehnenreflex, Muskeldehnungsreflex | Lidschlussreflex, Hustenreflex, Würgereflex, Bauchhautreflexe, Pupillenreflex, Cornealreflex, vestibulo-okulärer Reflex, Rückziehreflex |
| Klinische Bedeutung | Beurteilung von Schädigungen des peripheren und zentralen Nervensystems | Beurteilung von Schädigungen des zentralen Nervensystems (insbesondere der Pyramidenbahn) |
| Reflexbogen Komponenten | Sensorischer Rezeptor im Muskel -> Afferente Nervenfaser -> Rückenmark -> Efferente Nervenfaser -> Muskel | Sensorischer Rezeptor in der Haut/Schleimhaut -> Afferente Nervenfaser -> Rückenmark -> Interneurone -> Efferente Nervenfaser -> Muskel/Drüse |
| Auswirkung bei Schädigung | Bei peripherer Lähmung: Ausfall oder Abschwächung des Muskeleigenreflexes | Bei Pyramidenbahnläsion: Fehlen oder Abschwächung der Fremdreflexe, Auftreten pathologischer Reflexe |
| Willentliche Beeinflussung | Das automatische Ablaufen von Reflexen kann aber durchaus auch willentlich beeinflusst werden, wenn auch in viel geringerem Maße als bei zielgerichteten Bewegungen. Beispiele: Der Cornealreflex (Lidschlag bei Berührung der Cornea) ist willentlich nicht unterdrückbar. Der Lidschlagreflex, ausgelöst durch Annäherung oder starkes Licht, kann willentlich unterdrückt werden. | Der Lidschlagreflex, ausgelöst durch Annäherung oder starkes Licht, kann willentlich unterdrückt werden. |
Weitere Reflexarten
Neben Eigen- und Fremdreflexen gibt es noch weitere Arten von Reflexen, die nach verschiedenen Kriterien unterschieden werden können:
- Angeborene Reflexe (unbedingte Reflexe): Reflexe, die von Geburt an vorhanden sind (z. B. Saugreflex, Greifreflex).
- Erworbene Reflexe (bedingte Reflexe): Reflexe, die durch Lernen und Konditionierung entstehen (z. B. Pawlowscher Reflex).
- Frühkindliche Reflexe: Reflexe, die im Säuglingsalter vorhanden sind und sich im Laufe der Entwicklung zurückbilden (z. B. Moro-Reflex, Suchreflex).
- Pathologische Reflexe: Reflexe, die bei gesunden Menschen nicht vorkommen und auf Erkrankungen des Nervensystems hinweisen (z. B. Babinski-Reflex).
- Statokinetische Reflexe: Reflexe, die durch Bewegungen ausgelöst werden und dafür sorgen, dass das Gleichgewicht aufrechtgehalten wird (z. B. Drehreflex).
Die Rolle der Motorik
Die Motorik beschreibt sämtliche willkürliche und kontrollierte Muskelbewegungen des menschlichen Körpers. Hierzu zählen sowohl große Bewegungsabläufe wie das Gehen als auch die Mimik des Gesichts. Auch die motorischen Anteile des Nervensystems zur Steuerung und Wahrnehmung von Bewegungen werden unter dem Begriff Motorik zusammen gefasst. Spinale Motorik ist Bewegungskoordination auf Rückenmarksebene mit der einfachsten Bewegungsantwort auf einen Reiz - dem Reflex.
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