Homonyme Hemianopsie nach Schlaganfall: Ursachen, Auswirkungen und innovative Therapieansätze

Ein Schlaganfall kann vielfältige neurologische Defizite verursachen, darunter auch Sehstörungen. Eine besonders belastende Folge ist die homonyme Hemianopsie, bei der Betroffene die Hälfte ihres Gesichtsfeldes auf beiden Augen verlieren. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Auswirkungen und moderne Therapieansätze dieser spezifischen Form des Gesichtsfeldausfalls.

Was ist homonyme Hemianopsie?

Die homonyme Hemianopsie ist eine Halbseitenblindheit, bei der eine Person die Hälfte des Gesichtsfelds auf beiden Augen verliert. Bei einem homonymen Gesichtsfeldausfall sieht man nur eine Hälfte des betrachteten Gesichts. Etwa ein Drittel aller Überlebenden nach einem Schlaganfall erleidet eine Form der Gesichtsfeldeinschränkung, wobei die homonyme Hemianopsie eine besonders belastende Variante darstellt. Betroffene Personen können Schwierigkeiten haben, sich in ihrer Umgebung zu orientieren, und stoßen beispielsweise gegen Gegenstände oder Personen.

Ursachen

Ein Schlaganfall entsteht dadurch, dass das Versorgungsgebiet einer Arterie des Gehirns geschädigt wird - entweder durch Blutungen oder Minderdurchblutungen (Ischämien). Die homonyme Hemianopsie resultiert typischerweise aus einer Schädigung der visuellen Bahnen im Gehirn, meist infolge eines ischämischen oder hämorrhagischen Schlaganfalls. Das primäre Sehzentrum ist im hinteren Anteil des Gehirns angesiedelt, dem sogenannten Hinterhauptlappen. Wenn es an der Arterie, die diesen versorgt (Arteria cerebri posterior), zu einer Durchblutungsstörung (etwa durch ein Blutgerinnsel) kommt, ist ein Gesichtsfeldausfall möglich. Die Gesichtsfelddefekte treten immer auf der gegenüberliegenden Seite der Hirnschädigung auf. Auch Hirnschädigungen aufgrund von Verletzungen oder Tumoren können zu dieser Form der Gesichtsfeldeinschränkung führen.

Abgrenzung zu anderen Gesichtsfeldausfällen

Je nachdem, wo eine Sehbahnschädigung vorliegt, können unterschiedliche Gesichtsfeldausfälle entstehen. So sind etwa bei Erkrankungen der Sehnerven Ausfälle im Zentrum typisch. Bei Schädigungen der Sehbahn oberhalb der Sehnervenkreuzung ist hingegen ein Gesichtsfeldausfall vor beiden Augen charakteristisch, der auf derselben Seite des Gesichtsfeldes liegt. Neben der homonymen Hemianopsie gibt es auch andere Formen von Gesichtsfeldausfällen, wie zum Beispiel Quadrantenanopsien (Ausfall eines Viertels des Gesichtsfeldes) oder Skotome (kleine, fleckenförmige Ausfälle). Bei der heteronymen Hemianopsie sind die entgegengesetzten Gesichtsfeldhälften beider Augen betroffen, was durch eine Schädigung in der Sehnervenkreuzung im Gehirn ausgelöst wird. Die Art und das Ausmaß des Gesichtsfeldausfalls hängen von der Lokalisation und Größe der Schädigung im Gehirn ab.

Auswirkungen auf den Alltag

Die homonyme Hemianopsie stellt eine erhebliche Behinderung dar, die den Alltag der Betroffenen stark beeinträchtigt. Sie stolpern über Stühle und Papierkörbe, stoßen mit Menschen zusammen und gefährden sich und andere im Straßenverkehr. Die Einschränkung wirkt sich drastisch auf die Mobilität und Lebensqualität aus, denn selbst alltägliche Aktivitäten wie Gehen, Lesen oder Autofahren werden zur Herausforderung.

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Spezifische Herausforderungen

  • Orientierung und Navigation: Betroffene übersehen oft Hindernisse und haben Schwierigkeiten, sich in unbekannten Umgebungen zurechtzufinden.
  • Lesen: Das Lesen kann erschwert sein, da der Blick ständig zum Anfang der nächsten Zeile zurückfinden muss.
  • Autofahren: Aufgrund des eingeschränkten Gesichtsfeldes ist das Autofahren in der Regel nicht mehr möglich, da Gefahren im Straßenverkehr nicht rechtzeitig erkannt werden können.
  • Soziale Interaktion: Es kann schwierig sein, Blickkontakt aufzunehmen und soziale Situationen angemessen einzuschätzen.

Diagnose

Die Diagnose einer homonymen Hemianopsie erfolgt in der Regel durch eine umfassende augenärztliche Untersuchung, einschließlich einer Gesichtsfeldmessung (Perimetrie). Dabei wird festgestellt, welche Bereiche des Gesichtsfeldes fehlen. Es ist wichtig, die Erkrankung von einem Augenspezialisten oder Neurologen abklären und genauer untersuchen zu lassen.

Therapieansätze

Es gibt verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die Auswirkungen der homonymen Hemianopsie zu mildern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Kompensatorische Strategien

  • Explorative Sakkadentrainingsmethoden: Bei diesem "ausgleichenden und erkundenden Blicksprungtraining" lernen die Patienten, ihre Aufmerksamkeit auch auf Dinge zu richten, die sie eigentlich nicht sehen können. Mit erlernbaren Augenbewegungen können Betroffene ihr ganzes Umfeld abscannen, um fehlende Informationen zu beschaffen. Sogenannte kompensatorische - wir Mediziner sagen auch explorative - Sakkadentrainingsmethoden sind in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich belegt. Dabei steht „Exploration“ für das Absuchen der Umgebung und „Sakkaden“ für schnelle Augenbewegungen.
  • Computergestütztes Sehtraining: Ein computerbasiertes Sehtraining kann Patienten mit Gesichtsfeld-Ausfällen helfen, sich besser in ihrer Umwelt zu orientieren und Dinge in der blinden Hälfte des Gesichtsfeldes schneller zu finden. Im Rahmen einer Studie trainierten die Patienten täglich zwei Mal 30 Minuten an fünf Tagen der Woche. Nach sechs Wochen Training seien die Patienten in der Lage gewesen, Dinge in der blinden Hälfte des Gesichtsfeldes schneller zu finden. Das Training verbessere außerdem die soziale Lebensqualität der Patienten: Den Trainierten sei es eher gelungen, mit anderen Menschen Blickkontakt aufzunehmen.
  • Prismenbrillen: Prismenbrillen können das Gesichtsfeld erweitern, indem sie das Licht so brechen, dass es in den intakten Bereich des Gesichtsfeldes gelenkt wird.

Restitutive Verfahren

  • Visuelle Restitutionstherapie (VRT): Hier werden die geschädigten Nervenzellen direkt stimuliert und funktionell wieder aktiviert. Ziel ist es, die Gesichtsfeldausfälle zu verkleinern, die Alltagseinschränkungen zu reduzieren und darüber Handlungskompetenzen zurück zu gewinnen.

Innovative Technologien

  • Mixed-Reality-Brillen (MRG): Eine Studie im 'Journal of Neuro-Ophthalmology' untersuchte den Einsatz einer Mixed-Reality-Brille mit Bild-in-Bild-Navigation zur Unterstützung der Orientierung bei homonymer Hemianopsie. Ein interdisziplinäres Forschungsteam der University of Alberta in Kanada, entwickelte auf der Plattform Unity eine Software für die Microsoft HoloLens 2, die die Bild-in-Bild-Navigation (Picture-in-Picture Navigation, PIPN) realisiert. Dabei wird ein verkleinertes Abbild des vollständigen visuellen Umfelds in das intakte Gesichtsfeld eingeblendet. Ziel ist es, durch diese Überlagerung betroffene Patienten bei der Orientierung und Hindernisvermeidung zu unterstützen. Die Patienten bewerteten die Brille im Mittel als 19,7 % hilfreicher für die Fortbewegung.

VISIOcoach

Eine weitere Option ist die Software VISIOcoach, die speziell für Patienten mit Hemianopsie und Quadrantenanopsie entwickelt wurde. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten trainiert der Patient täglich an seinem PC oder Laptop. Das Programm zeichnet den Trainingserfolg auf und weist ihn nach jeder Sitzung aus. Nach erfolgreichem Training verbessert sich die Wahrnehmung des Patienten.

Kompensationstraining im Detail

Kompensatorische Augenbewegungen können erlernt werden, um das gesamte Umfeld abzutasten und fehlende Informationen über die gesunde Gesichtsfeldhälfte zu beschaffen. Diese Sakkadentrainingsmethoden sind wissenschaftlich belegt. Es empfiehlt sich ein intensives Training der Augenbewegungen in der Anfangszeit, idealerweise in den ersten sechs Wochen an fünf Tagen zwei Mal täglich eine halbe Stunde lang. Nach dieser Zeit haben sich die gewünschten Augenbewegungen in der Regel stabilisiert, sodass ein bis zwei Übungseinheiten pro Woche ausreichen, um den Stand zu erhalten. Auch wenn der Gesichtsfeldausfall schon viele Jahre besteht, kann ein kompensatorisches Sakkadentraining die Situation noch verbessern.

Wo kann man das Training erlernen?

Häufig erlernen Patienten die hilfreichen Augenbewegungen in einer Rehabilitationseinrichtung nach dem Schlaganfall, angeleitet von Neuropsychologen. Es gibt auch spezielle Computerprogramme für zu Hause, mit denen das Absuchen des Bildschirms durch Augenbewegungen geübt werden kann. Alternativ können Orthoptistinnen, die eng mit Augenärzten zusammenarbeiten, kompensatorische Sakkadentrainings anbieten.

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Fahreignung

Bei einer homonymen Hemianopsie ist das Autofahren in den meisten Fällen nicht mehr möglich. Laut Empfehlung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft und des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands ist bei homonymen Gesichtsfeldausfällen, die die verkehrsrelevanten Bereiche beeinträchtigen, in der Regel keine Fahreignung gegeben. Es ist jedoch ratsam, dies mit dem behandelnden Augenarzt oder Neurologen zu besprechen und gegebenenfalls eine ergänzende augenärztliche bzw. neuroophthalmologische Untersuchung in Betracht zu ziehen.

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