Die Multiple Sklerose (MS), oft als Krankheit mit 1.000 Gesichtern bezeichnet, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sich bei jedem Patienten anders manifestiert. Ein häufiges Symptom bei MS ist die Spastik, eine Steifheit und Verkrampfung der Muskeln, die die Bewegungsfähigkeit beeinträchtigen und Schmerzen verursachen kann. Die Behandlung von Spastik ist daher ein wichtiger Aspekt der MS-Therapie. Neben konventionellen medizinischen Ansätzen suchen viele Betroffene nach alternativen oder ergänzenden Behandlungsmethoden, darunter die Homöopathie.
Das Prinzip der Homöopathie
Die klassische Homöopathie ist eine Reiz- und Regulationstherapie, die auf dem Ähnlichkeitsprinzip basiert: "Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden" (similia similibus curentur). Dieses Prinzip, das von Samuel Hahnemann vor etwa 200 Jahren entwickelt wurde, besagt, dass eine Substanz, die bei einem gesunden Menschen bestimmte Symptome hervorruft, in potenzierter Form einen Kranken mit ähnlichen Symptomen heilen kann.
Der Begriff ‚Homöopathie‘ spiegelt dieses entscheidende homöopathische Behandlungsprinzip ebenfalls wörtlich wider, denn er stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus „homoios“ (ähnlich) und „pathos“ (Leiden). Er bedeutet also „ähnlich dem Leiden“.
Homöopathische Arzneien werden durch einen speziellen Herstellungsprozess, die Potenzierung, gewonnen. Dabei werden die Ausgangsstoffe (Mineralien, Metalle, Pflanzen, Nosoden) schrittweise verdünnt bzw. verrieben und verschüttelt, gemäß den Regeln des Homöopathischen Arzneibuches (HAB). Durch diesen Prozess soll die Heilkraft der Ausgangssubstanz verstärkt werden, auch wenn in den Hochpotenzen kein Molekül der ursprünglichen Substanz mehr enthalten ist.
Über Arzneimittelprüfungen am Gesunden werden seit ca. 200 Jahren genaue Aufzeichnungen geführt und in der sogenannten Materia medica festgehalten. Diese individuellen Symptome helfen dem klassischen Homöopathen dabei, ein Verständnis des gesamten Krankheitsmusters zu entwickeln.
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Homöopathische Behandlung von MS und Spastik
Die homöopathische Behandlung von MS und Spastik zielt darauf ab, die individuellen Symptome des Patienten zu berücksichtigen und ein passendes Mittel zu finden, das die Selbstheilungskräfte des Körpers anregt. Der Homöopath führt eine ausführliche Anamnese durch, um ein umfassendes Bild des Patienten zu erhalten, einschließlich seiner körperlichen und emotionalen Verfassung, seiner Krankengeschichte und seiner Lebensumstände.
Die Individualität des Krankheitsbildes des Patienten bestimmt die Auswahl des Mittels, nicht die Diagnose - es wird also nicht nach so genannter bewährter Indikation verschrieben. Der Patient sollte genau berichten können, wie sich seine Symptome darstellen, seit wann sie bestehen, ob es Besserungen/Verschlechterungen durch bestimmte Maßnahmen oder zu bestimmten Zeiten gibt (Modalitäten). Wichtig für die homöopathische Diagnose ist, ob andere, begleitende Beschwerden mit den Symptomen der MS assoziiert sind, wie die frühere Krankengeschichte vor Auftreten der MS verlief, ob es besondere Erkrankungen in der familiären Vorgeschichte gab und der Patient sollte auch seine emotionalen und charakterlichen Eigenschaften beschreiben können. Häufig bestand vor Ausbruch der MS eine anhaltende starke körperliche und/oder seelische Belastung.
Nach einer ausführlichen Fallaufnahme (i. d. R. inklusive neurologischer Untersuchung), die ca. Gleichzeitig sollten keine anderen tief greifenden Reiz-Therapieverfahren angewendet werden (z. B. Akupunktur), da sonst eine eindeutige Analyse der Reaktionen nicht möglich ist. Der Patient hat sowohl bei der Fallaufnahme als auch bei den Folgekonsultationen eine wichtige und aktive Rolle. Der Patient sollte nach Mittelgabe darauf achten, ob und wie sich seine Beschwerden verändern, verringern oder ganz verschwinden, ob sich bekannte Symptome kurzzeitig oder anhaltend verstärken oder neue, bisher unbekannte Symptome auftreten; am besten sollte alles schriftlich dokumentiert werden.
Mögliche Reaktionen auf das homöopathische Mittel
Nach der ersten Gabe einer passenden homöopathischen Arznei kommt es als Erstreaktion häufig zu einem so genannten Pseudoschub, also zu Symptomen, die einem echten klinischen Schub ähneln. Meist äußert sich diese Erstreaktion z. B. Häufig tritt ein Gefühl auf, als ob ein Schub käme! (Pseudoschub!) Nicht verwechseln mit echten klinischen Symptomen! Genau notieren, evtl. Therapeuten anrufen, ggf. persönlich vorstellen! Meist geraten Patienten in Panik, wenn sich Symptome verschlimmern oder wieder auftreten.
Es ist wichtig zu beachten, dass eine solche Erstreaktion nicht mit einem echten klinischen Schub zu verwechseln ist. Sie ist in der Regel vorübergehend und zeigt, dass der Körper auf das Mittel reagiert. In solchen Fällen ist es ratsam, den Homöopathen zu kontaktieren und die Reaktionen genau zu dokumentieren. Von einer Kortison-Behandlung zur Unterdrückung eines vermeintlichen Schubs sollte abgesehen werden, da dies die Verlaufsanalyse erschweren und den Zustand des Patienten sogar verschlimmern kann.
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Beispiele für homöopathische Mittel bei Spastik
Einige homöopathische Mittel, die bei Spastik in den Beinen in Betracht gezogen werden können, sind:
- Lathyrus sativus: Dieses Mittel wird aus der Kicherplatterbse gewonnen und wird bei lähmungsartigen und krampfartigen Beschwerden eingesetzt, insbesondere bei Rückenmarkserkrankungen mit Spastik. Typische Symptome sind Steifheit und Verkrampfung der Beine, Schwierigkeiten beim Gehen und eine Verschlimmerung der Beschwerden durch Kälte. Das homöopathische Arzneimittel Lathyrus sativus Globuli wird aus der Tinktur der Kicherplatterbse (Lathyrus sativus) hergestellt. Die giftige Hülsenfrucht kann mit essbaren Kichererbsen verwechselt und so zu Speisen verarbeitet werden. Die Hinweise zur homöopathischen Anwendung stammen zum größten Teil aus Vergiftungsfällen. Die Arznei hat eine ausgeprägte Wirkung auf einen Teil des zentralen Nervensystems, das Rückenmark, somit auf die Funktion der Muskulatur und wird bei lähmungsartigen und krampfartigen Beschwerden eingesetzt. Die Arznei findet Anwendung nach Grippe, schwächenden Krankheiten und Auszehrung durch Hunger. Zudem bei Schwäche und einem Gefühl der Schwere, mit langsamer Erholung der Nervenkräfte. Die Arznei hat eine ausgeprägte Wirkung auf einen Teil des zentralen Nervensystems, das Rückenmark. Hier sind besonders die Seiten- und Vorderstränge betroffen. In diesen Bereichen des Nervensystems werden Reflexe der Muskulatur verarbeitet, Steuerungsbefehle an innere Organe und Bewegungsimpulse vom Gehirn an den Körper weitergeleitet. Es kommt zu einer Verstärkung der Reflexe durch Schädigung der steuernden Bereiche des Rückenmarkes. Die hervorgerufenen Beschwerden sind in der Regel schmerzlos.
- Secale cornutum: Dieses Mittel wird aus Mutterkorn gewonnen und wird bei Verkrampfungen der Muskulatur und Gefäße mit Taubheit eingesetzt. Typische Symptome sind brennende Schmerzen bei gleichzeitiger äußerer Kälte, Störungen des Gehens und eine Verschlimmerung der Beschwerden durch Wärme. Secale cornutum (Mutterkorn) ist eine weitere Arznei, die auf Nerven und Muskulatur wirkt. Die Arznei kann angezeigt sein bei Verkrampfungen der Muskulatur und Gefäße mit Taubheit, bis hin zum Absterben der Haut und Gliedmaßen. Es können starke brennende Schmerzen bei gleichzeitiger äußerer Kälte bestehen. Störungen des Gehens, Schwanken und Zittern. Heftige Krämpfe, mit Verdrehung der Gliedmaßen. Taubheit undeisige Kälte der Extremitäten. Bläuliche und schwärzliche Verfärbung und Absterben der Finger oder Zehen. Gefühl großer Hitze im ganzen Körper.
- Causticum: Dieses Mittel wird aus einer Kalkverbindung gewonnen und wird bei lähmungsartigen Leiden und Krämpfen eingesetzt. Typische Symptome sind brennende Schmerzen, fortschreitende Schwäche bis hin zur Lähmung und eine Verschlimmerung der Beschwerden durch Kälte und Zugluft. Causticum Hahnemanni (eine Kalkverbindung) ist eine weitere wichtige Arznei in der Behandlung bestimmter Formen von lähmungsartigen Leiden und Krämpfen. Brennende Schmerzen können in nahezu jeder Körperregion, innerlich und äußerlich, auftreten. Menschen, die in ihrer Krankheit Causticum benötigen, können sehr traurig und hoffnungslos sein. Mitfühlendes Wesen. Eine Arznei bei fortschreitender Schwäche bis hin zu einem lähmungsartigen (paralytischen) Zustand. Kranke, die Causticum benötigen können, leiden an Lähmung der Stimmbänder, Zungenmuskulatur, der Augenlider (Ptose), des Gesichtes, der Schließmuskeln oder der Extremitäten. Halbseitenlähmungen, schlimmer rechts. Herabfallen der Augenlider. Rechtsseitige Lähmung des Gesichtes. Es kann unwillkürliches Wasserlassen beim Husten, Niesen, Lachen, Gehen, Rennen, Naseschneuzen oder im Sitzen bestehen. Auch kann es zu unwillkürlichem Stuhlabgang kommen.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Wahl des richtigen Mittels immer individuell erfolgen muss und von einem erfahrenen Homöopathen getroffen werden sollte.
Fallbeispiele
Die zur Verfügung gestellten Informationen enthalten Fallbeispiele, die die Anwendung der Homöopathie bei MS-Patienten mit verschiedenen Symptomen illustrieren:
- Fall 1: Ein Patient mit Hüftschmerzen, lähmiger Schwäche des rechten Beins, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen erfuhr nach der Gabe eines individuell passenden homöopathischen Mittels eine deutliche Besserung des Schwindels und eine Normalisierung des Stuhlgangs. Sein neurologischer und allgemeiner Zustand verbesserte sich erheblich, und er konnte ein fast normales Leben ohne nennenswerte Einschränkungen führen.
- Fall 2: Eine Patientin mit zwei akuten Schüben mit Sehstörungen, Schwindel und Gefühllosigkeit in Händen und Füßen lehnte eine immunmodulierende MS-Therapie ab und entschied sich für eine homöopathische Behandlung. Nach anfänglicher Verschlimmerung einiger Symptome und dem Auftreten neuer Symptome, die zum Arzneimittelbild gehörten, stellte sich eine Besserung ein. Im Laufe der weiteren Behandlung kam es zu einer deutlichen Besserung, und akute Schübe blieben aus.
Diese Fallbeispiele zeigen, dass die Homöopathie bei MS-Patienten positive Ergebnisse erzielen kann, insbesondere bei der Linderung von Symptomen und der Verbesserung der Lebensqualität.
Grenzen und Kritik der Homöopathie
Die Homöopathie ist in der wissenschaftlichen Medizin umstritten. Kritiker bemängeln, dass es keine wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit homöopathischer Mittel gibt und dass der beobachtete Nutzen auf den Placebo-Effekt zurückzuführen ist. Zudem wird kritisiert, dass in den Hochpotenzen kein Molekül der ursprünglichen Substanz mehr enthalten ist, was aus naturwissenschaftlicher Sicht unmöglich macht, dass diese Mittel eine Wirkung haben können.
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Allerdings sei erwähnt, dass Hahnemann selbst ursprünglich mit recht geringen Dosen der ausgewählten Arznei gearbeitet hat. Eine Potenzierung bis C3/C4 erfolgte durch Hahnemann erst nach und nach, um unerwünschte bzw. zu heftige Erstreaktionen auf das ausgewählte homöopathische Mittel zu vermeiden.
Es gibt viele verschiedene Methoden, die zwar mit homöopathisch aufbereiteten Mitteln arbeiten, aber nicht den Regeln der Homöopathie folgen. So ist der z. B. der Einsatz von Komplexmitteln - eine Mischung von verschiedenen homöopathischen Substanzen in Tiefpotenzen - keine homöopathische Anwendung, da das Ähnlichkeitsprinzip und die Individualität nicht berücksichtigt werden. Auch verschiedene Methoden innerhalb der Homöopathie wenden nur einen Teil der Prinzipien nach deren Ursprüngen an (z. B. werden bei einer Methode ausschließlich die Geistes- und Gemütssymptome für die Mittelfindung herangezogen, während die körperlichen Beschwerden gar nicht berücksichtigt werden).
Integration der Homöopathie in die MS-Behandlung
Prinzipiell lassen sich Patienten klassisch homöopathisch besser behandeln, wenn keine gleichzeitige Basistherapie stattfindet. Die Symptome und Reaktionen sind in der Regel authentischer und klarer. Aber eine homöopathische Behandlung kann auch mit gleichzeitiger Basistherapie in vielen Fällen gute Behandlungserfolge zeigen, wenn der Patient sich präzise beobachten und beschreiben kann und die individuellen Zeichen der Erkrankung durch die schulmedizinische Therapie nicht völlig uniform geworden sind. Unter gleichzeitiger starker immunsuppressiver Therapie (z. B. Mitoxantron oder Cyclophosphamid, teilweise auch Antikörpertherapien) ist die Reaktionsfähigkeit des Organismus meist so stark herabgesetzt, dass eine Wirkung des gewählten Mittels schwer zu erkennen und/oder zu analysieren ist. Kortison in kurzen, hoch dosierten Gaben stört die homöopathische Behandlung meist nicht, wenn sie nicht zu häufig erfolgt.
Trotz der Kontroversen suchen viele MS-Patienten nach homöopathischer Behandlung, um ihre Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Die Homöopathie kann als ergänzende Behandlungsmethode in Kombination mit konventionellen medizinischen Ansätzen eingesetzt werden. Es ist jedoch wichtig, dass die Behandlung von einem erfahrenen Homöopathen durchgeführt wird und dass der Patient sich bewusst ist, dass die Wirksamkeit der Homöopathie wissenschaftlich nicht eindeutig belegt ist.
Weitere Therapieansätze bei Spastik
Neben der Homöopathie gibt es eine Vielzahl weiterer Therapieansätze zur Behandlung von Spastik, darunter:
- Physiotherapie: Regelmäßige Dehnübungen und Bewegungstherapie können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren und die Beweglichkeit zu verbessern. Besonders wichtig ist die passive Muskelstreckung zusätzlich zur ausgewählten Standardtherapie.
- Medikamentöse Therapie: Muskelrelaxantien wie Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen können die Muskelspannung reduzieren. Bei fokaler Spastik kann Botulinumtoxin A (BoNT) in die betroffenen Muskeln injiziert werden, um diese gezielt zu entspannen.
- Hilfsmittel: Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen können helfen, Lähmungen auszugleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge zu haben.
- Elektrostimulation: Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) oder funktionelle Elektrostimulation (FES) können positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang haben.
- Robotik: Der Einsatz von Robotern kann vielversprechende Verbesserungen bei Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion bei Spastik bewirken.
- Chirurgische Verfahren: In schweren Fällen von Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, können chirurgische Verfahren wie dorsale Rhizotomie oder selektive Neurotomie in Betracht gezogen werden.
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