Horrorfilm: Wenn das Gehirn zur Leinwand des Schreckens wird

Horrorfilme sind ein beliebtes Genre, das beim Zuschauer oft ambivalente Gefühle auslöst. Faszination und Abscheu liegen hier nah beieinander. Doch was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir uns einen Horrorfilm ansehen? Und warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf diese Art von Filmen? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen psychologischen und neurologischen Prozesse, die beim Konsum von Horrorfilmen ablaufen.

Die neurologische Reaktion auf Horrorfilme

Wenn ein Mensch alleine vor dem Bildschirm sitzt und einen Horrorfilm mit Splatter-Anteil, viel Blut und Grausamkeiten anschaut, werden bestimmte Bereiche des Gehirns aktiv. Der primäre visuelle Cortex und der superiore Temporallappen, der für die Verarbeitung von Gehörtem zuständig ist, sind besonders gefordert. Für die Verarbeitung von Gesprochenem im Film ist das Wernicke-Areal zuständig.

Spürt der Zuschauer den Impuls, selbst verbal auf den Horrorfilm zu reagieren, beispielsweise durch Kreischen oder Schreien, ist zusätzlich der Bereich links unten im vorderen Teil des Gehirns aktiv. Diese beschriebenen Gehirnaktivitäten treten bei fast allen Menschen auf, wenn sie einen Horrorfilm sehen.

Individuelle Unterschiede in der Wahrnehmung

Entscheidend dafür, wie ein Mensch auf Horrorfilme reagiert, sind der Entwicklungsstand seines Gehirns und seine Lebenserfahrung. Aus diesen beiden Faktoren ergibt sich der emotional-kognitive Denkstil eines Menschen. Dieser Denkstil entscheidet darüber, ob Menschen einen Horrorfilm als realistisch oder als virtuell wahrnehmen - zwei grundlegend verschiedene Sichtweisen, die unterschiedliche Reaktionen im Gehirn auslösen.

Realistische Wahrnehmung: Fluchtinstinkte und Schmerzempfinden

Menschen, die einen Horrorfilm als im weitesten Sinne realistisch einordnen, nehmen das Gesehene so wahr, als habe es Effekte auf ihren eigenen Leib und ihr Leben. Diese Art der Wahrnehmung ist oft bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen zu beobachten. Durch die empfundene Bedrohung werden die ausführenden Bereiche des Gehirns aktiv. Der Mensch versetzt sich in Handlungsbereitschaft, um flüchten zu können.

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Dafür ist auch die Orientierung im Raum wichtig: Wo ist die nächste Tür, wie kann ich schnell flüchten? Für diese Informationen ist der intraparietale Sulcus zuständig. Eine wichtige Rolle spielt auch das periaquäduktale Grau, eine Struktur im Hirnstamm. Es ist für Angriffs- und Fluchtreflexe zuständig und wird nur dann aktiv, wenn eine Bedrohung empfunden wird. Da sich das bedrohliche Geschehen jedoch nur auf der Leinwand abspielt, läuft der Zuschauer in der Regel nicht wirklich weg. Deshalb werden die Fluchtimpulse wieder abgewendet, was in der rechtsinferioren frontalen Region des Gehirns geschieht.

Wenn der Zuschauer Schmerzen der Figuren im Film nachempfindet, kann sich außerdem das Schmerzsystem im somatosensorischen Cortex einschalten. Ist emotionale Erregung gegeben, werden außerdem die Subcorticale und manchmal die Insula aktiv. Sie verarbeiten Schmerzempfinden und alles, was als unangenehm empfunden oder abgelehnt wird. Wenn das Gesehene im Gedächtnis gespeichert wird, ist auch die Amygdala beteiligt. Gerade bei Kindern und Jugendlichen können Horrorfilme tiefe Gedächtnisnarben verursachen, also Ängste oder psychische Störungen begünstigen. Deshalb ist es wichtig, sie vor medialer Gewalt zu schützen.

Virtuelle Wahrnehmung: Faszination und Expertise

Menschen, die häufig Horrorfilme schauen, regelrechte Fans sind oder das Genre als ihr Hobby betrachten, reagieren auf diese Filme völlig anders. Diese Menschen, die im Alltag sozial kompetente und liebe Zeitgenossen sein können, ordnen das Gesehene als virtuell ein. Bei ihnen sind Areale, die mit Erregung zu tun haben, weniger aktiv. Das periaquäduktale Grau wird nicht aktiviert, stattdessen spielen weit hinten liegende Thalamuskerne eine Rolle. Diese regen sich, wenn sich jemand zum Beispiel über gelungene Trickeffekte in Splatter-Szenen freut. Dabei spielen auch Regionen wie der primäre visuelle Cortex und Areale für die Objektexpertise eine Rolle. Denn Horrorfans sind oft auch Fachleute auf ihrem Gebiet.

Persönlichkeit und Erfahrung: Die Realität der Bedrohung

Erwachsene sind hinsichtlich ihrer Wahrnehmung von Horrorfilmen sehr verschieden. Das hängt auch von der Persönlichkeitsstruktur ab. Emotionalere Menschen tendieren eher dazu, gesehene Grausamkeiten auch als potentielle Realität gelten zu lassen - was angesichts von Unrechtsregimen und Folter ja nicht abwegig ist. Andere lehnen diese realistische Komponente ab und machen sich Horrorfilme immer wieder als virtuell und eben nicht als realistisch bewusst.

Was ein Mensch als realistische Bedrohung einschätzt, hat auch mit seinen bisherigen Erfahrungen zu tun. Ein durchschnittlicher Europäer ordnet einen Mörder mit Maschinengewehr weniger der potentiellen Realität zu, als ein ehemaliger Kindersoldat aus Uganda.

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Beispiele für Horrorfilme, die das Gehirn anregen

Horrorfilme nutzen verschiedene Techniken, um das Gehirn des Zuschauers zu stimulieren und Angst auszulösen. Einige Beispiele für Filme, die auf unterschiedliche Weise mit der Wahrnehmung und den Ängsten des Publikums spielen, sind:

"The Cell" (Tarsem Singh)

Der Psycho-Thriller "The Cell" entfacht eine surreale Bilderflut, die Maßstäbe im modernen Film-Design setzt. Die Geschichte handelt von der Psychologin Catherine Deane (Jennifer Lopez), die durch eine experimentelle Technik in das Unterbewusstsein des im Koma liegenden Serienkillers Carl Stargher (Vincent D'Onofrio) eindringt, um das Versteck seines letzten Opfers zu finden.

Die Traumsequenzen sind so wirr, dass sie mehr interessant als spannend sind, aber der Film ist definitiv sehenswert. Die Kulisse ist unglaublich und die Bilder sind intensiv und packend und entführen den Zuschauer in die Tiefen eines Psychopathen. Jennifer Lopez glänzt in ihrer Rolle als Psychaterin, die sich mit innovativer Technik in den Geist des Killers versetzt.

"Poor Things" (Yorgos Lanthimos)

Das famose Kinoexperiment "Poor Things" erzählt von Bella Baxter, um die 30 Jahre alt, die auf merkwürdige Art und Weise eine zweite Chance bekommt, ihr Leben zu gestalten. Schwanger und unglücklich in ihrem ersten Leben springt sie Ende des 19. Jahrhunderts von einer Londoner Brücke in die Themse, ertrinkt, aber ein irrer Arzt (gespielt von Willem Dafoe) pflanzt ihr das noch lebende Gehirn der ungeborenen Tochter ein. Der durch Elektrizität reanimierte tote Körper und das junge Organ verbinden sich wundersam zu einer neuen Identität.

Emma Stone übersetzt das Aufwachsen der wiedergeborenen Bella Baxter in die Bewegungen, die Physis, die Sprache und die wachsenden Bedürfnisse einer bizarren Zwitterfigur, einer wilden Kindfrau. Anfangs tatsächlich wie ein Kleinkind, unsicher und wackelig, läuft Bella durch das Haus in London, in dem sie mit ihrem Erschaffer, den sie 'God' nennt, lebt. Gemeinsam mit seinem Kameramann Robbie Ryan und den Szenenbildnern Shona Heath und James Price schafft Yorgos Lanthimos phantasmagorische, also traumhafte und gespenstische Schauplätze - Kulissenorte von überbordender Künstlichkeit, die an die Zeit des Symbolismus und des Jugendstils erinnern. Viele Szenen wurden mit extremen Weitwinkelobjektiven oder einer noch extremer verzerrenden Fischaugenoptik aufgenommen, was die absonderliche Coming-of-Age-Geschichte visuell auf ein Level hebt, wie man es noch nicht gesehen hat.

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"Ratched" (Netflix-Serie)

Die Serie „Ratched“ ist ein Horrordrama, das sich am Beispiel ihrer monströsen Hauptfiguren und der Psychiatrie als zentralem Handlungsort in acht Folgen mit den Normen der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft auseinandersetzt und sich für deren Konzeptionen von Krankheit, Gesundheit und Geschlecht interessiert. Die von Horrorelementen durchzogene Handlung wird durch das Motiv der Jagd als zentralem narrativem Muster strukturiert.

Mit der Modellierung der Psychiatrie als Handlungsort knüpft „Ratched“ an die Tradition der Gothic Literatur an, der auch der Horrorfilm verpflichtet ist. Sowohl im englischen Schauerroman des 18. Jahrhunderts als auch im später entstehenden filmischen Horror ist die Psychiatrie ein etablierter Ort des Schreckens. Die Serie verarbeitet die historischen Diskurse um die Lobotomie und reiht sich damit in die Tradition psychiatriekritischer Medien ein. In der Serie demonstriert Hanover das Verfahren der präfrontalen Lobotomie an vier Patient*innen, die unter jugendlicher Unruhe, Melancholie, Gedächtnisverlust und „Lesbianismus“ leiden.

Horrorfilme im Krankenhaus-Setting

Das Setting eines Krankenhauses kann ebenfalls eine Quelle des Schreckens sein, da es mit Verletzlichkeit, Krankheit und Tod assoziiert wird. Einige Horrorfilme, die in Krankenhäusern spielen, sind:

  • Dead Ringers - Die Unzertrennlichen: Ein Body-Horror-Film über eineiige Zwillingsbrüder, die als Frauenärzte arbeiten und eine ungesunde Beziehung zueinander haben.
  • The Void: Ein Film über einen Sheriff, der einen verletzten Mann in ein Krankenhaus bringt und dort auf übernatürliche Kräfte stößt.
  • Session 9: Eine Gruppe von Asbestreinigern wird beauftragt, ein verlassenes Krankenhaus aufzuräumen, in dem es nicht mit rechten Dingen zugeht.
  • Grave Encounters: Eine Geisterjäger-Reality-TV-Serie verbringt eine Nacht in einem verlassenen Krankenhaus und gerät in den Wahnsinn.
  • The Ward: Eine Brandstifterin entdeckt, dass die Anstaltsabteilung, in der sie eingesperrt ist, von einem entsetzlichen Geist heimgesucht wird.
  • Das Horror-Hospital (Visiting Hours): Eine Fernsehmoderatorin wird von einem rassistischen und misogynen Mann angegriffen und ins Krankenhaus gebracht, wo er sie weiter verfolgt.
  • Nightmare on Elm Street 5 - Das Trauma: Freddy Krueger macht mit Spritzen Jagd auf die verbleibenden Kinder der Erwachsenen, die für seinen Tod verantwortlich waren.
  • The Eye: Eine junge Geigerin unterzieht sich einer Operation zur Korrektur ihrer Blindheit und sieht plötzlich die Geister der Verstorbenen.

Weitere Beispiele

  • Smile - Siehst Du es auch?: Eine Psychiaterin gerät in Panik, als sie überall Menschen zu sehen beginnt, die sie auf unheimliche Weise anlächeln.
  • Schlaf: Eine Flugbegleiterin wird von Albträumen geplagt und reist in ein Waldhotel, um das Geheimnis ihrer Träume zu lüften.
  • Planet der Vampire: Eine Crew erhält die Aufgabe, einen unbekannten Planeten zu erkunden, der sich als riesiges Gehirn entpuppt.
  • The Female Brain - Warum Frauen anders sind als Männer: Eine Komödie, die wissenschaftliche Fakten nutzt, um die Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu untersuchen.

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