Schach, das "königliche Spiel", ist mehr als nur ein Zeitvertreib; es ist ein komplexes Zusammenspiel von Strategie, Taktik und Gedächtnis, das tiefgreifende Auswirkungen auf das Gehirn hat. Von der Förderung des Gehirnwachstums bis hin zur potenziellen Prävention von Alzheimer - die wissenschaftliche Forschung enthüllt immer wieder neue Facetten der positiven Effekte von Schach auf unsere kognitiven Fähigkeiten. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, was Schach mit unserem Gehirn macht, von der Kindheit bis ins hohe Alter.
Gehirnwachstum und neuronale Verbindungen
Spiele, die das Gehirn fordern, wie Schach, fördern die Bildung von Dendriten, speziellen Gehirnzellen, die Signale zu den Nervenfasern des Gehirns senden. Je mehr Dendriten das Gehirn besitzt, desto schneller funktioniert die Reizweiterleitung. Schach kann also dazu beitragen, die Geschwindigkeit und Effizienz der Informationsverarbeitung im Gehirn zu erhöhen.
Aktivierung beider Gehirnhälften
Eine deutsche Studie fand heraus, dass Schachspieler sowohl die linke als auch die rechte Gehirnhälfte einsetzen. Die Denksportler sollten Schachzüge und geometrische Formen erklären. Für die Identifikation der geometrischen Formen hatten sie die gleiche Reaktionszeit wie Laien. Für Schachzüge reagierten die Denksportler und Strategiekünstler jedoch viel schneller, weil sie beide Gehirnhälften aktivierten. Dies deutet darauf hin, dass Schach ein umfassendes Gehirntraining darstellt, das verschiedene kognitive Funktionen gleichzeitig beansprucht.
Erhöhung des Intelligenzquotienten (IQ)
Eine Studie zeigt, dass Schach den IQ steigert: 4000 Studenten aus Venezuela steigerten nach nur vier Monaten Schachspielen ihren IQ signifikant. Dies deutet darauf hin, dass Schachspielen nicht nur ein Zeichen von Intelligenz ist, sondern auch dazu beitragen kann, die Intelligenz zu entwickeln.
Prävention von Alzheimer und Demenz
Im Alter ist es wichtig, das Gehirn zu beanspruchen. Es reagiert genau wie jeder andere Muskel, der nur durch Training fit bleibt. Forscher fanden heraus, dass Menschen, die älter als 75 Jahre sind und regelmäßig Strategiespiele wie Schach spielen, seltener an Demenz erkranken als Personen, die keine Brettspiele spielen. Schach kann somit als eine Form des kognitiven Trainings dienen, um das Gehirn im Alter fit zu halten und das Risiko von Demenzerkrankungen zu verringern.
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Förderung der Kreativität
Schachspielen fördert kreatives Denken - aber nur, wenn die rechte Seite des Gehirns, die für Kreativität verantwortlich ist, arbeitet. Eine wissenschaftliche Untersuchung beobachtete Schüler der siebten bis neunten Klasse, die entweder einmal in der Woche Schach oder Computer spielten oder anderen Hobbys nachgingen. Ziel war es, in 32 Wochen herauszufinden, welche Aktivität das kreative Denken am meisten förderte. Die Schachgruppe war der Gewinner auf allen untersuchten Gebieten. Schach kann also dazu beitragen, die Kreativität zu fördern und neue Denkansätze zu entwickeln.
Verbesserung der Problemlösefähigkeit
Ein Schachspieler muss schnell denken und Probleme lösen können, da der Gegner ständig seine Strategie ändert. Eine Studie aus dem Jahr 1992 untersuchte 450 Fünftklässler in New Brunswick. Die Schüler, die Schach spielten, erzielten bessere Testergebnisse als diejenigen ohne Schachkenntnisse. Schach kann somit dazu beitragen, die Fähigkeit zu verbessern, komplexe Probleme zu analysieren und effektive Lösungen zu entwickeln.
Förderung von Planung und Weitblick
Ein Teil des Gehirns, der präfrontale Kortex, ist für die Beurteilung, die Planung und Selbstkontrolle verantwortlich. Er bildet sich erst relativ spät, im Jugendalter, aus. Schachspielen erfordert strategisches und kritisches Denken. Diese Eigenschaften fördern die Entwicklung des präfrontalen Kortex' und helfen Teenagern bei Entscheidungen im Alltag. Das hält sie vielleicht sogar von dummen oder riskanten Entscheidungen ab. Schach kann somit dazu beitragen, die Entwicklung des präfrontalen Kortex zu fördern und die Fähigkeit zu verbessern, langfristige Pläne zu entwickeln und umzusetzen.
Verbesserung des Leseverständnisses und der verbalen Fähigkeiten
Eine oft zitierte Studie aus dem Jahr 1991 zeigt, dass Schachspielen das Leseverständnis trainiert. Stuart Margulies untersuchte 53 Grundschüler, die an einem Schachkurs teilnahmen und verglich sie mit Schülern ohne Schachkenntnisse aus der gleichen Gegend und über den Globus verteilt. Die schachspielenden Schüler erzielten überdurchschnittliche Testergebnisse. Eine Studie aus Pennsylvania fand heraus, dass Sechstklässler mit Schachspielen ihr Gedächtnis und ihre verbalen Fähigkeiten verbesserten. Schach kann somit dazu beitragen, die sprachlichen Fähigkeiten und das Textverständnis zu verbessern.
Beschleunigung der Regeneration nach einem Schlaganfall oder einer Behinderung
Schach fördert die Feinmotorik bei Menschen mit Behinderung, nach einem Schlaganfall oder einem Unfall. Der Betroffene muss die Schachfiguren in verschiedene Richtungen (vorwärts, rückwärts und diagonal) bewegen. Dies fördert die Feinmotorik der Patienten. Das Spielen mit einer anderen Person trainiert die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten. Schachspielen wirkt für viele Patienten beruhigend und hilft ihnen, sich zu entspannen und ihre Mitte zu finden. Schach kann somit als eine Form der Rehabilitation dienen, um die motorischen und kognitiven Fähigkeiten nach einer Verletzung oder Erkrankung wiederherzustellen.
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Therapeutischer Einsatz von Schach bei Suchterkrankungen
In zwei wissenschaftlichen Studien untersucht ein Team um ZI-Forscherin Prof. Dr. Sabine Vollstädt-Klein, ob ergänzendes schachbasiertes kognitives Training bei der Behandlung von Suchterkrankungen hilft. Es handelt sich dabei um ein schachbasiertes kognitives Training, das in einer Gruppentherapie angewendet wird. Dazu wird mit einem Demo-Brett gearbeitet, auf dem Schachpositionen zu sehen sind. Im Laufe einer Sitzung wird jedeR PatientIn gebeten, eine Aufgabe am Demo-Brett zu lösen. Dazu müssen die Teilnehmenden keine guten Schachspieler sein. „Das schachbasierte kognitive Training ist gerade für suchtabhängige Patienten interessant, da vermutlich genau die Gehirnbereiche gestärkt werden, die bei Abhängigkeitserkrankungen stark beeinträchtigt sind“, sagt Vollstädt-Klein. Die Forscherin erhofft sich, die neurobiologischen und neuropsychologischen Wirkmechanismen der schachbasierten Therapie zu identifizieren. Da die Therapie bei Betroffenen Gehirnregionen stärken soll, die für Entscheidungsfindung und Kontrolle wichtig sind, ist die Vermutung der Forscher, dass sich auch die Rückfallquote bei SuchtpatientInnen durch das schachbasierte Training vermindern lässt. Schachbasiertes kognitives Training hat nach Ansicht von Forscherin Vollstädt-Klein zudem den Vorteil, dass es oft als weniger langweilig empfunden wird als andere kognitive Trainings. Zudem können PatientInnen nach einer Therapie das Spiel in ihrer Freizeit weiter betreiben, was wiederum soziale Kontakte fördern kann.
Schach als Spiegel der kognitiven Entwicklung und des Einflusses der Umwelt
Forscher analysierten über 1,6 Millionen Züge aus mehr als 24.000 Partien der Jahre 1890 bis 2014. Um die Leistung der Spieler objektiv zu ermitteln, verglichen sie jeden Zug der menschlichen Spieler mit dem von einem Schachcomputer berechneten optimalen Zug. Dabei zeigte sich: Bis Anfang 20 steigerte sich die Leistungsfähigkeit der untersuchten Schachspieler deutlich, erreichte mit etwa 35 Jahren ein Plateau und nahm ungefähr ab einem Alter von 45 Jahren etwas ab. Zusätzlich zum individuellen Leistungsverlauf untersuchten die Forscher die Leistungsfähigkeit verschiedener Geburtsjahrgänge - und damit die Frage, ob heutige Menschen intelligenter sind als ihre Vorfahren. Es zeigte sich: Personen, die später geboren sind, spielen im Schnitt stärker als frühere Generationen. „Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die Rahmenbedingungen, unter denen wir aufwachsen, für die kognitive Entwicklung entscheidend sind. Und dazu gehört natürlich auch das technologische Umfeld“, erklärt Sundern. Ein besonders deutlicher Effekt zeigt sich beispielsweise seit den 1990er Jahren, als professionelle Schachcomputer für die breite Bevölkerung verfügbar wurden. Doch technische Möglichkeiten und verbessertes Training haben es uns offenbar ermöglicht, immer stärkere kognitive Leistungen abzurufen.
Neurophysiologische Einblicke in das Gehirn von Schachspielern
Forscher um Xiaohong Wan vom Riken Brain Science Institute in Japan haben die Hirnaktivitäten während des Schachspiels untersucht, um herauszufinden, welche Einflüsse sie auf das konkrete Spielverhalten haben, insbesondere für die Planung des nächsten Zugs. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), die aktive Hirnareale sichtbar macht, konnten sie nachweisen, dass bestimmte Neuronengruppen genau dann aktiviert werden, wenn es um das Erkennen von Schachstellungen geht. Bei professionellen Spielern gibt es zwei Hirnregionen, die beim Spielen diese Aktivierung zeigen. Die eine, der sogenannte Precuneus, liegt in den Falten des Scheitellappens, die andere, der Nucleus caudatus, im vorderen Großhirn. Erstere wird bei der Wahrnehmung von Mustern aktiviert, die zweite bei der Entscheidung über den nächsten Spielzug. Informationen über die Stellung von Spielfiguren, die von der einen Region in die andere geschickt werden, dürften hilfreich sein, wenn es darum geht, den bestmöglichen nächsten Zug zu errechnen. Dass beide Bereiche bei professionellen Spielern ähnlich stark aktiviert sind ist ein starkes Indiz für diese These. Bei Amateuren wird der Nucleus caudatus nicht so stark aktiviert. Diese Areale sind für strategische Brettspiele wie Schach unstrittig von großer Bedeutung.
Schach als Spiegelbild menschlicher Fähigkeiten und Emotionen
Schach ist mehr als nur ein Spiel; es ist ein Spiegelbild menschlicher Fähigkeiten und Emotionen. Es erfordert Konzentration, räumliche Vorstellungskraft und strategisches Denken. Schach lehrt, unter Zeitdruck Alternativen abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Schach lehrt, dass Entscheidungen Konsequenzen haben, mit denen wir leben müssen. Schach erlaubt ungezügelte Kreativität und gelungene Partien zeigen eine wunderbare Harmonie zwischen logischen, unlogischen und sogar paradoxen Aspekten. Sogar ohne Hundertschaften von Fans, Groupies, Hooligans oder einer "row zero". Beim Schachspielen entstehen überschäumende Gefühle ohne nach außen zu dringen, ohne, wenn Sie so wollen, eruptiv überzuschäumen. Aber sie sind nicht weniger intensiv.
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