Etwa eines von 330 Kindern erkrankt vor seinem 18. Geburtstag an Krebs. Am häufigsten sind Leukämien, Lymphome und Hirntumore. Die Behandlung einer Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter kann, je nach Art der Erkrankung und der eingesetzten Therapie, kurz- oder langfristig zu Hörbeeinträchtigungen oder gar Hörverlust führen. Ein gesundes Gehör ist bei Kindern, besonders in den ersten Lebensjahren, jedoch entscheidend für eine normale Sprach- und Verhaltensentwicklung. Auch können Schwerhörigkeit und ein beeinträchtigtes Sprachverständnis schwerwiegende Auswirkungen auf Lebensqualität, psychische Gesundheit, Bildungsniveau und berufliche Aussichten der Betroffenen haben.
Krebs im Kindes- und Jugendalter: Eine Übersicht
Krebs im Kindes- und Jugendalter ist insgesamt selten. Nach Angaben des Deutschen Kinderkrebsregisters erkranken aber jedes Jahr rund 2200 Minderjährige neu an Krebs. »Das bedeutet, dass etwa 1 von 330 Neugeborenen bis zum 18. Lebensjahr an Krebs erkrankt«, erläutert der Krebsinformationsdienst. Die Heilungschancen sind gut: Acht von zehn Kindern überleben ihre Krebserkrankung länger als 15 Jahre nach Diagnose, allerdings sind die Heilungsraten abhängig von der Krebsart. Grundsätzlich werden alle Kinder im Rahmen von klinischen Studien behandelt, wobei dies nicht bedeutet, dass neue Verfahren getestet werden. Vielmehr handelt es sich um sogenannte Therapie-Optimierungs-Studien.
Die Herausforderungen der Krebstherapie
»Die aktuelle Krebstherapie bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen, ist im Grunde unzumutbar«, findet Rössig, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin - Pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Münster. Sie fordert mehr Forschung und den Zugang zu neuen Therapiemöglichkeiten. »Die heutige Krebstherapie beruht auf dem Prinzip, dass alle Zellen im menschlichen Körper, die sich schnell teilen, vernichtet werden«, erläutert Rössig das Grundprinzip von Chemo- und Strahlentherapie. So werde durch die Chemotherapie oft die Blutbildung beeinträchtigt. Die Patienten hätten über einen längeren Zeitraum keine Abwehrkräfte und könnten sich nicht gegen Infektionen wehren. In vielen Fällen würden insbesondere die Schleimhäute zerstört. »Viele Kinder und Jugendliche heilen wir zwar mit dieser Therapie, aber die Nebenwirkungen sind eine schwere Belastung für die jungen Patienten«, so die Kinderonkologin. Es komme häufig zu Spätfolgen, zum Beispiel, dass Kinder einen Hörschaden erleiden oder nicht gut wachsen. »Meistens haben die Kinder irgendeinen messbaren Schaden, insbesondere nach einer Knochenmarktransplantation. Wir suchen deshalb nach Alternativen, die zum einen wirksam sind, also die Krebszellen vernichten, aber vor allem nicht diese schwerwiegenden Spätfolgen verursachen.
Wie Chemotherapie das Gehör schädigen kann
Sprache, Musik oder Geräusche erzeugen Schalldruckwellen (Schwingungen) in der Luft, die von unserem Ohr wahrgenommen werden. Langsame Schwingungen hören wir als tiefe Töne, schnelle Schwingungen als hohe Töne. Für unsere Hörfähigkeit ist unser gesamtes Hörorgan verantwortlich. Gut zu wissen: Das Ohr eines Menschen kann in drei Abschnitte unterteilt werden: das Außenohr, das Mittelohr und das Innenohr. Spätfolgen nach einer Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter betreffen vor allem das Innenohr.
Innenohr: Im Innenohr befinden sich das Gleichgewichtsorgan und die Gehörschnecke, das eigentliche Hörorgan. Die Schnecke entspricht einer mit Flüssigkeit gefüllten spiralförmigen Röhre. Sie ist in ihrer gesamten Länge mit Sinneszellen besetzt. Diese werden auch Haarzellen genannt, weil sie an ihrer Oberfläche feine Härchen tragen. Die Haarzellen sind unterschiedlich empfindlich für verschiedene Tonhöhen und Frequenzen, je nachdem, an welcher Stelle in der Gehörschnecke sie sich befinden: Die äußeren Haarzellen am Beginn der Spirale, der Basis, verarbeiten die hohen Frequenzen. Das letzte der drei Gehörknöchelchen (Steigbügel) drückt wie ein Stempel in das mit Flüssigkeit gefüllte Gehörorgan des Innenohrs (die Gehörschnecke).
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Sowohl eine Chemotherapie mit bestimmten Medikamenten als auch eine Strahlentherapie im Kopfbereich können das Gehör schädigen sowie Tinnitus und/oder Gleichgewichtsstörungen verursachen. Ein besonders hohes Risiko haben Patienten nach Behandlung mit platinhaltigen Substanzen und/oder Strahlendosen ab 30 Gray. Eine Kombination beider Therapieformen erhöht das langfristige Risiko einer Hörbeeinträchtigung. Medikamente, die Platin enthalten, können bei manchen Patienten dazu führen, dass Sinneszellen im Innenohr nachhaltig geschädigt werden. Die Betroffenen leiden dann an einer Schwerhörigkeit. Da zunächst jene Sinneszellen Schaden erleiden, die für die Empfindung sehr hoher Töne zuständig sind (sie befinden sich an der Basis der Gehörschnecke), betrifft die Schwerhörigkeit vor allem das Wahrnehmen hoher Töne (Hochtonschwerhörigkeit). Die Hochtonschwerhörigkeit bewirkt eine verminderte Unterscheidungsfähigkeit (Diskrimination) von Konsonanten, den Bedeutungsträgern der Sprache. Mit steigender Gesamtdosis der Medikamente kann allerdings zunehmend auch das Hören tieferer und für das Sprachverständnis wichtiger Töne beeinträchtigt sein.
Die am häufigsten eingesetzten platinhaltigen Zytostatika in der Kinderkrebsheilkunde sind Cisplatin und Carboplatin. Cisplatin wirkt stärker schädigend auf das Gehör als Carboplatin, welches in der Regel erst bei höheren Dosen ototoxisch wirkt. Wo es möglich ist, wird daher Cisplatin durch Carboplatin ersetzt. Leider gibt es aber in vielen Fällen keinen sicheren Beweis für die Gleichwertigkeit der Wirkung.
Die Behandlung mit platinhaltigen Medikamenten kann bei manchen Patienten auch zum Auftreten störender Ohrgeräusche führen (Tinnitus). Diese gesundheitlich nicht gefährliche, wohl aber als sehr lästig empfundene Komplikation kann vorübergehend oder anhaltend sein. Neben platinhaltigen Zytostatika können auch andere Medikamente, die möglicherweise im Rahmen der Behandlung eingesetzt werden, ototoxisch wirken. Gut zu wissen: Eine Schädigung durch Medikamente betrifft immer beide Ohren.
Eine Bestrahlung im Bereich des Kopfes oder des Gehirns kann, wenn sie die Ohren miterfasst, Blutgefäße im Innenohr schädigen und dadurch (zum Beispiel infolge von Durchblutungsstörungen, Entzündungen und Fibrosierung, das heißt übermäßiger Bildung von Bindegewebe) ebenfalls zu einer Beeinträchtigung des Gehörs führen. Alle Patienten, die eine Schädelbestrahlung von mehr als 30 Gray (= Gy) erhalten, haben ein erhöhtes Risiko für einen späteren Hörschaden. Die Bestrahlung kann auch einen Tinnitus verursachen sowie, je nach Strahlendosis, auch das Außen- und Mittelohr betreffen (zum Beispiel Mittelohrentzündung, Schwellung des Gehörgangs und des Trommelfells, Flexibilitätsverlust von Trommelfell oder Mittelohrknochen).
Anzeichen einer Hörstörung bei Kindern
Eine Hörstörung bei sich selbst oder bei einem Kind zu bemerken, ist oft nicht leicht. Das gilt vor allem dann, wenn nur bestimmte Frequenzbereiche des Hörens betroffen sind. Bei einer Hochtonschwerhörigkeit werden hohe Töne nicht mehr wahrgenommen. Dies bleibt oft unbemerkt, stellt aber eine erhebliche Behinderung beim Sprachverstehen und somit beim Spracherwerb dar. Die Wahrnehmung hoher Töne ist auch die Voraussetzung dafür, dass man die Richtung einer Schallquelle einordnen kann. Es gibt verschiedene Anzeichen (Symptom), die bei einem Kind auf eine Hörstörung hinweisen können. Die Art der Symptome hängt vor allem von der Form und Schwere der Hörstörung sowie vom Alter des betroffenen Kindes ab.
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- bis zum 3. bis zum 6. Monat: Das Kind erschrickt nicht bei lauten und plötzlich einsetzenden Geräuschen. Es wendet nicht den Kopf, wenn es Geräusche von der Seite hört oder von der Seite angesprochen wird. Es hört nicht zu, wenn es eine Stimme hört.
- bis zum 9. bis zum 12. Monat: Das Kind reagiert nicht auf den eigenen Namen. Es horcht nicht auf leise Geräusche (zum Beispiel Papierrascheln, Ticken einer Uhr). Das „Brabbeln“ des Kindes verändert sich im ersten Lebensjahr nicht oder kaum und es versucht, durch schrille Schreisignale auf sich aufmerksam zu machen.
- bis zum 18. Monat: Das Kind reagiert nicht angemessen auf Aufforderungen, die in normaler Lautstärke aus einem Meter Entfernung gesprochen werden, es sei denn, diese werden durch Gesten unterstützt oder ergeben sich aus dem Situationszusammenhang. Das Brabbeln des Kindes entwickelt sich nicht zu erkennbaren Sprachlauten und Wörtern.
- bis zum 24. Monat: Das Kind reagiert nicht auf leises Zurufen des Namens aus vier bis sechs Meter Entfernung.
Wichtig: Wenn Sie eines oder mehrere der genannten Symptome an Ihrem Kind feststellen, sollten Sie auf jeden Fall einen Arzt (möglichst einen Facharzt für Phoniatrie (Stimmheilkunde) und Pädaudiologie (Wissenschaft der kindlichen Hörstörungen), einen Audiologen oder HNO-Arzt) konsultieren, um die Ursache zu klären. Ein gutes Gehör ist für Kinder besonders wichtig, damit sie sich normal entwickeln können und richtig sprechen lernen.
Früherkennung und Diagnose von Hörschäden
Hörstörungen müssen so früh wie möglich erkannt werden, um betroffenen Kindern und Jugendlichen wirksam zu helfen und sie gegebenenfalls mit Hörgeräten zu versorgen. Aus diesem Grund sollte ein Hörtest vor Beginn einer Behandlung und, bei einem therapiebedingten und/oder individuellen Risiko, zusätzlich während und bei Abschluss der Behandlung erfolgen. Kinder, die bereits während der Therapie eine Hörminderung zeigen, müssen sowohl während des weiteren Therapieverlaufs als auch nach Abschluss der Therapie engmaschig kontrolliert werden. Denn es ist damit zu rechnen, dass der Hörverlust im Verlauf der Therapie zunimmt und auch nach Therapieende weiter fortschreitet. Experten empfehlen in diesen Fällen in den ersten zwei Jahren nach Ende der Chemotherapie alle sechs Monate einen Hörtest und über mindestens drei weitere Jahre einen jährlichen Hörtest.
Wenn die Untersuchungen während und nach Abschluss der Behandlung keine Hinweise auf eine Schwerhörigkeit ergeben, so empfiehlt sich dennoch eine Kontrolle nach einem oder nach zwei Jahren. Denn eine Hörstörung kann sich, trotz eines normalen Hörvermögens nach Ende der Behandlung, auch noch zu einem späteren Zeitpunkt entwickeln. Achten Sie unbedingt auf die Einhaltung der von Ihrem Behandlungsteam empfohlenen Nachsorgetermine!
Zur Überprüfung der Gehörfunktion sowie gegebenenfalls eines Tinnitus stehen verschiedene subjektive und objektive Verfahren zur Verfügung. Die genannten Untersuchungen werden bei allen Patienten empfohlen, die eine Chemotherapie mit Cisplatin, hochdosiertem Carboplatin, Methotrexat, Vincristin und/oder eine hochdosierte Schädelbestrahlung erhalten haben oder bei denen eine Operation im Bereich des Gehirns mit Auswirkungen auf das Hörsystem durchgeführt wurde.
- Tonaudiometrie: Bei der Erstellung eines Tonschwellen-Audiogramms werden dem Patienten, zum Beispiel über einen Kopfhörer, einzelne, verschieden hohe Töne vorgespielt. Dabei wird die Lautstärke des Tons verändert und der Patient erklärt jeweils, ob er den Ton hört oder nicht. Die ermittelte Lautstärke, bei der der jeweilige Ton gerade noch hörbar ist, wird als Hörschwelle bezeichnet. Die Ergebnisse der Untersuchung werden in einem Diagramm festgehalten.
- Otoakustische Emissionen (OAE): Bei der Messung otoakustischer Emissionen (OAE) wird ebenfalls die Funktion des Innenohrs überprüft. Anders als beim Audiogramm ist aber die Mithilfe des Untersuchten nicht erforderlich (objektiver Hörtest). Bei der Untersuchung werden winzige Messmikrofone in den äußeren Gehörgang eingeführt. Treffen Schallwellen auf ein gesundes Ohr, werden die äußeren Haarzellen im Innenohr aktiv. Sie ziehen sich zusammen und produzieren dabei sehr leise Töne (otoakustische Emissionen), die von den hochempfindlichen Mikrofonen registriert werden.
- Weitere Testverfahren: Besonders bei jüngeren Kindern sind subjektive, altersgemäße Testverfahren hilfreich: So kann zum Beispiel bei Kindern bis zum zweiten Lebensjahr die Verhaltens- oder Reflexaudiometrie zum Einsatz kommen. Dabei werden durch Schallreize verschiedene Reflexe ausgelöst (wie Lidschlag, Wenden von Blick oder Kopf zur Schallquelle). Bei Kindern ab zwei bis drei Jahren ist eine Spielaudiometrie möglich. Wenn eine Ton-Audiometrie und/oder die Messung otoakustischer Emissionen nicht möglich sind/ist, kann in Ausnahmefällen eine Hirnstammaudiometrie (BERA-Hörtest) durchgeführt werden.
- Hochfrequenz-Audiometrie: Um Schäden im Innenohr im Hochtonbereich frühzeitig zu diagnostizieren, kann auch eine so genannte Hochfrequenz-Audiometrie in Frage kommen. Diese geht über eine Standard-Audiometrie (siehe oben) hinaus, indem sie das Hörvermögen bei noch höheren Frequenzen als diese untersucht. Die Hochfrequenz-Audiometrie ist eine wichtige Methode zur Früherkennung von Hörstörungen.
Um Beeinträchtigungen im Bereich des Mittel- und Außenohrs auszuschließen, werden darüber hinaus auch immer die Funktion des Mittelohrs, insbesondere des Trommelfells und der Gehörknöchelchen, untersucht (Tympanometrie) sowie der äußere Gehörgang und das Trommelfell mit Hilfe des Ohrmikroskops betrachtet (Otoskopie). Die Untersuchungen dienen unter anderem der Feststellung, ob die Weiterleitung des Schalls durch Schädigungen in diesen Bereichen behindert wird, also eine Schallleitungsschwerhörigkeit vorliegt.
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Präventive Maßnahmen und Schutz des Gehörs
Das Behandlungsteam wird versuchen, während einer Therapie mit platinhaltigen Zytostatika, Methotrexat und/oder Vincristin möglichst Medikamente oder Medikamentendosierungen zu vermeiden, die ebenfalls das Gehör schädigen können.
Patienten, die im Rahmen ihrer Krebsbehandlung eine Chemotherapie mit den Medikamenten Cisplatin oder Carboplatin und/oder eine Strahlentherapie im Bereich des Kopfes erhalten, müssen unter Umständen mit einer Beeinträchtigung des Gehörs rechnen. Wichtig zu wissen: Jeder Patient wird individuell behandelt, das heißt, nicht in jedem der genannten Krankheitsfälle werden platinhaltige Medikamente verabreicht beziehungsweise eine Bestrahlung im Kopfbereich durchgeführt, die auch die Innenohren erfasst. Auch führt nicht jede derartige Strahlentherapie und jede Behandlung mit Cisplatin und/oder Carboplatin notgedrungen zu Spätfolgen. Die Höhe der Medikamenten- und Strahlendosis spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Wenn aufgrund der Behandlung bereits ein gewisses Risiko für die Entwicklung einer Hörstörung besteht, sollte der Patient sowohl während als auch direkt nach Abschluss der Therapie unbedingt darauf achten, Lärmquellen zu vermeiden, damit das Gehör nicht zusätzlich geschädigt wird. Das wird verständlich, wenn man weiß, dass die Lautstärke eines Geräusches durch den Druck der Schallwelle bestimmt wird, die auf das Ohr trifft. Ein starker Druck produziert laute, ein schwacher Druck leisere Töne. Denn: Ein starker Druck stimuliert sehr viele Sinneszellen im Innenohr, ein schwacher Druck nur einige wenige.
Nicht nur ein einmaliges, sehr lautes Schallereignis (zum Beispiel ein lauter Knall), sondern auch die längere Belastung mit vergleichsweise geringerem Lärm kann zur Schwerhörigkeit führen, zum Beispiel das ständige Hören von lauter Musik über einen Kopfhörer oder häufige und längere Aufenthalte in Diskotheken, in denen der Geräuschpegel meist sehr hoch ist.
Natriumthiosulfat zur Vorbeugung von Hörschäden
Natriumthiosulfat (Handelsname Pedmarqsi) ist seit Mai 2023 für Patientinnen und Patienten ab 1 Monat bis zu 18 Jahren mit soliden Tumoren ohne Metastasen zugelassen. Infrage kommt der Wirkstoff, wenn das Risiko besteht, dass es durch eine Chemotherapie mit Cisplatin zu einem Hörschaden kommt. Zu den soliden Tumoren zählen unter anderem Krebserkrankungen des Nervensystems, der Knochen oder der Niere. Medikamente, die Platin enthalten, können bei manchen Patientinnen und Patienten dazu führen, dass Sinneszellen im Innenohr geschädigt werden. Der Wirkstoff wird als Infusion im Krankenhaus verabreicht und soll 6 Stunden nach der Chemotherapie gegeben werden. Die Dosis orientiert sich am Körpergewicht. Vor der Behandlung werden sogenannte Antiemetika empfohlen, um Erbrechen und Übelkeit zu verhindern.
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat geprüft, ob Natriumthiosulfat für Kinder als Vorbeugung einer Hörschädigung durch eine Cisplatin-Chemotherapie im Vergleich zu dem abwartenden Beobachten Vor- oder Nachteile hat. Um diese Frage zu beantworten, legte der Hersteller 1 geeignete Studie mit 114 Kindern vor. Alle Kinder erhielten Cisplatin, 61 Kinder erhielten zusätzlich Natriumthiosulfat. In der Studie wurden Kinder im Mittel (Median) im Alter von etwas über 1 Jahr mit Leberkrebs untersucht. Eine Aussage über Vor- und Nachteile von Natriumthiosulfat lässt sich aus dem Grund nur für Kinder mit Leberkrebs ableiten. Die Kinder in der Studie wurden im Mittel (Median) bis zu 4,6 Jahren untersucht.
- Hörverlust: Hier deutet die Studie auf einen Vorteil von Natriumthiosulfat hin. Mit Natriumthiosulfat hatten umgerechnet auf 100 Kinder 32 bis 35 einen Hörverlust.
- Erbrechen: Hier deutet die Studie auf einen Nachteil von Natriumthiosulfat hin: Bezogen auf 100 Kinder trat bei 85 mit Natriumthiosulfat Erbrechen auf. Ohne Natriumthiosulfat war das bei 54 von 100 Kindern der Fall.
- Schwere Hypokaliämie und schwere Hypophosphatämie: Auch bei diesen schweren Nebenwirkungen deutet die Studie auf einen Nachteil hin. Bei einer Hypokaliämie ist zu wenig Kalium im Blut. Die Folge kann Muskelschwäche oder Herzrasen sein. Bei einer Hypophosphatämie ist zu wenig Phosphat um Blut. Sie kann zu Muskelschwäche und Atem- oder Herzinsuffizienz führen. Beide schweren Nebenwirkungen traten mit Natriumthiosulfat bei 9 von 100 Kindern auf.
- Lebenserwartung: Hier zeigte sich kein Unterschied. In beiden Gruppen waren 4 bis 8 von 100 Kindern in der Studienzeit gestorben.
- Schwere Nebenwirkungen insgesamt: Auch hier zeigte sich kein Unterschied.
Behandlungsmöglichkeiten bei Hörverlust
Wenn Hörverluste auftreten, die den Hauptsprachbereich betreffen, so müssen die betroffenen Kinder mit einem Hörgerät versorgt werden. Ein Hörgerät ist im Prinzip ein akustischer Verstärker. Das Geräusch wird von einem Mikrofon empfangen, verstärkt und über einen Lautsprecher an das Ohr weitergeleitet. Trotzdem ist der Höreindruck mit einem Hörgerät anders als der natürliche. Vor allem das Sprachverstehen kann mit einer alleinigen Hörgerätversorgung unbefriedigend bleiben.
Daher kann - vor allem bei Schulkindern - zusätzlich zum Hörgerät die Versorgung mit einer drahtlosen Signalübertragungsanlage (FM-Anlage) sinnvoll sein. Bei einer solchen Anlage wird der Sprachschall des Sprechers über ein Mikrofon aufgenommen und per Funk direkt auf die Hörgeräte des Kindes übertragen.
Bei schwer Hörgeschädigten, die keine Hörgeräte verwenden können, ist gegebenenfalls auch die chirurgische Versorgung mit einer elektronischen Innenohrprothese (Cochlea-Implantat) möglich. Ein Cochlea-Implantat kann die ausgefallene Funktion der Gehörschnecke, dem Hörorgan im Innenohr, ersetzen.
Neben regulären Cochlea-Implantaten gibt es Hybrid-Geräte (auch bekannt als elektro-akustische Stimulation, kurz EAS); diese kombinieren zwei Technologien, Cochlea-Implantat und Hörgerät, in ein und demselben Gerät. Das Cochlea-Implantat sendet elektrische Impulse an den Hörnerv und dient der Wiederherstellung der hohen Töne; das Hörgerät verstärkt die tieferen Töne und unterstützt somit das Hören im Tieftonbereich.
Unterstützung und Förderung bei Hörbeeinträchtigungen
Trotz der Versorgung mit Hörhilfen kann die Hör- und Sprachentwicklung eines schwerhörigen Kindes beeinträchtigt sein und das Hören anstrengend sein, es kann zu Schulproblemen kommen und die Lebensqualität kann darunter leiden. Durch fördernde Verhaltensmaßnahmen kann das Kind unterstützt werden, sowohl zu Hause als auch in der Schule (zum Beispiel durch eine Verbesserung der Akustik in Räumen oder durch einen günstigen Sitzplatz in der Schule).
Weitere praktische Hilfen sind unter anderem Relay-Dienste zur Telekommunikation, mit deren Hilfe zum Beispiel schrift- oder videobasierte Nachrichten (Gebärdensprache) über einen Operator für den hörenden Empfänger in gesprochener Sprache wiedergegeben und, umgekehrt, gesprochene Nachrichten in Text oder Zeichensprache für den Hörgeschädigten umgesetzt werden.
Forschung und zukünftige Perspektiven
Ein Blick in die Forschung: Die Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter und Spätfolgen für das Gehör (Ototoxizität) werden im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte weiter untersucht. Das Ziel dieser Studien ist es, die Kenntnisse über das Zusammenwirken der verschiedenen Risikofaktoren besser zu verstehen und dadurch zu einer Verbesserung der Nachsorgeempfehlungen und, soweit möglich, auch zur Entwicklung nebenwirkungsärmerer Therapien beizutragen. Eine europaweite Studie (PanCareLIFE), die sich unter anderem auch dem Thema Ototoxizität widmet, ist vor kurzem angelaufen.
Derzeit wird intensiv an Substanzen geforscht, die das Gehör während einer potentiell schädigenden Therapie schützen können, wenn sie zeitgleich verabreicht werden. Manche dieser Substanzen haben eine entzündungshemmende Wirkung, andere können möglicherweise verhindern, dass die Haarsinneszellen im Innenohr absterben.
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