Missempfindungen der Haut können vielfältige Ursachen haben. Diese reichen von harmlosen vorübergehenden Reizungen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen des Nervensystems. Die Hypästhesie, eine verminderte Berührungsempfindlichkeit, ist eine solche Missempfindung, die im Zusammenhang mit dem Sulcus-ulnaris-Syndrom auftreten kann.
Grundlagen der Missempfindungen
Um die Hypästhesie im Kontext des Sulcus ulnaris Syndroms besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich mit den verschiedenen Arten von Missempfindungen auseinanderzusetzen:
- Parästhesie: Hierbei handelt es sich um Empfindungen wie Kribbeln, Pelzigkeit oder Ameisenlaufen. Sie werden als "Fehlempfindungen" wahrgenommen und können auf Nervenschädigungen hinweisen.
- Dysästhesie: Diese Missempfindungen sind unangenehm bis schmerzhaft, ohne dass ein offensichtlicher Grund für die Schmerzen vorliegt.
- Hypästhesie: Im Vordergrund steht ein Taubheitsgefühl oder eine verminderte Berührungsempfindlichkeit.
- Hyperästhesie: Das Gegenteil der Hypästhesie, eine erhöhte Empfindlichkeit der Haut gegenüber verschiedenen Sinnesreizen wie Berührung, Druck oder Temperatur.
Was ist das Sulcus-ulnaris-Syndrom?
Das Sulcus-ulnaris-Syndrom, auch bekannt als Kubitaltunnel-Syndrom, ist ein Nervenengpasssyndrom des Nervus ulnaris, eines der drei Hauptnerven des Arms. Dieser Nerv verläuft an der Kleinfingerseite des Unterarms und ist in Höhe des Ellenbogens in einer Knochenrinne (Sulcus ulnaris) tastbar. Aufgrund seiner oberflächlichen Lage ist der Nerv in diesem Bereich besonders empfindlich für Druck und Zug. Die Region wird auch als Musikantenknochen oder Musikerknochen bezeichnet.
Funktionen des Nervus ulnaris
Der Nervus ulnaris hat zwei Hauptfunktionen:
- Sensible Versorgung: Er ist für die Gefühlsversorgung des 4. und 5. Fingers verantwortlich.
- Motorische Funktion: Er steuert wichtige Teile der Unterarmmuskulatur, die Muskulatur des Daumen- und Kleinfingerballens sowie die kurze Muskulatur der Hand (Finger abspreizen und zusammenführen).
Ursachen der Hypästhesie beim Sulcus-ulnaris-Syndrom
Die Hypästhesie beim Sulcus-ulnaris-Syndrom entsteht durch eine Schädigung oder Kompression des Nervus ulnaris im Bereich des Ellenbogens. Zu den häufigsten Ursachen gehören:
Lesen Sie auch: Ursachen von Finger Hypästhesie bei MS
- Chronische Zug- oder Druckbelastungen: Wiederholte oder anhaltende Belastungen des Ellenbogens können den Nerv reizen und schädigen.
- Frakturen oder Verrenkungen des Ellenbogengelenks: Verletzungen des Ellenbogens können zu einer Einengung des Nervs führen.
- Diabetes mellitus, Übergewicht sowie Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises: Diese Faktoren können das Risiko für die Entwicklung eines Kubitaltunnelsyndroms erhöhen.
- Überlastung durch intensiven Armeinsatz: Eine starke Beanspruchung des Arms kann die Entstehung eines Kubitaltunnelsyndroms begünstigen.
Symptome der Hypästhesie im Zusammenhang mit dem Sulcus-ulnaris-Syndrom
Ein häufiges Symptom des Sulcus-ulnaris-Syndroms ist das Einschlafen des 4. und 5. Fingers, verbunden mit Missempfindungen, oft im Bereich der Handkante und des Unterarms. Im weiteren Verlauf können starke Schmerzen im inneren Unterarm und im 4. und 5. Finger auftreten.
Weitere Symptome können sein:
- Taubheitsgefühle (Hypästhesie) des 4. und 5. Fingers sowie der Unterarminnenseite und der Handkante.
- Kribbelparästhesien ("Ameisenlaufen") im Bereich des Klein- und Ringfingers.
- Ziehende Schmerzen im Ellenbogen, die in den Unterarm und die Handkante ausstrahlen.
- Kraftminderung in der Hand: Zunächst Ungeschicklichkeit/Kraftlosigkeit der Hand, so dass Dinge fallen gelassen werden oder einfache Handlungen, wie z. B. das Aufschließen der Tür nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich sind.
- Schwierigkeiten beim Spitzgriff: Schreiben oder Flaschenöffnen können schwerfallen.
- Atrophie des ersten Zwischenfingerraums: Das "Verschwinden" des Muskelgewebes zwischen Daumen und Zeigefinger.
- In späten Stadien: Vollständige Ausbildung der sogenannten „Krallenhand“.
Diagnose des Sulcus-ulnaris-Syndroms
Die Diagnose des Sulcus-ulnaris-Syndroms kann aufgrund der Ähnlichkeit zum Loge-de-Guyon-Syndrom schwierig sein. Sowohl beim Sulcus-ulnaris-Syndrom als auch beim Loge-de-Guyon-Syndrom können Taubheitsgefühle im Bereich des 4. und 5. Fingers sowie Muskelschwächen der Hand festgestellt werden.
Der Weg zu einer sicheren Diagnose besteht aus:
- Erstgespräch: Die Ärztin oder der Arzt erfragt die genauen Beschwerden und deren Verlauf. Wichtig ist zu klären, wie lange die Symptome schon bestehen und wie stark sie sind.
- Körperliche Untersuchung: Durch vorsichtiges Abklopfen der Innenseite des Ellenbogens kann festgestellt werden, an welchen Stellen der Nerv möglicherweise eingeklemmt ist. Bei der klinischen Untersuchung fällt oft ein Taubheitsgefühl im Bereich des 5. Fingers und der Innenseite des 4. Fingers auf. Bei fortgeschrittenen Erkrankungen fällt es den Patienten schwer, ein Blatt Papier zwischen den gestreckten Fingern zu halten.
- Neurologische Untersuchung: Diese kann anhand von neurophysiologischen Untersuchungen zwischen Rinnen-Syndrom und Loge de Guyon-Syndrom differenzieren.
- Elektroneurografie (ENG/EMG): Bei dieser Untersuchung wird gemessen, wie schnell der Nerv einen Reiz weiterleitet.
- Nervensonographie: Eine Ultraschalluntersuchung der peripheren Nerven, um strukturelle Veränderungen des Nervs darzustellen.
Behandlungsmöglichkeiten bei Hypästhesie durch Sulcus-ulnaris-Syndrom
Die Behandlung der Hypästhesie beim Sulcus-ulnaris-Syndrom richtet sich nach der Schwere der Symptome und der Ursache der Nervenkompression.
Lesen Sie auch: Diagnose und Behandlung der Hypästhesie des Nervus medianus
Konservative Behandlung
In frühen Stadien oder bei leichter Ausprägung kann durch Vermeidung der auslösenden Ursachen, z. B. Zug- oder Druckbelastung, der Verlauf gebessert werden.
Weitere konservative Maßnahmen sind:
- Nächtliche Lagerungsschienen: Ähnlich wie bei der konservativen Behandlung des Karpaltunnel-Syndroms gibt es auch nächtliche Lagerungsschienen für das Rinnen-Syndrom.
- Lokale Infiltrationen: Infiltrationen mit entzündungshemmenden Medikamenten können helfen, die Schwellung um den Nerv zu reduzieren.
- Vermeidung von starker Beugung des Ellenbogens: Eine starke Beugung des Ellenbogens über einen längeren Zeitraum sollte vermieden werden, z.B. beim Abstützen am Schreibtisch oder beim Einschlafen.
Operative Behandlung
In fortgeschrittenen Fällen oder bei Versagen der konservativen Therapie oder starken Beschwerden sollte eine operative Therapie durchgeführt werden. Es gibt zwei Methoden der operativen Entlastung des Nervs:
- Alleinige Dekompression des N. ulnaris: Hierbei wird das derbe Band über dem Nerv und die einengende Muskulatur durchtrennt, um wieder ausreichend Platz für den Nerv zu schaffen. Der Eingriff kann offen oder endoskopisch durchgeführt werden. Der Goldstandard ist leitliniengemäß die einfache Dekompression des Nervs, die standardmäßig endoskopisch durchgeführt wird. Der Vorteil der Endoskopie liegt in der kleineren Narbe, bei der sehr oft auch kein Fadenzug erforderlich ist.
- Subkutane/submuskuläre Vorverlagerung des N. ulnaris: Eine Verlagerung des Nerven ist nur in Ausnahmefällen erforderlich. Häufiger wird über eine Vorverlagerung erst intraoperativ entschieden, wenn sich die ursprüngliche Loge des Nervs als ungeeignet zeigt.
Die Entscheidung, welches Verfahren zur Anwendung kommt und ob eine alleinige Dekompression ausreichend oder eine Vorverlagerung des Nerven von Nöten ist, wird am Einzelfall entschieden.
Nachsorge nach einer Operation
Um eine rasche Wundheilung und Genesung des Armes zu erreichen, sollte der Arm in den ersten Tagen geschont werden. Bereits ab dem ersten postoperativen Tag ist ein vorsichtiges Bewegen des Ellenbogens erforderlich. Am dritten Tag nach der Operation kann der Wickelverband abgelegt werden. Schwere Arbeiten mit dem betroffenen Arm sollten für 2-4 Wochen unterlassen werden. Nach 2-3 Wochen ist der Arm zum alltäglichen Gebrauch wie auch für die meisten beruflichen Tätigkeiten wieder einsatzfähig.
Lesen Sie auch: Ellenbogen-Nervenschädigung: Ein umfassender Überblick
tags: #hypasthesie #bei #sulcus #ulnaris