Hypersalivation, oder vermehrter Speichelfluss, ist ein Symptom, das bei Patienten mit Morbus Parkinson und anderen neurologischen Erkrankungen auftreten kann. Es beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen erheblich und führt in manchen Fällen zur sozialen Isolation. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und verschiedenen Behandlungsansätze der Hypersalivation im Zusammenhang mit Parkinson.
Was ist Hypersalivation?
Im engeren Sinne bezeichnet Hypersalivation eine übermäßige Speichelproduktion. Oft liegt jedoch eine "funktionelle" Hypersalivation vor, bei der das Abschlucken und/oder die Speichelflusskontrolle beeinträchtigt sind. Obwohl die Speichelproduktion normal sein kann, kann der Speichel aufgrund von Schluckbeschwerden oder einer beeinträchtigten Mundmotorik nicht ausreichend abtransportiert werden.
Ursachen von Hypersalivation
Eine Hypersalivation kann vielfältige Ursachen haben. Neben Erkrankungen der Speicheldrüsen und der Mundhöhle können auch Vergiftungen, neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Parkinson-Krankheit und Amyotrophe Lateralsklerose) und psychische Ursachen eine vermehrte Speichelproduktion auslösen.
Häufig betroffen sind Patienten mit neurologischen Erkrankungen, wie:
- Schlaganfall
- Schädelhirntrauma
- Multiple Sklerose
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
- Morbus Parkinson
- Zerebralparese (bei Kindern)
- Angeborene Syndrome
Bei Parkinson-Patienten tritt Hypersalivation oft bereits in frühen Stadien der Erkrankung auf, infolge der verminderten Beweglichkeit der Mund- und Rachenmuskulatur. Auch Medikamente, insbesondere Neuroleptika, können eine Sialorrhoe verursachen.
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Die Bedeutung von Speichel
Speichel (lat. Saliva) spendet nicht nur Feuchtigkeit, er hat auch wichtige Schutz- und Reinigungsfunktionen. Pro Tag werden ca. 0,5-1,5 l Speichelmenge produziert - ein Großteil davon von Speicheldrüsen, Glandula parotidea und der Glandula submandibularis.
Der Speichel besteht zum größten Teil aus Wasser. Nur etwa 0,5 Prozent setzen sich aus gelösten Bestandteilen zusammen. Im Speichel enthalten sind Provitamine, Glykoproteine, Bakterizide, Elektrolyte, Antikörper, Kalium, Calcium-Ionen, Natrium, Chlorid, Fluorid und Rhodanid.
Der Speichel hat viele Funktionen im Körper. Er hält die Schleimhäute feucht, hilft beim Schlucken, Schmecken, Riechen und Sprechen und schwemmt Keime aus dem Mundraum. Er neutralisiert Säuren, die durch Essen und Trinken entstehen, macht das Essen gleitfähig und löst wertvolle Substanzen aus der Nahrung. Ferner trägt er zur Immunabwehr bei und ist für die Remineralisation der Zähne wesentlich, sodass auch unsere Zahngesundheit davon abhängt. Zudem schützt der feuchte Speichelfilm die Zähne vor aggressiven Bakterien, die zur Karies führen.
Diagnose von Hypersalivation
Eine Sialorrhoe (Speichelfluss) ist ein eher selten beachtetes Symptom bei einer Vielzahl neurologischer Erkrankungen. Die Diagnostik der Hypersalivation umfasst in der Regel:
- Anamnese: Eine ausführliche Anamnese mit Fragen zu Hustenreiz, Verschlucken, Räuspern und Speichelfluss.
- Klinische Untersuchung: Eine inspektorische klinische Untersuchung des Mund- und Rachenbereiches.
- Screening-Instrumente: Fragebögen wie die Drooling Severity and Frequency Scale (DSFS), die SWAL-QOL and SWAL-CARE oder spezifisch für die Parkinson-Erkrankung der swallowing disturbance questionnaire (SDQ) und die Sialorrhea Clinical Scale for PD (SCS-PD).
- Fiberoptische Untersuchung (FEES): Bei Verdacht auf eine Schluckstörung empfiehlt sich zur Diagnostik und Beurteilung der Schwere einer Schluckstörung eine fiberoptische (FEES) Untersuchung. Diese ist inzwischen der Standard bei der Untersuchung einer Schluckstörung.
- Gastroskopie oder Breischluck: Auch eine Gastroskopie oder ein klassischer „Breischluck“ können in der Diagnosestellung erforderlich und sinnvoll sein.
Therapieoptionen bei Hypersalivation
Die Behandlung der Hypersalivation zielt darauf ab, die Speichelproduktion zu reduzieren oder die Fähigkeit zum Schlucken zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die je nach Ursache und Schweregrad der Hypersalivation eingesetzt werden können.
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Konservative, nicht-medikamentöse Therapie
Verschiedene nicht-medikamentöse Therapiemethoden können zur Verbesserung der Symptomatik beitragen.
- Logopädische Therapie: Bei Problemen mit dem Speichelabfluss, die durch Schluckblockaden bedingt sind, kann ein Verhaltenstraining oder eine logopädische Therapie Abhilfe schaffen. Bei der logopädischen Therapie können Schlucktechniken erlernt und im Alltag gefestigt werden.
- Ergotherapie: Eine Ergotherapie im Gesichtsbereich, bei der die Funktion des Kiefers normalisiert wird, stellt eine Behandlungsmöglichkeit dar.
- Schlucktraining: Wenn der Hypersalivation eine Schluckstörung zugrunde liegt, wird therapeutisch ein Schlucktraining eingesetzt, da hiermit am Kardinalsymptom gute Effekte erzielt werden können. Es existieren verschiedene Ansätze wie Stimulation des Schluckreflexes, Training von Einzelkomponenten des Schluckaktes, veränderte Nahrungskonsistenzen, Kopfhaltungen oder Erlernen bestimmter Schluckmanöver. Die Auswahl ist stark von der Ursache der Schluckstörung, den begleitenden Erkrankungen und der Kooperationsfähigkeit der Patienten bestimmt.
Medikamentöse Therapie
- Anticholinergika: Medikamentös wurde lange Zeit eine anticholinerge Behandlung praktiziert. Diese kann oral in Form von Tabletten oder transdermal erfolgen. Zum Einsatz kommen insbesondere Atropin, Scopolamin und Glycopyrronium. Allerdings gilt es zu beachten, dass für die meisten dieser Medikamente keine Zulassung zur Behandlung der Sialorrhoe vorliegt und dementsprechend eine Therapie nur off-label in Betracht kommt. Da Anticholinergika nicht nur lokal in den Speicheldrüsen wirken, sondern in diversen Körperregionen, ist ihr Einsatz mit vielfältigen Nebenwirkungen verbunden. Zu diesen zählen vor allem bei älteren Patienten oder bei Kindern mit einer Intelligenzminderung Verwirrtheit, Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung, Verstopfungen oder Hitzegefühl. Es ist wichtig, dass Sie sich bei einer medikamentösen Behandlung immer von Ihrem Arzt über mögliche Nebenwirkungen aufklären lassen.
- Glycopyrroniumbromid (Sialanar®): Seit Frühjahr 2018 ist ein Glycopyrronium (ebenfalls ein Parasympatholytikum) in Deutschland verordnungsfähig. Sialanar® (320 µg/ml Glycopyrroniumbromid) erhielt eine europaweite Zulassung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA im Rahmen des in der Pädiatrie speziell etablierten Zulassungsverfahrens PUMA (Pediatric Use Marketing Authorisation) zur symptomatischen Behandlung der Sialorrhö bei Kindern und Jugendlichen ab drei Jahren. In randomisierten, kontrollierten Studien konnte der Nutzen bei gutem Nebenwirkungsprofil belegt werden. Das Präparat ist eine Lösung zum Einnehmen, zu der eine Dosierhilfe mitgeliefert wird. Wichtig bei der Betreuung von Kindern mit schweren Schluckstörungen ist die Option, es ebenfalls über die Nahrungssonde geben zu können.
- Botulinumtoxin-Injektionen: Injektionen von Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen können den Speichelfluss ganz gezielt hemmen. Diese Behandlungsmethode wird aufgrund des hohen Nutzens im Vergleich zum geringen Risiko sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen angewandt. Eine aktuell vermehrt gewählte Therapieoption zur Behandlung der Sialorrhoe bei Morbus Parkinson ist die Injektion von Botulinumtoxin. Dieses Nervengift reduziert die cholinerge Wirkungen, verringert auf diese Weise die Aktivität der Speicheldrüsen und vermindert dementsprechend auch die Speichelproduktion. Diese Behandlung bewirkt oft eine signifikante Reduktion des Speichelflusses und lindert die damit verbundenen Beschwerden maßgeblich. Die Botulinumtoxin-Injektionen erfolgen in der Regel in die Parotis- und submandibulären Speicheldrüsen; die Wirkung hält meist mehrere Monate an. Die Nebenwirkungen dieser Behandlung sind in der Regel mild und nur vorübergehend; so kann es z.B. vorübergehend Schmerzen an der Injektionsstelle, einem passageren Trockenheitsgefühl im Mund oder einer Veränderung des Geschmacksempfindens kommen. Die Ultraschallkontrolle kann Fehlinjektionen gerade am Mundboden verhindern, da diese sonst Schluckprobleme verursachen können. Eine Verletzung des Gesichtsnervs kommt im klinischen Alltag quasi nicht vor. Die Injektion von Botulinumtoxin A in die Speicheldrüsen kann bei allen Patientengruppen und unterschiedlichen Altersklassen mit Hypersalivation angewendet werden. Der Vorteil des über mehrere Monate anhaltenden Effekts ist in der verbesserten Versorgung zu sehen.
Chirurgische Eingriffe
Lässt sich der Abfluss des Speichels nicht anders in den Griff bekommen oder sind konservative Therapien ausgeschlossen und wenig erfolgversprechend, kann der Arzt sich für einen chirurgischen Eingriff aussprechen. Doch eine einzige optimale Operation, die für jeden Patienten geeignet ist, existiert nicht. Je nach Erkrankung kann eine Verödung der Speicheldrüsen oder ein Umlegen und Verschließen der Speichelausführungsgänge bereits eine Verbesserung erzielen. Falls dies nicht genügt, können die Nerven, die die Funktion der Speicheldrüsen regulieren, durchtrennt werden, um die Speichelproduktion zu reduzieren.
Darüber hinaus wird auch eine Verlagerung der Ausführungsgänge der Unterkieferspeicheldrüse nach hinten in den Rachen angewandt, was allerdings eine gute Schluckfunktion voraussetzt, damit es nicht zur verstärkten Speichelaspiration kommt. Mit der Entfernung von Speicheldrüsen kann eine Mengenminderung erreicht werden. Den Operationen stehen die Nichtumkehrbarkeit und das nicht selten erhöhte Narkoserisiko bei den mehrfach erkrankten Betroffenen entgegen.
Strahlentherapie
Gerade bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson oder der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) kann auch eine Bestrahlung der Speicheldrüsen erwogen werden. Diese kann durch Vorplanungen in den Nebenwirkungen reduziert werden und gute Effekte zeigen. Das grundsätzliche Risiko einer Krebserkrankung als Bestrahlungsfolge macht den Einsatz bei Kindern sehr kritisch.
Die Rolle von Logopädie und interdisziplinärer Zusammenarbeit
Eine logopädische Behandlung kann in einigen Fällen durch gezieltes Training und das Erlernen bestimmter Schlucktechniken eine Besserung der Sialorrhoe bewirken. Eine Logopädie sollte fester Bestandteil in jeder Therapie einer Schluckstörung sein.
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Die Behandlung der Sialorrhoe kann entscheidend dazu beitragen, dass die Betroffenen den Alltag wieder unbeschwerter bestreiten können. Eine gezielte und stets individuelle Behandlung der Sialorrhoe erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Ärzte, da eine Vielzahl an Erkrankungen die Ursache einer Sialorrhoe sein kann. Dazu zählen beispielsweise: Neurologen, Neuropädiater im Kindes- oder Jugendalter, Hals-Nasen-Ohrenärzte, darunter auch Spezialisten für Phoniatrie (übersetzt: „Heilung des Stimmapparates“), welche sich mit Störungen in Bezug auf die Stimme, das Sprechen sowie das Schlucken befassen. An größeren Kliniken gibt es auch spezielle Schluck-Ambulanzen.
Was kann man selbst tun?
Vermeiden Sie scharfe Speisen, Kaffee und Alkohol, da diese Lebensmittel die Speichelbildung ankurbeln. Als Hausmittel soll vor allem Salbei in Form von Tee oder Bonbons die Speichelsekretion regulieren. Auch mit Akupunktur soll es möglich sein, Hypersalivation zu minimieren.
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