Hypertonus und Spastik sind Begriffe, die im neurologischen Bereich häufig verwendet werden, aber oft verwechselt werden. Beide beschreiben veränderte Tonusverhältnisse der Muskulatur, haben jedoch unterschiedliche Ursachen und erfordern unterschiedliche Behandlungsansätze. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen Hypertonus und Spastik, ihre jeweiligen Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten, um ein umfassendes Verständnis dieser komplexen neurologischen Zustände zu ermöglichen.
Einführung in Tonusveränderungen
Tonusveränderungen der Muskulatur können verschiedene Ursachen haben und sowohl in einem gesunden als auch in einem geschädigten Organismus auftreten. Ein Ungleichgewicht zwischen Muskelspannung (Hypertonus) und Muskelentspannung (Hypotonus) kann zu einer Vielzahl von Beschwerden führen, wie beispielsweise Bandscheibenvorfällen oder verspannten Nackenmuskeln. Diese Ungleichgewichte können durch Fehlhaltungen oder Fehlbelastungen entstehen, beispielsweise durch dauerhaftes Stehen mit Hohlkreuz, was zu einem Hypertonus in den Rückenstreckern und einem Hypotonus in der ventralen Rumpfmuskulatur führen kann.
Hypertonus: Erhöhte Muskelspannung
Hypertonus beschreibt allgemein eine erhöhte Muskelspannung. Es gibt verschiedene Ursachen für Hypertonus, darunter Verletzungen im zentralen Nervensystem (ZNS), die zu einem Verlust der Kontrolle über die Muskulatur führen können. Dies kann sowohl die willkürliche Muskelaktivität als auch die hemmende Aktivität betreffen.
Ursachen des Hypertonus
Verletzungen im ZNS können dazu führen, dass bestimmte Muskelgruppen nicht ausreichend angesteuert werden, was zu einem Hypotonus führt. Um dennoch Bewegungen ausführen zu können, kompensiert der Körper dies oft durch den Einsatz anderer Muskelgruppen, was zu einer Überlastung und einem Hypertonus in diesen Muskeln führt. Beispielsweise kann bei einer mangelnden Ansteuerung der Extensoren der Arm durch Innenrotation und Abduktion gehoben werden, was zu einem Hypertonus der Innenrotatoren und Abduktoren führt.
Fehlhaltungen und Fehlbelastungen können ebenfalls einen Hypertonus verursachen. Dauerhaftes Stehen mit Hohlkreuz führt beispielsweise zu einer Überbelastung der Rückenstrecker, was einen Hypertonus zur Folge hat.
Lesen Sie auch: Parkinson und Muskelverspannungen
Symptome des Hypertonus
Die Symptome des Hypertonus können vielfältig sein und hängen von der betroffenen Muskelgruppe und dem Ausmaß der Tonuserhöhung ab. Häufige Symptome sind:
- Muskelsteifheit
- Muskelschmerzen
- Bewegungseinschränkungen
- Fehlhaltungen
Spastik: Eine spezielle Form des Hypertonus
Spastik ist eine spezielle Form des Hypertonus, die durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS) verursacht wird. Sie ist gekennzeichnet durch eine übermäßige Muskelspannung, die von einer erhöhten Anfälligkeit der Muskeln für den Dehnungsreflex begleitet wird. Dies führt zu einer Geschwindigkeitsabhängigkeit des Muskelwiderstands bei passiver Bewegung.
Ursachen der Spastik
Die Spastik entsteht durch eine Schädigung von Nervenbahnen im Gehirn oder Rückenmark, die für die Steuerung der Muskelspannung verantwortlich sind. Häufige Ursachen für Spastik sind:
- Schlaganfall
- Multiple Sklerose (MS)
- Zerebralparese
- Schädel-Hirn-Trauma
- Rückenmarksverletzungen
Symptome der Spastik
Die Symptome der Spastik können je nach Ausmaß und Lokalisation der Schädigung variieren. Typische Symptome sind:
- Erhöhter Muskeltonus
- Gesteigerte Muskeleigenreflexe
- Spontane Muskelaktivität
- Muskelsteifheit
- Muskelschmerzen
- Unkontrollierbare Muskelbewegungen
- Haltungsanomalien
- Gangschwierigkeiten
- Verlust der Geschicklichkeit
- Einschränkungen der selektiven Bewegungskontrolle
- Kontrakturen
Arten der Spastik
Je nach betroffener Muskelgruppe werden verschiedene Arten von Spastik unterschieden:
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten für Spastik
- Beugespastik: Betrifft die Beugemuskeln, was zu einer anhaltenden Kontraktion oder unkontrollierten Muskelaktivität der Flexoren führt. Typisch sind abrupte Beugungen in den Hüft-, Knie-, Hand- und Ellenbogengelenken.
- Streckspastik: Betrifft die Streckmuskeln und führt zu einer plötzlichen Tonuserhöhung in den Extensoren. Diese können spontan oder nach Haltungsänderungen auftreten. Streckspasmen betreffen häufig die Hüftstrecker.
- Adduktorenspastik: Betrifft die Adduktorenmuskeln, wodurch die Extremitäten eng an die Körpermitte gezogen werden. Im Liegen reiben so beispielsweise die Knie aneinander.
Faktoren, die Spastik auslösen oder verschlimmern
Es gibt verschiedene Faktoren, die eine Spastik auslösen oder verschlimmern können. Dazu gehören:
- Emotionale Anspannung (Angst, Wut, Stress, Trauer)
- Schmerzen
- Entzündungen/Infekte (Erkältung, Harnwegsinfekt)
- Erhöhte Körpertemperatur, Fieber
- Kälte
- Stuhl- und Harndrang
- Verdauungsstörungen
- Zu enge Kleidung oder Schuhe
- Abrupte Bewegungsänderungen
- Immobilität
- Schlechte Körperhaltung
- Thrombosen, Frakturen und Dekubitalulzera
Diagnostik von Hypertonus und Spastik
Die Diagnose von Hypertonus und Spastik umfasst in der Regel eine körperliche Untersuchung, neurologische Tests und bildgebende Verfahren.
Körperliche Untersuchung
Bei der körperlichen Untersuchung beurteilt der Arzt den Muskeltonus, die Reflexe und die Beweglichkeit des Patienten. Die Spastik wird anhand des Widerstands, den der Arzt bei passiven Bewegungen spürt, graduiert. Eine gängige Methode zur Beurteilung der Spastizität ist die Ashworth-Skala oder die modifizierte Ashworth-Skala.
Neurologische Tests
Neurologische Tests helfen, die Funktion des Nervensystems zu beurteilen und die Ursache der Tonusveränderungen zu identifizieren.
Bildgebende Verfahren
Bildgebende Verfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) können eingesetzt werden, um Schädigungen des Gehirns oder Rückenmarks zu erkennen, die für die Spastik verantwortlich sein könnten.
Lesen Sie auch: Schlaganfall und Spastik: Was hilft wirklich?
Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, Hypertonus und Spastik von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:
- Rigor: Eine Form der Muskelsteifheit, die nicht geschwindigkeitsabhängig ist und bei Parkinson-Krankheit auftritt.
- Dystonie: Eine Bewegungsstörung, die durch unwillkürliche Muskelkontraktionen gekennzeichnet ist, die zu wiederholten oder anhaltenden Drehbewegungen oder abnormalen Haltungen führen.
- Myotonie: Eine seltene Muskelerkrankung, die durch eine verzögerte Muskelentspannung nach einer Kontraktion gekennzeichnet ist.
Behandlung von Hypertonus und Spastik
Die Behandlung von Hypertonus und Spastik zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die je nach Ursache, Schweregrad und Lokalisation der Tonusveränderungen eingesetzt werden können.
Physiotherapie
Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Hypertonus und Spastik. Sie umfasst verschiedene Techniken, wie:
- Dehnübungen: Um die Muskeln zu dehnen und die Beweglichkeit zu verbessern.
- Kräftigungsübungen: Um die Muskulatur zu stärken und die Kontrolle über die Bewegungen zu verbessern.
- Bobath-Therapie: Ein spezielles Therapiekonzept für Patienten mit neurologischen Erkrankungen, das darauf abzielt, normale Bewegungsmuster wiederherzustellen.
- Manuelle Therapie: Um Blockaden und Verspannungen in Gelenken und Muskeln zu lösen.
Hilfsmittel
Hilfsmittel wie Schienen, Orthesen oder Rollstühle können eingesetzt werden, um die Körperhaltung zu unterstützen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten. Eine korrekte Positionierung der Gliedmaßen kann eine wesentliche Rolle bei der Hemmung spastischer Reaktionen spielen. Beispielsweise kann ein enger Beinwinkel im Rollstuhl Streckspastiken in den Beinen hemmen.
Medikamentöse Therapie
Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Behandlung von Spastik eingesetzt werden können:
- Baclofen: Ein Muskelrelaxans, das die Übertragung von Nervenimpulsen im Rückenmark hemmt.
- Tizanidin: Ein Alpha-2-Agonist, der die Muskelspannung reduziert.
- Dantrolen: Ein Muskelrelaxans, das die Freisetzung von Kalziumionen im Muskel hemmt.
- Benzodiazepine: Beruhigungsmittel, die ebenfalls eine muskelentspannende Wirkung haben können.
- Botulinumtoxin (BoNT): Wird direkt in den betroffenen Muskel injiziert und blockiert die Freisetzung von Acetylcholin, einem Neurotransmitter, der für die Muskelkontraktion verantwortlich ist. BoNT kann die Muskelspannung für mehrere Wochen bis Monate reduzieren und Schmerzen lindern.
Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art, dem Schweregrad und der Lokalisation der Spastik ab.
Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB)
Bei schwerer Spastik, die auf andere Behandlungen nicht ausreichend anspricht, kann Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert werden (intrathekal).
Invasive Verfahren
In einigen Fällen können invasive Verfahren erforderlich sein, um die Spastik zu behandeln:
- Selektive dorsale Rhizotomie: Ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem bestimmte Nervenfasern im Rückenmark durchtrennt werden, um die Muskelspannung zu reduzieren.
- Sehnenverlängerung: Ein chirurgischer Eingriff, bei dem eine verkürzte Sehne verlängert wird, um die Beweglichkeit zu verbessern.
Psychologische Aspekte
Spastik kann erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben. Neben den körperlichen Einschränkungen können auch psychische Probleme wie Depressionen, Angstzustände und soziale Isolation auftreten. Eine psychologische Betreuung kann helfen, diese Probleme zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern. Angehörige spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Patienten mit Spastik.
tags: #hypertonus #und #spastik