Hypothyreose und Muskelkrämpfe: Ursachen und Zusammenhänge

Die Hypothyreose, oder Schilddrüsenunterfunktion, ist eine häufige endokrine Störung, die durch eine unzureichende Produktion von Schilddrüsenhormonen gekennzeichnet ist. Diese Hormone spielen eine entscheidende Rolle bei der Regulation verschiedener Stoffwechselprozesse im Körper, einschließlich derer, die die Muskelfunktion beeinflussen. In diesem Artikel werden die Ursachen von Muskelkrämpfen im Zusammenhang mit Hypothyreose, die zugrunde liegenden Mechanismen und die verfügbaren Behandlungsstrategien untersucht.

Einführung

Schilddrüsenfunktionsstörungen sind weit verbreitet, was bedeutet, dass die daraus resultierenden Muskelfunktionsstörungen in der Praxis von großer Bedeutung sind. Hormone beeinflussen die Stoffwechselprozesse in der Muskulatur auf verschiedenen Ebenen. Insbesondere werden die Proteinsynthese, der Kohlenhydratstoffwechsel, die extra- und intrazellulären Elektrolytkonzentrationen und die Enzymaktivität im Muskel reguliert. Sowohl bei Hyperthyreose als auch bei Hypothyreose kann es zu einer Mitbeteiligung der Muskulatur kommen.

Ursachen von Muskelkrämpfen bei Hypothyreose

Muskelbeschwerden treten bei etwa 30-40 % der Patienten mit Hypothyreose auf. Oft klagen die Patienten über ein muskuläres Steifigkeitsgefühl, Myalgien und Muskelkrämpfe, die durch starke körperliche Belastung oder kühle Witterung ausgelöst werden können.

Die genaue Pathogenese der hypothyreoten Myopathie ist nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein gestörter Energiestoffwechsel im Muskel eine entscheidende Rolle spielt, mit verminderter mitochondrialer Enzymaktivität, reduzierter Glykogenolyse sowie gebremstem Fettstoffwechsel (Sindoni et al. 2016).

Eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) bremst den Stoffwechsel. Wenn Schilddrüsenhormone fehlen, verlangsamt sich der Stoffwechsel. Dies kann viele Körperfunktionen betreffen und ganz unterschiedliche Beschwerden auslösen.

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Weitere mögliche Ursachen für Muskelkrämpfe im Zusammenhang mit Hypothyreose sind:

  • Elektrolytstörungen: Hypothyreose kann zu Elektrolytungleichgewichten führen, wie z. B. einem Mangel an Magnesium (Hypomagnesiämie) oder Kalzium, die beide für die normale Muskelfunktion unerlässlich sind. Ein Mangel an Magnesium kann Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Müdigkeit und Schwäche verursachen. Im weiteren Verlauf können Taubheitsgefühle und Kribbeln, Wadenkrämpfe, Verhaltensänderungen und Herzrhythmusstörungen hinzukommen.

  • Neurologische Störungen: Eine Schilddrüsenunterfunktion kann zu einer Schädigung der Nervenfasern und ihrer Hüllen führen. Ein aufgenommener Reiz muss innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde zur Verarbeitung an Rückenmark und Gehirn weitergeleitet werden. Damit die elektrischen Signale möglichst rasch die Wegstrecke, beispielsweise aus Füßen und Händen, zurücklegen können, “springen” sie entlang der Nervenfasern. Dazu sind die Fasern umhüllt, elektrisch abgeschirmt, und besitzen lediglich einzelne Einschnürungen, die der elektrische Impuls schnell überwinden kann.

  • Muskelerkrankungen (Myopathien): Metabolische Myopathien sind eine Gruppe von stoffwechselbedingten Muskelerkrankungen, bei der Wadenkrämpfe möglich sind.

  • Medikamente: Eine Schilddrüsenunterfunktion kann auch durch Medikamente verursacht werden, etwa als Nebenwirkung von Antidepressiva mit dem Wirkstoff Lithium.

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Symptome

Die Symptome einer Hypothyreose können vielfältig sein und variieren in ihrer Ausprägung. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Gewichtszunahme
  • Kälteempfindlichkeit
  • Verstopfung
  • Trockene Haut
  • Haarausfall
  • Muskelschwäche und -krämpfe
  • Gelenkschmerzen
  • Depressionen
  • Konzentrationsschwierigkeiten

Diagnose

Die Diagnose einer Hypothyreose basiert in erster Linie auf Blutuntersuchungen, bei denen die Konzentrationen von Schilddrüsenhormonen (T3 und T4) und Thyreoidea-stimulierendem Hormon (TSH) gemessen werden. Ein erhöhter TSH-Wert bei gleichzeitig niedrigem T4-Wert deutet auf eine Hypothyreose hin.

Die Bestimmung von Anti-Thyreoperoxidase-Antikörpern (TPOAb) kann zur ätiologischen Klärung beitragen und hat prognostische Bedeutung für die Progression zur manifesten Hypothyreose.

Behandlung

Die Behandlung der Hypothyreose zielt darauf ab, den Mangel an Schilddrüsenhormonen auszugleichen und die Symptome zu lindern. Dies erfolgt in der Regel durch die tägliche Einnahme von synthetischem Levothyroxin (L-Thyroxin), einem synthetischen T4-Hormon. Die Dosierung wird individuell angepasst, um einen normalen TSH-Wert zu erreichen.

Nach endokrinologischer Behandlung sind die Muskelsymptome langsam regredient.

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Medikamentöse Therapie

Das fehlende Schilddrüsenhormon Thyroxin wird durch ein Medikament ersetzt, das im Körper in das Hormon umgewandelt wird. Der Wirkstoff wird auch als Levothyroxin oder L-Thyroxin bezeichnet. Das Medikament bringt die Hormonwerte in den normalen Bereich. Dadurch verschwinden die Beschwerden in der Regel vollständig. Bis sich der Hormonspiegel im Körper eingependelt hat, dauert es etwa 2 bis 3 Monate. L-Thyroxin wird einmal am Tag eingenommen. Es wird empfohlen, die Tablette eine halbe Stunde vor dem Frühstück mit einem Glas Wasser einzunehmen. Nebenwirkungen treten bei richtiger Dosierung praktisch nicht auf. Die Dosierung richtet sich nach dem Körpergewicht. Eine zu hohe Dosis kann zu Nervosität führen. Deshalb wird die Dosierung in den ersten Wochen regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst.

Zusätzliche Maßnahmen

Neben der medikamentösen Behandlung können folgende Maßnahmen helfen, Muskelkrämpfe zu lindern:

  • Regelmäßige Bewegung: Moderate körperliche Aktivität kann die Muskelfunktion verbessern und Krämpfen vorbeugen.
  • Dehnübungen: Regelmäßiges Dehnen der Muskeln kann helfen, Verspannungen zu lösen und Krämpfe zu reduzieren.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Dehydration kann Muskelkrämpfe begünstigen. Es ist daher wichtig, ausreichend zu trinken.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Magnesium, Kalzium und anderen wichtigen Nährstoffen kann die Muskelfunktion unterstützen.
  • Vermeidung von Kälte: Kälte kann Muskelkrämpfe auslösen. Es ist daher ratsam, sich warm zu halten.

Weitere Ursachen für Muskelkrämpfe

Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, die mit den Muskelbeschwerden in Verbindung stehen können. Dazu gehören:

  • Krankheiten, die den Hormonhaushalt und den Stoffwechsel beeinflussen
  • Neurologische Erkrankungen und Störungen, also Krankheiten, die die Nerven betreffen
  • Muskelerkrankungen

Erkrankungen des Hormonhaushalts und des Stoffwechsels

  • Diabetes mellitus: Bei Menschen mit Zuckerkrankheit sind Wadenkrämpfe zu Beginn der Erkrankung ein Zeichen für einen gestörten Flüssigkeits- und Mineralstoff-Haushalt.
  • Diabetes insipidus: Die Erkrankung beruht auf einem Mangel des antidiuretischen Hormons (ADH). Dieses Hormon beeinflusst die Wasserausscheidung der Niere. Ein Diabetes insipidus kann auch entstehen, wenn die Niere nicht auf ADH reagiert.
  • Krankhafter Magnesiummangel: Erste mögliche Anzeichen eines Mangels an Magnesium (Hypomagnesiämie) sind Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Müdigkeit und Schwäche. Im weiteren Verlauf können Taubheitsgefühle und Kribbeln, Wadenkrämpfe, Verhaltensänderungen und Herzrhythmusstörungen hinzukommen.
  • Nierenschwäche und Nierenversagen: Wadenkrämpfe können als Spätsymptome einer Nierenschwäche und eines Nierenversagens auftreten.
  • Unterfunktion der Nebenschilddrüsen: Bei einer Nebenschilddrüsen-Unterfunktion (Hypoparathyreoidismus) mangelt es dem Körper am Botenstoff Parathormon oder das Hormon kann nicht richtig wirken. Das bringt den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel durcheinander. Mögliche Folgen sind anfallsartige Krämpfe in den Waden, aber auch in anderen Körperbereichen.
  • Unterfunktion der Nebennierenrinde (Morbus Addison): Die Nebennierenrinden produzieren zu wenig Hormone, was den Wasser- und Mineralstoff-Haushalt stört. Typische Kennzeichen einer solchen Nebennierenrinden-Unterfunktion sind Abgeschlagenheit, körperliche Schwäche, Müdigkeit, Schwindel aufgrund von niedrigem Blutdruck und braungefärbte Haut und Schleimhäute.

Neurologische Störungen und Erkrankungen

  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): An ALS erkranken pro Jahr circa ein bis zwei von 100.000 Menschen. Im Lauf der Erkrankung werden bestimmte Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark geschädigt - die Motoneuronen. Diese Nervenzellen senden Reize aus, damit sich Muskeln zusammenziehen. Schäden an den Motoneuronen beeinträchtigen das Wechselspiel zwischen Muskelanspannung und -entspannung. Dadurch kann es zu Krämpfen kommen.
  • Crampus-Faszikulations-Syndrom: Das Syndrom kommt selten vor und bezeichnet unwillkürliche Muskelzuckungen. Muskelkrämpfe treten ebenfalls auf, zum Beispiel in den Waden. Manchmal kann es zu Empfindungsstörungen wie Brennen oder Taubheitsgefühlen kommen.
  • Parkinson-Krankheit: Bei Parkinson werden Nervenzellen im Gehirn geschädigt, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Die Zellen verlieren ihre Funktion, was die Bewegungen einschränkt. Es kommt zu Bewegungsarmut, Muskelsteifigkeit (Rigor) und Zittern (Tremor) in Ruhe.
  • Polyneuropathie: Damit bezeichnet man Schäden an den peripheren Nerven. Dazu zählen alle Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks. Eine Polyneuropathie kann zum Beispiel Folge eines schlecht eingestellten Diabetes (diabetische Neuropathie) oder von starkem Alkoholkonsum sein. Typischerweise kommt es zu Empfindungsstörungen in Händen, Füßen und Beinen.
  • Radikulopathien: Dieser Begriff umfasst Erkrankungen einzelner oder mehrerer Nervenwurzeln. Dazu zählen zum Beispiel Schäden oder Reizungen an den Nerven, beispielsweise aufgrund eines Bandscheibenvorfalls oder einer Verengung des Wirbelsäulenkanals (Spinalkanalstenose). Ist die Lendenwirbelsäule betroffen, treten meist plötzlich einschießende Rückenschmerzen auf. Diese können bis ins Bein ausstrahlen. Husten oder Niesen verstärken häufig die Beschwerden. Oft kommen Kribbeln und Taubheitsgefühle hinzu, manchmal Lähmungserscheinungen.
  • Stiff-Person-Syndrom: Das ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Hier greift das Immunsystem Strukturen im Gehirn an, die der Nervenkontrolle dienen. In der Folge gerät diese Kontrolle aus dem Gleichgewicht: Die Muskeln versteifen und verkrampfen sich äußerst schmerzhaft, vor allem in Rumpf-Nähe. Typisch ist, dass sich Phasen von Muskelsteifigkeit und einschießenden Krämpfen abwechseln.
  • Dystonien: Bedeutet übersetzt “schlechte Spannung“. Oberbegriff für Störungen der normalen Bewegungsabläufe und Muskelspannung. Häufig kommt es zu Muskelkrämpfen an unterschiedlichen Skelettmuskeln.
  • Neuromyotonie (Isaacs-Syndrom): Dahinter verbirgt sich eine neurologische Erkrankung, bei der es zu einer erhöhten Erregbarkeit der Muskeln kommt. Muskelkrämpfe, Muskelsteifigkeit und -schwäche sowie Muskelzuckungen sind kennzeichnend.
  • Neuronale Tumoren: Gruppe seltener Geschwulsterkrankungen des Gehirns und Rückenmarks. Zu den möglichen Symptomen zählen zum Beispiel Kopf- oder Rückenschmerzen, Krampfanfälle, Probleme mit dem Sehen und Sprechen, Schwierigkeiten beim Gehen und Gleichgewicht halten, Taubheit in Armen und Beinen, Verhaltensänderungen.
  • Tetanus: Das ist eine Infektionskrankheit, die in Deutschland selten auftritt. Verursacht wird sie durch bestimmte Clostridien-Bakterien. Die Erreger bilden Giftstoffe (Toxine), die in die Nervenbahnen gelangen und zu schweren Muskelkrämpfen führen.

Erkrankungen der Muskeln (Myopathien)

  • Myotonien: Bedeutet übersetzt „(erhöhte) Muskelspannung“. Überbegriff für seltene erbliche Erkrankungen, bei der sich die Muskeln nach willkürlichem Anspannen nur zögerlich entspannen. So passiert es etwa, dass sich nach einem kräftigen Händedruck die Finger nicht mehr lösen lassen oder das Öffnen der Augen nach dem Lidschluss erschwert ist.
  • Metabolische Myopathien: Das ist eine Gruppe von stoffwechselbedingten Muskelerkrankungen, bei der Wadenkrämpfe möglich sind.
  • Ischämische Muskelschmerzen: Sie entstehen infolge einer verminderten Durchblutung, etwa in den Beinen.

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