Das menschliche Gehirn ist ein unglaublich komplexes Organ, das uns jeden Tag ermöglicht, zu denken, zu fühlen, zu lernen und zu interagieren. Neuesten Studien zufolge rasen täglich etwa 6.200 Gedanken durch unseren Kopf, während wir neue Dinge lernen, Freude und Angst empfinden und Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen. Dieses komplexe Organ, das die Natur je hervorgebracht hat, besteht aus Milliarden von Nervenbahnen.
Die Gehirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder spannende und unglaubliche Fakten über unser Gehirn entdeckt. Je besser wir verstehen, wie unser Gehirn funktioniert, desto besser können wir uns selbst verstehen und unser Leben positiv beeinflussen. Wir können bewusster denken, festgefahrene Verhaltensweisen ändern und mehr Wohlbefinden, Selbstsicherheit und Zufriedenheit erlangen.
Multitasking ist ein Mythos
Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass unser Gehirn Multitasking betreiben kann. In Wirklichkeit ist es jedoch nicht möglich, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Wenn wir denken, dass wir Multitasking betreiben, schaltet unser Gehirn sehr schnell zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her, anstatt sie gleichzeitig zu bearbeiten.
Daher ist es besser, sich immer nur auf eine Sache zu konzentrieren, zumindest wenn es sich um Aufgaben handelt, die eine höhere Aufmerksamkeit erfordern. Natürlich ist es möglich, zu laufen und gleichzeitig zu reden, aber es wird schwieriger, wenn wir einen unebenen, schwierigen Weg gehen müssen. Untersuchungen zeigen, dass die Fehlerquote bei Multitasking um bis zu 50 % steigt und man doppelt so lange benötigt, um Dinge zu erledigen.
Bewegung ist Treibstoff für das Gehirn
Bewegung ist für unser Gehirn genauso wichtig wie für unseren Körper. Profisportler wissen, wie wichtig die Versorgung ihres Gehirns ist, um sicherzustellen, dass sie in der Lage sind, maximale Anstrengung und Energie in ihre Trainingseinheiten zu stecken. Bewegung hilft uns auch, uns Dinge besser zu merken und kreativ zu sein.
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Alkohol und Gedächtnisverlust
Wenn wir Alkohol trinken und uns nicht mehr genau erinnern, was wir letzte Nacht getan haben, liegt das nicht daran, dass wir es vergessen haben. Während wir betrunken sind, ist das Gehirn nämlich gar nicht erst in der Lage, Erinnerungen zu speichern.
Das Gedächtnis ist dynamisch
Obwohl einige Menschen über ein beeindruckendes Erinnerungsvermögen verfügen, sind Erinnerungen tatsächlich ständig im Fluss. Unser Gehirn ist keine Videokamera, die die Geschehnisse und Informationen genau so aufnimmt, wie sie geschehen, und sie immer wieder abspielen kann. Stattdessen verarbeiten wir Gespräche und Erlebnisse ganz individuell - basierend auf unseren Erfahrungen, Werten und Vorurteilen.
Deshalb können zwei Menschen auch eine komplett andere Erinnerung an ein und dasselbe Erlebnis haben. Wir sollten uns in unserer alltäglichen Kommunikation immer wieder bewusst machen, dass es nicht die eine Realität gibt, sondern individuell ganz unterschiedliche. Deshalb sollten wir viel mehr miteinander sprechen, besonders auf der Emotionsebene, um diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander zu verbinden und voneinander zu lernen, statt zu sagen: "Es war aber so und so, du hast unrecht."
Eine gute Sache ist, dass wir dazu neigen, durch eine rosarote Brille auf unser Leben zurückzublicken. Unsere Erinnerungen werden verändert und werden mit der Zeit positiver.
Die Illusion des freien Willens
In Studien am „Janelia Research Campus” in den USA hat man herausgefunden, dass selbst, wenn wir keinen freien Willen haben, unser Gehirn eine Geschichte erfindet, die impliziert, dass wir einen hätten. Die Neurowissenschaftlerinnen haben einen Teil des motorischen Areals ihrer Probandinnen stimuliert, um ein bestimmtes Verhalten zu erzeugen, auf Nachfrage erfanden diese eine Geschichte darüber, warum sie diese Handlung ausgeführt haben.
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Wie oft denken wir im Alltag, dass wir etwas aus unserem freien Willen heraus tun, aber ist das wirklich so?
Das schmerzfreie Gehirn
Das Gehirn selbst hat keine Schmerzrezeptoren. Deshalb sind Hirnchirurgen in der Lage, Operationen an Patient*innen durchzuführen, während diese wach sind. Kopfschmerzen sind niemals auf das Gehirn zurückzuführen, sondern auf Muskeln und die Haut, die das Gehirn umgeben.
Zahlen und Fakten über das Gehirn
- Das Gehirn macht ca. 2 % des Gesamtgewichts des Körpers aus, verbraucht aber 20 % der gesamten Energie- und Sauerstoffaufnahme.
- Es besteht zu 73 % aus Wasser. Bereits eine Dehydrierung von 2 % kann das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und andere kognitive Fähigkeiten beeinträchtigen.
- 60 % des Trockengewichts des Gehirns sind Fett, was es zu dem fettreichsten Organ des Körpers macht.
- Aktuelle wissenschaftliche Schätzungen besagen, dass das Gehirn etwa 86 Milliarden Gehirnzellen enthält.
- Die Länge aller Nervenbahnen des Gehirns eines erwachsenen Menschen beträgt etwa 5,8 Millionen Kilometer, das entspricht dem 145-fachen Erdumfang.
Schlafentzug schadet dem Gehirn
Schlafentzug tötet Gehirnzellen ab. Unsere Konzentration und Reaktionszeit sind eingeschränkt, wenn wir nicht genug geschlafen haben, denn unser Gehirn und unser Körper brauchen Ruhe, um richtig zu funktionieren. Wenn wir unter Schlafentzug leiden, werden Gehirnzellen abgebaut, was auch zu einem schlechteren Gedächtnis führt, da während des Schlafens die Erinnerungen des Tages im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden.
Ein gesunder und ausreichender Schlaf (meist zwischen 6 und 9 Stunden) ist die Grundlage für Wohlbefinden und Gesundheit. Oft halten uns aber Gedanken wach, oder unser Stresssystem ist so aus den Fugen geraten, dass wir einfach nicht mehr gut ein- oder durchschlafen können.
Das Internet als Energiefresser
Studien zeigen, dass zu viel Smartphone- und Internetnutzung nicht gut für das Gehirn ist. Das Internet kann zwar extrem hilfreich sein, aber ein ständiger Zustrom von Informationen und Ablenkungen kann einen ADHS-ähnlichen Zustand fördern. Das Gehirn ist erschöpft, und klares Denken und effiziente Informationsaufnahme sind nicht mehr so gut möglich.
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Besonders das ständige Nachschlagen von immer mehr Informationen kann sehr viel mentale Energie verbrauchen, die dann an anderer Stelle fehlt. Gönnen Sie sich bewusst Pausen von Ihrem Smartphone und PC, besonders in Zeiten des Home-Office, und schalten Sie alle Benachrichtigungen Ihres Handys ab, wenn Sie an wichtigen Aufgaben arbeiten, die Aufmerksamkeit erfordern.
Wachstum im ersten Lebensjahr
Das menschliche Gehirn verdreifacht seine Größe im ersten Lebensjahr. Ein zwei Jahre altes Kleinkind hat bereits zu 80 % ein ausgewachsenes Gehirn. So gehen auch 50 % der Energieaufnahme eines Kleinkindes in das Gehirn.
Unbegrenzter Speicherplatz
Die Speicherkapazität unseres Gehirns ist praktisch unbegrenzt. Im Gegensatz zu dem Datenspeicher unseres Smartphones oder Computers kann der unseres Gehirns niemals aufgebraucht sein. Es gibt kein "zu viel wissen", so dass Sie irgendwann keine Informationen mehr behalten können (auch wenn es sich nach einem langen Zoom-Meeting so anfühlen kann).
Negative Gedankenmuster
Von den Tausenden von Gedanken, die ein Mensch jeden Tag hat, sind schätzungsweise 70 % dieses mentalen Selbstgesprächs negativ - selbstkritisch, pessimistisch, vorurteilsbehaftet und ängstlich.
Keine dominante Gehirnhälfte
Auch wenn wir Rechts- oder Linkshänder sind, bedeutet das nicht, dass wir rechts- oder links"hirnig" sein können. Der Mythos einer dominanten Gehirnhälfte hält sich hartnäckig und hat seinen Ursprung in Experimenten in den 1960er Jahren. In dieser Zeit wurden Forschungen durchgeführt, bei denen die Verbindungen (das "Corpus Callosum") zwischen den beiden Hälften durchtrennt worden waren. Die Erkenntnisse lassen sich aber nicht auf unser Gehirn übertragen, da das nunmal nicht in zwei Hälften geteilt ist, sondern als eins funktioniert.
Fast alle Hirnfunktionen erfordern das Zusammenspiel beider Hirnhälften, damit diese Funktionen korrekt ausgeführt werden können. Jede Hälfte übernimmt hierbei separate Aufgaben - unsere Fähigkeit, Sprache auszudrücken und zu verstehen, geschieht beispielsweise in der linken Hemisphäre, aber andere Aspekte der Sprachverarbeitung, wie Intonation, Rhythmus und Betonung von Wörtern, finden in der rechten Hemisphäre statt. So gibt es also keine kreative und logische Gehirnhälfte. Unser Gehirn arbeitet so komplex, dass immer beide Hirnhälften beteiligt sind, auch wenn wir kreativ denken oder eine Matheaufgabe lösen müssen.
Ausgereift mit 25
Obwohl wir rechtlich gesehen in Deutschland bereits mit 18 Jahren erwachsen sind, ist unser Gehirn laut Wissenschaft erst mit etwa 25 Jahren voll ausgereift. Dabei "reift" das Gehirn von hinten nach vorne, wobei der präfrontale Kortex als letztes fertig entwickelt ist. "Der präfrontale Kortex ist verantwortlich für das Denken höherer Ordnung - wie Urteilsvermögen, Entscheidungsfindung, komplexe Planung, Persönlichkeitsentwicklung und Impulskontrolle. Im Gegenzug dazu ist allerdings das Belohnungszentren des Gehirns während der Pubertät am aktivsten - eine spannende Mischung, wie wir alle wissen.
Wachstum bis ins hohe Alter
Lange Zeit galt es als unumstößlich, dass unser Gehirn, wenn es einmal ausgewachsen ist, nicht mehr wächst, also es mit den Neuronen zurechtkommen muss, die bis dahin gebildet wurden (im Laufe des Lebens werden dazu noch Nervenzellen abgebaut). Bahnbrechende Erkenntnisse in der Hirnforschung haben dies nun aber widerlegt, es gibt sie: die Neurogenese.
Weitere faszinierende Fakten über das Gehirn
- Die besten Ideen kommen Ihnen unter der Dusche oder abends im Bett? Für kreative Gedanken ist es von Vorteil, wenn die Gehirnzellen schon etwas müde sind.
- Einige Tiere nutzen das unsichtbare Magnetfeld, das unseren Planeten umgibt, als natürliches Navigationssystem. In einer Studie von 2019 hat sich herausgestellt, dass auch einige Menschen in der Lage sind, dieses Magnetfeld zu spüren.
- Fettige Pommes, Chips und Hamburger sind nicht nur schlecht für die Linie, sondern haben auch einen negativen Effekt auf das Gehirn: Wir werden vergesslicher.
- Um Ihre Muttersprache zu beherrschen, benötigt Ihr Gehirn einer Studie aus 2019 zufolge den Speicherplatz einer Diskette.
- Einige Patienten, die im Koma oder im Wachkoma liegen, zeigen Anzeichen eines "versteckten Bewusstseins", so eine Studie des New England Journal of Medicine.
- Die meisten Menschen erinnern sich nur selten an ihre Träume, da das Gehirn während des Schlafes nicht in der Lage ist, Informationen ins Langzeitgedächtnis zu schieben.
- Der Konsum von Zucker aktiviert die gleichen Hirnareale wie Kokain und löst ebenfalls die Ausschüttung der Glückshormone Serotonin und Dopamin aus.
- Nach Verletzungen kann sich das Gehirn bis zu einem gewissen Grad selbst heilen.
- Einsamkeit kann dem Gehirn schaden.
Gedächtnis im Detail
Das Langzeitgedächtnis wird in mehrere Gedächtnisformen unterteilt, die unterschiedliche Inhalte abspeichern. Das deklarative Gedächtnis besteht aus persönlichen Erinnerungen, episodisches Gedächtnis genannt, und dem Faktenwissen des semantischen Gedächtnisses. Zum nicht-deklarativen Gedächtnis gehören Fertigkeiten wie Laufen, Schreiben oder Fahrradfahren, aber auch erlernte Ängste oder Konditionierungen. Neben dem Langzeitgedächtnis gibt es das Arbeitsgedächtnis, das Inhalte kurzzeitig speichert, etwa beim Lösen von Rechenaufgaben.
Das Gehirn im Faktencheck: Mythen und Wahrheiten
- Nutzen wir nur 10 Prozent unseres Gehirns? Falsch! Wir nutzen unser ganzes Gehirn.
- Sind Kopfschmerzen Gehirnschmerzen? Nein, das Gehirn selbst kann keine Schmerzen empfinden.
- Können wir nur begrenzt Informationen speichern? Nein, die Speicherkapazität unseres Langzeitgedächtnisses ist unbegrenzt.
- Erinnerungen trügen nicht? Doch, Erinnerungen werden oft verschönert und variiert.
- Lässt sich unser Gehirn dopen? Nein, Hirndoping-Medikamente wirken bei Gesunden unberechenbar.
- Kann das Hirn Hunger haben? Ja, das Gehirn verbraucht etwa ein Fünftel unserer Energie.
- Helfen Kreuzworträtsel und Sudokus, geistig fit zu bleiben? Kaum, anstrengende Denkarbeit, die Routinen sprengt, ist effektiver.
- Senkt die richtige Ernährung das Risiko für Demenz? Ja, eine ausgewogene Ernährung ist wichtig fürs Gehirn.
- Wird die Alzheimer-Demenz vererbt? Keineswegs, nur etwa ein Prozent aller Alzheimer-Fälle ist eindeutig erblich bedingt.
- Führen Rotwein und Schokolade zu Migräne-Attacken? Nein, oft entsteht der Heißhunger auf Schokolade erst durch eine ohnehin bevorstehende Attacke.
- Kann Schwindel auch durch psychische Erkrankungen entstehen? Unglaublich, aber wahr, der phobische Schwankschwindel tritt im Rahmen von Angsterkrankungen auf.
- Epileptische Anfälle treten nur bei sehr wenigen Menschen auf? Mitnichten, etwa fünf Prozent der Deutschen erleidet mindestens einmal im Leben einen epileptischen Anfall.