Corona-Impfungen und Multiple Sklerose: Ein umfassender Überblick

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie begleitet die AMSEL (Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband Baden-Württemberg e.V.) die Entwicklungen rund um COVID-19 und Multiple Sklerose (MS). Ziel ist es, Betroffene mit aktuellen Informationen und Handlungsempfehlungen zu versorgen. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse und Empfehlungen der AMSEL sowie weiterer relevanter Organisationen zusammen und bietet einen umfassenden Überblick über das Thema Corona-Impfungen bei MS.

Aktuelle Empfehlungen und Informationen

Die Informationen in diesem Artikel basieren auf dem aktuellen Stand vom 09.10.2023. Es ist wichtig zu beachten, dass sich die Empfehlungen und Erkenntnisse im Laufe der Zeit ändern können. Daher wird empfohlen, regelmäßig die Webseiten der AMSEL, der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) und des KKNMS (Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose) zu konsultieren.

Empfehlungen zur Corona-Impfung

  • STIKO-Empfehlung: Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine jährliche Corona-Impfung für Menschen mit Multipler Sklerose.
  • KKNMS und DMSG: KKNMS und DMSG schließen sich an und weisen außerdem auf Virostatika hin.
  • Wichtigkeit der Impfung: Eine Impfung reduziert das Risiko eines schweren Verlaufs deutlich. Dies ist sowohl aus individueller als auch aus solidarischer Sicht wichtig, wie Prof. Mathias Mäurer in einem Webseminar-Video erklärt.
  • Priorisierung: Patienten mit Multipler Sklerose wird eine Impfung gegen COVID-19 ausdrücklich empfohlen.

Weitere wichtige Informationen

  • Telefonische Krankschreibung: Ab Herbst 2023 ist die telefonische Krankschreibung für bestimmte Fälle dauerhaft möglich, um Praxen und Patienten zu entlasten. Noch bis zum 31.03.2023 konnten sich Patienten mit leichten Ateminfekten ohne Arztbesuch krankschreiben lassen.
  • Kostenfreie Bürgertests: In bestimmten Fällen sind Bürgertests weiterhin kostenfrei, beispielsweise für Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können (ärztliche Bestätigung erforderlich!), sowie für Besucher und Behandelte oder Bewohner bestimmter Einrichtungen (Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen, Pflegeeinrichtungen usw.).
  • Long Covid: Die Bundesgesundheitszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat eine Seite zu Long Covid gelauncht.

Auswirkungen von MS-Therapien auf die Impfantwort

Ein wichtiger Aspekt bei der Corona-Impfung von MS-Patienten ist der Einfluss der MS-Therapie auf die Immunantwort. Moderne MS-Therapien haben ein mehr oder weniger "selektives" immunsuppressives Potential und können daher die Bildung von Antikörpern in unterschiedlichem Ausmaß beeinflussen.

Anti-CD20-Therapien

Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die entzündliche Aktivität bei der MS kann mit einer Anti-CD20-Therapie oft gut unterdrückt werden - einer Behandlung, die die Zahl der B-Zellen des Immunsystems reduziert. Da B-Zellen aber auch für die Bildung von Antikörpern gegen neue Erreger verantwortlich sind, produzieren Menschen unter Anti-CD20-Therapie sowohl bei Infektionen als auch bei Impfungen deutlich weniger Antikörper als Gesunde. Das ist auch nach einer zweimaligen COVID-19-Impfung der Fall.

Eine Studie hat gezeigt, dass auch nach drei oder vier COVID-19-Impfungen Menschen mit MS, die mit Anti-CD20-Therapien behandelt werden, weniger Antikörper gegen SARS-CoV-2 als gesunde Impflinge bilden. Dennoch entwickelte jeder fünfte Betroffene, der nach zwei Impfungen keine Antikörper im Blut hatte, diese doch noch nach einer dritten Impfung. Interessanterweise verbesserte sich auch die Funktionalität der vorhandenen SARS-CoV-2-Antikörper nach einer dritten oder vierten Impfung - die Antikörper banden stärker an das Virus und neutralisierten neuere SARS-CoV-2-Varianten besser. Die Ergebnisse unterstützen damit die Leitlinien-Empfehlungen für zusätzliche Auffrischungsimpfungen bei dieser Personengruppe.

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Interferon-beta, Natalizumab und Ocrelizumab

Ein Forschungsteam der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster um Dr. Catharina Groß und Prof. Dr. Luisa Klotz hat die Immunreaktion von MS-Patienten unter verschiedenen Therapien untersucht. Dabei zeigte sich:

  • Wer eine Interferontherapie erhält, entwickelt eine normale Impfreaktion und ist nach dem Pieks ähnlich gut vor Covid-19 geschützt wie gesunde Studienteilnehmer.
  • Anders MS-Patienten unter Therapie mit Natalizumab oder Ocrelizumab: Bei ihnen waren unterschiedliche Komponenten der Immunantwort auf die mRNA-Impfung geringer ausgeprägt. Das könnte auf einen verringerten Schutz hindeuten.
  • So hatten Patienten mit Therapie mittels Natalizumab zwar normale Mengen an Antikörpern gegen das Coronavirus im Blut, allerdings erfüllten die T-Gedächtniszellen ihre Funktion nicht optimal.
  • In der Ocrelizumab-Gruppe verhielt es sich genau anders herum: Patienten bauten kaum schützende Antikörper gegen SARS-CoV-2 auf. Aber es gibt ja noch die T-Zellen. Mit ihnen reagierte das Immunsystem einwandfrei auf das eindringende Virus.

In beiden Fällen war also nur ein Partner des Tandems aus zellulärer und Antikörper-vermittelter Immunantwort geschwächt; da der jeweils andere auf die Impfung reagierte, war die Immunisierung nicht wirkungslos.

Empfehlungen basierend auf der Therapie

  • MS-Patienten, die Natalizumab erhalten, könnten in besonderem Maß von der Auffrischungsdosis profitieren, da diese die Ausbildung von T-Gedächtniszellen unterstütze.
  • Bei MS-Patienten mit einer Ocrelizumab-Therapie kommt es laut dem Studienteam es auf das Timing an. Das Medikament wird üblicherweise alle sechs Monate als Infusion verabreicht. Es verringert die Zahl der B-Zellen deutlich, was wiederum den Impfschutz einschränkt. Doch die Wirkung von Ocrelizumab lässt mit der Zeit nach, sodass wieder geringe Mengen an B-Zellen zur Verfügung stehen, mit denen das Immunsystem auf die Impfung reagieren kann. Prof. Klotz: „Ist eine Immunisierung geplant, ließe sich das Intervall zwischen zwei Infusionen verlängern.

Antikörperbestimmung

Nach aktueller Datenlage ist anzunehmen, dass neutralisierende Antikörper einen guten Surrogatparameter für den Impfschutz darstellen, obgleich auch die T-Zell-Antwort eine wichtige Rolle in der Verhinderung schwerer Krankheitsverläufe spielt. Neutralisierende Antikörper, insbesondere mit Neutralisation der Deltavariante und anderer „variants of concern“ (VOC), sind nicht routinemäßig messbar. Allerdings zeigt sich eine gute Korrelation zwischen anti-S-IgG bzw. anti-S1-IgG und dem Neutralisationstiter. Anti-S-Antikörper lassen sich im Routinelabor bestimmen. Eine Antikörperbestimmung nach Impfung wird bislang nicht generell empfohlen, da die Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Nachweisverfahren noch nicht gegeben ist und allgemein etablierte cut-off Werte bislang noch fehlen. Für Menschen mit MS, die mit Immuntherapeutika behandelt werden, die die Impfantwort beeinträchtigen - was zum jetzigen Zeitpunkt insbesondere für Ocrelizumab und S1P-Modulatoren mit Daten gezeigt werden konnte - und solchen mit negativem anti-S-Antikörpertest kann sechs Monate nach der zweiten Impfung eine dritte Impfung gegen COVID-19 mit einem mRNA-Impfstoff erwogen werden.

Sicherheit der Corona-Impfstoffe bei MS

Ein wichtiger Punkt für MS-Patienten ist die Sicherheit der Corona-Impfstoffe. Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Impfstoffe sicher sind und kein erhöhtes Risiko für Schübe oder andere schwerwiegende Nebenwirkungen besteht.

Studienergebnisse

Eine Registerstudie aus Dänemark bestätigt, dass MS-Erkrankte nach einer Impfung gegen COVID-19 kein klinisch relevant erhöhtes Risiko für Schübe haben.

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In der Ausgabe 3/2021 des DMSG-Magazins aktiv! veröffentlichten die Forschenden erste Zwischenergebnisse der Beobachtungsstudie. Von 1.427 der Teilnehmenden lagen zum Zeitpunkt der Zwischenauswertung die Informationen zur ersten und zweiten Corona-Impfung vor. Schmerzen an der Einstichstelle, Ermüdung und Kopfschmerzen waren die häufigsten Impfreaktionen. Bei etwa einem Viertel der Teilnehmenden traten fünf oder mehr Impfreaktionen auf, aber alle Symptome klangen durchschnittlich nach ein bis drei Tagen ab. 13 Prozent der Teilnehmenden berichteten nach der ersten Corona-Impfung und sieben Prozent nach der zweiten, dass sich ihre MS-Symptome verschlechtert haben. Am häufigsten wurde von diesen MS-Betroffenen eine Verschlechterung der Fatigue, des Gehvermögens, der Schmerzen und der Spastik angegeben. Neue MS-Symptome traten bei fünf Prozent nach der ersten und bei sechs Prozent nach der zweiten Impfung auf. Über das Auftreten eines Schubs berichteten jeweils drei Prozent nach der ersten und zweiten Corona-Impfung.

Fazit zur Corona-Impfung bei MS

  • Gerade MS-Patienten sollten sich impfen lassen, denn die echte Infektion mit COVID19 birgt bei weitem mehr Risiken als die Impfung.
  • Es ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig egal, mit was für einem Impfstoff man geimpft wird - Hauptsache man ist geimpft.
  • Kein Impf-Fatalismus im Hinblick auf die ständige mediale Konfrontation mit Virusmutationen. Die COVID19-Impfstoffe schützen auch gegen die Mutanten, die derzeit in Deutschland eine Rolle spielen.
  • Alle COVID19 Impfstoffe sind sicher - auch bei MS.
  • Die COVID 19-Impfung ist auch unter sämtlichen zugelassenen MS-Therapien möglich und sinnvoll - und nicht gefährlich.
  • Nutzen sie die Möglichkeit zur Impfung - schon zwei Wochen nach der ersten Impfstoffdosis sinkt das Risiko, schwer an COVID19 zu erkranken, signifikant ab.

Priorisierung von MS-Betroffenen wegen Schubrisikos?

Mathias Mäurer erklärt in diesem Audiopodcast, was Impfen allgemein und speziell für Menschen mit Multipler Sklerose bedeutet.

Was passiert kurz gesagt beim Impfen und welche Arten von Impfstoffen gibt es? Wann spricht man von einem Impfschaden, wann von gewöhnlichen Nebenwirkungen?

Was versteht man unter Herdenimmunität?

Ist Impfen bei Multipler Sklerose immer unproblematisch oder gibt es Impfungen, die man mit MS oder einer bestimmten MS-Therapie besser nicht machen sollte?

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Gibt es Impfungen, die gerade für Menschen mit MS zu empfehlen sind?

mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose?

Eine aktuelle Studie zieht gerade in Fachkreisen viel Aufmerksamkeit auf sich, denn wenige Wochen nach der Einführung der ersten mRNA-basierten Corona-Impfstoffe wird von einer mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose (MS) berichtet. Die tierexperimentelle Studie gilt bei Experten als interessant und weckt Hoffnungen auf einen Durchbruch bei der Behandlung der Autoimmunerkrankung. Dennoch handelt es sich nicht um eine greifbare Therapieoption, die schnell umgesetzt werden kann.

Wirkmechanismus

Ein anderes Prinzip, das zur Therapie von MS und anderen Autoimmunerkrankungen erforscht wird, beruht darauf, das körpereigene Immunsystem wieder an das auslösende Protein (Autoantigen) zu gewöhnen (Toleranzentwicklung). Das Prinzip ist vergleichbar mit der Desensibilisierung gegen Allergien (umgangssprachlich auch „Allergie-Impfung“, z. B. bei Pollenallergikern). Dabei wird durch eine gezielte Zufuhr des auslösenden Stoffes (des allergenen Antigens = Allergen) die immunologische Überempfindlichkeit abgebaut, das Immunsystems lernt, das Allergen wieder zu tolerieren.

Nun ist es Forschern gelungen, an einem MS-Mausmodell durch die kontrollierte Zufuhr des auslösenden Autoantigens (ein Myelinprotein) die autoimmune Gehirn- und Rückenmarksentzün-dung (Enzephalomyelitis) zu verhindern bzw. sogar rückgängig zu machen. Anstelle des fertigen Antigens wurde aber nur dessen genetischer Bauplan mittels Nukleosid-modifizierter Boten-RNA („m1Ψ-mRNA“) verabreicht. Im Körper wird daraus dann das Antigen/Protein gebildet, an das sich das Immunsystem (wieder) gewöhnen soll.

Wichtiger Hinweis

„An dieser Stelle sollte bereits angemerkt werden, dass die Studie zwar wissenschaftlich hoch interessant ist, aber es ist nicht so, dass wir nun auch in Kürze eine Impfung gegen MS haben werden“, kommentiert Prof. Dr. med. Frauke Zipp, Mainz. „Die Daten dürfen nicht zu der falschen Hoffnung führen, dass eine MS-Impfung kurz vor der Zulassung steht oder binnen weniger Monate entwickelt werden könnte.“

Unterschied zum Corona-Impfstoff

Der Wirkmechanismus des m1Ψ-mRNA-Impfstoffs gegen MS ist nicht mit einem Corona-Impfstoff zu vergleichen: „Bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen ist eine Toleranzinduktion gegen das Antigen das Ziel“, betont Prof. Dr. med. Ralf Gold, Bochum, „dagegen ist bei einer Impfung gegen Viren oder gegen Krebs genau das Gegenteil erwünscht: das Immunsystem soll lernen, den Feind künftig zu erkennen, anzugreifen und zu vernichten.“ Die Gemeinsamkeit der beiden Impfprinzipien besteht lediglich im Einbringen der Antigene in den Körper und sie dem Immunsystem bekanntzumachen. Der weitere Ablauf im Immunsystem ist dann völlig unterschiedlich bzw. in entgegengesetzte Richtungen („Angriff“ oder „Toleranz“).

Teilnahme an Studien

Um zusätzliche Daten zur Corona-Impfung bei MS zu gewinnen, hat die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V. (DMSG) in Zusammenarbeit mit dem MS-Register die „Beobachtungsstudie SARS-CoV-2-Impfung und Multiple Sklerose“ ins Leben gerufen. Teilnehmen kann jede:r volljährige MS-Betroffene, der:die mit einem der in Deutschland zugelassenen Impfstoffe geimpft wurde.

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