Migräne: Eine globale Herausforderung – Wo fehlen die Statistiken?

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung mit vielfältigen, oft stark beeinträchtigenden Symptomen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Migräne als eine der Hauptursachen für Behinderungen weltweit ein. Laut einer aktuellen Studie ist Migräne für fast 3 % aller behinderungsbedingten Krankheitslasten verantwortlich und steht an achter Stelle der am stärksten belastenden Krankheiten weltweit. Unter den nicht übertragbaren Krankheiten belegt Migräne sogar den siebten Platz und ist die häufigste neurologische Erkrankung.

Die globale Belastung durch Migräne

Die hohe Belastung durch Migräne ist vor allem auf ihre Häufigkeit zurückzuführen. Schätzungsweise leiden etwa 14 % der Erwachsenen irgendwann in ihrem Leben unter Migräne. Einige Studien gehen sogar von einer Lebenszeitprävalenz von bis zu 23 % aus. Dies bedeutet, dass etwa 1 % der Weltbevölkerung einmal pro Woche eine Migräneattacke erleidet. Hinzu kommt, dass Migräne oft mit anderen häufigen und stark behindernden Erkrankungen wie Angstzuständen, affektiven Störungen, Schlaganfall, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Epilepsie, Atemwegserkrankungen und Magen-Darm-Störungen einhergeht.

Komplementärmedizinische Maßnahmen bei Kopfschmerzen

Patienten mit Kopfschmerzen fragen häufig nach komplementärmedizinischen Maßnahmen. Eine Umfrage in europäischen Kopfschmerzkliniken ergab, dass 81,7 % der Patienten solche Maßnahmen nutzen. Komplementärmedizinische Methoden werden zunehmend mit wissenschaftlichen Methoden untersucht, und immer mehr Universitäten erkennen sie an. In der Schweiz gibt es am Unispital Zürich einen eigenen Lehrstuhl für komplementäre und integrative Medizin. Viele Ärzte sehen Komplementärmedizin nicht mehr als Alternative, sondern als sinnvolle Ergänzung zu schulmedizinischen Behandlungen. Zum Beispiel kann Akupunktur eine sinnvolle Ergänzung zu Medikamenten bei Kopfschmerzen sein. Studien zeigen, dass Akupunktur eine signifikante Verum-Wirkung hat, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Akupunktur kann besonders bei Migräne und Spannungskopfschmerzen empfohlen werden.

Die Erwartungshaltung spielt eine große Rolle bei der Linderung von Schmerzen. Sie verstärkt oder schwächt den Placebo-Effekt. Auch manuelle Therapie kann bei Kopfschmerzen helfen, indem sie Verspannungen in Muskeln löst. Yoga kann ebenfalls positive Effekte haben, wobei es wichtig ist, die verschiedenen Yoga-Arten zu berücksichtigen. Einige Nahrungsergänzungsmittel wie Riboflavin, Coenzym Q10 und Magnesium zeigten positive Wirkungen in der Migräneprophylaxe. Auch pflanzliche Mittel wie Pestwurz können bei Migräne helfen, aber sie können auch Nebenwirkungen verursachen. Lavendel kann Angst- und depressive Symptome reduzieren, die oft mit Kopfschmerzen einhergehen. Mind-Body Medicine, Biofeedback, Meditation oder die "Emotional Freedom Technique" können ebenfalls hilfreich sein. Wichtig ist, dass man mit den komplementärmedizinischen Maßnahmen Ressourcen stärkt, die bereits vorhanden sind.

Migräne und die Evolution

Migräneforscher vermuten, dass die sensible Wahrnehmung von Licht, Geräuschen und Gerüchen für unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren von Vorteil gewesen sein könnte. Das empfindlichere Geruchs- und Geschmacksempfinden könnte rechtzeitig auf giftige oder verdorbene Nahrung oder Gefahrstoffe hingewiesen haben. In der heutigen, hektischen Zeit ist das Migränegehirn jedoch oft überfordert. Die Migräneforscher Marco Lisicki und Jean Schoenen stellten die Hypothese auf, dass das Migränegehirn heutzutage evolutionär eher von Nachteil ist und seine Verbreitung in manchen Ländern bereits zurückgeht.

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Sie setzten für 38 ausgewählte Länder den Biological State Index (BSI) ins Verhältnis zur Migränehäufigkeit. Die Berechnung zeigte einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer erhöhten Sterblichkeit und geringer Migränehäufigkeit. Als Beispiele nennen die Autoren Peru, Tansania, Nigeria und Äthiopien. Sie schlussfolgern, dass es Migräniker in Ländern, in denen die Lebensverhältnisse und die medizinische Versorgung über Jahrzehnte unterdurchschnittlich waren, schwerer hatten, Partner zu finden und Kinder zu zeugen als in hochentwickelteren Ländern. In der Folge sei die erblich bedingte Migränehäufigkeit in diesen Ländern insgesamt schleichend zurückgegangen.

Eine alternative Erklärung für die ungleiche Verteilung der Migränehäufigkeit weltweit könnte eine Mutation in einem Gen namens TRPM8 sein. Diese Mutation ermöglichte unseren afrikanischen Vorfahren womöglich die Anpassung an kalte Lebensräume. Forschende stellten fest, dass in Afrika zum Teil nur fünf Prozent der Menschen die Genvariante in sich tragen, während es in Finnland bis zu 88 Prozent sind. Diese Verteilung der Genvariante korreliert stark mit der dortigen Migränehäufigkeit.

Aktuelle Behandlungsmethoden

Zur Migränebehandlung stehen sowohl nicht-medikamentöse als auch medikamentöse Optionen zur Verfügung. Nicht-medikamentöse Ansätze umfassen Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation und regelmäßigen Ausdauersport. Bei akuten Migräneattacken werden Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Naproxen eingesetzt. Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es auch spezielle Migränemedikamente, sogenannte Triptane. Für Patienten, die Triptane nicht vertragen, bieten Medikamente wie Ditane eine Alternative. Zur Vorbeugung von Migräneanfällen können Betablocker, Antidepressiva und Antikonvulsiva eingesetzt werden. Eine neuere Entwicklung in der Migräneprophylaxe sind CGRP-Antikörper, die entzündliche Prozesse blockieren. Seit kurzem sind auch einige Vertreter der sogenannten Gepante in Europa zugelassen. Dabei handelt es sich um eine Klasse von Medikamenten, die Migräneanfällen nicht nur vorbeugen, sondern auch im Akutfall helfen sollen.

Länder ohne Migränestatistiken

Die Frage, in welchen Ländern es keine Migränestatistiken gibt, ist komplex. Es ist unwahrscheinlich, dass es Länder gibt, in denen keine Daten zur Migräne existieren. Allerdings variiert die Qualität und Verfügbarkeit von Migränestatistiken erheblich zwischen den Ländern.

Gründe für fehlende oder unvollständige Daten:

  • Mangelnde Ressourcen: In vielen Ländern mit niedrigem Einkommen fehlen die finanziellen und infrastrukturellen Ressourcen, um umfassende epidemiologische Studien durchzuführen.
  • Fehlende Priorisierung: Migräne wird in einigen Ländern möglicherweise nicht als vorrangiges Gesundheitsproblem angesehen, was zu einer geringeren Datenerhebung führt.
  • Unzureichende Diagnose: In vielen Regionen ist das Bewusstsein für Migräne gering, was zu einer Unterdiagnose und somit zu unvollständigen Statistiken führt.
  • Methodologische Unterschiede: Die Erhebung von Migränedaten kann je nach Land unterschiedlich sein, was den Vergleich von Statistiken erschwert.
  • Geografische Barrieren: In einigen Regionen ist die Erreichbarkeit von Bevölkerungsgruppen erschwert, was die Datenerhebung beeinträchtigt.
  • Politische Instabilität: In einigen Ländern beeinträchtigen politische Instabilität und Konflikte die Datenerhebung.

Länder mit potenziell unvollständigen Daten:

Es ist schwierig, eine definitive Liste von Ländern ohne Migränestatistiken zu erstellen. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass in Ländern mit niedrigem Einkommen, begrenzten Gesundheitsressourcen und politischen Instabilitäten die Migränestatistiken unvollständiger sind. Dies könnte Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika betreffen.

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Bedeutung von Migränestatistiken:

Migränestatistiken sind wichtig, um das Ausmaß der Erkrankung zu verstehen, Ressourcen zuzuweisen und Behandlungsstrategien zu entwickeln. Sie helfen Gesundheitspolitikern, Forschern und Klinikern, die Bedürfnisse von Migränepatienten besser zu verstehen und die Versorgung zu verbessern.

Die Rolle der Hausärzte

Hausarztpraxen spielen eine wichtige Rolle bei der Versorgung von Patienten mit Kopfschmerzen. Eine Umfrage ergab, dass die Diagnose Kopfschmerz wesentlich häufiger gestellt wird als die der Migräne, obwohl Letztere weiter verbreitet ist. Man müsse davon ausgehen, dass Migränekopfschmerzen noch immer bei vielen Patienten nicht erkannt werden. Die Nackenschmerzen sind allerdings die Folge der Migräne, nicht deren Ursache.

Die wirtschaftlichen Folgen von Migräne

Migräne ist weltweit bei Berufstätigen unter 50 Jahren die führende Ursache für Arbeitsausfälle und somit von wirtschaftlichen Schäden. Trotz des zunehmenden Wissens über die Krankheit und deren Therapie ist das Bewusstsein dafür beziehungsweise das Management sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Politik unzulänglich. Nur durch gemeinsame Bemühungen der Gesundheitsdienstleister, das heißt durch integrierte koordinierte Versorgungssysteme, in denen sowohl Hausärzte als auch Spezialisten komplementär zusammenarbeiten, werde sich die Versorgung von Migränepatienten verbessern lassen.

Die Zukunft der Kopfschmerzbehandlung

Die Zukunft der Kopfschmerzbehandlung wird sehr individuell sein, idealerweise massgeschneidert. Dies bedeutet in erster Linie, dass der Neurologe individuell auf den einzelnen Patienten eingeht und neben medizinischen Aspekten auch solche der Lebensgestaltung oder der Lebensumstände berücksichtigt, und auch das, was der Patient möchte. Biomarker und Pharmakogenetik könnten ebenfalls zu einer massgeschneiderten Behandlung beitragen.

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