Die inferiore Clunealneuralgie ist eine Schmerzerkrankung, die durch eine Reizung oder Schädigung der unteren Clunealnerven verursacht wird. Diese Nerven versorgen die Haut des unteren Gesäßes und des oberen hinteren Oberschenkels mit sensorischen Informationen. In diesem Artikel werden die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Inferior Cluneal Neuralgie detailliert erläutert.
Grundlagen der Neuralgie und Kryoneurolyse
Neuralgien sind Schmerzzustände, die durch Nervenschädigungen oder -irritationen entstehen. Die Kryoneurolyse ist eine spezielle Technik, die in der interventionellen Schmerztherapie eingesetzt wird, um langfristige Schmerzlinderung zu erzielen.
Kryoneurolyse: Ein Überblick
Die Kryoneurolyse, auch Kryoanalgesie oder Kryoablation genannt, ist eine Methode zur Behandlung von Nervenschmerzen, bei der Kälte eingesetzt wird, um die Nervenfunktion zu modulieren. Diese Technik wird angewendet, wenn Schmerzen nachweislich von sensorischen Nerven verursacht werden.
Historische Entwicklung
Die Anwendung von Kälte zur Schmerzlinderung hat eine lange Tradition. Bereits Hippokrates (460-377 v. Chr.) beschrieb die Verwendung von Eis zur Schmerzlinderung im antiken Griechenland. Auch die alten Ägypter dokumentierten die Anwendung niedriger Temperaturen zur Schmerzlinderung.
Im napoleonischen Krieg bemerkte Jean Larre', Napoleons Generalstabsarzt, dass halberfrorene Soldaten Amputationen von Gliedmaßen mit wenig oder gar keinen Schmerzen ertragen konnten. Dies führte zur Verwendung von kalten Solemischungen zur Schmerzlinderung.
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Die moderne Kryoanalgesie geht auf Cooper et al. (1961) zurück, die ein Gerät entwickelten, das flüssigen Stickstoff in einem hohlen, an der Spitze isolierten Rohr verwendete und eine Temperatur von -190ºC erreichte. Später entwickelte Amoils (1967) ein einfacheres Handgerät, das Kohlendioxid oder Distickstoffoxid verwendete und Temperaturen von -70ºC erreichen konnte. Lloyd et al. prägten den Begriff "Kryoanalgesie" für die Anwendung in der Schmerztherapie.
Techniken der Kryoneurolyse
Moderne kryochirurgische Geräte verwenden entweder Lachgas (Stickoxydul N2O2) oder Kohlendioxid (CO2). Einige Geräte verfügen über einen "Nervsearcher", der die Nervenstrukturen durch elektrische Stimulation verifiziert.
Bei der Kryoneurolyse wird eine Sonde in der Nähe des betroffenen Nervs platziert. Das Gas wird durch die Sonde geleitet, wodurch die Spitze der Sonde abkühlt und eine Eiskugel bildet. Die Kälte erzeugt eine Leitungsblockade im Nerv, ähnlich der Wirkung von Lokalanästhetika.
Die Größe der Eiskugel hängt von der Größe der Sonde ab. Eine 2,0-mm-Sonde bildet eine 5,5-mm-Eiskugel, während eine 1,4-mm-Sonde eine 3,5-mm-Eiskugel bildet.
Wirkungsweise der Kryoneurolyse
Die Anwendung von Kälte auf das Gewebe erzeugt eine Leitungsblockade, ähnlich der Wirkung von Lokalanästhetika. Bei 10 Cº hören größere myelinisierte Fasern auf zu leiten, aber alle Nervenfasern hören bei -20 Cº auf zu leiten.
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Langfristige Schmerzlinderung durch das Einfrieren von Nerven tritt auf, weil Eiskristalle eine vaskuläre Schädigung der Vasa nervorum verursachen, die zu einem schweren endoneuralen Ödem führt. Dadurch wird die Nervenstruktur gestört und es kommt zur Waller'schen Degeneration, aber die Myelinscheide und das Endoneurium bleiben intakt.
Die Basallamina der Schwann-Zellen wird verschont und stellt letztlich die Struktur für die Regeneration zur Verfügung. Obwohl Demyelinisierung und Degeneration des Axons auftreten, bleibt das Endoneurium intakt, sodass keine Neurombildung auftritt und der Nerv sich typischerweise mit einer Rate von 1 - 1,5 mm/Woche regenerieren kann.
Klassifikation der Nervenverletzungen
Nach Seddon und Sunderland unterscheidet man mehrere Schweregrade der Nervenverletzung, die die Verletzung der Nervenanatomie beschreiben und in Relation zur möglichen Regeneration darstellen:
- Neuropraxie: Geringste Schädigung, beschreibt eine Leitungsunterbrechung von kurzer Dauer (eingeschlafene Beine). Sie entspricht einer Kälteexposition von +10°C bis -20° C und ist vollständig reversibel.
- Axonotmesis: Verlust der Kontinuität des Axons mit Wallerscher Degeneration distal der Verletzung aber mit erhaltenen Hüllstrukturen von Endoneurium, Perineurium und Epineurium. Dies ist ebenfalls vollständig reversibel, die Regeneration dauert jedoch je nach Länge des Nerves bis zu 24 Monate. Die Axonotmesis entspricht einer Kälteexposition von -20°C bis -100°C.
- Neurotmesis: Nicht mehr reversibel, beschreibt die anatomische Unterbrechung der Axone sowie des Peri- und Epineuriums, auch wenn evtl das Endoneurium noch erhalten bleibt. Dies tritt bei Temperaturen unter -140°C auf. Eine vollständige Transektion der Nerven ist mit Kälte nicht möglich.
Ursachen der Inferior Cluneal Neuralgie
Die Ursachen der Inferior Cluneal Neuralgie sind vielfältig und können folgende Faktoren umfassen:
- Direkte Kompression: Die Nerven können durch äußeren Druck eingeklemmt werden, beispielsweise durch langes Sitzen auf harten Oberflächen oder durch enge Kleidung.
- Trauma: Verletzungen des Gesäßes oder des unteren Rückens können zu einer Schädigung der Nerven führen.
- Operationen: Chirurgische Eingriffe im Bereich des Beckens oder der Wirbelsäule können die Nerven beeinträchtigen.
- Muskelverspannungen: Verspannungen in den Gesäßmuskeln, insbesondere im Musculus piriformis, können die Nerven komprimieren oder reizen.
- Anatomische Variationen: In einigen Fällen können anatomische Besonderheiten dazu führen, dass die Nerven anfälliger für Kompressionen sind.
- Entzündungen: Entzündliche Prozesse im Bereich der Nerven können zu Reizungen und Schmerzen führen.
Symptome der Inferior Cluneal Neuralgie
Die Symptome der Inferior Cluneal Neuralgie können variieren, umfassen aber typischerweise:
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- Schmerzen: Schmerzen im unteren Gesäßbereich, die bis in den oberen hinteren Oberschenkel ausstrahlen können. Die Schmerzen werden oft als brennend, stechend oder quälend beschrieben.
- Taubheitsgefühle: Taubheitsgefühle oder Kribbeln im Bereich des unteren Gesäßes und des oberen hinteren Oberschenkels.
- Druckempfindlichkeit: Erhöhte Empfindlichkeit bei Berührung im Bereich des Gesäßes.
- Schmerzverstärkung: Verstärkung der Schmerzen beim Sitzen, Bücken oder längerem Gehen.
- Gangschwierigkeiten: In einigen Fällen können Gangschwierigkeiten auftreten, insbesondere beim Treppensteigen oder bei der Außenrotation des Beines.
Diagnose der Inferior Cluneal Neuralgie
Die Diagnose der Inferior Cluneal Neuralgie basiert in der Regel auf einer Kombination aus:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und Beschreibung der Symptome durch den Patienten.
- Körperliche Untersuchung: Durchführung spezifischer Tests, um die Schmerzen zu provozieren und die betroffenen Nerven zu identifizieren.
- Manuelle Untersuchung: Abtasten des Piriformis-Muskels und anderer relevanter Strukturen.
- Bildgebende Verfahren: MRT oder CT-Scans können eingesetzt werden, um andere mögliche Ursachen der Symptome auszuschließen, wie beispielsweise Bandscheibenvorfälle oder Tumoren.
- Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG): Eine elektrophysiologische Untersuchung, um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
Behandlung der Inferior Cluneal Neuralgie
Die Behandlung der Inferior Cluneal Neuralgie zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Funktion der betroffenen Nerven wiederherzustellen. Es gibt verschiedene konservative und invasive Behandlungsmöglichkeiten:
Konservative Behandlung
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Dehnung und Kräftigung der Gesäßmuskulatur, insbesondere des Musculus piriformis.
- Manuelle Therapie: Techniken zur Lösung von Muskelverspannungen und zur Verbesserung der Beweglichkeit der Wirbelsäule und des Beckens.
- Schmerzmedikamente: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) oder Analgetika zur Schmerzlinderung.
- Wärme- und Kältetherapie: Anwendung von Wärme- oder Kältepackungen zur Muskelentspannung und Schmerzlinderung.
- Injektionen: Injektionen von Lokalanästhetika oder Kortikosteroiden in den Bereich der betroffenen Nerven, um die Entzündung zu reduzieren und die Schmerzen zu lindern.
Invasive Behandlung
- Kryoneurolyse: Wie bereits beschrieben, kann die Kryoneurolyse eingesetzt werden, um die betroffenen Nerven gezielt zu behandeln und eine langfristige Schmerzlinderung zu erzielen.
- Nervenblockaden: Injektionen von Lokalanästhetika in die Nähe der Nerven, um die Schmerzübertragung zu blockieren.
- Chirurgische Dekompression: In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Nerven von Druck zu entlasten, insbesondere wenn die Schmerzen durch anatomische Anomalien oder Tumoren verursacht werden.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
- Akupunktur: Einige Patienten berichten von einer Schmerzlinderung durch Akupunkturbehandlungen.
- Neuraltherapie: Injektionen von Lokalanästhetika in Triggerpunkte oder Narben, um die Schmerzübertragung zu beeinflussen.
- Stoßwellentherapie: Anwendung von Stoßwellen zur Behandlung von Muskelverspannungen und Triggerpunkten.
Selbsthilfemaßnahmen bei Inferior Cluneal Neuralgie
Zusätzlich zu den professionellen Behandlungen können Patienten auch selbst Maßnahmen ergreifen, um die Symptome zu lindern:
- Regelmäßige Dehnübungen: Durchführung spezifischer Dehnübungen für den Piriformis-Muskel und andere Gesäßmuskeln.
- Ergonomische Anpassungen: Anpassung des Arbeitsplatzes und der Sitzposition, um eine gute Körperhaltung zu fördern und den Druck auf das Gesäß zu reduzieren.
- Vermeidung von auslösenden Faktoren: Identifizierung und Vermeidung von Aktivitäten, die die Schmerzen verstärken.
- Gewichtsmanagement: Übergewicht kann den Druck auf die Nerven erhöhen, daher kann eine Gewichtsreduktion helfen, die Symptome zu lindern.
Prävention der Inferior Cluneal Neuralgie
Es gibt verschiedene Maßnahmen, die ergriffen werden können, um das Risiko einer Inferior Cluneal Neuralgie zu reduzieren:
- Gute Körperhaltung: Achten Sie auf eine gute Körperhaltung beim Sitzen, Stehen und Gehen.
- Regelmäßige Bewegung: Vermeiden Sie langes Sitzen und stehen Sie regelmäßig auf, um sich zu bewegen und die Muskeln zu dehnen.
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Richten Sie Ihren Arbeitsplatz ergonomisch ein, um den Druck auf das Gesäß zu reduzieren.
- Gesunde Lebensweise: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung, um Übergewicht zu vermeiden.