Die Fußsohle, die einzige Kontaktstelle zum Boden beim aufrechten Gang, wird von verschiedenen Nerven versorgt. Die Gefühlswahrnehmung ist sehr wichtig für die Steuerung des Gleichgewichts. Eine Schädigung oder Kompression dieser Nerven kann zu erheblichen Schmerzen und Missempfindungen führen. Das Tarsaltunnelsyndrom, eine Nerveneinklemmung im Bereich des Innenknöchels, ist eine häufige Ursache für Schmerzen an der Fußsohle.
Anatomie des Tarsaltunnels
Der Tarsaltunnel ist ein enger Kanal hinter dem Innenknöchel, der von Knochen und einem Band, dem Retinaculum flexorum, gebildet wird. Durch diesen Tunnel verlaufen der Schienbeinnerv (Nervus tibialis), Sehnen und Blutgefäße in die Fußsohle. Der Schienbeinnerv teilt sich im Tarsaltunnel in seine Endäste, die Nervi plantares medialis und lateralis, die für die Bewegung der Fußmuskeln und das Gefühl an der Innenseite der Ferse, der Fußsohle und der Zehen verantwortlich sind.
Was ist das Tarsaltunnelsyndrom?
Beim Tarsaltunnelsyndrom handelt es sich um eine Nerveneinklemmung des Schienbeinnervs im Tarsaltunnel. Ähnlich wie beim Karpaltunnelsyndrom am Handgelenk wird der Nerv durch erhöhten Druck komprimiert, was zu Schmerzen, Taubheit und Missempfindungen in der Fußsohle führen kann.
Ursachen des Tarsaltunnelsyndroms
Die Einengung des Tarsaltunnels kann verschiedene Ursachen haben:
- Fußfehlstellungen: Insbesondere der Knick-Senkfuß kann den Druck auf den Schienbeinnerv erhöhen.
- Verletzungen: Knochenbrüche, Verstauchungen oder andere Verletzungen im Bereich des Sprunggelenks können zu Schwellungen und Kompression des Nervs führen.
- Entzündliche Erkrankungen: Arthritis, Rheuma und rheumatoide Arthritis können Schwellungen und Beschwerden im Bereich des Tarsaltunnels verursachen.
- Andere Ursachen: Krampfadern, Knochensporne, Überbeine oder enge Schuhe können ebenfalls Druck auf den Nerv ausüben.
- Funktionelle Überlastungen: Starker Knickfuß oder Überlastungen beim Joggen können ebenfalls zu einer Kompression des Nervs führen.
- Tumore: In seltenen Fällen können auch Tumore im Bereich des Tarsaltunnels den Nerv einengen.
- Komplikationen bei medizinischen Behandlungen: Postoperative Folgen durch Schwellungen, Narben etc. können ebenfalls zum Tarsaltunnelsyndrom führen.
- Anlagebedingt: In etwa 20 Prozent der Fälle ist die Ursache anlagebedingt.
Symptome des Tarsaltunnelsyndroms
Die Symptome des Tarsaltunnelsyndroms sind vielfältig und können individuell unterschiedlich sein. Häufige Beschwerden sind:
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- Schmerzen: Brennende, stechende oder dumpfe Schmerzen an der Fußsohle, die bis in die Zehen, Ferse oder Wade ausstrahlen können. Die Schmerzen können sich bei Belastung, insbesondere beim Sport oder langem Stehen, verstärken. Zum Teil treten die Fußschmerzen als Nachtschmerzen mit Ausstrahlung in Ferse und Unterschenkel auf.
- Missempfindungen: Kribbeln, Ameisenlaufen oder Taubheitsgefühl in der Fußsohle und den Zehen. Manche Patienten haben auch das Gefühl, dass ihr Fuß "einschläft".
- Schmerzen am Fußrücken: In einigen Fällen können auch Schmerzen am Fußrücken auftreten.
- Zunahme der Schmerzen im Tagesverlauf: Häufig nehmen die Schmerzen im Laufe des Tages zu und sind vor allem nachts und in Ruhe zu spüren.
- Besserung durch Massage oder Reibung: Massage und Reibung können die Fußschmerzen vorübergehend lindern.
- Anlaufschmerzen: Ausgeprägte Anlaufschmerzen am Morgen werden häufig angegeben.
- Chronischer Verlauf: Typisch ist ein chronischer, langsam zunehmender Verlauf über Monate und Jahre. Teilweise sind auch wechselnde Beschwerden in Abhängigkeit von der Belastung vorhanden.
- Motorische Beeinträchtigung: In seltenen Fällen kann es zu einer Schwäche der Zehenspreizer kommen.
- Verminderte Schweißsekretion: In einigen Fällen kann die Schweißsekretion vermindert sein.
Diagnose des Tarsaltunnelsyndroms
Die Diagnose des Tarsaltunnelsyndroms basiert auf einer Kombination aus:
- Anamnese: Der Arzt befragt den Patienten ausführlich nach seinen Beschwerden und der Krankheitsgeschichte. Bereits die Schilderung der Schmerzen durch den Patienten mit Brennen und Gefühlsstörungen an den Füßen können auf ein Tarsaltunnelsyndrom hindeuten.
- Klinische Untersuchung: Der Arzt untersucht den Fuß und tastet den Verlauf des Schienbeinnervs ab. Durch Druck mit dem Daumen untersucht der Fußspezialist die im Tarsaltunnel verlaufenden Beugesehnen. Sowohl die Beugesehnen der Zehen als auch der Großzehen sind hier tastbar. Auch die Tibialis-posterior-Sehne (Sehne des vorderen Schienbeinmuskels) kann hier untersucht werden. Zudem verlaufen im Tarsaltunnel Blutgefäße und der Schienbeinnerv (Nervus tibialis). Druckschmerzen an einer typischen Stelle über dem Nervenverlauf des Nervus tibialis bestätigen den Verdacht während der klinischen Untersuchung durch den Fußspezialisten. Ein wichtiger Schritt ist die Untersuchung des Tarsaltunnels.
- Tinel-Zeichen: Durch Beklopfen des Nerven kann der Arzt ein elektrisierendes, in die Fußsohle ausstrahlendes Gefühl auslösen.
- Dorsalflexions-Eversions-Test: Der Arzt bewegt den Fuß des Patienten maximal nach oben (Dorsalflexion) und außen (Eversion), während die Zehen gestreckt werden.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen können knöcherne Veränderungen oder Fehlstellungen erkennen lassen. Ultraschall und MRT können die Nervenkompression, Raumforderungen und Weichteilveränderungen darstellen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) durch einen Neurologen kann die Diagnose bestätigen und den Schweregrad der Nervenschädigung einschätzen.
- Diagnostische Injektion: Eine Injektion eines Lokalanästhetikums in den Tarsaltunnel kann zur Diagnosestellung beitragen. Wenn die Schmerzen nach der Injektion vorübergehend verschwinden, ist dies ein Hinweis darauf, dass der Schienbeinnerv die Ursache der Beschwerden ist.
Differentialdiagnosen
Es ist wichtig, andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen, wie z.B.:
- Plantarfasziitis
- Morton Neurom
- (Diabetische) Polyneuropathie
- Durchblutungsstörungen
- Bandscheibenvorfall
- Achillodynie
Behandlung des Tarsaltunnelsyndroms
Die Behandlung des Tarsaltunnelsyndroms richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Beschwerden.
Konservative Behandlung
In vielen Fällen kann das Tarsaltunnelsyndrom konservativ behandelt werden:
- Entlastung und Schonung: Sportliche Aktivitäten und körperliche Belastungen, welche die Symptome verstärken, sollte der Patient nach Möglichkeit reduzieren oder vorübergehend aussetzen. Bei akuten Schmerzen kann eine Schonung des betroffenen Fußes helfen, die Reizung zu lindern.
- Kühlung und entzündungshemmende Maßnahmen: Bei akuten Schmerzen und möglichen Entzündungen können Kühlung und entzündungshemmende Salben oder Medikamente zum Einsatz kommen. Bei einer entzündlichen Ursache durch Überlastung sollte der Fuß zunächst einige Tage geschont und gekühlt werden. Hier sollte der Fuß aber nicht komplett ruhig, sondern schmerzadaptiert belastet werden.
- Medikamente: Schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente (NSAR) können zur Linderung der Schmerzen und Entzündung eingesetzt werden. Bei starken Entzündungen und Schwellung des Nerven ist zudem eine Kortisoninjektion möglich.
- Physiotherapie: Spezielle Übungen kräftigen die Muskulatur in Fuß und Schienbein. Folgende Übungen dienen einer schmerzfreien sanften Mobilisation des Sprunggelenks und verbessern die Körperwahrnehmung. Wichtig: Diese Übungen ergänzen lediglich die oben beschriebenen Maßnahmen.
- Schuheinlagen und Orthesen: Schuheinlagen können Fußfehlstellungen korrigieren und den Druck auf den Nerv reduzieren. Auch Schienen eignen sich zur konservativen Behandlung des Tarsaltunnelsyndroms. Sie reduzieren den Druck und die Beweglichkeit, die beide den Tibialisnerven zusätzlich komprimieren.
- Injektionstherapie: Der Arzt kann lokale Betäubungsmittel in den Tarsaltunnel einspritzen, um die Schmerzen zu lindern. Bei starken Entzündungen kann auch Kortison injiziert werden.
- Bewegungsanalyse: Eine umfassende Bewegungsanalyse kann Fehlbelastungen, Fußfehlstellungen oder biomechanische Dysbalancen erkennen.
- Trainingstherapie: Ein gezieltes Training der Fuß- und Unterschenkelmuskulatur unter Anleitung eines Sportwissenschaftlers hilft oft langfristig, da es den Fuß stabilisiert und die Belastung optimal verteilt.
- Faszienrolle und Dehnen: Gerade bei einer Überlastung der Fußmuskulatur oder der Plantarsehne kann das Rollen des Fußes über eine Faszienrolle (oder einen kleinen Ball) und das Dehnen der Sehnen spürbare Linderung bringen.
- Stoßwellentherapie: Bei chronischen Sehnenschmerzen oder Reizungen, wie etwa am Ansatz der Tibialis-posterior-Sehne, kann die Stoßwellentherapie hilfreich sein.
- Schuhwerk anpassen: Häufig sind falsches Schuhwerk oder eine ungenügende Dämpfung ursächlich für Fußschmerzen. Schuhe mit ausreichender Dämpfung und guter Unterstützung für das Fußgewölbe können hier entlasten.Bei einem Überbein ist es oft notwendig, die Schuhe entsprechend abzupolstern, um den Druck vom Fuß zu nehmen. Sollte dies zu keinem Erfolg führen, muss über operative Möglichkeit beraten werden.
- Bandage: Vor allem bei Belastung kann es hilfreich sein, das betroffene Sprunggelenk mittels einer Zugbinde zu stützen und zu stabilisieren.
- Ernährungs- und Lebensstilberatung: Bei chronischen Schmerzen werden auch Entzündungsprozesse im Körper berücksichtigt.
Operative Behandlung
Wenn die konservative Behandlung nicht erfolgreich ist, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Bei dem Eingriff wird das Retinaculum flexorum, das den Tarsaltunnel begrenzt, durchtrennt, um den Nerv zu entlasten. Nach Durchtrennung des Retinakulums (Haltebandes) tritt der Tibialisnerv häufig aus dem Tarsaltunnel hervor. Die Schwellung des Nerven vor dem Retinakulum verschwindet in der Regel nach wenigen Minuten. Eine Naht des Retinakulums ist nicht notwendig.
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- Vorgehensweise: Um den Tarsaltunnel zu spalten, setzt der Fußchirurg zunächst über dem Innenknöchel einen bogenförmigen Hautschnitt. Dann öffnet er das Retinaculum türflügelartig und legt den Nerv in seinem Verlauf bis zum Muskelbauch des Großzehenabspreizermuskel am Fersenbein frei. Eventuell vorhandene Weichteiltumoren oder verdicktes Sehnengleitgewebe werden entfernt. Je nach Ausmaß der Beschwerden eröffnet der Chirurg auch die Faszie des Muskels. Danach stillt er die Blutung, vernäht die Wunde und legt einen Verband an.
- Nachbehandlung: Nach der Operation bekommt der Patient meist für drei Wochen eine Orthese.
- Belastung: In einschlägigen Literaturquellen finden sich hierzu Angaben, die voneinander abweichen. Unter anderem wird als Therapieempfehlung das Tragen einer Gipsschiene für circa 2 Wochen angeführt, um den Fuß ruhig zu stellen, mit anschließender Teilbelastung des Fußes für weitere 4 Wochen. Aufgrund der sich hier teils stark unterscheidenden Informationen, fragen Sie bitte Ihren behandelnden Arzt, welche Empfehlung er in Ihrem individuellen Fall ausspricht.
- Mögliche Komplikationen: Wie bei jedem operativen Eingriff sind auch hier Komplikationen nicht gänzlich auszuschließen, beispielsweise eine gestörte Wundheilung, Infektionen oder Narbenkeloide (Narbenwucherungen).
- Erfolgsrate: Nach einem operativen Eingriff erfahren Betroffene eine Besserung der Schmerzen um etwa 70 % bei entsprechend gesicherter Diagnose. Eine frühzeitige Therapie kann diese Rate deutlich erhöhen. Das bedeutet: Je früher die Behandlung des Tarsaltunnelsyndroms stattfindet, umso aussichtsreicher ist sie.
- Spinalanästhesie: Bei dem Eingriff wird-häufig in Vollnarkose oder per Spinalanästhesie5 - das Halteband gespalten und der eingeklemmte Nerv im Tarsaltunnel freigelegt, um ihn zu entlasten. Der Schnitt verläuft entlang des Nervenverlaufs hinter dem Innenknöchel. Spinalanästhesie - was ist das genau?Dabei spritzt der Anästhesist (Narkosearzt) mit einer Injektionsnadel ein örtliches Betäubungsmittel in den sogenannten Spinalkanal, durch den die Spinalnerven und das Rückenmark verlaufen. Der Einstich erfolgt auf Höhe der Lendenwirbelsäule. Mit diesem Verfahren sind Operationen unterhalb des Bauchnabels möglich.
- Krankmeldung: Eine allgemeingültige Antwort gibt es hier leider nicht, da der Heilungsprozess von vielen Faktoren abhängt. Beispielsweise davon, wie lange die Nerveneinengung vor der OP vorhanden war oder welcher beruflichen Tätigkeit der Patient nachgeht.
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