Institut für Neurologische Erkrankungen: Forschung und Behandlung im Fokus

Die Erforschung und Behandlung neurologischer Erkrankungen stellt eine der größten Herausforderungen im Gesundheitswesen dar. Zahlreiche Institute und Kliniken widmen sich dieser Aufgabe, um die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten nachhaltig zu verbessern. Dieser Artikel beleuchtet die Forschungsaktivitäten und klinischen Schwerpunkte verschiedener neurologischer Einrichtungen in Deutschland, darunter Universitätskliniken und spezialisierte Zentren.

Forschungsschwerpunkte und Experimentelle Ansätze

Ein zentraler Aspekt der neurologischen Forschung ist das Verständnis der Mechanismen, die bei Schädigungen des Nervensystems eine Rolle spielen. So untersucht beispielsweise eine Arbeitsgruppe den Einfluss von Nanofasern und Lipidsignaling auf die Regeneration peripherer Nerven und des Rückenmarks. Hierbei kommen molekularbiologische, zellbiologische und morphologische Methoden zum Einsatz, die im Neurologischen Labor des Universitätsklinikums Aachen (UKA) und bei Kooperationspartnern etabliert sind. Für die Forschung werden sowohl Zellkulturen (Astrozyten, Schwannzellen, Neurone) als auch In-vivo-Modelle genutzt. Das Ziel ist es, die molekularen und zellbiologischen Mechanismen reduzierter Regeneration besser zu verstehen, um daraus potentielle therapeutische Prozesse zu entwickeln. Eine Schädigung von peripheren Nerven oder des Rückenmarks kann oft nur teilweise rehabilitiert werden und führt zu einer erheblichen Morbidität der betroffenen Patienten.

Klinische Forschung und Translationale Ansätze

Neben der Grundlagenforschung ist die klinische Forschung von großer Bedeutung, um neue Therapieansätze zu entwickeln und die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Viele neuromuskuläre Erkrankungen sind bislang noch ätiologisch und pathophysiologisch unverstanden. Gleichzeitig wird es in den kommenden Jahren zu einer Revolution der Therapie genetischer neuromuskulärer Erkrankungen kommen. Aber auch häufigere z.B. entzündliche neuromuskuläre Erkrankungen wie Neuropathien bieten häufig therapeutische Schwierigkeiten. Die Mitarbeit an der Biobank der RWTH Aachen soll in Zukunft zu besseren diagnostischen Möglichkeiten führen und Hinweise auf neue pathophysiologische Prozesse bieten. Weiterhin arbeiten wir bei z.T. internationalen Studien im Projekten hinsichtlich der Motoneuronerkrankungen (ALS-Tears, EARLY ALS, MND Net) und genetischer Neuropathien (CMT-Register, SORD1-Mutationen) mit.

Ein Beispiel für translationale Forschung ist die Arbeit der Klinik für Parkinson, Schlaf und Bewegungsstörungen in Bonn. Der Direktor der Klinik, Prof. Dr. U. Wüllner, leitet die Arbeitsgruppe „Biomarker Parkinson“ in der Abteilung für klinische Forschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), sodass Synergieeffekte für klinische und translationale Forschung entstehen.

Spezialisierte Zentren für Seltene Neurologische Erkrankungen

Aufgrund der Seltenheit und Komplexität vieler neurologischer Erkrankungen ist eine hochspezialisierte Gesundheitsversorgung erforderlich. Das Zentrum für Seltene Neurologische Erkrankungen (ZSNE) am Universitätsklinikum Tübingen ist eines der integrierten Fachzentren des Zentrums für Seltene Erkrankungen (ZSE). Das ZSNE bietet Spezialambulanzen für familiär gehäuft vorkommende neurologische Erkrankungen und insbesondere für vererbte Bewegungsstörungen an. Das Zentrum ist darauf spezialisiert, die genetischen Ursachen der seltenen Erkrankung aufzudecken und Patienten und Patientinnen mit genetisch bedingten neurologischen Erkrankungen zu betreuen. Aufgrund der wenigen Fälle und des komplexen Charakters seltener Erkrankungen, ist eine internationale Vernetzung besonders wichtig.

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Das Zentrum wendet sich an Betroffene mit Bewegungsstörungen, insbesondere Ataxien, Spastik, Dystonien, Tremor und sogenannten atypischen Parkinson-Syndromen. Teilweise verbergen sich hinter diesen teils sehr seltenen Erkrankungen vererbte Krankheiten. Die Spezialambulanz für Ataxien der Klinik für Parkinson, Schlaf und Bewegungsstörungen wurde von der National Ataxia Foundation als erstes Europäisches Zentrum mit dem Titel „Ataxia Center of Excellence“ ausgezeichnet für die integrierte Versorgung in der Ambulanz und Klinik und Forschung.

Internationale Vernetzung und Kooperation

Die EU fördert die Vernetzung von Gesundheitsdienstleistern in den Mitgliedstaaten, die über Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich seltener Erkrankungen verfügen. Die Klinik in Bonn ist am Europäischen Referenznetzwerk für seltene neurologische Krankheiten beteiligt (ERN-RND), das der grenzübergreifenden bestmöglichen Diagnostik und Therapie und der Harmonisierung von Versorgungsstandards dient. PD Dr. Jennifer Faber leitet das DCAN - DZNE Clinical Ataxia Network am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Dieses deutschlandweite Netzwerk ist zudem in große eurpäische (PROFA, ESMI) und weltweite Initiativen und Konsortien eingebunden (Ataxia-Global Initiative), um die Voraussetzungen für die erfolgreiche Durchführung von Behandlungsstudien mit pharmazeutischen Unternehmen und Arzneimittelbehörden (FDA, EMA) zu schaffen. Einen wesentlichen Meilenstein stellt die Zulassung einer Medikamentösen Therapieoption bei Friedreich Ataxie im Jahr 2024 dar.

Wann sollten sich Patienten an ein spezialisiertes Zentrum wenden?

Bei neurologischen Erkrankungen mit ungeklärter Ursache und dem Verdacht auf eine seltene Erkrankung ist das ZSNE eine kompetente Anlaufstelle. Die Überweisung erfolgt in der Regel durch den Facharzt. Kinder werden am Fachzentrum betreut, Erwachsene in der Neurologie.

Neurologische Universitätsklinik Dresden: Breites Spektrum und Spezialisierungen

Die Neurologische Universitätsklinik Dresden deckt ein breites Spektrum an Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems sowie der Muskulatur ab. Schwerpunkte in Forschung und Behandlung sind:

  • Durchblutungsstörungen des Gehirnes, insbesondere der Schlaganfall
  • Neurodegenerative Erkrankungen, wie die Parkinson-Krankheit, Amyotrophe Lateralsklerose sowie Demenzen
  • Entzündliche Erkrankungen, wie die Multiple Sklerose
  • Neuromuskuläre Erkrankungen, wie die Myasthenia gravis
  • Epilepsien, Tumore, u.v.m.

Das Team besteht aus über 40 Ärztinnen und Ärzten, die auf 75 stationären Betten rund 3.000 Patienten pro Jahr stationär behandeln. Hinzu kommen über 10.000 ambulante Patienten, die in der Poliklinik in den vielen Spezialsprechstunden von Fachexperten betreut werden. Übergeordnetes Ziel der Krankenversorgung ist für uns, die Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten mit modernsten Methoden nachhaltig zu fördern, wiederherzustellen und zu erhalten. Hierzu existieren viele Netzwerke mit externen Partnern, um die Krankenversorgung in der Region zu verbessern. In Forschung und Lehre steht zunächst die individuelle Ausbildung von klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzte im Fokus. Darüber hinaus fördern wir forschende Ärztinnen und Ärzte durch Einbindung in innovative translationale und klinische Forschungsprojekte, insbesondere in den Bereichen Schlaganfall, Parkinson und Multiple Sklerose.

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Schwerpunkt-Initiativen in Dresden

Um die Forschung und Behandlung in den genannten Schwerpunkten bestmöglich umzusetzen, hat die Neurologische Universitätsklinik Dresden spezielle Schwerpunkt-Initiativen etabliert:

  • Vaskuläre Neurologie: Umfasst die überregionale Stroke-Unit, das neurovaskuläre Netzwerk mit neurovaskulärem G-BA Zentrum, die neurologische Intensivstation, die neurovaskuläre Spezialambulanz, die telemedizinische Schlaganfallversorgung im SOS-TeleNET sowie das Nachsorgeprogramm SOS-Care.
  • Neurodegenerative Erkrankungen: Umfasst die stationäre Therapie im Universitäts-ParkinsonCentrum Dresden inklusive der Tiefen Hirnstimulation, die interdisziplinäre geriatrische Station, das interdisziplinäre Schlaflabor, das interdisziplinäre DemenzCentrum sowie die Spezialambulanzen für Parkinson und Motoneuronerkrankungen. Dabei arbeiten wir eng mit dem Dresdner Standort des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und dem Parkinson-Netzwerk Ostsachsen (PANOS) zusammen.
  • Entzündliche Erkrankungen: Umfasst, neben der stationären Diagnostik und Therapie, das MS-Zentrum mit neuroimmunologischem Labor, ein digitales Living Lab und den berufsbegleitenden Masterstudiengang „Multiple Sklerose Management“.

Weitere Forschungseinrichtungen und Aktuelle Entwicklungen

Neben den bereits genannten Einrichtungen gibt es zahlreiche weitere Forschungseinrichtungen, die sich mit neurologischen Erkrankungen beschäftigen. Das Hertie-Zentrum für Neurologie (HZN) hat beispielsweise einen neuen Vorstandsvorsitzenden, Prof. Holger Lerche. Prof. Ulf Ziemann gehört auch dieses Jahr zu den weltweit meistzitierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Innovationen und Auszeichnungen

Ein Forschungsteam um Dr. Alona Shagan Shomron (MPI-IS), Prof. Syn Schmitt (Universität Stuttgart) und Prof. Daniel Häufle (HIH) entwickelt neue Ansätze für tragbare Assistenzsysteme für Menschen mit Parkinson, die mit „künstlichen Muskeln“ arbeiten. Dafür wurden sie mit dem Innovationspreis der Parkinson Stiftung ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch an Dr. Peng Liu, Postdoc in der Forschungsgruppe von Prof. Esther Kühn, und Dr. Philipp Klocke, Assistenzarzt und Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Neurologischen Klinik bei Prof. Die Preise im Wert von jeweils 5.000€ wurden am 15. Oktober feierlich überreicht. PD Dr. Justus Marquetand verstärkt mit seiner neuen Junior-Forschungsgruppe „Magnetomyographie“ die Abteilung für „Neuronale Dynamik und Magnetenzephalographie“ von Prof.

Schlaganfallforschung

Jedes Jahr erleiden rund 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Liegt ein Verdacht auf einen Schlaganfall vor, zählt jede Minute. Anlässlich des Weltschlaganfalltages am 29. Oktober begrüßen wir recht herzlich PD Dr. Annerose Mengel am HIH. Sie leitet ab sofort ihre eigene Forschungsgruppe "Schlaganfallerholung und Outcome“ in der Abteilung „Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen“ von Prof.

Wissenschaftliche Aktivitäten im Bereich Ataxien

Von Bonn aus werden derzeit mehrere multizentrische internationale Beobachtungsstudien auf dem Gebiet der Ataxien koordiniert. Hierzu zählen das DCAN - DZNE Clinical Ataxia Network, sowie ESMI (European Spinocerebellar Ataxia Type 3/Machado-Joseph Disease Initiative) und PROFA (Patientenbezogene, gesundheitsökonomische und psychosoziale Outcomes bei Patientinnen und Patienten mit Friedreich Ataxie). Hierzu werden Biomarker aus dem Blut und bildgebende Biomarker aus MRT-Untersuchungen ebenso wie digitale Biomarker z.B. von Ganganalysen untersucht.

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