Intelligenzminderung: Ursachen und Auswirkungen auf das Gehirn

Intelligenzminderung, auch bekannt als geistige Behinderung, ist ein Zustand, der durch eine unvollständige oder verzögerte Entwicklung der geistigen Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von Intelligenzminderung, die Auswirkungen auf die Gehirnstruktur und -funktion sowie die damit verbundenen Herausforderungen und Unterstützungsmöglichkeiten.

Was ist Intelligenzminderung?

Intelligenzminderung wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine „sich in der Entwicklung manifestierende, stehen gebliebene oder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten, mit besonderer Beeinträchtigung von Fertigkeiten, die zum Intelligenzniveau beitragen“ definiert. Diese Fertigkeiten umfassen Kognition, Sprache, motorische und soziale Fähigkeiten.

Die Diagnose einer Intelligenzminderung stützt sich nicht allein auf einen Intelligenztest, sondern berücksichtigt auch das anpassungsfähige Verhalten des Individuums in seiner Umgebung. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) der WHO unterscheidet verschiedene Schweregrade der Intelligenzminderung anhand des Intelligenzquotienten (IQ), wobei ein IQ unter 70 als Intelligenzminderung gilt.

Im Rahmen der ICD-11 Überarbeitung wird der Name der Intelligenzminderung in den nächsten Jahren ersetzt.

Formen und Schweregrade der Intelligenzminderung

Es gibt vier Hauptschweregrade der Intelligenzminderung, die sich in ihren Auswirkungen auf die Fähigkeiten und das alltägliche Leben der Betroffenen unterscheiden:

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

  • Leichte Intelligenzminderung: Menschen mit leichter Intelligenzminderung können in der Regel ein eigenständiges Leben führen und am sozialen und beruflichen Leben teilnehmen. Sie haben jedoch oft Schwierigkeiten im schulischen Bereich und bevorzugen eher praktische Tätigkeiten. Ihr IQ liegt zwischen 50 und 69, was dem Alter eines neun- bis zwölfjährigen Kindes entspricht.

  • Mittelgradige Intelligenzminderung: Bei dieser Form treten deutliche Entwicklungsverzögerungen während der Kindheit auf. Betroffene erreichen jedoch meist ein ausreichendes Maß an Sprachfähigkeiten und Unabhängigkeit, benötigen aber in der Regel punktuelle Hilfe beim Leben und Arbeiten. Ihr IQ liegt zwischen 35 und 49, was dem Alter eines sechs- bis neunjährigen Kindes entspricht.

  • Schwere Intelligenzminderung: Menschen mit schwerer Intelligenzminderung benötigen andauernde und lebenslange Unterstützung, da ihre sprachlichen und motorischen Fähigkeiten nicht ausreichend entwickelt sind, um ein eigenständiges Leben zu führen. Ihr IQ liegt zwischen 20 und 34, was dem Alter eines drei- bis sechsjährigen Kindes entspricht.

  • Schwerste Intelligenzminderung: Betroffene sind körperlich und sprachlich maximal eingeschränkt und erlangen kaum eigene Handlungskompetenz. Sie können ihre Grundbedürfnisse schlecht benennen und sind auf umfassende Betreuung angewiesen.

Ursachen von Intelligenzminderung

Die Ursachen für Intelligenzminderung sind vielfältig und können vor, während oder nach der Geburt auftreten. Alles, was die Entwicklung des Gehirns beeinflusst, kann potenziell zu einer Intelligenzminderung führen. Hier sind einige der Hauptursachen:

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

  • Genetische Ursachen und angeborene Erkrankungen: Genetische Faktoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Intelligenzminderung. Beispiele hierfür sind das Down-Syndrom, das Klinefelter-Syndrom, Epilepsie, Schilddrüsenunterfunktion, Neurofibromatose und bestimmte Stoffwechselstörungen wie Phenylketonurie. Auch Fehlbildungen des Gehirns, wie Hydrozephalus und Mikrozephalie, können genetisch bedingt sein. Aktuell geht man davon aus, dass etwa ein Viertel der Autismusfälle auf eine genetische Ursache zurückzuführen ist.

  • Einflüsse von außen: Bestimmte Infektionen während der Schwangerschaft, wie Röteln und Toxoplasmose, sowie Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch der Mutter können die Entwicklung des Gehirns des Fötus beeinträchtigen. Auch eine Herpesinfektion unter der Geburt, eine Entzündung der Hirnhäute im Säuglingsalter oder starke emotionale und soziale Vernachlässigung im Säuglings- und Kleinkindalter können zu Intelligenzminderung führen.

  • Schädigungen unter der Geburt: Sauerstoffmangel während der Geburt kann zu Hirnschäden führen und eine Intelligenzminderung verursachen.

  • Hirnschädigungen oder Hirnfunktionsstörungen: Die Ursache hierfür liegt oft in Hirnschädigungen oder Hirnfunktionsstörungen.

  • Weitere Risikofaktoren: Eine Frühgeburt gilt als weiterer Risikofaktor für die Entwicklung einer Intelligenzminderung.

    Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

Auswirkungen auf das Gehirn

Intelligenzminderung ist oft mit strukturellen und funktionellen Veränderungen im Gehirn verbunden. Diese Veränderungen können die Art und Weise beeinflussen, wie Informationen verarbeitet werden, und zu den verschiedenen Symptomen und Schwierigkeiten führen, die mit Intelligenzminderung einhergehen.

  • Neurodiversität: Die Neurodiversität geht von einer natürlichen, neuronalen Vielfalt in der Gehirnentwicklung aus, ohne Unterschiede als defizitär einzustufen.

  • Strukturelle Fehlbildungen: Kommt es bei der Gehirnentwicklung zu Fehlbildungen der Architektur des gesamten Gehirns oder einzelner Zellverbände, so hat dies starken Einfluss auf die Funktion des Gehirns. Es gibt zahlreiche Ursachen und Ausprägungen einer strukturellen Fehlbildung des Gehirns, welche sich häufig auf einen genetischen Ursprung zurückführen lassen.

  • Mikrozephalie: Eine Mikrozephalie, bei der der Kopf eines Menschen zu den kleinsten 3% seiner Altersgruppe gehört, liegt häufig eine genetische Ursache zugrunde.

  • Leukodystrophie: Ist die weiße Substanz fehlerhaft aufgebaut oder nimmt ihre Menge ab, dann spricht man von einer Leukodystrophie. Häufig äußert sich eine Leukodystrophie durch eine verstärkte Erregbarkeit der Nerven, was sich zum Beispiel durch eine starke Empfindlichkeit und Versteifung der Muskulatur zeigen kann.

  • Autismus-Spektrum-Störungen: Studien zeigen, dass bei ASS-Betroffenen bestimmte Hirnregionen anders arbeiten als bei Menschen ohne diese Störung. Betroffen ist dabei der präfrontale Kortex, der Bereich im Gehirn, der Handlungen steuert und Emotionen reguliert, sowie das limbische System, das unter anderem für Motivation, Lernen und Gedächtnis verantwortlich ist.

Diagnose von Intelligenzminderung

Die Diagnose einer Intelligenzminderung wird typischerweise im Kindesalter gestellt, wenn Defizite bei Kognition, Sprache, Motorik und sozialen Fähigkeiten erkennbar werden. Der Diagnoseprozess umfasst in der Regel:

  • Krankengeschichte (Anamnese): Um ein genaues Bild über die Beeinträchtigung und den Schweregrad der Intelligenzminderung zu bekommen, werden Informationen über Entwicklungsabschnitte, schulische Leistungen, Familienverhältnisse und medizinische sowie psychische Auffälligkeiten erfragt.

  • Körperliche Untersuchung: Die Ärzt*innen führen eine ausführliche körperliche Untersuchung durch, um mögliche körperliche Auffälligkeiten und ein möglicherweise eingeschränktes Seh- oder Hörvermögen zu erfassen.

  • Intelligenztests: Um die Ausprägung der Intelligenzminderung festzustellen und entsprechend unterstützende Maßnahmen einzuleiten, werden von speziell ausgebildeten Personen Intelligenztests durchgeführt.

  • Laboruntersuchungen: Mittels Laboruntersuchungen können erbliche Ursachen oder bestimmte Stoffwechseldefekte erkannt werden.

  • Bildgebende Verfahren: Um direkt sichtbare Veränderungen im Gehirn nachzuweisen, können bildgebende Verfahren (CT oder MRT) zur Anwendung kommen.

Psychische Gesundheit bei Intelligenzminderung

Menschen mit Intelligenzminderung haben ein deutlich höheres Risiko, psychische Störungen zu entwickeln. Dies kann auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen sein, darunter genetische Veranlagung, Hirnfunktionsstörungen, traumatische Erfahrungen und soziale Isolation.

Häufige psychische Erkrankungen bei Menschen mit Intelligenzminderung sind:

  • Autismus-Spektrum-Störungen
  • Affektive Störungen (z. B. Depressionen, bipolare Störungen)
  • Angststörungen
  • Schizophrene Psychosen
  • Traumafolgestörungen (z. B. posttraumatische Belastungsstörung)
  • Hyperkinetische Störungen (z. B. ADHS)

Die Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Intelligenzminderung kann eine besondere Herausforderung darstellen, da die Symptome oft anders выражены sind als bei Menschen ohne Intelligenzminderung. Es ist wichtig, dass Fachkräfte die individuellen Fähigkeiten und Einschränkungen der betroffenen Person berücksichtigen und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, um eine präzise Diagnose zu ermöglichen.

Behandlung und Unterstützung

Obwohl es in den meisten Fällen keine Behandlung gibt, die die Ursache der Intelligenzminderung beseitigen kann, gibt es eine Vielzahl von Maßnahmen, die dazu beitragen können, die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Familien zu verbessern:

  • Frühförderung: Eine frühzeitige und individuell angepasste Förderung ist entscheidend, um die vorhandenen Fähigkeiten zu nutzen und die Entwicklung zu unterstützen.

  • Heilmittelbehandlungen: Physiotherapie und Ergotherapie können dazu beitragen, die motorischen Fähigkeiten und die Selbstständigkeit im Alltag zu verbessern.

  • Kreativtherapien: Kunst-, Musik- und tiergestützte Therapien können Menschen mit Intelligenzminderung helfen, sich auszudrücken, ihre Emotionen zu regulieren und soziale Kompetenzen zu entwickeln.

  • Psychotherapie: Verhaltenstherapeutische und psychodynamische Ansätze können bei der Bewältigung von psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten hilfreich sein.

  • Empfehlungen und Förderkonzepte: Informationen über verschiedene (Förder-)Schulen und Einrichtungen sowie inklusive Ansätze können bei der Wahl der passenden Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten helfen.

  • Medikamente: Medikamente werden in der Regel nur zur Behandlung von Begleiterkrankungen wie Epilepsie oder zur Reduktion von Aggressivität und Selbstverletzungen eingesetzt.

  • Rechtliche Betreuung: Für volljährige Personen mit Intelligenzminderung kann eine rechtliche Betreuung erforderlich sein, um Gesundheits-, Geschäfts- und Vermögensfragen zu regeln.

Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe

Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Es bedeutet, dass alle Menschen miteinander in Kontakt kommen, bei allem mitmachen dürfen und kein Mensch aufgrund von Anderssein ausgeschlossen wird.

Um eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, ist es wichtig, dass Menschen mit Intelligenzminderung die Möglichkeit haben, am sozialen Leben teilzunehmen, Freundschaften zu schließen, eine Ausbildung zu absolvieren und einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Dies erfordert ein Umdenken in der Gesellschaft und die Schaffung von barrierefreien Strukturen in allen Lebensbereichen.

Prävention

Einige Ursachen von Intelligenzminderung können durch präventive Maßnahmen vermieden werden. Dazu gehören:

  • Impfungen: Impfungen gegen Röteln und andere Infektionskrankheiten können das Risiko vonInfektionen in der Schwangerschaft und damit verbundenen Hirnschäden beim Fötus verringern.
  • Vermeidung von Alkohol und Drogen: Schwangere Frauen sollten auf Alkohol und Drogen verzichten, da diese die Entwicklung des Gehirns des Fötus schädigen können.
  • Gesundheitsvorsorge: Eine gute Gesundheitsversorgung während der Schwangerschaft und nach der Geburt kann dazu beitragen, Komplikationen zu vermeiden, die zu Hirnschäden führen könnten.
  • Frühzeitige Erkennung und Behandlung von Stoffwechselstörungen: Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Stoffwechselstörungen wie Phenylketonurie kann die Entwicklung einer Intelligenzminderung verhindern.

tags: #intelligenzminderung #und #gehirn