Internet-Gehirn-Täuschungsphänomene: Wenn das Gehirn uns einen Streich spielt

Optische Täuschungen und akustische Illusionen faszinieren uns, weil sie zeigen, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet und interpretiert. Manchmal werden wir getäuscht, weil unsere Erwartungen, Erfahrungen und der Kontext die Wahrnehmung beeinflussen. In der digitalen Welt, in der wir ständig mit Informationen überflutet werden, können diese Täuschungen verstärkt auftreten und unser Denken und Verhalten beeinflussen.

Akustische Illusionen: "Green Needle" oder "Brainstorm"?

Ein virales Video demonstriert auf verblüffende Weise, wie unser Gehirn uns akustisch täuschen kann. In dem Video ist ein verzerrter Computersound zu hören. Wenn man sich auf das Wort "greenneedle" konzentriert, hört man dieses Wort. Konzentriert man sich hingegen auf "brainstorm", nimmt man dieses Wort wahr, obwohl es sich um denselben Klang handelt.

Dieses Phänomen zeigt, dass unsere auditive Wahrnehmung stark von unseren Erwartungen und dem Kontext abhängt. Wenn wir ein bestimmtes Wort lesen, ist unser Gehirn darauf vorbereitet, es zu hören, und interpretiert den Klang entsprechend. Schließen wir die Augen, kann das Gehör unvoreingenommener handeln. Jedoch gibt es bei einigen Personen auch das Problem, dass diese dennoch “Greenneedle” oder “Brainstorm” hören, da das Gehirn beide Wörter noch so intensiv im Gedächtnis hat. Da kostet es ein wenig Anstrengung festzustellen, dass es tatsächlich der selbe Klang ist.

Optische Täuschungen: Bewegung, Farben und Formen

Auch optische Täuschungen zeigen, wie unser Gehirn visuelle Informationen interpretiert und dabei Fehler machen kann. Ein Beispiel ist eine Grafik, die sich scheinbar ununterbrochen dreht, besonders in den Bereichen, die wir nicht direkt betrachten. Diese Bewegungsillusion entsteht durch wiederholte Muster und starke Kontraste, die von der Peripherie der Retina falsch verarbeitet werden.

Eine andere Täuschung betrifft die Farbwahrnehmung. Kugeln, die eigentlich alle die gleiche Farbe haben, erscheinen in unterschiedlichen Farbtönen, je nachdem, welche Farben sie umgeben. Dieses Phänomen, bekannt als Munker-Illusion, verdeutlicht, wie stark die Wahrnehmung von Farbe durch die Umgebung beeinflusst wird.

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Visuelle Wahrnehmung: Mehr als nur das Auge

Die visuelle Wahrnehmung ist ein komplexer psychischer Prozess, der weit über die reine Aufnahme von Bildern durch das Auge hinausgeht. Unsere Erfahrung und Erwartungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Interpretation visueller Reize. Evolutionsbiologisch betrachtet ist es rational, visuellen Informationen zu vertrauen, da sie uns ursprünglich vor Gefahren warnten und uns halfen, zu überleben.

Allerdings sind wir in der modernen Welt zunehmend mit Bildfälschungen konfrontiert. Im Bereich der Deepfakes können Softwarelösungen dabei bisher nicht die erhoffte Sicherheit garantieren. Stattdessen empfiehlt es sich beispielsweise im Journalismus, mögliche Fälschungen zur Quelle zurückzuverfolgen, das Material mit ähnlichen Bildern vom gleichen Ort zu vergleichen oder generell die Plausibilität des Gezeigten zu hinterfragen.

Kognitive Verzerrungen: Schnelles und langsames Denken

Unsere Wahrnehmung wird von kognitiven Verzerrungen beeinflusst, die auf der Unterscheidung zwischen schnellem und langsamem Denken beruhen. Das schnelle Denken ist intuitiv, emotional und unbewusst, während das langsame Denken logisch, berechnend und bewusst ist. Da das langsame Denken anstrengend ist, neigen wir dazu, uns auf das schnelle Denken zu verlassen, was zu Verzerrungen und Fehlurteilen führen kann.

Ein Beispiel ist der Confirmation Bias, der dazu führt, dass wir Informationen bevorzugen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Dies kann dazu führen, dass wir Falschinformationen glauben und uns in unserer Meinung verfestigen.

Deepfakes: Die Gefahr der Falschinformation

Deepfakes, also KI-generierte Videos, die Personen in fiktiven Szenarien darstellen, stellen eine besondere Herausforderung für unsere Wahrnehmung dar. Obwohl Deepfakes vielfältige Anwendungsmöglichkeiten haben, werden sie häufig für pornografische Darstellungen und zur Verbreitung von Falschinformationen missbraucht.

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Die meisten Menschen sind sich der Gefahren von Deepfakes bewusst, fühlen sich aber nicht in der Lage, sie zu erkennen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, Medienkompetenz zu fördern und Strategien zur Erkennung von Deepfakes zu entwickeln.

Die "Neuverdrahtung" der Jugend: Digitale Medien und das Gehirn

Die zunehmende Nutzung digitaler Medien, insbesondere sozialer Netzwerke, hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns, insbesondere bei Jugendlichen. Experten sprechen von einer "Great Rewiring", einer grundlegenden Neuverdrahtung der Kindheit, bei der eine spielbasierte Kindheit in der physischen Welt zunehmend durch eine digitale Existenz ersetzt wird.

Studien zeigen, dass die pathologische Nutzung sozialer Medien bei Jugendlichen zugenommen hat und mit depressiven Symptomen, insbesondere bei Mädchen, korreliert. Dies liegt unter anderem an sozialen Vergleichsprozessen und unerreichbaren Körperidealen, die in sozialen Medien vermittelt werden.

Die Gefährlichkeit sozialer Medien für Jugendliche resultiert aus einer biologischen Asynchronität: Das limbische System, zuständig für Emotionen und Belohnung, reift früher als der präfrontale Cortex, zuständig für Impulskontrolle und rationale Planung. Tech-Konzerne nutzen diese Lücke aus, indem sie Mechanismen einsetzen, die präzise auf das Dopamin-System abzielen und einen Suchtkreislauf verstärken.

Designentscheidungen gegen den freien Willen

Mechanismen wie Infinite Scroll und variable Belohnungen (rote Benachrichtigungspunkte) in sozialen Medien sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln und uns an die Plattform zu binden. Der Infinite Scroll eliminiert natürliche Stopp-Signale, während variable Belohnungen Angst vor sozialem Ausschluss triggern.

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Ein weiteres Phänomen ist "Phubbing" (Phone Snubbing), das Ignorieren des Gegenübers zugunsten des Smartphones. Studien zeigen, dass Jugendliche, die dies häufig erleben, signifikant öfter unter Einsamkeit und Depressionen leiden.

Konstruktive Wege zurück zur analogen Souveränität

Um die negativen Auswirkungen digitaler Medien auf das Gehirn und die Psyche von Jugendlichen zu reduzieren, sind Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen erforderlich:

  • Politik: Der Staat muss "Safety by Design" gesetzlich verankern und suchterzeugende Funktionen für Minderjährige standardmäßig deaktivieren.
  • Schulen: Bildungseinrichtungen sollten handyfreie Zonen sein und analoge Alternativen bieten, um das soziale Miteinander zu fördern.
  • Eltern: Eltern sollten ihren Kindern so spät wie möglich ein eigenes Smartphone geben und klare Regeln für die Mediennutzung vereinbaren.

Informations-Overload und Multitasking

Die ständige Flut von Informationen, die uns durch digitale Medien erreicht, kann zu einem "Informations-Overload" führen, der unser Arbeitsgedächtnis überfordert und unsere Produktivität verringert. Zudem werden wir durch digitale Medien dazu verführt, virtuell an mehreren Orten gleichzeitig zu sein und Aufgaben parallel zu bearbeiten. Dies ist jedoch ein Trugschluss, da wir im bewussten Bereich des Erlebens und Verarbeitens kein Multitasking leisten können, sondern nur zwischen den Tätigkeiten wechseln.

Wissen oder Googeln?

Die Frage, ob wir überhaupt noch Wissen benötigen, wenn wir alles im Internet finden können, beantwortet der Hirnforscher ganz entschieden zugunsten des aktiven Wissens: Für ihn braucht der Mensch weiterhin erworbenes Wissen als Grundkompetenz. Das Gelernte gelte es zu hinterfragen oder miteinander zu kombinieren, damit aus Informationen Wissen werde und aus einem Beziehungsgefüge von Wissen Bildung. Nur dann seien wir in der Lage, die Welt zu strukturieren und mit der Fülle an Informationen, die uns zur Verfügung stehen, auch kritisch umzugehen.

Empathie und soziale Interaktion

Die Reise in die Köpfe anderer Menschen ist eine der größten menschlichen Leistungen, zu der wir evolutiv in der Lage sind. Unsere Gehirne sind dafür gemacht, aber diese Fähigkeit muss auch intensiv trainiert werden. Das funktioniert nur, wenn wir mit Menschen tatsächlich zusammen sind, beispielsweise im Klassenraum, nicht aber im Chatroom.

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