Die Alzheimer-Demenz ist eine der größten medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Mit einer stetig wachsenden Zahl von Betroffenen rückt die Suche nach wirksamen Therapien und Präventionsstrategien immer stärker in den Fokus. In diesem Kontext spielt die Forschung von Experten wie Prof. Isabella Heuser eine entscheidende Rolle. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Stand der Alzheimer-Demenz-Forschung, die Herausforderungen und Chancen, die sich daraus ergeben, sowie die Bedeutung einer umfassenden Betreuung von Betroffenen und ihren Angehörigen.
Aktuelle Entwicklungen in der Alzheimer-Forschung
Die Alzheimerforschung hat in den letzten Jahrzehnten wichtige Ergebnisse zur Frage der Entstehung, Behandlung und Früherkennung geliefert. In diesem Sommer gab es Meldungen, dass Pharmafirmen erstmals Antikörper gefunden haben, die möglicherweise den Verlust des Gedächtnisses aufhalten könnten. Ein vielversprechender Ansatz ist die Amyloid-Antikörper-Therapie, bei der Medikamente wie Lecanemab eingesetzt werden, um Eiweißablagerungen (Plaques) im Gehirn zu entfernen. Internationale Studien haben gezeigt, dass diese Medikamente die Amyloidablagerungen verkleinern und den Krankheitsverlauf bei einigen Patient:innen bremsen können.
Lecanemab: Ein Hoffnungsträger mit Einschränkungen
Lecanemab hat in den USA, Kanada, Großbritannien, Israel und anderen asiatischen Ländern die Zulassung zur Behandlung der Alzheimer-Demenz erhalten. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA in Amsterdam hat jedoch entschieden, dass der Nutzen der Substanz im Vergleich zum Risiko zu gering sei. Es ist noch unklar, wie groß die positiven Effekte bei einzelnen Patient:innen sein werden und ob diese Amyloid-Antikörper tatsächlich zu einem Anhalten des kognitiven Verlustes führen können.
Die Bedeutung von Langzeitstudien
Um die Wirksamkeit und Sicherheit von Lecanemab und ähnlichen Medikamenten besser beurteilen zu können, sind dringend weitere Daten aus Langzeitstudien erforderlich. Die Entscheidung der EMA gegen die Zulassung von Lecanemab in der EU führt jedoch dazu, dass diese dringend notwendigen weiteren Studien hier nicht durchgeführt werden können.
Die Rolle von Isabella Heuser in der Alzheimer-Forschung
Prof. Isabella Heuser, Vorsitzende der Hirnliga e.V., betont die Notwendigkeit, die translationale und klinische Forschung in der Alzheimer-Demenz zu fördern. Ihrer Ansicht nach krankt die Alzheimer-Forschung unter anderem an der Forschungsstrategie, da seit Jahren hauptsächlich die Amyloid-Tau-Hypothese bearbeitet wird und andere Ansätze keine Chance bekommen, weil sie nicht gefördert werden.
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Kritik an der Forschungsstrategie
Heuser kritisiert, dass aktuell wesentlich mehr Mittel in die Grundlagenforschung fließen, da präklinische Studien oft scheinbar klarere Ergebnisse hervorbringen. Diese Ergebnisse werden häufig in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, was wiederum dazu führt, dass mehr Gelder in die Grundlagenforschung fließen. Tierversuche lassen sich jedoch oft nicht auf den Menschen übertragen.
Forderung nach mehr klinischer Forschung
Heuser fordert, dass der klinischen Forschung wieder mehr Gewicht verliehen wird. Die klinische Forschung mit Patienten dauert wesentlich länger und erfordert mehr Sorgfalt von den Wissenschaftlern. Heuser betont, dass die Krone der Forschung die klinische Forschung und nicht die Grundlagenforschung ist.
Die Hirnliga und ihre Förderprogramme
Die von deutschen Alzheimerforschern gegründete Hirnliga sammelt Spenden und finanziert Forschungsprojekte. Die Hirnliga hat ein Programm zur Unterstützung junger Wissenschaftler:innen aufgelegt, die an ihrer Promotion arbeiten, um die translationale und klinische Forschung zu fördern.
Herausforderungen und Perspektiven in der Alzheimer-Therapie
Die Euphorie, schon bald eine wirksame Behandlung der Alzheimer-Demenz zu finden, ist längst verflogen. Dies liegt nach Ansicht von Isabella Heuser auch an falschen Forschungsschwerpunkten. Es gibt jedoch auch positive Entwicklungen und vielversprechende Ansätze.
Immuntherapie und ihre Grenzen
Die Immuntherapie bei der Alzheimer-Krankheit wird eher bei jüngeren Personen mit leichter kognitiver Störung und beginnender Demenz mit positivem Biomarkerbefund zur Anwendung kommen. Die in den nächsten 15 Jahren zu erwartende massive Zunahme der Zahl von Personen mit Demenzerkrankungen wird aber aufgrund des demografischen Wandels hauptsächlich Menschen betreffen, die 80 Jahre und älter sind. Viele dieser hochaltrigen Menschen werden aufgrund von Begleiterkrankungen nicht für die Immuntherapie in Frage kommen.
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Prävention und nichtmedikamentöse Therapien
Es gibt erhebliche Defizite bei der differentialdiagnostischen Abklärung und dem Einsatz der bereits verfügbaren medikamentösen und nichtmedikamentösen Therapien bei leichter kognitiver Störung und beginnender Demenz. Die Prävention und frühe nichtmedikamentöse Behandlung müssen deutlich gestärkt werden.
Empfehlungen der Lancet Kommission
Die Lancet Kommission für Demenz hat bereits 2020 klargestellt, dass Verfahren wie die Förderung körperlicher Aktivität, die konsequente Behandlung von kardiovaskulären Erkrankungen und psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen, ergotherapeutische Verfahren, kognitive Stimulation und Gedächtnistraining und die Förderung sozialer Teilhabe für die Prävention und Behandlung von Demenzerkrankungen flächeckend eingesetzt werden sollten.
Bedeutung einer frühen Diagnose
Vertreter der Deutschen Hirnliga und der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und Gerontopsychologie haben anlässlich des Welt-Alzheimer-Tages auf die Bedeutung einer möglichst frühen Diagnose von Demenz und Alzheimer hingewiesen. Bei etwa 50 Prozent der Demenz-Patienten sei der Krankheitsverlauf beeinflussbar, eine Verzögerung von bis zu 1,5 Jahren sei möglich, dabei könne auch die Lebensqualität gesichert werden.
Umgang mit Demenz in der Gesellschaft
Eine Demenzerkrankung verändert das Leben von Grund auf. Für die erkrankte Person und ihre Familie ist sie mit vielen Fragen und großer Verunsicherung verbunden. Viele Hürden sind zu meistern. Das Motto des jährlichen Welt-Alzheimertags soll daran erinnern, dass diesen Herausforderungen gemeinsam begegnet werden muss - gemeinsam als Familie, gemeinsam mit dem Freundeskreis, gemeinsam als Gesellschaft -, um ein gutes Leben mit Demenz möglich zu machen.
Unterstützung in allen Lebenslagen
Menschen mit Demenz in allen Lebenslagen müssen unterstützt werden. Die Symptome und die Auswirkungen verändern sich im Verlauf der Krankheit und je nach Demenzform. Menschen mit einer beginnenden Demenz sind meist noch weitgehend selbstständig, haben viele Fähigkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten, können und wollen sich ins gesellschaftliche Leben einbringen. Wenn die Demenz fortschreitet, benötigen die Betroffenen immer mehr an Unterstützung - sei es durch Angehörige, ehrenamtlich Unterstützende oder professionell Pflegende.
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Ausbau des Unterstützungssystems
Es ist wichtig, das Unterstützungssystem weiter auszubauen bzw. so umzubauen, dass Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen flächendeckend passende Angebote finden. Dazu gehören Strategien gegen den Pflegenotstand ebenso wie eine Pflege- und Versorgungsplanung auf kommunaler Ebene.
Psychosoziale Aspekte der Betreuung
Neben der medikamentösen Behandlung spielen psychosoziale Aspekte eine wichtige Rolle bei der Betreuung von Demenzkranken. Eine intensivere psychotherapeutische Betreuung von demenzkranken Patienten und die Nutzung der Kompetenz von Ergotherapeuten sind erforderlich. Eine weitere Option ist es, Angehörige als ehrenamtliche Kräfte in die Betreuung von Heimpatienten einzubeziehen und damit den Pflegekräften mehr Luft zu verschaffen.
Fallbeispiele und persönliche Geschichten
Die Geschichte von Magarethe H., einer 81-jährigen Frau, die an Morbus Alzheimer erkrankt ist und in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft lebt, zeigt, wie ein würdevolles Leben mit Demenz möglich ist. Magarethe teilt sich mit neun anderen Frauen und Männern eine Wohnung und wird von einem ortsansässigen Pflegedienst betreut. Sie kann weiterhin ihren Fähigkeiten nachgehen, wie z.B. dem Kartoffelschälen, und findet soziale Interaktion in der Gemeinschaft.