Dein Gehirn weiß mehr als du denkst: Eine Reise in die Plastizität des Gehirns

Das Gehirn, ein faszinierendes Organ, birgt unendliche Möglichkeiten. Niels Birbaumer, ein renommierter Hirnforscher, präsentiert in seinem Bestseller "Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst" bahnbrechende Erkenntnisse über die Plastizität und Selbstheilungskräfte unseres Denkorgans. Er entzaubert die Vorstellung von einem statischen Gehirn und zeigt, wie wir durch Lernen und Training aktiv Einfluss auf unsere neuronale Gesundheit nehmen können. Depressionen, Epilepsie, Schlaganfälle und ADS lassen sich kontrollieren, und zwar nur durch Lernen und ohne risikoreiche Medikamente. So lautet die bahnbrechende Erkenntnis des renommierten Hirnforschers Niels Birbaumer. Denn das Gehirn verfügt über fast grenzenlose Potentiale und gleicht bei der Geburt einer Tabula rasa: Nur wenig ist festgelegt, das meiste wird geformt. Darum haben wir großen Einfluss auf unser Denken und Handeln - und unser Gehirn kann sich selbst aus dem Sumpf seiner Erkrankungen ziehen.

Die Formbarkeit des Gehirns: Eine Tabula Rasa?

Das Gehirn gleicht bei der Geburt einer Tabula Rasa - nur wenig ist festgelegt, das meiste wird geformt. Diese Erkenntnis ist der Schlüssel zu Birbaumers Ansatz. Wir haben großen Einfluss auf unser Denken und Handeln, und unser Gehirn kann sich selbst aus Erkrankungen befreien. Das Buch handelt von der nahezu unerschöpflichen Formbarkeit unseres Gehirns in jede nur erdenkliche Richtung. Dadurch entzaubert es die weit verbreitete Neigung, Gehirn und Verhalten als fest, als unveränderlich anzusehen. Ist für manchen allein dieser Gedanke verstörend, so könnte noch mehr irritieren, dass das Gehirn ethisch prinzipienlos ist. Es prüft nämlich ausschließlich, ob unsere Handlungen Gewinn bringen (Anerkennung, Erfolg, Reichtum, Prestige, Liebe). Trifft das zu, dann werden Handlungen wiederholt, bleibt der Gewinn aus, werden sie bald unterlassen. Ethische Wertungen spielen dabei keine Rolle. So wurde im Laufe der Evolution das Überleben gefördert. Heute wissen wir: Das Gehirn kann sich ändern, das wenigste ist festgelegt, das meiste wird geformt. Es ist bekannt, nach welchen Prinzipien die Änderung geschieht und daher können wir diesen Prozess beeinflussen.

Persönlichkeit: Mehr situationsbedingt als festgelegt?

Das Buch thematisiert die Frage, wie weit wir eine konsistente Persönlichkeit sind oder wie sehr wir eher situationsgebunden handeln. Vielmehr spielten „äußere Umstände und Zufälle in unserem Leben eine viel größere Rolle, als wir glauben wollen“. Der Mensch hangele sich von Situation zu Situation und das Gehirn ergreife jeweils jene Option, welche den gewünschten Effekt verspreche. „1. Das Gehirn will Effekte, die als emotional positiv bewertet wurden. 2. Das Gehirn ist offen für alles, sofern es nur einen erwünschten Effekt bringt“. Das Gehirn als Organ mit erstaunlicher Plastizität wird am Beispiel der Londoner Taxifahrer illustriert, die für ihre Zulassung 25.000 Straßen und einige Hundert Sehenswürdigkeiten kennen müssen. In dieser Hinsicht hält er die einzigartige Plastizität der Gehirne von Taxifahrern durchaus mit der Plastizität solcher Geistesgrößen wie Einstein vergleichbar. Einen weiteren Beleg für die Hirnplastizität sogar bis ins höhere Alter brachte eine Studie mit Männern und Frauen zwischen 50 und 67 Jahren. Nach einem dreimonatigen Training im Jonglieren hatte sich ihre graue Substanz in der Sehrinde vergrößert, während eine Kontrollgruppe keinerlei Veränderung in diesem Bereich zeigte. Neben diesen erfreulichen Ergebnissen steht der Hinweis auf das Milgram-Experiment, welches die Annahme stützt, dass es wohl keine stabilen Persönlichkeitsmerkmale gibt, sondern dass die konkrete Situation beim Verhalten eine große, wenn nicht entscheidende Rolle spielt und dass das, was wir Charakter nennen, eher eine zufällige Konstellation von Gewohnheiten ist.

Hoffnung für Locked-in- und Wachkoma-Patienten

Ein besonderer Fokus liegt auf Locked-in- und Wachkoma-Patienten, die völlig eingeschlossen in einer uns schwer vorstellbaren Welt leben. Sie benötigen aufwendige technische Apparate sowie mühsames Training, um sich sprachlich mitteilen zu können. Mühsam und langwierig, aber belohnend. Bei dieser Art von Kommunikation stellt sich heraus, dass sie durchaus noch sehr viel Lebensqualität erleben. Allerdings gelingt der Austausch mit ihnen nur, wenn die Umgebung mit Zuwendung, Geduld und Einfühlungsvermögen handelt. Man darf eben nicht den Fehler machen, den Locked-in-Patienten für einen bewusstlosen Dauerschläfer zu halten. Genau dies geschieht aber nach Birbaumer mit etwa 3000 Menschen in Deutschland. Deutlich wendet er sich gegen das Abschalten von Geräten wie auch gegen Sterbehilfe und warnt vor den „weithin grassierenden“ Patientenverfügungen: Mit vierzig Jahren könne ein gesunder Mensch kaum voraussehen, was er als siebzigjähriger Alzheimer- oder ALS-Patient wollen würde. Er würde die Verfügung womöglich zurücknehmen, weil er eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben ist. Birbaumer und seine Mitarbeiter weisen in der Regel das Ansinnen auf Sterbehilfe zunächst zurück, weil sie - anders als der Patient - wissen, dass er noch Aussicht auf eine gute Lebensqualität hat. Sie wissen, dass sein Gehirn durchaus akzeptieren kann, nur noch wenige Außenreize zu bekommen und dass es diese wenigen Außenreize umso intensiver und positiver erleben wird.

Die Selbstheilungskräfte des Gehirns

Das Gehirn besitzt erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstreparatur. Nach einem Schlaganfall beispielsweise können Nachbarzellen der zerstörten Gehirnzellen deren Aufgaben übernehmen, allerdings nur, wenn man sie dazu zwingt. Ein gelähmter linker Arm bleibt schlaff, wenn der Betroffene nach einem Schlaganfall ausschließlich den rechten benutzt. Bindet man aber den funktionstüchtigen Arm ab, lernt der Patient in einem längeren Training, den gelähmten Arm wieder zu benutzen. Dazu müssen allerdings noch genügend Restsignale aus dem Gehirn in den Arm gelangen. In Deutschland erleiden etwa 200.000 Menschen jährlich einen Schlaganfall, die häufigste Ursache für eine schwere Behinderung. Birbaumer kritisiert unzureichende Fortschritte in der Therapie, da die pharmazeutische Behandlung mit Antidepressiva und hormonellen Nervenwachstumsfaktoren zum Teil konträre Nebenwirkungen gezeitigt habe. Sein Fazit: „Wer das Gehirn mit einem Medikament flutet, erreicht eher einen Rundumschlag mit diversen Kollateralschäden als einen gezielten Treffer gegen den eigentlichen Gegner“. Sinnvoller sei es, die enorme Plastizität des Gehirns zur Selbstheilung zu nutzen. Dazu bringt Birbaumer ein Beispiel aus eigener Forschungsarbeit: 32 Schlaganfallpatienten, die an Armen und Fingern einer Körperseite keinerlei Restbewegung mehr zeigten, erhielten ein spezielles Training mit dem Brain-Machine-Interface (BMI). Dadurch wurden ihre vernachlässigten Hirnareale erneut aktiviert. Auch für Epileptiker - etwa 800.000 leben in Deutschland - zeigt Birbaumer einen Weg fort von Pharmakatherapien mit oft zerstörerischen Nebenwirkungen. Stattdessden sollte trainiert werden, die Aura vor dem epileptischen Anfall früh genug wahrzunehmen. Der Monitor zeigte ihnen den Erregungszustand ihres Gehirns. Ziel war es, Übererregungen des Gehirns zu kontrollieren. Birbaumer sieht die Anwendung des Neurofeedbacks als Erfolgsgeschichte und kritisiert, dass dieses erfolgreiche Verfahren nur allzu selten angewandt wird.

Lesen Sie auch: Leah Weigands Buch kritisch beleuchtet

Wege aus Angst und Depression

Das Buch zeigt, wie irrationale Ängste und Depressionen ohne Pillen behandelt werden können. Zwar schaffen Medikamente Erleichterung für den Augenblick, aber Flucht und Vermeidung beseitigen die Angst nicht auf Dauer. Das einzige was nachhaltig hilft, ist die Konfrontation mit den angstauslösenden Reizen ohne Möglichkeit der Flucht. Am Beispiel eines schwer traumatisierten Patienten zeigt Birbaumer den schwierigen Weg, lähmende Angst zu therapieren. Der Mann hatte fünf schwere Verkehrsunfälle überlebt und war darüber hinaus von seiner Frau während einer Panikattacke mit Stöckelschuhen am Kopf schwer verletzt worden. Er hatte schwere Gedächtnisstörungen und litt unter lähmender Angst. Übliche psychotherapeutische Verfahren, Physiotherapie und Psychopharmaka waren wirkungslos geblieben. Als Ausweg bot sich eine Konfrontationstherapie ohne jede Ausweichmöglichkeit an. Der Kranke wurde mit seiner Einwilligung im Auto angeschnallt, und der Therapeut „fuhr wie eine gesengte Sau“. Das wiederholte sich dreißigmal: „Festschnallen, Fahren wie ein Hasardeur, Kot, Urin, Erbrochenes - und schließlich Ruhe“. Durch die ständige Konfrontation ohne Fluchtmöglichkeit lernte der Patient wieder das Reisen mit Auto, Schiff, Eisenbahn und Flugzeug. Am Schluss des Kapitels demonstriert Birbaumer die Wirksamkeit kognitiver Therapie bei Depression und konstatiert: „Es gibt keinen Grund, eine Depression als irreparables Schicksal zu betrachten, an dem man nichts mehr ändern, das man allenfalls noch per Pharmakatherapie und Elektroschock dämpfen kann“.

Können Psychopathen sich ändern?

Birbaumer geht der Frage nach, ob auch Psychopathen sich ändern können. Eine Ansage, die Zweifel weckt, wenn man weiß, dass Psychopathen mehr als die Hälfte aller schweren Verbrechen begehen. Das heißt allerdings nicht, dass man sie nur in Verbrecherkreisen und im Gefängnis findet, sondern ganz im Gegenteil: Viele von ihnen sitzen in den „Führungsetagen von Konzernen, Kirchen, Militär, Universitäten, politischen Parteien und anderen Einrichtungen“. Sie arbeiten als Kaufleute, Makler und Börsenhändler. Auch ein Teil der Chirurgen zählt dazu; sie vor allem bieten ein Beispiel, wie ein gesellschaftlich anerkanntes berufliches Tätigkeitsfeld eine Nische für gestörte Menschen werden kann. Psychopathisches Verhalten entspringe nicht „einer abstrakt-amoralischen Geisteshaltung oder einem Charakterzug“, sondern beruhe auf einer Art Schweigen oder Unterfunktion verschiedener Gehirnregionen, die an Ängsten beteiligt sind, nämlich Amygdala, Gyrus cinguli, Insula und Präfontralem Kortex. Das psychopathische Gehirn kenne folglich weder Angst noch Sorge, sodass Strafe oder Strafandrohung wirkungslos bleiben. Gegen therapeutische Resignation setzt Birbaumer die „ermutigende Nachricht, dass gerade die Angstfunktionskreise im Gehirn extrem plastisch sind“. Auch wenn sie bei Psychopathen funktionsschwach oder sogar unterentwickelt seien, ließen sie sich durchaus anregen, fördern und aufbauen. Das gelingt mithilfe des Neurofeedbacks, das erreicht, die funktionsschwachen, unterentwickelten Bereiche im Gehirn zu reanimieren, so dass Angst erlebbar wird. Problematisch bleibt, ob das auch in der Alltagssituation gelingt. „Wir können bisher nicht garantieren, dass jedem als geheilt entlassenen Psychopathen der ‚Quantensprung‘ in die Realität gelingt“, so Birbaumer.

Strategien gegen degenerative Hirnerkrankungen

Das Buch zeigt Strategien im Kampf gegen die degenerativen Hirnerkrankungen Parkinson und Alzheimer. Kurz gefasst geht es um das Training kognitiver Funktionen. Das natürliche Altern kann nicht aufgehalten werden, aber das Gehirn ist ein Großmeister der Kompensation. Daher gilt es, gezielt zu trainieren und zu stimulieren. Aktives Musizieren und kognitives Training sind erfolgreiche Strategien im Kampf gegen degenerative Hirnerkrankungen.

ADS: Mehr als nur eine Krankheit?

ADS, die Aufmerksamkeitsdefizitstörung, wird ebenfalls thematisiert. Der Autor lässt keinen Zweifel aufkommen, dass ADS eine gravierende Störung darstellt, die zu einer späteren Karriere als Psychopath, Drogenabhängiger oder Krimineller führen kann. Andererseits soll der Hinweis auf berühmte ADS-Patienten zeigen, dass ADS nicht zwangsläufig eine Katastrophe bedeutet. In der Liste finden sich: Wolfgang Amadeus Mozart, Thomas Edison, Albert Einstein, Thomas Mann, John Lennon, John Kennedy und Mahatma Gandhi. Birbaumer attestiert der Pharmaindustrie ein Interesse, ADS als eine Störung zu propagieren, der man am besten mit Medikamenten beikommen kann. So sei in den letzten zwanzig Jahren die verschriebene Menge von Methylphenidat, explosionsartig auf das 184fache gestiegen. In Deutschland schlucken etwa 200.000 Schulkinder Ritalin. Dazu hält der Autor die Frage für erlaubt, ob in letzter Zeit tatsächlich die Zahl der ADS-Kinder so dramatisch zugenommen hat oder lediglich die der ADS-Diganosen und Ritalinverordnungen. Es stehe selbstredend außer Frage, dass es Kinder mit ADS gibt. Was zweifelhaft sei, dass sie mit einer amphetaminartigen Droge behandelt werden müssen, die z.B. im Sport auf der Dopingliste steht. Ritalin ist mit Speed und Kokain verwandt, kann zu Abhängigkeit führen und beeinträchtigt Wachstum und Bewegungsfähigkeit der Kinder. Birbaumer argumentiert, dass die Plastizität des Gehirns erlaubt, ADS auch ohne pharmazeutische Hilfe in den Griff zu bekommen; dies sei schon der Nebenwirkungen und des Suchtrisikos wegen dringend angezeigt. Zu therapeutischem Nihilismus bestehe kein Anlass. Mit einem Selbstkontrolltraining mittels Neurofeedback lernten Kinder in 13 Stunden ihr Gehirn selbst zu steuern. Die Ergebnisse seien vergleichbar mit denen von Ritalin: Konzentrations- und Leistungssteigerung, angepasstes Sozialverhalten, gleiche Beruhigungswirkung. Entscheidender Unterschied: es gibt keine Nebenwirkungen. Dazu komme noch, dass für Ritalin, anders als bei Neurofeedback, nur Belege für Kurzzeit-, nicht aber für Langzeiteffekte existierten.

Genie für alle?

Die Frage, ob ein "Genie für alle" möglich wäre, wird ebenfalls behandelt. Die ernüchternde Antwort wird am Ende des Kapitels gegeben: „Kein Genie auf Knopfdruck“. Kim Peek konnte schon als Vierjähriger acht Lexikonbände auswendig aufsagen. Später hatte er die Inhalte von 12 000 Büchern gespeichert. Er verstand sie zwar meistens nicht, konnte sie aber aus dem Stand hersagen. Kim Peeks Geschichte liefert übrigens die Vorlage für Dustin Hoffmans Film „Rain Man“. 50 Prozent der Savants sind Autisten, viele mit Inselbegabung. Im Tübinger Institut zeigte sich bei Untersuchungen, dass ihr Gehirn bei einer Wahrnehmung deutlich schneller aktiv wird. „Es werden vor allem jene Gehirnareale mobilisiert, die für das präattentive Wahrnehmen, das heißt, die frühe, vorbewusste Verarbeitung von Signalen, zuständig sind, die in den ersten 100 Millisekunden stattfindet“. Bei ihnen dominiert „nicht das bewusste und gefilterte, sondern das vorbewusste und ungefilterte Wahrnehmen“. Was vielleicht erstrebenswert erscheint, hat allerdings erhebliche Nachteile: Zwar konnte Peek die Namen aller Baseballspieler aus den US-Endspielen der letzten Jahrzehnte hersagen, war aber nicht in der Lage, sich die Gesichter seiner Mitmenschen einzuprägen. Bei einem anderen Zugangsweg entfallen die Bedenken jedoch: Ohne Eingriff von außen kann durch Zen-Meditation oder Neurofeedback das Wahrnehmungsfenster für Augenblicke geöffnet werden. Trainierte Personen konnten Gesichter schon bei 15 bis 30 Millisekunden Darbietungszeit erkennen. Vielversprechend ist Neurofeedback auch in den Bereichen Sport, Musik und beim Militär.

Lesen Sie auch: Schritte zur Gehirnheilung: Der vollständige Leitfaden

Lesen Sie auch: Kritische Reflexion über "Du bist nicht dein Gehirn"

tags: #isbn #dein #gehirn #weib #mehr #als