Alkohol ist in vielen Kulturen tief verwurzelt, doch seine Auswirkungen auf das Gehirn werden oft unterschätzt. Während die Schädigung der Leber allgemein bekannt ist, sind die neurologischen Folgen des Alkoholkonsums weniger präsent. Dieser Artikel beleuchtet, wie Alkohol das Gehirn beeinflusst, von moderaten Mengen bis hin zu chronischem Missbrauch, und welche Konsequenzen dies für die Gesundheit und das Leben der Betroffenen hat.
Moderate Mengen, große Wirkung?
Eine aktuelle Studie zeigt, dass bereits moderater Alkoholkonsum Spuren im Gehirn hinterlassen kann. Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) wurden Aufnahmen von über 36.000 Personen ausgewertet. Dabei wurde das Volumen der weißen und grauen Substanz im Gehirn gemessen. Die graue Substanz besteht aus Nervenzellen, während die weiße Substanz aus Nervenfasern besteht, die verschiedene Bereiche des Gehirns verbinden.
Schon bei geringfügigen Konsumunterschieden wurden Unterschiede in der Gehirnstruktur festgestellt. So hat der Konsum von maximal einem kleinen Bier (0,2l) am Tag keinen messbaren Effekt im Gehirn im Vergleich zu einer alkoholabstinenten Person. Steigert eine 50-jährige Person ihren Konsum aber von zwei auf drei kleine Bier am Tag, sei der Rückgang der weißen und grauen Substanz vergleichbar mit einer Alterung um etwa dreieinhalb Jahre. Dieser Effekt ist nicht linear, was bedeutet, dass das Risiko mit jedem zusätzlichen Glas nicht gleichmäßig steigt.
Die Ergebnisse dieser Studie widersprechen zumindest in Teilen den bisherigen Empfehlungen für risikoarmes Trinken. Bisher galten maximal ein Glas Alkohol pro Tag für Frauen und zwei Gläser für Männer als risikoarm, bei zusätzlich zwei konsumfreien Tagen in der Woche.
Wie Alkohol die Nerven schädigt
Alkohol kann süchtig machen, die Leber schädigen und das Krebsrisiko erhöhen. Doch wie sehr Alkohol die Nerven schädigt, wird klar, wenn man betrunken ist: Man reagiert verlangsamt, hat eine gestörte Koordination und später dann Erinnerungslücken. Dies gibt bereits einen Vorgeschmack auf die potenziellen Langzeitschäden von Alkohol für das Nervensystem.
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Ein wichtiger Faktor ist Thiamin (Vitamin B1), das für gesunde Nerven unerlässlich ist. Alkoholabhängige Menschen sind oft mangelernährt und nehmen per se zu wenig Thiamin auf. Alkohol unterbindet zudem die Thiaminaufnahme und -verwertung im Körper.
Alkohol wird im Körper zu Acetaldehyd verstoffwechselt, einem Abbauprodukt, das dosisabhängig zum Absterben von Nervenzellen führen kann. Zudem führt Alkohol zur Entzündung von Nervengewebe und erhöht die Zahl entzündungsfördernder Zytokine, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden und Entzündungen im Gehirn verursachen können.
Auch begünstigt Alkohol die Inflammation durch Verschiebung der Neurotransmitterspiegel. So erhöht Alkohol den Glutamatspiegel, was neurotoxisch wirken und neuronale Schäden verursachen kann.
Neurologische Folgekrankheiten und Syndrome
Die neurologischen Folgekrankheiten und Syndrome eines erhöhten Alkoholkonsums, die durch Schädigungen der Nervenzellen des zentralen Nervensystems entstehen, ähneln den typischen Symptomen der Betrunkenheit, sind allerdings dann chronisch.
- Polyneuropathie: Sie entsteht durch Schädigung der peripheren Nerven durch den Alkohol und äußert sich anfänglich durch ein unangenehmes Kribbeln in den Beinen, im Vollbild bringt sie Dauerschmerzen mit sich und beeinträchtigt die Lebensqualität enorm.
- Korsakow-Syndrom und Marchiafava-Bignami-Syndrom: Bei diesen Syndromen nehmen die kognitiven Fähigkeiten ab, es kommt zu Sprachstörungen, unkontrollierten Bewegungen und im Endstadium zu einer Demenz.
Alkoholismus-Folgen: Mehr als nur die Leber
Unter Alkoholismus-Folgen versteht man negative körperliche, psychische und soziale Auswirkungen des chronisch erhöhten Alkoholkonsums. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt, dass ein risikofreier Alkoholkonsum nicht möglich ist und dass es entsprechend keine gesundheitlich unbedenkliche Menge gibt. Denn Alkohol ist eine Substanz, die für den Körper toxisch ist. Sie ist psychoaktiv, beeinflusst und schädigt das menschliche Gehirn und kann eine Suchterkrankung auslösen.
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Neben Leber und Gehirn können auch Lunge, Herz, Verdauungsorgane und die Haut von den Folgen der Alkoholsucht betroffen sein. Häufig kommt es zu Multimorbiditäten, d. h. zum gleichzeitigen Auftreten mehrerer Begleit- und Folgeerkrankungen.
- Leber: Als Entgiftungsorgan des Körpers ist die Leber von einer Alkoholabhängigkeit am meisten betroffen. Nach einem Alkoholexzess wandelt die Leber den Alkohol in Acetaldehyd um, das in großen Mengen die Zellfunktion der Leber schädigt. Ebenso wird der Fettsäureabbau eingeschränkt und die Neusynthese von Fettsäuren begünstigt. Diese werden in den Leberzellen abgelagert, die Leber verfettet nach und nach.
- Gehirn: Alkohol ist ein Zell- und Nervengift, das über kurz oder lang auch die Gehirnzellen schädigt und umstrukturiert. Es kann zu Aufmerksamkeitsdefiziten, Gedächtnislücken, Konzentrationsschwierigkeiten und einer Verringerung des Urteilsvermögens kommen.
- Herz: Das Risiko für einen Herzinfarkt, Vorhofflimmern und eine allgemeine Herzschwäche ist bei Alkoholikern deutlich stärker ausgeprägt als bei abstinenten Menschen.
- Verdauungstrakt: Speiseröhrenentzündungen, Speiseröhrengeschwüre, Sodbrennen, Magenschleimhautentzündungen und Entzündungen der Schleimhaut des Zwölffingerdarms gehören zu den häufigsten Alkohol-Auswirkungen auf den menschlichen Verdauungstrakt. Sind die Speiseröhre oder Magenschleimhaut erst chronisch entzündet, steigt zugleich das Risiko für Speiseröhren- oder Magenkrebs.
- Immunsystem: Der Konsum von Alkohol schädigt das Immunsystem, wodurch Infektionen der Atemwege begünstigt werden, so dass es bei Alkoholikern häufiger zu Entzündungen von Bronchien und Lunge kommt.
- Krebs: Alkohol gehört zu den größten Risikofaktoren für Krebserkrankungen. Allein in Deutschland werden rund 4 % aller neuen Krebserkrankungen auf Alkoholkonsum zurückgeführt.
- Psychische Störungen: Oft ist ein erhöhter Alkoholkonsum auch mit psychischen Störungen verbunden. So klagen die Patienten über Angststörungen, Depressionen oder Psychosen.
Was Drogen mit dem Gehirn anstellen
Drogen, einschließlich Alkohol, stören die Balance der Neurotransmitter und wirken auf die Informationsübertragung im Gehirn. Sie verändern die Gehirnmasse, das Gehirnvolumen wird kleiner.
Drogen verstärken die Grundstimmung, in der sich jemand befindet. Ist man also depressiv und trinkt, verbessere das nicht die Laune, sondern verstärke die Depression.
Weil Drogen in das Belohnungssystem eingreifen, greift man immer wieder zur Flasche, zur Tablette, zur Spritze.
Bei Jugendlichen verändern Drogen Wachstumsfaktoren im Gehirn, steuern zum Beispiel die Plastizität. Je früher jemand Drogen konsumiert, umso größere Probleme wird er haben.
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Vorzeitiges Altern: Das Gehirn schrumpft
Schon eine Flasche Bier am Tag lässt die graue sowie die weiße Substanz im Gehirn schrumpfen, wenn Sie über einen langen Zeitraum regelmäßig konsumieren. Die Veränderungen, die Alkohol in den Gehirnsubstanzen verursacht, sind jedoch nicht linear: Je mehr man trinkt, desto schneller schrumpft das Gehirn.
Die Folgen der Hirnalterung machen sich vor allem durch ein geschwächtes Erinnerungsvermögen bemerkbar. Aber der Alkohol beeinträchtigt auch andere kognitive Fähigkeiten: Aufmerksamkeit, Orientierung oder die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung.
Im Gehirn verursacht ein regelmäßiger Konsum hoher Alkoholmengen außerdem Veränderungen, die das Risiko einer Demenzerkrankung stark erhöhen.
Alkoholbedingte Hirnschäden schreiten nach Entzug fort
Hirnschäden durch Alkohol schreiten nach einem Entzug noch für mindestens sechs Wochen fort. Von den Schädigungen betroffen ist vor allem die weiße Substanz des Gehirns, die eine wichtige Rolle für Lernen und Gedächtnisbildung spielt.
Die Forscher glauben, dass dies durch eine alkoholbedingte Entzündungsreaktion im Gehirn verursacht werden könnte. Diese Reaktion könnte auch für die hohe Rückfallrate von Patienten, insbesondere während der frühen Phase der Abstinenz, eine Rolle spielen.