Neurologische Fachbegriffe und Fehler in Bezug auf Aphasie und Sprachstörungen

Die Neurologie ist ein komplexes Feld, das mit einer Vielzahl von Fachbegriffen verbunden ist. Im Bereich der Sprachstörungen, insbesondere der Aphasie, können Fehler in der Anwendung und dem Verständnis dieser Begriffe zu Missverständnissen und ineffektiven Behandlungen führen. Dieser Artikel soll Klarheit schaffen und einige der häufigsten Fehler im Zusammenhang mit neurologischen Fachbegriffen im Kontext von Aphasie und anderen Sprachstörungen aufzeigen.

Einführung in die Aphasie

Die Aphasie, abgeleitet vom griechischen Wort für Sprachlosigkeit, ist eine erworbene Sprachstörung, die als Folge einer Schädigung des Sprachzentrums im Gehirn auftritt. In den meisten Fällen ist ein Schlaganfall die Ursache, entweder durch eine Durchblutungsstörung oder seltener durch eine Hirnblutung. Aber auch andere Erkrankungen wie Entzündungen des Gehirns (z. B. Enzephalitis), Schädel-Hirn-Trauma oder Vergiftungen können zu Aphasie führen. Die Sprach- und Verständnisprobleme der Betroffenen erschweren die Kommunikation erheblich. Oftmals sind auch die Lese- und Schreibfähigkeit eingeschränkt oder sogar nicht mehr vorhanden.

Ursachen und Häufigkeit von Aphasie

Ein Schlaganfall ist die häufigste Ursache für Aphasie und betrifft in Deutschland jährlich etwa 270.000 Menschen, wobei 80 Prozent davon älter als 60 Jahre sind. In den ersten Tagen nach einem Schlaganfall sind etwa 40 Prozent der Patienten aphasisch, und mehr als die Hälfte davon leidet unter einer schweren Aphasie. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass sich bei etwa einem Drittel der Patienten mit anfänglicher Aphasie die Sprachfunktionen in den ersten vier Wochen weitgehend normalisieren. Jedes Jahr erkranken in Deutschland über 25.000 Menschen neu an einer Aphasie. Die Prävalenz zerebrovaskulär bedingter Aphasien wird auf etwa 85.000 bis 100.000 geschätzt.

Auswirkungen der Aphasie auf die Sprachfunktionen

Die Schädigung eines Sprachzentrums im Gehirn betrifft sowohl das Sprachverständnis (rezeptive Fähigkeiten) als auch die Sprachproduktion (expressive Fähigkeiten) in unterschiedlichem Ausmaß. Dies kann das Sprechen und Verstehen von Lautsprache sowie das Lesen und Verstehen von Schriftsprache beeinträchtigen oder sogar unmöglich machen, da die Fähigkeit, Sprache zu bilden und zu entschlüsseln, erschwert ist. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die intellektuellen Fähigkeiten in der Regel nicht beeinträchtigt sind.

Formen der Aphasie

Die Aphasie kann sich auf unterschiedliche Weise äußern und in verschiedenen Variationen auftreten. Die Einordnung hängt von den individuellen Beeinträchtigungen ab. Ein typisches Merkmal vieler Formen der Sprachstörung ist, dass Objekte umschrieben werden, weil sie nicht mehr direkt benannt werden können (Anomie). Es gibt verschiedene Formen von Aphasie, die sich durch ihre spezifischen Symptome unterscheiden:

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Wernicke-Aphasie

Bei der Wernicke-Aphasie, die durch eine Störung der sprachdominanten Hirnhälfte (Wernicke-Areal) verursacht wird, verstehen die Betroffenen Wörter nicht, und die Wahrnehmung und Verarbeitung von Sprachlauten (auditiv), Tastsinn (taktil) und Sehsinn (visuell) sind beeinträchtigt. Typisch ist eine flüssige Sprache, in der häufig einzelne Buchstaben verändert werden (Phoneme). Die Betroffenen kennen die Bedeutung und den Zusammenhang der Wörter nicht und sind sich nicht bewusst, dass ihre Sprache für andere unverständlich ist. Das Hör- und Schreibverständnis ist beeinträchtigt, und es kommt zu Lesefehlern. Das Schreiben ist flüssig, aber fehlerhaft, und inhaltliche Wörter werden weggelassen (fließende Agraphie).

Broca-Aphasie

Die Broca-Aphasie, die durch eine Störung des linken vorderen (frontalen) oder oberen vorderen (frontoparietalen) Hirnbereichs einschließlich des Broca-Areals verursacht wird, beeinträchtigt die Fähigkeit, Wörter zu bilden, wobei Wortverständnis und begriffliches Denken weitgehend unbeeinträchtigt sind. Typisch ist ein gutes Verständnis von Begriffen und Begriffsbildung, wobei es Schwierigkeiten bereitet, Worte zu äußern. Die Sprachproduktion und die Schreibfähigkeit sind beeinträchtigt (nichtflüssige Agraphie, Dysgraphie), was für Betroffene oft sehr frustrierend ist. Dennoch ist der mündliche und schriftliche Austausch für sie von Bedeutung.

Globale Aphasie

Die Globale Aphasie ist die schwerste Form der Aphasie. Betroffene können kaum oder gar nicht sprechen, und die Störung beeinträchtigt sowohl das Sprachverständnis als auch die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben.

Amnestische Aphasie

Patienten mit Amnestischer Aphasie zeigen oft nur leichte Defizite, wobei das Hauptsymptom Wortfindungsstörungen sind. Die Betroffenen zeigen ein gutes Störungsbewusstsein und versuchen, Fehler zu korrigieren, wobei sie häufig Statthalterwörter wie "Ding" oder "das da" verwenden.

Diagnose der Aphasie

Die Diagnose einer Aphasie wird von erfahrenen Experten der Neurologie und Logopädie gestellt. Sie basiert auf einem ausführlichen Gespräch mit dem Patienten und gegebenenfalls seinen Angehörigen, in dem die Beschwerden und die Krankengeschichte (Anamnese) erfasst werden. Anschließend erfolgen umfangreiche neurologische Untersuchungen. Dabei ist es wichtig, die Aphasie von anderen Sprachentwicklungs- und Sprachfunktionsstörungen abzugrenzen, die als Folge von Schwerhörigkeit, Fehlsichtigkeit oder Artikulationsstörungen in Form eingeschränkter motorischer Fähigkeiten beim Schreiben (Dysarthrie) auftreten können.

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Bildgebende Verfahren

Eine bildgebende Untersuchung des Gehirns hilft, die Ursache für die Sprachstörung zu ermitteln und das Ausmaß der Schädigung zu bestimmen. Eine Computertomografie und eine Magnetresonanztomografie mit oder ohne Darstellung der Arterien mithilfe von Kontrastmitteln (Angiografie) geben Aufschluss über die Art der Schädigung. Es kann sich um einen Infarkt, innere Blutungen (Hämorrhagie), eine sich entwickelnde Demenz oder um Tumore (Raumforderungen) handeln, deren Ausdehnung sichtbar gemacht werden kann.

Sprachanalyse

Mithilfe spezieller Tests wie dem Aachener Aphasie-Test (AAT) kann die Sprache analysiert und die Sprachstörung beurteilt werden. Dabei werden verschiedene Aspekte der Sprache untersucht:

  • Spontansprache: Flüssigkeit der gesprochenen Wörter, Anzahl der Wörter, Ausdrucksmerkmale (Prosodie), Wortfindungspausen, spontane Fehler, Zögern.
  • Benennung: Fähigkeit, Objekte direkt und ohne Umschreibungen zu benennen.
  • Wiederholung: Fähigkeit, komplexe Sätze nachzusprechen.
  • Verstehen: Fähigkeit, einfachen oder mehrstufigen Anweisungen zu folgen, auf einfache und komplexe Ja- oder Nein-Fragen zu antworten und auf vom Arzt genannte Objekte zu zeigen.
  • Lesen und Schreiben: Leseverständnis, Rechtschreibung, Schreiben nach Diktat, spontanes Schreiben und Vorlesen.

Therapie der Aphasie

Ziel der Aphasietherapie ist es, die Kommunikationsfähigkeit so gut wie möglich zu verbessern und vorhandene Fähigkeiten zu fördern. Studien haben gezeigt, dass eine intensive Behandlung effektiver ist. Gerade in der akuten und subakuten Phase einer Aphasie kann eine intensive Sprachtherapie (IST) die Kommunikationsfähigkeit verbessern. Aber auch zu einem späteren Zeitpunkt sind durch ausreichend intensives Training Besserungen der Symptome möglich.

Therapiemodule

Eine intensive Sprachtherapie (IST) erfolgt vorzugsweise im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme in einer neurologischen Fachklinik (stationär oder teilstationär). Dabei können neben der intensiven Sprachtherapie auch die häufig vorhandenen neurologischen Begleitsymptome mitbehandelt werden. Die Rehabilitationsbehandlung der Aphasien kann folgende Therapiemodule umfassen:

  • Sprachtherapie (Logopädie und/oder Linguistik) inklusive computerunterstützter Sprachtherapie
  • Neuropsychologische Therapie (zur Verbesserung von Aufmerksamkeit und Gedächtnis)
  • Physiotherapie (bei Lähmungen und Bewegungseinschränkungen)
  • Ergotherapie (Übungen zum Wiedererlernen von Alltagsfähigkeiten)
  • Physikalische Therapien (Elektrotherapie, Massage, Bäder)

Therapieansätze

Die Aphasie-Therapien finden in der Regel in Einzel- und Gruppentherapien statt. Ein wesentliches Ziel ist es, Aphasiker wieder in die Lage zu versetzen, trotz eventueller Einschränkungen wieder möglichst selbstständig im Alltag zurechtzukommen. Im Real Life-Training können die Betroffenen lernen, während der Behandlung eingeübte Kommunikationsmuster in einer realen Alltagssituation anzuwenden (z. B. beim Einkaufen). Es ist wichtig, ein verständnisvolles Umfeld der Betroffenen zu fördern, um die ansonsten wirksamen natürlichen Sprach- und Sprechängste abbauen zu können. Dabei ist es hilfreich, wenn auch die Angehörigen frühzeitig in die Therapien eingebunden werden und durch Beratungen und Seminare das Verständnis für die Störung gefördert wird.

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Tipps zum Umgang mit Aphasikern

  • Behandeln Sie den Aphasiker als Gesprächspartner auf Augenhöhe.
  • Nehmen Sie der aphasischen Person nicht das Wort aus dem Mund.
  • Sprechen Sie nicht über sie, sondern mit ihr.
  • Sprechen Sie in normaler Sprache und in einfachen Sätzen.
  • Sprechen Sie langsam, klar und deutlich.
  • Formulieren Sie Fragen vorzugsweise so, dass sie mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden können.
  • Korrigieren Sie nicht.
  • Halten Sie Blickkontakt.
  • Setzen Sie alle Mittel der Kommunikation ein: Gesten und Mimik, zeichnen oder schreiben Sie, wenn nötig, zeigen auf Gegenstände oder Abbildungen und motivieren Sie gegebenenfalls auch den Betroffenen dazu.
  • Warten Sie geduldig auf eine Antwort.
  • Sorgen Sie im Gespräch für eine ruhige Umgebung und schalten Sie störende Geräuschquellen wie Radio oder TV möglichst aus.
  • Wenn der Betroffene in einem Satz nicht weiterkommt, drängen Sie nicht. Gegebenenfalls ist es auch hilfreich, zunächst das Thema zu wechseln. Ein erneuter späterer Versuch ist oft erfolgreich.
  • Seien Sie verständnisvoll und geduldig, auch wenn der Betroffene leichter gereizt ist oder Gefühlsschwankungen hat.

Selbsthilfe

Vielen Aphasikern und ihren Angehörigen hilft der Austausch mit anderen Betroffenen, wie er beispielsweise in Selbsthilfegruppen möglich ist.

Abgrenzung von Sprechstörungen

Es ist wichtig, die Aphasie als Sprachstörung von Sprechstörungen wie der Dysarthrie abzugrenzen, obwohl Sprach- und Sprechstörungen auch gemeinsam auftreten können.

Dysarthrie

Dysarthrie bezeichnet verschiedene Störungen des Sprechens, die durch Schädigungen der Hirnnerven und der peripheren Gesichtsnerven verursacht werden. Die Folge ist, dass Steuerung und Ausführung der Sprechbewegungen eingeschränkt sein können und die Artikulation von Lauten verformt bis unverständlich verwaschen klingt. Bei der Dysarthrie sind die am Sprechvorgang beteiligten Muskeln und Organe als solche intakt, ebenso wie das sprachliche Wissen.

Sprechapraxie

Die Sprechapraxie ist hingegen eine Störung der Planung von Sprechbewegungen, nicht der Motorik oder des sprachlichen Wissens.

Häufige Fehler und Missverständnisse

Ein häufiger Fehler ist die Verwechslung von Aphasie mit anderen Sprach- oder Sprechstörungen. Es ist entscheidend, die spezifischen Symptome und Ursachen der jeweiligen Störung zu kennen, um eine angemessene Diagnose und Therapie zu gewährleisten. Auch die Annahme, dass Aphasie immer mit einem Verlust der Intelligenz einhergeht, ist ein weit verbreitetes Missverständnis.

Weitere neurologische Begriffe im Kontext von Sprachstörungen

Neben der Aphasie gibt es eine Reihe weiterer neurologischer Begriffe, die im Kontext von Sprachstörungen relevant sind:

  • Apraxie: Störung der Ausführung willkürlicher, zielgerichteter Bewegungen, die Mimik, Sprache und Gestik betreffen kann.
  • Dysglossie: Durch Schädigung des Sprechapparates bedingte Aussprachestörung, z. B. bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalte.
  • Dysgrammatismus: Störung der Satzbildung.
  • Dyslexie: Leseschwäche.
  • Dysgraphie: Rechtschreibschwäche.

Aussprachestörungen im Detail

Aussprachestörungen, auch Artikulationsstörungen genannt, umfassen nicht altersgerechte Lautbildungen oder Lautverwendungen, was zu fehlerhafter Aussprache und eingeschränkter Verständlichkeit führt. Es ist wichtig, zwischen phonetischen und phonologischen Störungen zu unterscheiden.

Phonetische Störungen

Phonetische Störungen sind Sprechstörungen, bei denen die Sprechmotorik eingeschränkt ist und/oder Auffälligkeiten der intraoralen Sensorik vorliegen. Die Lautbildung ist gestört, und der betroffene Laut kann isoliert nicht gebildet werden. Beispiele sind Sigmatismen (Fehlbildung der Laute /s/ und /z/) und Rhotazismen (Artikulationsstörung des /r/).

Phonologische Störungen

Phonologische Störungen betreffen den systematischen Gebrauch der Laute. Das Kind kann die Laute als Phone zwar korrekt bilden, verwendet sie aber nicht korrekt in ihrer bedeutungsdifferenzierenden Funktion als Phoneme.

Klassifikationsmodell nach Fox & Dodd

Das Klassifikationsmodell von Fox & Dodd teilt aussprachegestörte Kinder in vier Untergruppen ein: phonetische Störung, phonologische Verzögerung, konsequente phonologische Störung und inkonsequente phonologische Störung.

Traditionelle Klassifikation der Dyslalie

Die traditionelle Klassifikation der Dyslalie (Stammeln) unterscheidet zwischen quantitativen (Anzahl der betroffenen Laute) und qualitativen (Art der Fehlbildung) Aspekten.

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