Demenz im Alter: Jeder Dritte über 90 ist betroffen – Ursachen, Risiken und Prävention

Kognitive Fähigkeiten wie Erinnerungsvermögen, logisches Denken, analytische Fähigkeiten, Fokussierung der Aufmerksamkeit, aktive Umweltwahrnehmung, sprachlicher Ausdruck und Informationsspeicherung sind für ein selbstbestimmtes Leben unerlässlich. Im Alter können diese Fähigkeiten jedoch nachlassen, was zu einem breiten Spektrum von Beschwerden führt, die unter dem Begriff "Demenz" zusammengefasst werden.

Was ist Demenz?

Der Begriff "Demenz" beschreibt die allmähliche Verschlechterung geistiger Fähigkeiten, wie z. B. des Erinnerungsvermögens, der Orientierung und des Denkvermögens. Die Demenz ist keine Erkrankung an sich, sondern ein Symptom vieler verschiedener Erkrankungen. Die meisten Demenzen sind eine Folge chronischer unheilbarer Krankheiten des Gehirns, die irreversible, das heißt unumkehrbare, Schäden im Hirngewebe hervorrufen. Man nennt diese irreversiblen Demenzen auch primäre Demenzen. Nur ein kleiner Teil der Demenzen beruht auf Erkrankungen, die nicht direkt das Gehirn betreffen. Hierzu gehören beispielsweise manche Stoffwechselerkrankungen, Vitaminmangelerscheinungen oder chronische Vergiftungen.

Formen der Demenz

Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Am zweithäufigsten kommt die gefäßbedingte (vaskuläre) Demenz vor und an dritter Stelle steht die Kombination aus Alzheimer und vaskulärer Demenz. Eine weitere wichtige Demenz ist die frontotemporale Demenz.

Alzheimer-Demenz

Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form der Demenz und führt zu einer fortschreitenden und unumkehrbaren Zerstörung von Gehirnzellen. Die geistige Leistungsfähigkeit der Patient*innen nimmt stetig ab, dabei verändert sich auch die Persönlichkeit der Alzheimer-Kranken. Warum die Gehirnzellen bei der Alzheimer-Demenz absterben, ist bislang nicht vollständig geklärt. Man weiß aber, dass mehrere Veränderungen im Gehirn mit dem Absterben der Zellen zusammenhängen. Dazu gehören Ablagerung bestimmter Eiweiße und eine Verringerung des Botenstoffes Acetylcholin, der für das Funktionieren des Gedächtnisses verantwortlich ist. In etwa zwei Prozent der Fälle ist die Alzheimer-Demenz genetisch bedingt.

Vaskuläre Demenz

Die vaskuläre oder gefäßbedingte Demenz ist eine Folge von Erkrankungen der Blutgefäße im Gehirn. Die Erkrankung der Hirngefäße führt zu Durchblutungsstörungen und damit zu einem Sauerstoffmangel im Hirngewebe. Wenn die Durchblutungsstörungen andauern, sterben die schlecht durchbluteten Gehirnregionen ab. Es kommt zu kognitiven Störungen, die einer Alzheimer-Demenz ähneln. Zusätzlich leiden Patient*innen mit vaskulärer Demenz häufig an körperlichen Beschwerden. Die häufigsten Ursachen für die vaskuläre Demenz sind hoher Blutdruck, Herzkrankheiten, Diabetes mellitus und Rauchen.

Lesen Sie auch: Epilepsie: Wer ist gefährdet?

Frontotemporale Demenz

Die frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung, bei der in erster Linie Nervenzellen im Stirnhirn (Frontallappen) und im Schläfenlappen (Temporallappen) untergehen. Menschen mit einer frontotemporalen Demenz haben vor allem ein verändertes Sozialverhalten. Sie können ihr Verhalten schlechter kontrollieren als Gesunde. Die frontotemporale Demenz beeinträchtigt darüber hinaus das Sprachverständnis der Patientinnen. Im Vergleich zu anderen Demenzformen bricht die frontotemporale Demenz häufig sehr früh im Leben der Patientinnen aus. Die ersten Symptome der frontotemporalen Demenz treten meist im Alter zwischen 40 und 65 Jahren auf.

Lewy-Körper-Demenz

Die Lewy-Körper-Demenz ist die dritthäufigste Form aller Demenzerkrankungen. Die Ursachen und Symptome ähneln denen von Alzheimer. So lagern sich ebenfalls Eiweißreste - die so genannten Lewy-Körperchen - in den Nervenzellen des Gehirns ab, die die Kommunikation stören. Zwar bleibt das Gedächtnis länger erhalten als bei Alzheimer, aber es treten häufiger Sinnestäuschungen und Halluzinationen auf.

Symptome der Demenz

Die Symptome der Demenz können je nach Form und Stadium der Erkrankung variieren. Häufige Symptome sind:

  • Gedächtnisverlust (vor allem Kurzzeitgedächtnis)
  • Sprachstörungen (Wortfindungsstörungen, undeutliche Sprache)
  • Orientierungslosigkeit (zeitlich und räumlich)
  • Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens (Aggressivität, Reizbarkeit, Teilnahmslosigkeit)
  • Probleme mit dem Denken und Urteilsvermögen
  • Schwierigkeiten bei der Ausführung von alltäglichen Aufgaben

Stadien der Alzheimer-Demenz

Nach ihren Symptomen unterscheidet man drei Stadien der Alzheimer-Demenz:

  • Leichte Alzheimer Demenz: Die ersten Symptome der Alzheimer-Erkrankung sind unauffällig: Vergesslichkeit, Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen. Die Betroffenen reagieren langsamer und haben Schwierigkeiten Neues zu lernen. Sie hören mitten im Satz auf zu sprechen und führen einen Gedanken nicht zu Ende. Die Betroffenen sind sich ihrer zunehmenden Probleme bewusst und leiden darunter. Sie können mit Wut, Angst, Beschämung oder depressiven Verstimmungen reagieren.
  • Mittelschwere Alzheimer Demenz: Spätestens in diesem Stadium müssen die Patient*innen ihren Beruf und das Autofahren aufgeben. Sie sind nun zunehmend auf Unterstützung bei der Körperhygiene, dem Gang zur Toilette sowie Essen und Trinken angewiesen. Sie verlieren zunehmend die Orientierung und das Zeitgefühl. Sie haben häufig die Namen naher Verwandter vergessen. Sie sprechen undeutlich. Ihre Aussagen sind inhaltsleer. Es kann zu Stimmungsschwankungen, Aggressionen und Depressionen kommen.
  • Schwere Alzheimer Demenz: Patientinnen im Spätstadium der Alzheimer Demenz müssen Vollzeit gepflegt und betreut werden. Sie erkennen die eigenen Familienmitglieder nicht mehr, können sich nicht mehr verbal verständigen. Es treten vermehrt körperliche Symptome wie Schwäche, Schluckstörungen oder der Verlust der Kontrolle über Blase und Darm auf. In Einzelfällen kommt es zu epileptischen Anfällen. Die Patientinnen werden bettlägerig und anfällig für Infektionen.

Symptome der frontotemporalen Demenz

Die Symptome der frontotemporalen Demenz können stark variieren - je nachdem welche Bereiche des Gehirns geschädigt werden.

Lesen Sie auch: Wege aus der Überforderung

  • Verhaltensbetonte Variante der frontotemporalen Demenz: Wenn die Schäden vor allem im Frontallappen auftreten, verändert sich zuerst die Persönlichkeit und das Verhalten der Betroffenen. Die Patient*innen wirken unkonzentriert, desinteressiert und achtlos. Die frontotemporale Demenz kann auch zu einem Verlust des Takt- und Mitgefühls führen. Die Betroffenen können mitunter ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren und reagieren enthemmt. Auch die Körperhygiene und das Essverhalten können sich verändern. Wenn die Demenz weiter fortschreitet, kommt es zunehmend zu Sprachstörungen.
  • Sprachbetonte Variante der frontotemporalen Demenz: Hier kommt es zu Sprachstörungen. Die Patient*innen haben Wortfindungsstörungen, machen auffällige Grammatikfehler oder haben Probleme beim Sprachverständnis. Wenn die frontotemporale Demenz weiter fortschreitet, treten die oben beschriebenen Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen auf.

Risikofaktoren für Demenz

Je älter die Menschen werden, umso größer ist das Risiko für Demenzerkrankungen. In der Altersgruppe der 65- bis 70-Jährigen erkranken weniger als drei Prozent an einer Alzheimer-Demenz. Im Alter von 85 Jahren ist ungefähr jeder Fünfte und ab 90 Jahren bereits jeder Dritte betroffen. Aktuell sind weltweit etwa 50 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. In Europa geht man derzeit von zehn Millionen Menschen mit Demenzerkrankung aus. In Deutschland liegt die Zahl bei aktuell 1,6 Millionen.

Zu den Risikofaktoren für Demenz gehören:

  • Hohes Alter
  • Genetische Veranlagung (vor allem bei der Alzheimer-Demenz)
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Schlaganfall)
  • Diabetes mellitus
  • Übergewicht
  • Rauchen
  • Übermäßiger Alkoholkonsum
  • Kopfverletzungen
  • Mangelnde Bildung
  • Soziale Isolation
  • Depressionen
  • Bewegungsmangel
  • Feinstaubbelastung
  • Eingeschränkte Hörfähigkeit

APOE4-Genvariante

Eine spanische Forschungsgruppe um Juan Fortea hat sich dieses Gen einmal genauer angeschaut. Und dabei festgestellt: Tritt diese Erbgutvariante doppelt auf, ist die Gefahr besonders groß, an Alzheimer zu erkranken, so das Ergebnis der Studie, die vor kurzem im renommierten Fachmagazin "Nature Medicine" publiziert wurde. Das bedeutet: Wer die Gen Variante APOE4 also von Vater und Mutter erbt, erkrankt ziemlich sicher, nämlich mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer. "Eine doppelte Kopie dieser Variante gilt nicht mehr nur als Risiko, sondern als Ursache für eine Alzheimer-Erkrankung", bestätigt Johannes Levin, Demenzforscher am Uni-Klinikum Großhadern in München. "In diesem Fall fängt die Erkrankung auch früher an, bereits ab Mitte oder Ende sechzig, früher als normale sporadische Erkrankungen."

Prävention von Demenz

Obwohl Demenz in den meisten Fällen nicht heilbar ist, gibt es Möglichkeiten, das Risiko einer Erkrankung zu verringern und den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen. Dazu gehören:

  • Geistige Aktivität: Bleiben Sie geistig aktiv bis ins hohe Alter: Lernen Sie Sprachen, interessieren Sie sich für Politik und Forschung, knobeln und rätseln Sie, lesen Sie und denken Sie über kleine und große Fragen des Lebens nach.
  • Körperliche Aktivität: Körperliche Aktivität reduziert das Risiko einer späteren Demenzerkrankung auf die Hälfte.
  • Gesunde Ernährung: Alles, was dem Herz gut tut, fördert auch das Gehirn.
  • Soziale Kontakte: Pflegen Sie soziale Kontakte und vermeiden Sie Isolation.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Reduzieren Sie Risikofaktoren wie Rauchen, übermäßigen Alkoholkonsum, Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes.
  • Behandlung von Begleiterkrankungen: Lassen Sie Erkrankungen wie Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig behandeln.

Diagnose von Demenz

Wenn die Sorge besteht, dass sich eine Demenz entwickelt, sollte man sich umgehend untersuchen lassen. Im besten Fall kann die Untersuchung den Verdacht auf eine Demenz ausräumen und man hat eine Sorge weniger. Falls jedoch tatsächlich Hinweise auf eine beginnende Demenz festgestellt werden, kann man in diesem Stadium noch einiges tun, um die Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten abzubremsen. Vor allem haben die Betroffenen dann die Chance alles, was ihnen wichtig ist, noch selbst und nach ihrem Willen zu ordnen.

Lesen Sie auch: Gehirn: Anatomie und Funktion

Warnsignale für eine Demenz können sein:

  • Ereignisse, die nur kurze Zeit zurückliegen, werden vergessen.
  • Gewohnte Tätigkeiten, wie z. B. Haushaltstätigkeiten, bereiten Schwierigkeiten.
  • Es kommt häufiger zu Sprachstörungen/Wortfindungsstörungen.
  • Das Interesse an Arbeit, Hobbys und Kontakten nimmt ab.
  • In einer fremden Umgebung fällt es schwer, sich zurechtzufinden.
  • Die Betroffenen haben keinen Überblick über ihre finanziellen Angelegenheiten.
  • Gefahren werden nicht erkannt oder falsch eingeschätzt.
  • Persönlichkeitsänderungen: Stimmungsschwankungen, andauernde Ängstlichkeit, Reizbarkeit und Misstrauen können auftreten.
  • Fehlende Einsicht: Betroffene streiten Fehler, Irrtümer oder Verwechslungen häufig vehement ab.

Die Diagnose einer Demenz erfolgt in der Regel durch einen Facharzt (Neurologe, Psychiater oder Geriater). Die Diagnose umfasst in der Regel:

  • Ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten und seinen Angehörigen
  • Eine körperliche Untersuchung
  • Neuropsychologische Tests zur Überprüfung der kognitiven Fähigkeiten
  • Bildgebende Verfahren des Gehirns (CT oder MRT)
  • Blutuntersuchungen

Behandlung von Demenz

Bis heute kann eine Demenz nicht geheilt werden. In frühen und mittleren Stadien einer Demenzerkrankung können Medikamente jedoch dazu beitragen, die Hirnfunktionen aufrechtzuerhalten und Begleitsymptome der Demenz zu lindern. Im Vordergrund stehen dabei sogenannte Antidementiva, die das Erinnerungs- und Denkvermögen erhalten sollen. Sie greifen in die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen ein und schützen die Zellen vor dem Einströmen von schädlichen Botenstoffen.

Da Demenzkranke oft auch eine Depression entwickeln, die das Denk- und Erinnerungsvermögen noch weiter einschränkt, zählen auch Antidepressiva zu den Pfeilern der medikamentösen Demenzbehandlung. Sie fördern den Schlaf, mildern die innere Unruhe und Ängste, verbessern die Stimmung und den motivationalen Antrieb. Bei Patient*innen, die im Rahmen ihrer Demenz auch Wahnvorstellungen oder Aggressionsdurchbrüche entwickeln, greifen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte auf Neuroleptika zurück.

Mindestens genauso wichtig wie die medikamentöse Behandlung sind aktivierende und stärkende Behandlungsverfahren, mit denen die Alltagskompetenzen der Betroffenen erhalten und ihre Sinne auf unterschiedlichste Weise angesprochen werden. Dazu gehören:

  • Ergotherapie
  • Physiotherapie
  • Logopädie
  • Musiktherapie
  • Kunsttherapie
  • Gedächtnistraining
  • Realitätsorientierungstraining

Leben mit Demenz

Die meisten Menschen mit einer Demenzerkrankung werden zu Hause betreut. In späteren Krankheitsstadien ist zumeist eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung oder die Verlegung in ein Pflegeheim notwendig. Pflegende Angehörige berichten, dass ihr eigenes Leben sich durch die körperliche und seelische Belastung, die mit der Pflege von Demenzpatient*innen einhergeht, stark verändert: Sie sind müde und erschöpft, werden krank, brauchen Medikamente, haben keine Zeit mehr für ihre Hobbys, müssen vielleicht sogar ihren Beruf aufgeben. Freunde und Angehörige ziehen sich zurück und die Pflegenden fühlen sich überfordert und alleingelassen.

Darum ist es wichtig, sich frühzeitig Hilfe zu holen. Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft bietet Beratung und Unterstützung an, ebenso die Kranken- und Pflegekassen.

Prognose und Lebenserwartung

Prognosen über die Lebenserwartung demenzkranker Personen zu stellen, ist schwierig. Ein entscheidender Faktor ist, in welchem Alter die Demenz ausbricht, welche Demenzform vorliegt und wie schnell der Patient die einzelnen Stadien durchläuft. Eine Demenzerkrankung an sich ist nicht tödlich, vielmehr wird die Lebenserwartung durch begleitende Krankheiten eingeschränkt. So begünstigt eine Demenz beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Infektionskrankheiten.

Im Fall der Alzheimer-Demenz gilt allgemein, dass die noch verbleibende Lebenserwartung umso geringer ist, je später im Leben die Erkrankung auftritt, je schwerer die Symptome sind und je mehr körperliche Begleiterkrankungen bestehen. Studien haben gezeigt, dass Menschen, bei denen Anzeichen der Demenz vor dem 65. Lebensjahr eintritt, eine Lebenserwartung von acht bis zehn Jahren haben. Tritt eine Demenz im Alter zwischen 65 und 75 auf, so verkürzt sich die Lebenserwartung statistisch auf weniger als fünf Jahre. Erkrankt ein Mensch nach dem 85. Lebensjahr an einer Demenz, so verringert sich die Lebenserwartung auf weniger als drei Jahre.

tags: #jeder #3 #haz #alzheimer #mit #90