Jeffrey Dahmer, einer der berüchtigtsten Serienmörder der USA, dessen Taten zwischen 1978 und 1991 die Welt erschütterten, ist auch heute noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Die Netflix-Serie über Jeffrey Dahmer gehört aktuell zu den meistgesehenen Serien in Deutschland. Offiziell beruht sie "auf wahren Gegebenheiten". Ein Serienmörder ermordet in kurzer Zeit 17 Menschen, entwischt dabei mehrfach der Polizei und lebt bis zur Verhaftung vollkommen unentdeckt in einem Appartment-Haus: Die Netflix-Serie "Dahmer" will uns genau das weismachen. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Bemühungen, die Motive und Ursachen für Dahmers grausame Taten zu verstehen, wobei insbesondere die Untersuchung seines Gehirns und psychologischer Modelle im Fokus stehen.
Dahmers Kindheit und Entwicklung
Jeffrey Dahmer wurde 1960 in Milwaukee geboren. Seine Kindheit war, wie in der Serie dargestellt, schwierig. Die Mutter hatte psychische Probleme, der Vater konzentrierte sich auf die Karriere und hatte ebenfalls keine Zeit für Jeffrey. Schon als Kind entdeckte Dahmer seine Faszination am Tod, als er mit dem Fahrrad die Landstraßen nach überfahrenen Tieren absuchte und diese zuhause sezierte. Seine Mitschülern galt er als »Sonderling« und »komischer Vogel«. »Jeffrey war gequält und verwirrt«, meint eine Klassenkameradin, »sein Benehmen lag immer an der Grenze.«
Als Jugendlicher entwickelte Dahmer gewaltbesessene Sexfantasien, die sich zur Nekrophilie steigerten. In der High School fiel er einerseits durch Alkohol- und Drogenmissbrauch auf, verhielt sich auf der anderen Seite gegenüber Erwachsenen aber zum Teil vorbildlich. Als er 13 wurde und seine Homosexualität entdeckte, fand sein morbider Forschungsdrang keinen Abbruch. Stetiges Wachstum abnormer werdender Gewaltfantasien. Stattdessen flüchtete er sich in beunruhigende Fantasien, in denen seine homosexuellen Vorlieben allmählich mit Nekrophilie verschmolzen. Seiner eigenen Abnormität bewusst, begann er ab der High School zu trinken.
Die Todesspirale: Ein psychologisches Modell
Den Leitfaden des Films bildet ein psychologisches Modell, das an der California State University anhand der Untersuchung von 200 Serienkillern entwickelt wurde. Das Modell beschreibt eine sprichwörtliche Todesspirale zwischen traumatischen Erlebnissen, Gewaltphantasien und Größenwahn, dem Mißbrauch enthemmender und stimulierender Mittel, die schließlich zur Ausführung eines Mordes führen - der seinerseits das anfängliche Trauma wiederbelebt und den Wiederholungszwang auslöst.
Dahmers Taten und ihre Eskalation
Als Jeffrey 18 war, trennten sich seine Eltern und ließen ihn allein in dem einstigen Familienhaus zurück. Im selben Jahr, 1978, beging Dahmer seinen ersten Mord: Eines Tages gabelte er einen jungen Anhalter an der Landstraße auf und nahm ihn mit zu sich nach Hause, wo sich beide betranken. Anschließend zerteilte er die Leiche und verpackte sie in Müllsäcke, um die Leichenteile später im Wald zu verstreuen.
Lesen Sie auch: Wurde Dahmers Gehirn untersucht?
Nach diesem Vorfall sollten neun Jahre vergehen, bis Dahmer den nächsten Mord beging. Seinen Hang zum Trinken bekam er auch später nicht in den Griff, weshalb er erst bei der Army und später an der Uni raus flog. Als Jeffrey schließlich zu seiner Großmutter nach Milwaukee zog, hoffte er mittels der Religion seine stetig abnormer werdenden Gewaltfantasien zu lindern. Ohne Erfolg.
Seinen ersten Mord in Milwaukee verübte Dahmer im November 1987, als er dem 26-jährigen Steven Tuomi in einem Hotelzimmer Drogen einflößte und am nächsten Morgen neben seiner Leiche aufwachte. Dahmer konnte sich selbst nicht an den Mord erinnern, war aber geistesgegenwärtig genug, um die Leiche in einem großen Koffer aus dem Hotel zu schaffen und sich dabei sogar noch von einem Hotelpagen helfen zu lassen.
Bald darauf zog Jeffrey wieder bei seiner Großmutter aus und nahm sich in Milwaukee ein eigenes Apartment. Hier nun vollkommen ungestört und abgeschieden, konnte er unbehelligt hinter der Zimmernummer 213 weitermorden. Dahmer tötete noch weitere 15 Männer, die er vorzugsweise in Schwulenbars kennen lernte und mit nach Hause nahm. In seinen eigenen vier Wänden erdrosselte er seine ahnungslosen Opfer, hatte Sex mit ihren Leichen, zerstückelte sie und bewahrte seine Lieblingskörperteile von ihnen auf. Zeitweise lagerte er auch Leichen mit Eis in der Badewanne, um den Verwesungsprozess zu verzögern. Seine toten, zum Teil ausgeweideten Opfer ließ er oft vor der Kamera posieren und benutzte die Fotos später als Wichsvorlage. Dahmers Nekrophilie fand ihr Extrem schließlich im Kannibalismus, als er sogar Leichenteile in den Gefrierschrank legte, um sie später zuzubereiten und zu verzehren. Einen Monat vor seiner Verhaftung hatte sich Dahmer fast ausschließlich von Menschenfleisch ernährt. Außerdem begann der Serienmörder, seinen Opfern mit einer Bohrmaschine Löcher in die Stirn zu bohren, um ihnen anschließend Säure zu injizieren. Er hoffte, somit einen Zombie zu erschaffen, der dann für immer bei ihm bleiben würde.
Die Verhaftung und der Prozess
Dahmers beinah letztes Opfer entkam schließlich im Juli 1991 und führte die Polizei zu dem Apartment Nr. 213, aus dem bereits seit geraumer Zeit ein unerträglicher Verwesungsgestank drang. Als die Polizei das Oxford Appartment 213 stürmte, schlug ihr ein Hauch von Verwesung entgegen: Vier abgesägte Köpfe im Kühlschrank, sieben Schädel, dazu ein Salzsäure-Bottich mit drei Torsi sowie Polaroidfotos von Verstümmelten wurden sichergestellt. Wegen des unsäglichen Gestanks mußten die Beamten mit Schutzanzügen und Sauerstoffmasken arbeiten.
Bereits ein halbes Jahr später, im Februar 1992, wurde Jeffrey Dahmer in 15 von 17 bekannten Fällen für schuldig befunden und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Eine der zentralen Fragen in der Gerichtsverhandlung war, ob und in welchem Umfang Dahmer an einer psychischen Krankheit litt. Um dies zu klären, untersuchte und befragte der forensische Psychiater Carl Wahlstrom den Täter für mehr als zwölf Stunden. Ein heikles Unterfangen, da manche Prozessbeobachter ihm vorwarfen, die Taten relativieren zu wollen.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Die Untersuchung des Gehirns
Nach Dahmers Tod wurde sein Gehirn einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Es wurden keine Abnormitäten festgestellt. Jeffrey Dahmers Hauptargument war immer seine Einsamkeit und die Angst, verlassen zu werden.
Die Bedeutung der Kindheit
Die Netflix-Serie "Dahmer" will uns genau das weismachen. Dahmer ist keine fiktionale Figur. Er ist tatsächlich einer der berüchtigtsten Serienmörder aus den USA. Dahmer wurde 1960 in Milwaukee geboren. Seine Kindheit war wie in der Serie schwierig: Die Mutter hatte psychische Probleme, der Vater konzentrierte sich auf die Karriere und hatte ebenfalls keine Zeit für Jeffrey. In der Jugend entdeckte Dahmer seine Homosexualität und ebenfalls gewaltbesessene Sexfantasien, die sich zur Nekrophilie steigerten. In der Highschool wurde er einerseits durch Alkohol- und Drogenmissbrauch auffällig, verhielt sich auf der anderen Seite gegenüber Erwachsenen aber zum Teil vorbildlich. Wie in der Serie geht es danach in seiner Biografie weiter: Dahmer schreibt sich zunächst in der Ohio State University ein, besucht dort aber kaum Kurse. Nachdem er aus dem Studium fliegt, drängt ihn sein Vater zu einer Ausbildung beim Militär.
Versagen der Gesellschaft
Robert Heck, Mord-Experte im US-Justizministerium, rechnet mit derzeit »35 und mehr« frei herumlaufenden Massenkillern im Lande. Daß von den Verrückten jeder »20 bis 30 Morde« verüben kann, ehe er entdeckt wird, liegt vor allem am sich ausbreitenden sozialen Bodensatz der US-Gesellschaft. Gesetzesverstöße blieben nicht aus. 1982 wurde Dahmer wegen Exhibitionismus vor Gericht zitiert. Für dieses Vergehen forderte die Staatsanwaltschaft eine sechsjährige Gefängnisstrafe. Der Richter William Gardner entschied anders. Weil der Strafvollzug in Milwaukee keine Therapie für abnorme Täter anbietet, lautete das Urteil auf zehn Monate Gefängnis und fünf Jahre Bewährung. Die Staatsanwälte ("Eine Behandlung im freien Vollzug wäre extrem hart") und auch Dahmers Vater ("Mein Sohn ist krank") klagten vergeblich eine kontrollierte Behandlung ein. Mit den gekürzten Sozialplänen der Reagan-Ära setzte sich das Unheil fort. Milwaukees überlastete Bewährungshelfer machten nicht einen einzigen Hausbesuch bei dem Maniak. Auch als Dahmer am 15. Juli dieses Jahres seinen Job hinschmiß und damit die Regeln für die Bewährung durchbrach, passierte nichts. Noch schwerer wiegt das Versäumnis von drei Streifenpolizisten. Bereits am 27. Mai hätte Dahmer auffliegen müssen. Mitbewohner hatten beobachtet, wie ein asiatischer Junge nackt und »am Hintern blutend« aus Dahmers 300-Dollar-Appartment gestürzt war. Als die Cops den radebrechend um Hilfe flehenden Laoten auf der Straße aufgabelten, tat der herbeigeeilte Triebmörder den Vorfall, wie das Protokoll ausweist, als »Erziehungsproblem mit seinem homosexuellen Gespielen« ab. Die Streife brauste davon. Dahmer zerrte den Jungen wieder in die Wohnung. »Es ist eine Tragödie«, meint rückblickend Milwaukees Polizeichef Philip Arreola über die Fahndungspannen; die drei Polizisten wurden vorerst suspendiert. Auch der Bürgermeister der Stadt, John Norquist, münzte den Massenmord, wie er in vielen amerikanischen Großstädten geschehen könnte, abstrakt in ein »traumatisches Ereignis« für die Stadt um. Die Verwandte eines schwarzen Dahmer-Opfers nannte das Übel beim Namen: »Wenn einer im Armenviertel erschlagen wird, kümmert das kein Schwein.« Der Vorwurf trifft: Obwohl im Mai und Juni immer häufiger junge Männer aus der Umgebung von Milwaukee verschwanden, blieben polizeiliche Fahndungen aus.
Genetische Veranlagung und Umweltfaktoren
Zu der Entwicklung von antisozialen Persönlichkeiten, also solchen Menschen, die gesellschaftliche Normen missachten, gibt es zahlreiche Untersuchungen. 60 Prozent macht dabei wohl die genetische Vererbung aus, 40 Prozent beeinflussen Umweltfaktoren. Wenn schon die Mutter antisoziale Tendenzen zeigt, ist das häusliche Umfeld auch gleichzeitig nicht das beste. Es gibt aber Serientäter, die in einem geordneten Elternhaus aufgewachsen sind, wie zum Beispiel Jeffrey Dahmer, ein amerikanischer Serienmörder der 80er und 90er Jahre. Bei 50 Prozent der Gefängnisinsassen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen (APS)** lag in früher Kindheit das ADHS-Syndrom vor. Im Alltag fielen sie als Kinder zuerst durch Gewalt gegenüber anderen Kindern auf. Später kam häufig noch sexuelle Belästigung von Mitschülerinnen dazu. Ein typisches Phänomen ist auch die Tierquälerei. Es geht diesen Menschen in erster Linie um Machtausübung.
Motive und Psychologie des Tötens
Anfangs sind solche Verbrechen vor allem Phantasien. Nach der ersten Tat entsteht aber ein so großes Wohlgefühl, dass der Wunsch nach mehr aufkommt. Ja, auf neurobiologischer Ebene ist das vergleichbar. Ein Mörder hat einmal gesagt, das Töten wäre wie das Schneiden von Fußnägeln. Am Anfang macht man es widerwillig, später will man nicht mehr damit aufhören. In der Geschichte der Menschheit wurden Dominanz, Macht und Aggressivität immer durch eine Endorphinausschüttung im Gehirn belohnt. Wer bei der Mammutjagd besonders mutig war, wurde schneller Anführer, bekam die schönsten Frauen und konnte so seine Gene in der Welt verbreiten. Antisozial zu sein ging mit einem Überlebens- und Fortpflanzungsvorteil einher. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Dahmer in der Popkultur
2012 kam eine umfassende Dokumentation unter dem Titel The Jeffrey Dahmer Files auf den Markt, in der die Geschichte des Serienmörders durch Reenactment-Szenen und Aussagen von Polizei und Zeugen authentisch aufbereitet wurde. Pamela Bass, eine damalige Nachbarin Dahmers, behauptet darin: „Wenn du für jemanden eine Horrorstory schreiben müsstest, dann wäre diese Geschichte der perfekte Stoff dafür.“Die jüngere Filmgeschichte betrachtend, fällt daher auch auf, dass auf Dahmers Morde hauptsächlich biografische Spielfilme folgten, die sich zwar in ihrer jeweiligen Perspektive unterschieden, aber keine neuen Serienkiller auf der Grundlage von seinen Taten entwarfen. Ein Beispiel hierfür ist der Thriller Raising Jeffrey Dahmer (Rich Ambler) von 2006, der sich vor allem um eine Perspektive des Vaters auf das undurchdringliche Innenleben seines Sohnes bemüht. Im Biopic Dahmer von David Jacobson (2002) wechseln sich hingegen Flashbacks mit Gegenwartsszenen ab, wenn Jeremy Renner in der Rolle des Serienkillers sich auf den grausigen Pfad von Dahmers Abgründen begibt. Dass Jeremy Renner sich für diese Rolle entschied, brachte ihm übrigens sechs Jahre später sein Engagement bei Tödliches Kommando - The Hurt Locker von Kathryn Bigelow ein, die von seiner Performance des Serienmörders absolut begeistert war.
Etwas aus der Reihe der strengen Biopics fällt allerdings die Horrorkomödie Dahmer VS Gacy von 2010: In einem geheimen Regierungslabor werden Jeffrey Dahmer und der Serienkiller John Wayne Gacy durch DNA-Experimente erneut zum Leben erweckt und befinden sich fortan wieder auf freiem Fuß. Wie hier zwischen den Zeilen angedeutet, weilt Jeffrey Dahmer selbst nämlich nicht mehr unter der Lebenden. Im November 1994 wurde er von einem Mithäftling im Gymnastikraum mit einer Hantel erschlagen - demselben Tatwerkzeug, das Dahmer bei seinem ersten Mord benutzt hatte, was schon eine merkwürdige Ironie des Schicksals ist. Doch bereits ein Jahr vor seinem Tod hatte sich der Regisseur David R. Bowen mit The Secret Life: Jeffrey Dahmer an einer filmischen Biografie versucht, nicht wissend, dass auf das geheimnisvolle Leben des Serienmörders bald ein unspektakulärer Tod folgen würde.
2017 feierte My Friend Dahmer Premiere. Ross Lynch. Im selben Jahr folgte auch eine TV-Dokumentation mit dem Titel Dahmer on Dahmer: A Serial Killer Speaks.
Weiter die Popkultur durchforstend, ergeben sich noch andere Referenzen: Während John Backderf, ein ehemaliger Schulkamerad Dahmers, sein Verhältnis zu dem Serienkiller als Erwachsener mit dem Comic My Friend Dahmer verarbeitete, finden Fans des Konsolen-Spiels Silent Hill, in dem ein Apartment mit der Nummer 213 häufiger auftaucht, hier ebenfalls Anklänge an das einstige Monster von Milwaukee. Den Titel 213 trägt außerdem ein Song der Band Slayer, in dem es an einer Stelle heißt: „I need a friend, please be my companion. I don’t want to be left alone with my sanity.”
Das Ende
Im August 1994 entkam er knapp einem Attentat in der Gefängniskapelle, wo er von Mithäftlingen mit einer Rasierklinge angegriffen wurde. Aber nur 3 Monate später wurde er und ein Mitinsasse von einem weiteren Häftling mit einer Hantel erschlagen. Diese Methode hatte Dahmer auch bei seinem ersten Mord angewandt. Als Motivation für die Ermordung Dahmers nannte der afroamerikanische Mithäftling Gott als „Inspiration“, aber auch Rache wurde nicht ausgeschlossen, weil Dahmer auch Afroamerikaner zu seinen Opfern zählte. Nach seinem Tod wurde Jeffrey Dahmers Gehirn der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, wogegen sein Körper eingeäschert wurde.