Joggen bei akuter Migräne: Aktuelle Studien und Erkenntnisse

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und anderen Symptomen. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden und präventiven Maßnahmen ist für viele Betroffene von großer Bedeutung. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Einfluss von Sport und körperlicher Aktivität auf Migräne untersucht. Eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Kiel, unterstützt von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), hat vielversprechende Ergebnisse zur Wirkung von Joggen und Walking auf Migräneattacken geliefert.

Die Kieler Studie: Joggen und Walking im Vergleich

Die Studie am Universitätsklinikum Kiel untersuchte die Auswirkungen von Joggen und Walking auf die Stärke, Häufigkeit und Dauer von Migräneattacken. Dabei wurden Patienten, die durchschnittlich seit 20 Jahren an Migräne erkrankt waren, über einen Zeitraum von zehn Wochen begleitet. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: eine Jogginggruppe und eine Walkinggruppe. Beide Gruppen absolvierten ein regelmäßiges Trainingsprogramm von drei Einheiten pro Woche à 30 Minuten.

Die Forscher beobachteten die Entwicklung der Migränesymptome sowohl vor als auch nach der Trainingsphase. Die Ergebnisse zeigten, dass sich Sport generell positiv auf die Migräneerkrankung auswirkt. Interessanterweise gab es jedoch Unterschiede zwischen den beiden Gruppen:

  • Jogginggruppe: Die Migränetage reduzierten sich um 17,2 Prozent und die Kopfschmerzstunden um 21,8 Prozent pro Monat.
  • Walkinggruppe: Es kam zu durchschnittlich 1,3 Attacken weniger pro Monat.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass sowohl Joggen als auch Walking positive Effekte auf Migräne haben können, wobei Joggen möglicherweise eine stärkere Reduktion der Kopfschmerzintensität bewirkt, während Walking besonders die Anzahl der Attacken zu reduzieren scheint.

Weitere Forschungsergebnisse zum Thema Sport und Migräne

Die Kieler Studie ist nicht die erste, die den Zusammenhang zwischen Sport und Migräne untersucht. Bisher haben zehn Studien den Effekt von Sport auf die Migräneerkrankung untersucht. Fünf davon konnten nachweisen, dass Betroffene nach einem regelmäßigen Ausdauertraining weniger Attacken hatten. Bei den restlichen fünf Studien blieb der Effekt unklar oder konnte nicht nachgewiesen werden.

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Eine Netzwerk-Metaanalyse, die 21 Studien mit insgesamt 1195 Teilnehmern (überwiegend Frauen im Durchschnittsalter von 35 Jahren) umfasste, lieferte überraschende Ergebnisse zu verschiedenen Sportarten:

  • Moderates Ausdauertraining: Reduzierte die Migränehäufigkeit um 2,2 Tage im Monat.
  • Hochintensives Intervalltraining (HIT): Senkte die Frequenz um 3,1 Tage.
  • Krafttraining: Verringerte die Migränehäufigkeit sogar um 3,5 Tage im Monat.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass nicht nur Ausdauertraining, sondern auch Krafttraining und HIT-Training positive Auswirkungen auf Migräne haben können.

Mögliche Erklärungen für die positiven Effekte von Sport

Es gibt verschiedene Theorien, die erklären könnten, warum Sport bei Migräne helfen kann:

  • Anstieg der Schmerzschwelle: Ausdauersport könnte die Schmerzschwelle erhöhen, wodurch Migräneattacken weniger wahrscheinlich werden.
  • Training der Nackenmuskulatur: Krafttraining kann die oft bei Migräne verspannten Nackenmuskeln stärken, wodurch seltener Migräneattacken ausgelöst werden.
  • Verbesserte Energieversorgung des Gehirns: Muskelzuwachs durch Krafttraining kann die Anzahl der Mitochondrien (Kraftwerke der Zellen) erhöhen und so die Energieversorgung des Gehirns verbessern.
  • Endorphin-Ausschüttung: HIT-Training kann die Ausschüttung von Endorphinen steigern, die schmerzlindernd wirken.
  • Endocannabinoid-System: Moderates Ausdauertraining könnte das Endocannabinoid-System aktivieren, was zu Entspannung im Körper und Geist beiträgt.

Sport als Teil einer umfassenden Migränebehandlung

Es ist wichtig zu betonen, dass Sport nur ein Baustein in der Behandlung von Migräne sein sollte. Eine erfolgreiche Migränebehandlung umfasst in der Regel mehrere Komponenten:

  • Regelmäßiger aerober Ausdauersport: Ziel ist es, den Körper moderat zu belasten, ohne außer Atem zu geraten.
  • Krafttraining: Kann helfen, verspannte Nackenmuskeln zu lockern und die Energieversorgung des Gehirns zu verbessern.
  • Entspannungstechniken: Stressbewältigung und Entspannung können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Medikamentöse Therapie: Bei akuten Attacken können Schmerzmittel oder Triptane helfen, die Symptome zu lindern. In einigen Fällen kann auch eine vorbeugende medikamentöse Therapie sinnvoll sein.
  • Anpassung des Lebensstils: Regelmäßige Schlafzeiten, ausgewogene Ernährung und das Vermeiden von Triggern können helfen, die Migränefrequenz zu reduzieren.

Besondere Aspekte bei Sport und Migräne

  • Histaminintoleranz: Migränepatienten mit Histaminintoleranz sollten vorsichtig sein, da Sport die Histaminausschüttung erhöht.
  • Menstruation: Während der Periode sollten Migränepatientinnen auf ihren Körper hören und gegebenenfalls auf Sport verzichten.
  • Schwangerschaft: Schwangere sollten intensive sportliche Betätigungen vermeiden. Bei einer Risikoschwangerschaft ist Sport oft kontraindiziert.
  • Individuelle Anpassung: Es ist wichtig, die Trainingsformen und -einheiten an die eigenen sportlichen Vorlieben und die jeweilige Kopfschmerzbelastung anzupassen.

Die Rolle der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG)

Die DMKG spielt eine wichtige Rolle bei der Erforschung und Behandlung von Migräne. Sie unterstützt Studien wie die am Universitätsklinikum Kiel und gibt Leitlinien für die Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne heraus. Zudem informiert sie Betroffene und Ärzte über aktuelle Erkenntnisse und Behandlungsmöglichkeiten.

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Weitere nicht-medikamentöse Maßnahmen

Neben Sport gibt es noch weitere nicht-medikamentöse Maßnahmen, die bei Migräne helfen können:

  • Entspannungsverfahren: Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Yoga und Meditation können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
  • Biofeedback: Bei dieser Methode lernen Patienten, ihre Körperfunktionen bewusst wahrzunehmen und zu beeinflussen.
  • Kognitive Verhaltenstherapie: Diese Therapieform kann helfen, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu verändern, die Migräneattacken auslösen oder verstärken können.
  • Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei Migräne helfen kann.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten und das Vermeiden von Triggern kann die Migränefrequenz reduzieren.

Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten

Neben den nicht-medikamentösen Maßnahmen gibt es auch verschiedene Medikamente, die bei Migräne eingesetzt werden können:

  • Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol helfen.
  • Triptane: Bei stärkeren Attacken sind Triptane oft wirksam. Sie wirken, indem sie Entzündungsvorgänge im Gehirn hemmen, erweiterte Blutgefäße verengen und die Schmerzausbreitung unterdrücken.
  • Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika eingesetzt werden.
  • Vorbeugende Medikamente: Bei häufigen und sehr belastenden Migräneattacken kann eine vorbeugende medikamentöse Therapie sinnvoll sein. Hierfür stehen verschiedene Wirkstoffe zur Auswahl, darunter Betablocker, Kalziumkanalblocker, Antikonvulsiva und Antidepressiva.
  • Monoklonale Antikörper: Eine neuere Klasse von Medikamenten zur Migräneprophylaxe sind monoklonale Antikörper, die sich gegen das CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) richten.

Alternative Heilmethoden

Einige Migränepatienten suchen auch nach alternativen Heilmethoden, wie Akupunktur, Akupressur, Homöopathie oder Schüssler-Salzen. Die Wirksamkeit dieser Methoden ist wissenschaftlich allerdings nicht belegt.

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