Jucken im Gehirn: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Juckreiz, medizinisch Pruritus genannt, ist ein weit verbreitetes und oft quälendes Symptom. Er äußert sich als ein unangenehmes Gefühl, das den Drang auslöst, sich zu kratzen. Während akuter Juckreiz, beispielsweise nach einem Mückenstich, meist harmlos ist und schnell wieder verschwindet, kann chronischer Juckreiz die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Hält der Juckreiz länger als sechs Wochen an, spricht man von chronischem Pruritus. Er kann lokalisiert oder generalisiert auftreten und verschiedene Ursachen haben.

Was ist chronischer Juckreiz?

Chronischer Juckreiz ist definiert als Juckreiz, der länger als sechs Wochen andauert. Er kann an einzelnen Stellen auftreten oder sich über den ganzen Körper ausbreiten. Die ständige Empfindung, sich kratzen zu müssen, kann sehr belastend sein und die Lebensqualität stark beeinflussen. Findet man die auslösende Grunderkrankung, verschwindet der Juckreiz durch eine entsprechende Behandlung oft wieder. Manchmal bleibt er trotzdem weiter bestehen und wird dann zu einer eigenständigen Erkrankung.

Symptome des chronischen Juckreizes

Das Hauptsymptom des chronischen Juckreizes ist der Drang, sich zu kratzen. Durch das Kratzen wird der Juckreiz kurzfristig überlagert, was zu einer angenehmen Empfindung im Gehirn führt. Dies führt jedoch zu einem Teufelskreis, da starkes Kratzen die Haut schädigt und Hautreizungen verursacht, die wiederum Juckreiz auslösen. Je nach Dauer und Intensität des Kratzens können verschiedene Hautveränderungen auftreten, wie:

  • Rötungen
  • Aufschürfungen
  • Blutungen
  • Krusten
  • Verdickungen
  • Knoten
  • Narben
  • Helle oder dunkle Verfärbungen und Flecken

Es ist jedoch schwer, das Kratzen zu unterdrücken, da es sich um einen natürlichen Reflex handelt. Moderne Therapien können helfen, den Juckreiz zu lindern und so das Kratzen zu stoppen. Menschen mit chronischem Juckreiz können sich in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigt fühlen. Neben Schlafstörungen können Stimmungstiefs, Ängste und Depressionen auftreten.

Ursachen des chronischen Juckreizes

Früher dachte man, Juckreiz sei eine milde Form von Schmerz. Inzwischen weiß man, dass es eigene Nervenfasern gibt, die dafür da sind, Juckreiz zu empfinden und dieses Reizsignal ans Gehirn weiterzuleiten. Dabei können sowohl Haut- als auch Nerven- und Blutzellen Botenstoffe ausschütten, die einen Juckreiz auslösen. Werden die „Juckreiz-Nerven“ durch eine Erkrankung besonders empfindlich, reicht bereits ein geringer Juckreiz aus, um ein starkes Signal an das Gehirn zu senden. Starkes Kratzen verursacht Schmerz, sodass man den Juckreiz für eine Weile nicht mehr wahrnimmt. Dieses Gefühl wird vom Gehirn als angenehme Empfindung wahrgenommen. Deshalb sendet es beim nächsten Jucken wieder den Impuls zum Kratzen. So kann ein Kreislauf entstehen mit ständigem Kratzen, der nicht einfach zu beenden ist.

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Es gibt zahlreiche Ursachen und Erkrankungen, die einen chronischen Juckreiz hervorrufen können:

  • Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Schuppenflechte (Psoriasis), Nesselsucht (Urtikaria)
  • Trockene Haut bei älteren Menschen: die häufigste Ursache für Jucken im Alter
  • Erkrankungen des Stoffwechsels wie Diabetes mellitus oder der Hormone, beispielsweise eine Überfunktion der Schilddrüse
  • Infektionskrankheiten durch Viren oder Parasiten, zum Beispiel Gürtelrose, HIV, Krätze oder Kopfläuse
  • Selten steckt eine Tumorerkrankung hinter dem Juckreiz. Das kommt insbesondere bei Blutkrebs oder Lebertumoren vor.
  • Chronische Nieren- und Lebererkrankungen
  • Erkrankungen der Nerven oder des Gehirns wie Polyneuropathie
  • Psychische Erkrankungen, beispielsweise eine Zwangsstörung
  • Nebenwirkungen von Medikamenten wie Antidepressiva, Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide oder Antibiotika
  • Schwangerschaftsdermatosen: Erkrankungen der Haut, die speziell in der Schwangerschaft auftreten können
  • Manchmal kommen mehrere Ursachen zusammen vor.

Häufigkeit des chronischen Juckreizes

In der Hautarztpraxis klagen ungefähr ein Drittel der Patientinnen und Patienten über Juckreiz. Bei älteren Menschen steigt die Häufigkeit deutlich an. Bis zu zwei Drittel von ihnen haben einen chronischen Juckreiz. Frauen scheinen häufiger betroffen zu sein.

Juckreiz im Gehirn: Eine spezielle Betrachtung

Obwohl der Begriff "Jucken im Gehirn" irreführend sein kann, da das Gehirn selbst keine Juckrezeptoren besitzt, können neurologische Erkrankungen und Veränderungen im Gehirn tatsächlich Juckreiz verursachen oder verstärken. Dies geschieht, wenn die für die Verarbeitung von Juckreizsignalen zuständigen Hirnregionen betroffen sind.

Neurologische Ursachen von Juckreiz

Verschiedene neurologische Erkrankungen können Juckreiz auslösen oder verstärken:

  • Polyneuropathie: Schädigung peripherer Nerven, die zu Missempfindungen wie Juckreiz führen kann.
  • Multiple Sklerose: Eine Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft und Juckreiz als eines von vielen Symptomen verursachen kann.
  • Schlaganfall: Schädigung bestimmter Hirnregionen, die an der Verarbeitung von Juckreizsignalen beteiligt sind.
  • Hirntumore: Selten, aber möglich, insbesondere wenn sie in der Nähe von Hirnregionen liegen, die für die Verarbeitung von Juckreiz verantwortlich sind.
  • Frontotemporale Lobärdegeneration (FTLD): Eine Gruppe neurodegenerativer Erkrankungen, die den Abbau von Nervenzellen in den Frontal- und/oder Temporallappen des Gehirns verursacht. Studien haben gezeigt, dass Patienten mit FTLD häufiger unter Juckreiz unbekannter Ursache leiden als Patienten mit Alzheimer-Demenz.

Die Rolle des Gehirns bei der Verarbeitung von Juckreiz

Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie (MRT) oder Positronenemissionstomographie (PET) zeigen, dass bei Juckreiz verschiedene Hirnregionen aktiviert sind, darunter:

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  • Thalamus
  • Postzentrale und präzentrale Gyri
  • Insula
  • Cingulum
  • Amygdala
  • Precuneus

Diese Hirnregionen sind an der Verarbeitung sensorischer Informationen, der emotionalen Bewertung von Reizen und der Steuerung von Verhaltensreaktionen beteiligt. Bei neurologischen Erkrankungen können Veränderungen in diesen Hirnregionen die Verarbeitung von Juckreizsignalen beeinflussen und zu chronischem Juckreiz führen.

Psychogener Juckreiz

In einigen Fällen kann Juckreiz auch psychogene Ursachen haben. Das bedeutet, dass psychische Erkrankungen wie Stress, Angstzustände oder Depressionen den Juckreiz auslösen oder verstärken können. Ein Beispiel dafür ist der Dermatozoenwahn, bei dem Betroffene das Gefühl haben, dass Tiere in ihrer Haut leben.

Diagnose des chronischen Juckreizes

Die Diagnose des chronischen Juckreizes ist oft eine Herausforderung, da es viele mögliche Ursachen gibt. Zunächst wird der Arzt eine ausführliche Anamnese erheben, um Informationen über den Beginn, die Dauer, die Lokalisation und die Intensität des Juckreizes zu sammeln. Dabei werden häufig vorgefertigte Fragebögen verwendet. Folgende Angaben sind wichtig:

  • Wann ist der Juckreiz zum ersten Mal aufgetreten?
  • Wie lange, wie stark und wo juckt es?
  • Wie sah die Haut vor dem Kratzen aus?
  • Sind Allergien bekannt?
  • Welche Medikamente werden eingenommen?
  • Gibt es weitere Symptome? Liegt eine Grunderkrankung vor?
  • Haben andere nahe Kontaktpersonen auch Juckreiz?
  • Gibt es äußere Umstände, die den Juckreiz auslösen oder tritt der Juckreiz zu bestimmten Zeiten auf?
  • Hat sich die Ernährung geändert?
  • Gibt es neue Möbel oder ein Haustier in der Wohnung?
  • Gibt es Verwandte, die eine ähnliche Erkrankung haben?
  • Wie wirkt sich der Juckreiz auf die Lebensqualität und die Stimmung aus? Sind Ängste oder Schlafstörungen entstanden?

Um die Symptome genau zu erfassen, kann es nützlich sein, ein Juckreiz-Tagebuch zu führen. Außerdem wird der Arzt den gesamten Körper untersuchen, um mögliche Hautveränderungen oder andere Auffälligkeiten festzustellen. Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie:

  • Blutuntersuchungen zur Überprüfung von Leber- und Nierenwerten, Blutzucker, Schilddrüsenhormonen und Eisenstatus
  • Allergietests
  • Hautbiopsie zur Untersuchung von Hautveränderungen unter dem Mikroskop
  • Neurologische Untersuchungen bei Verdacht auf eine neurologische Ursache
  • Bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder MRT

Behandlung des chronischen Juckreizes

Da es oft schwer ist, die Ursache für den Juckreiz zu finden, ist die Therapie meist langwierig. Dazu kommt, dass der Juckreiz durch die Behandlungsmaßnahmen selten sofort aufhört, sondern nur langsam abklingt. Die Behandlung des chronischen Juckreizes zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln, den Juckreiz zu lindern und den Juck-Kratz-Teufelskreis zu durchbrechen.

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Allgemeine Maßnahmen

  • Hautpflege: Wenig und nicht zu heiß duschen oder baden, milde Seifen und feuchtigkeitsspendende Pflegemittel verwenden, Haut sanft abtrocknen, Haut regelmäßig mit rückfettenden Cremes oder Lotionen einreiben.
  • Raumklima: Auf ausreichend Feuchtigkeit in der Raumluft und eine kühle Umgebung achten. Dabei spielt sowohl die Lufttemperatur als auch die Kleidung eine Rolle.
  • Reizstoffe vermeiden: Direkten Kontakt mit Dingen vermeiden, die die Haut reizen können, zum Beispiel Kleidung aus Wolle oder Putzmittel.
  • Stress reduzieren: Entspannungstechniken können helfen, dass weniger Juckreiz entsteht und er milder ausgeprägt ist. Auch Yoga oder alternative Therapieformen wie Akupunktur können nützlich sein.

Therapien zur lokalen Anwendung

  • Arzneimittel, die den Juckreiz direkt unterdrücken: Dazu zählen kühlende Lotionen mit Harnstoff (Urea), Menthol, Kampfer, Betäubungsmittel, Entzündungshemmer und Capsaicin. Capsaicin ist eine schmerzmodulierende und durchblutungsfördernde Substanz, die aus Chilischoten gewonnen wird.
  • Phototherapie: Bei bestimmten Hautkrankheiten und verschiedenen inneren Erkrankungen kann eine Phototherapie hilfreich gegen den Juckreiz sein. Dabei wird die Haut mit UV-Licht bestrahlt.

Medikamente zum Einnehmen

  • Antihistaminika: Das sind Wirkstoffe, die vor allem den allergischen Juckreiz lindern.
  • Medikamente gegen Depressionen oder Krampfanfälle: Diese können bei bestimmten Formen von chronischem Juckreiz helfen, insbesondere wenn eine neurologische oder psychische Ursache vermutet wird.
  • Wirkstoffe, die die Weiterleitung von Schmerzsignalen oder die Immunabwehr beeinflussen: Diese können bei schwerem chronischem Juckreiz eingesetzt werden, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirksam sind.

Es gibt kein Medikament, das den Juckreiz bei allen Menschen zuverlässig beseitigt. Aber es gibt viele Medikamente, die helfen können. Deshalb muss man individuell überlegen und probieren, was am besten wirkt.

Psychotherapie

Eine Psychotherapie bei chronischem Juckreiz hat vor allem zum Ziel, das Kratzverhalten zu verändern und Strategien zur Stressbewältigung zu erlernen.

Innovative Therapien

Die Pruritusforschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Es werden ständig neue Medikamente und Therapien entwickelt, die speziell gegen Juckreiz wirken. Einige dieser innovativen Therapien werden derzeit in klinischen Studien untersucht.

Juckreiz bei Tumorpatienten

Juckreiz kann bei Tumorpatienten aus den unterschiedlichsten Gründen auftreten und stellt für die Betroffenen eine erhebliche Belastung dar. Durch eine gestörte Nachtruhe geht diese für die Regeneration so wichtige Zeit verloren. Um eine wirksame Therapie zu finden, muss zunächst die Ursache des Juckreizes festgestellt werden. Juckreiz kann unmittelbar in der Haut entstehen, entlang der Nervenfasern oder bei zentraler Verarbeitung von Sinneseindrücken im Gehirn. Auch psychogene Ursachen kommen in Betracht.

Mögliche Ursachen für Juckreiz bei Tumorpatienten

  • Trockene Haut
  • Medikamentennebenwirkungen
  • Sekundär, also als Folge von Erkrankungen, die evtl. durch den Tumor ausgelöst sind. z. B. Rückstau von gelbem Gallenfarbstoff (Cholestase) oder ungenügende Entgiftungsleistung der Niere (Urämie)
  • Einwandern von Tumorzellen in die Haut
  • Eisenmangelanämie
  • Durch den Tumor ausgelöster Juckreiz, ohne dass der direkte Mechanismus bekannt ist (paraneoplastischer Juckreiz)
  • Begleitende andere Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus, Milbenbefall oder Pilzbefall der Haut)

Insbesondere bei hämato-onkologischen Erkrankungen kommt Juckreiz häufig vor (M.Hodgkin, Polycythämia vera, Sezary-Syndrom, Morbus Waldenström, Mycosis fungoidis, Plasmozytom und Leukämien).

Behandlung von Juckreiz bei Tumorpatienten

Die Behandlung von Juckreiz bei Tumorpatienten richtet sich nach der Ursache. Neben den oben genannten allgemeinen Maßnahmen und lokalen Therapien können folgende spezifische Behandlungen erforderlich sein:

  • Behandlung der Grunderkrankung (z. B. Tumortherapie, Behandlung von Leber- oder Nierenfunktionsstörungen)
  • Anpassung der Medikation, falls Medikamente den Juckreiz verursachen
  • Behandlung von Infektionen oder Allergien
  • Eisentherapie bei Eisenmangelanämie

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