Die Neurochirurgie erlebt einen dynamischen Wandel, geprägt von Generationswechseln und dem Einzug neuer, innovativer Kräfte. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Entwicklungen in der neurochirurgischen Landschaft, insbesondere den Wechsel an der Spitze der Klinik für Neurochirurgie am Klinikum Saarbrücken und die damit verbundenen Perspektiven.
Abschied und Neubeginn: Prof. Dr. Cornelia Cedzich übergibt an Prof. Dr. Jan Walter
Zum Jahreswechsel 2019/2020 vollzog sich am Klinikum Saarbrücken ein bedeutender Wechsel in der Leitung der Klinik für Neurochirurgie. Prof. Dr. Cornelia Cedzich, die die Klinik seit 2006 mit großem Engagement und strategischem Weitblick geführt hatte, zog sich aus dem aktiven Berufsleben zurück. Ihre Nachfolge trat Prof. Dr. Jan Walter an, der vom Universitätsklinikum Jena an die Saar wechselte.
Prof. Dr. Cedzich prägte die Neurochirurgie am Winterberg maßgeblich. Als Chefärztin der damals jüngsten Klinik auf dem Winterberg entwickelte sie diese kontinuierlich weiter und baute zahlreiche bedeutende Kooperationen auf. Sie war eine wichtige strategische Partnerin bei vielen Neugründungen im Klinikum Saarbrücken und trieb die Weiterentwicklung einiger Schwerpunktbereiche voran.
Ihr Nachfolger, der 41-jährige Prof. Dr. Jan Walter, übernahm ab Januar 2020 die Chefarztposition. Zuvor war er als Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie und Koordinator des Neuroonkologischen Zentrums am Universitätsklinikum der Friedrich-Schiller-Universität in Jena tätig. Mit seiner Expertise und seinen Schwerpunkten knüpfte er an die neurochirurgischen Innovationen seiner Vorgängerin an.
Die Ära Cedzich: Innovation und Kooperation
In den 14 Jahren ihrer Tätigkeit etablierte Prof. Dr. Cedzich eine Reihe von Kooperationen, die das Spektrum der Neurochirurgie qualitativ erheblich erweiterten. Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit mit der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG), im Rahmen derer Fehlbildungen an Schädel und Gesicht sowie höchstanspruchsvolle Eingriffe an Schädelbasis und Orbita gemeinsam behandelt wurden. Auch die Versorgung komplexer Schädelhirn- und Gesichtstraumen erfolgte in dieser Kooperation.
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Ein weiterer Schwerpunkt war der Aufbau einer Hypophysen-Sprechstunde und die gemeinsame Versorgung der Patienten in enger Kooperation mit niedergelassenen Endokrinologen und Augenärzten, auch über die Landesgrenzen hinaus. Insbesondere in der Behandlung von Säuglingen und Kindern brachte sie eine hohe Expertise mit, so dass sie im Klinikum Saarbrücken in Kooperation mit den Kinderärzten und der MKG eine pädiatrische Neurochirurgie aufbauen konnte. Zudem gestaltete sie die Etablierung eines Neurovaskulären Zentrums (NVZ) zur Versorgung von Gefäßfehlbildungen gemeinsam mit den Neuroradiologen entscheidend mit und forcierte die neuroonkologische Kooperation in Zusammenarbeit mit Onkologen und Strahlentherapeuten im Hause.
Ihr exzellenter Ruf führte dazu, dass das Klinikum Saarbrücken als Neurochirurgisches Referenzzentrum für Onkologische Zentren anderer Krankenhäuser fungierte. Zudem war sie eine gefragte Referenz für Zweitmeinungen bei Wirbelsäuleneingriffen. Prof. Dr. Cedzich führte an der Spitze der Neurochirurgie auch einige neue Methoden ein, beispielhaft sei hier das intraoperative Neuromonitoring, das zur Überwachung der Funktion bei Operationen in/an funktionstragenden Hirnarealen und am Rückenmark eingesetzt wird, genannt.
Neben ihrer Chefarzttätigkeit war ihr eine gute Vernetzung wichtig. So war sie im Vorstand der saarländischen Chirurgen, von 2012 bis 2019 Landesvorsitzende des Verbands Leitender Krankenhausärzte, Präsidiumsmitglied seit 2014, fungierte als Gutachterin für die Deutsche Krankenhausgesellschaft bei Verhandlungen mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss, hatte seit 2005 eine außerplanmäßige Professur an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und war seit 2006 Lehrbeauftragte der Universität des Saarlandes.
Prof. Dr. Cedzich hinterließ eine Klinik, die über die Landesgrenzen hinaus eine hohe Reputation genießt. Auch für die Zukunft hat sie der Neurochirurgie das notwendige Rüstzeug mit auf den Weg gegeben und einige weitere Meilensteine angestoßen: In Planung war die Einführung der spinalen Navigation mit Anbindung an eine 3D-Darstellung bei Eingriffen an der Wirbelsäule.
Prof. Dr. Jan Walter: Expertise und neue Schwerpunkte
Prof. Dr. Jan Walter studierte an der Berliner Charité und promovierte dort 2006 auf neurowissenschaftlichem Gebiet. Nach Auslandsaufenthalten in Wien (AKH der Universität Wien) sowie in Atlanta, GA (Emory University) absolvierte er seine Facharztausbildung in Berlin sowie am Universitätsklinikum Jena. 2013 habilitierte er auf neuroonkologischem Gebiet. Seit 2017 war PD Dr. Jan Walter zudem Koordinator des Neuroonkologischen Zentrums Jena (DKG zertifiziert) sowie stellv. Koordinator des Wirbelsäulenzentrums Jena (DWG zertifiziert).
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Der Mediziner hat ein abgeschlossenes MBA-Studium in Health Care Management. Er agiert als aktives Mitglied im Ressort „Lehre, Fort- und Weiterbildung“ der Neurochirurgischen Akademie der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC). Die klinischen Schwerpunkte des erfahrenen Operateurs liegen in der Neurochirurgischen Onkologie, der Neurointensivmedizin sowie neurovaskulären und neuropädiatrischen Krankheitsbildern, in der spinalen Chirurgie, der Neuromodulation / Invasiven Schmerztherapie.
Neurochirurgische Innovationen und Spezialisierungen
Die Neurochirurgie ist ein sich stetig weiterentwickelndes Feld, in dem Innovationen und Spezialisierungen eine zentrale Rolle spielen. Neben den bereits erwähnten Schwerpunkten wie Neuroonkologie, vaskuläre Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie etablieren sich zunehmend weitere Spezialgebiete.
Kinderneurochirurgie
Da Kinder in ihren Erkrankungen besondere Bedürfnisse haben, erfordert die neurochirurgische Behandlung von Kindern spezialisierte Neurochirurgen. Die Kinderneurochirurgie umfasst die Behandlung von angeborenen Fehlbildungen des Nervensystems, Hirntumoren im Kindesalter und Verletzungen des Gehirns und Rückenmarks.
Schädelbasischirurgie
Die Schädelbasischirurgie ist ein hochspezialisiertes Gebiet, das die operative Behandlung von Tumoren und anderen Erkrankungen der Schädelbasis umfasst. Aufgrund der komplexen Anatomie und der Nähe zu wichtigen Nervenstrukturen erfordert dieser Bereich ein hohes Maß an Expertise.
Funktionelle Neurochirurgie und Schmerztherapie
Die funktionelle Neurochirurgie befasst sich mit der Behandlung von neurologischen Erkrankungen, die mit Funktionsstörungen des Nervensystems einhergehen, wie z.B. Bewegungsstörungen, Epilepsie und chronische Schmerzen. Ein wichtiger Teilbereich ist die operative Schmerztherapie, bei der durch die Implantation von Elektroden oder Medikamentenpumpen chronische Schmerzen gelindert werden können.
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Neurotraumatologie
Die Neurotraumatologie konzentriert sich auf die Behandlung von Verletzungen des Gehirns und Rückenmarks, die beispielsweise durch Unfälle verursacht werden. Die Versorgung von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma erfordert ein interdisziplinäres Team aus Neurochirurgen, Neurologen, Neuroradiologen und Intensivmedizinern.
Neurochirurgie im Verbund: Kompetenzzentren und interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Komplexität neurochirurgischer Erkrankungen erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen. Neurochirurgische Kliniken sind daher oft in interdisziplinäre Kompetenzzentren eingebunden, in denen Spezialisten aus den Bereichen Neurologie, Neuroradiologie, Onkologie, Strahlentherapie und anderen Fachgebieten zusammenarbeiten.
Ein Beispiel hierfür ist das Neurozentrum der DIAKO in Flensburg, das eine lückenlose Versorgung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen und Verletzungen bietet. Hier arbeiten alle entscheidenden Disziplinen für die Versorgung von Schädel-Hirn-Traumen eng verzahnt, rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr.
Auch das Neurokompetenzzentrum Brandenburg-Berlin steht für eine enge Zusammenarbeit im Bereich der Neurochirurgie.
Herausforderungen und Perspektiven
Die Neurochirurgie steht vor einer Reihe von Herausforderungen. Dazu gehören der demografische Wandel, der zu einer Zunahme altersbedingter neurochirurgischer Erkrankungen führt, sowie der Fachkräftemangel. Gleichzeitig bieten technologische Fortschritte und neue Behandlungsmethoden große Chancen für die Verbesserung der Patientenversorgung.
Telemedizin und Robotik
Telemedizinische Anwendungen und robotische Systeme halten zunehmend Einzug in die Neurochirurgie. Telemedizinische Konsultationen ermöglichen es, Patienten in ländlichen Regionen eine hochwertige neurochirurgische Versorgung zukommen zu lassen. Robotische Systeme können bei komplexen Operationen eingesetzt werden, um die Präzision zu erhöhen und die Belastung für den Operateur zu reduzieren.
Künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, die Diagnostik und Therapie neurochirurgischer Erkrankungen zu revolutionieren. KI-basierte Bildanalyse kann beispielsweise helfen, Tumoren frühzeitig zu erkennen und die Operationsplanung zu optimieren.
Personalisierte Medizin
Die personalisierte Medizin zielt darauf ab, die Behandlung individuell auf den Patienten zuzuschneiden. In der Neurochirurgie bedeutet dies, dass genetische und molekulare Informationen genutzt werden, um die Wirksamkeit verschiedener Therapieoptionen vorherzusagen und die Behandlung entsprechend anzupassen.
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