Das Alter gilt als größtes Risiko für die Alzheimer-Krankheit. Doch auch in jungen Jahren kann diese spezielle Form der Demenz auftreten. Der Fall eines 19-jährigen Mannes in China, bei dem eine außergewöhnlich frühe Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert wurde, verdeutlicht dies. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Herausforderungen und Unterstützungsmöglichkeiten für junge Menschen mit Demenz.
Einführung
Demenzerkrankungen sind in der Regel mit dem höheren Lebensalter assoziiert. Dennoch gibt es Fälle, in denen Menschen deutlich vor dem 65. Lebensjahr an einer Demenz erkranken. In Deutschland leben mehr als 100.000 Menschen im Alter zwischen 45 und 64 Jahren mit einer Demenz. Ihre Lebenssituation unterscheidet sich oft von der älterer Menschen mit Demenz.
Definition: Demenz im jüngeren Lebensalter
Von einer Demenz im jüngeren Lebensalter spricht man, wenn die ersten Symptome vor dem 65. Lebensjahr auftreten. Früh beginnende Demenzen umfassen alle Demenzen mit einem Erkrankungsalter zwischen dem 18. und 65. Lebensjahr. Es wird geschätzt, dass bei rund 100 von 100.000 Menschen in der Altersgruppe von 45 bis 65 Jahren eine solche Erkrankung diagnostiziert wird. In manchen Fällen kann sie auch schon deutlich früher auftreten. Die Diagnose kann schwierig sein, da die Symptome auch Parallelen zu anderen, häufiger vorkommenden Krankheiten aufweisen.
Ursachen für Demenz im jungen Alter
Die Ursachen für eine Demenz im jüngeren Lebensalter sind vielfältig. Grundsätzlich können alle Demenzformen auch vor dem 65. Lebensjahr auftreten. Während bis zu 90 Prozent der Demenzen im höheren Lebensalter durch die Alzheimer-Krankheit sowie Durchblutungsstörungen des Gehirns verursacht werden, sind die selteneren Demenzursachen im jüngeren Alter relativ häufiger vertreten.
Die häufigsten Ursachen sind:
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- Alzheimer-Krankheit: Bei dieser Erkrankung bilden sich Proteinablagerungen in und um Nervenzellen im Gehirn. Diese Veränderungen im Hirngewebe führen dazu, dass die Zellen ihre Funktion nicht mehr erfüllen können und schließlich absterben. Die Alzheimer-Krankheit ist sowohl bei älteren als auch bei jüngeren Patienten die mit Abstand häufigste Ursache einer Demenz. Bei der typischen Form der Alzheimer-Demenz, die sich in etwa 95 % der Fälle jenseits des 65. Lebensjahres manifestiert, stehen initial mnestische Störungen im Vordergrund, genauer eine Störung der Lern- und Merkfähigkeit, ohne oder nur mit geringem Profit durch Abrufhilfen. Im Gegensatz dazu manifestiert sich die Krankheit bei jüngeren Patienten in etwa 20-65 % der Fälle in Form atypischer, fokaler Varianten.
- Frontotemporale Demenz (FTD): Die FTD ist die zweithäufigste Ursache für Demenz bei jüngeren Menschen. Bei dieser Art der Erkrankung sind Nervenzellen im Stirnlappen (Frontallappen) und im Schläfenlappen (Temporallappen) betroffen. Der Frontallappen steuert wichtige Funktionen wie Sozialverhalten und Affektkontrolle, während der Schläfenlappen für das Sprachverständnis zuständig ist. Die FTD beginnt daher oft mit Veränderungen der Persönlichkeit, Stimmungsschwankungen und in manchen Fällen Sprachstörungen. Genetische Gründe spielen bei jüngeren Patienten eine deutlich größere Rolle als bei spät einsetzenden Demenzen.
- Vaskuläre Demenz: Diese Form der Demenz wird durch Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht. Im engeren Sinn versteht man unter einer vaskulären Demenz ein subkortikales demenzielles Syndrom infolge einer zerebralen Mikroangiopathie. Klinisch imponiert eine psychomotorische Verlangsamung mit einer Störung des Abrufens bereits erlernter Gedächtnisinhalte sowie reduzierter Verarbeitungsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit.
- Sekundäre Demenzen: Darunter fallen alle demenziellen Syndrome, die nicht Folge einer primär neurodegenerativen Erkrankung sind und nicht zu den vaskulären Demenzen zählen. Die kognitiven Störungen können dabei Folge einer sekundären zerebralen Funktionsstörung oder einer sekundären Neurodegeneration sein. Das Feld der Differenzialdiagnosen ist sehr breit: Erkrankungen, die sich mit einem sekundären demenziellen Syndrom manifestieren, umfassen verschiedene Infektionskrankheiten, autoimmunvermittelte Erkrankungen, metabolische und hereditäre Erkrankungen, ethyltoxische oder traumatische Hirnschäden.
Symptome und Herausforderungen
Die Symptome einer Demenz in jungen Jahren können sich auf verschiedene Weise äußern und sind nicht immer leicht zu erkennen. Im Allgemeinen ähneln sie den Symptomen einer Demenz im höheren Lebensalter, können aber auch einige Besonderheiten aufweisen.
Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Gedächtnisverlust und kognitiver Abbau
- Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen
- Sprach- und Kommunikationsschwierigkeiten
- Schwierigkeiten beim Planen, Organisieren und Treffen von Entscheidungen
- Veränderungen der Wachsamkeit und Aufmerksamkeit sowie Phasen der Verwirrung
- Bewegungsprobleme wie verlangsamte Bewegungen, Steifheit in Armen und Beinen
- Beeinträchtigung der visuellen Wahrnehmung
Jüngere Menschen mit Demenz stehen vor besonderen Herausforderungen:
- Diagnoseverzögerung: Da Demenz oft mit dem Alter assoziiert wird, kann es bei jüngeren Menschen länger dauern, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Selbst Ärztinnen und Ärzte führen Symptome wie Vergesslichkeit oder auffälliges Verhalten häufig zunächst auf Depressionen, Burnout, Stress oder Beziehungsprobleme zurück.
- Akzeptanz der Diagnose: Demenzerkrankungen sind für Jüngere schwerer zu akzeptieren. Sie schämen sich, wollen es nicht wahrhaben und glauben, es müsse eine Heilung geben.
- Verlust des "alten Lebens": Die eigenen Finanzen regeln, Kinder oder Eltern zu betreuen, Verantwortung im Beruf übernehmen - das bisherige Leben aufgeben zu müssen, ist im jüngeren Lebensalter nur sehr schwierig zu bewältigen.
- Auswirkungen auf die Familie: Familien von jungen Erkrankten müssen akzeptieren, dass sich mit der Diagnose die gesamte Lebenssituation verändert. Besonders hart für Partnerinnen und Partner ist der schleichende Verlust von Gemeinsamkeiten, von Erinnerungen, von der Möglichkeit, gemeinsame Sorgen zu teilen.
- Stigmatisierung im Alltag: Menschen mit Demenz erkennt man nicht auf den ersten Blick. Problematisch ist auch, dass die meisten Pflege- und Betreuungsangebote nicht auf die Bedürfnisse von jüngeren Menschen mit Demenz ausgerichtet sind.
Der Fall des 19-jährigen Mannes aus China
Ein aktueller Fallbericht aus China verdeutlicht die Möglichkeit einer sehr frühen Alzheimer-Erkrankung. Bei einem 19-jährigen Mann wurden Symptome wie Gedächtnisverlust, Konzentrationsprobleme und Schwierigkeiten beim Kurzzeitgedächtnis festgestellt. MRT-Bilder zeigten typische Zeichen einer Demenz, wie beispielsweise einen geschrumpften Hippocampus. Erhöhte Konzentrationen von bestimmten Tau-Proteinen im Hirnwasser wurden ebenfalls nachgewiesen.
Die Besonderheit dieses Falls liegt darin, dass keine genetischen Ursachen oder andere Erkrankungen bzw. Verletzungen als Ursache für die Symptome gefunden werden konnten. Die Forschenden stehen vor einem medizinischen Rätsel und können nicht erklären, warum es zu einer so frühen Erkrankung kam.
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Diagnostisches Vorgehen
Die korrekte Diagnose bei jüngeren Patienten mit einer Demenz erfordert ein strukturiertes diagnostisches Vorgehen. In Abwesenheit spezifischer Biomarker für den Großteil der möglichen zugrunde liegenden Erkrankungen basiert die Diagnose primär auf den klinischen Symptomen.
Das diagnostische Vorgehen umfasst in der Regel:
- Anamnese und klinische Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und Beurteilung der kognitiven Fähigkeiten.
- Neuropsychologische Testung: Standardisierte Quantifizierung der kognitiven Leistungseinbußen.
- Bildgebung des Gehirns: MRT-Aufnahmen, um strukturelle Veränderungen im Gehirn zu erkennen.
- Liquoruntersuchung: Analyse des Hirnwassers, um Entzündungen oder andere Erkrankungen auszuschließen.
- Genetische Untersuchung: Bei Verdacht auf eine genetische Ursache.
Unterstützungsmöglichkeiten
Obwohl Demenz nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Krankheitsverlauf zu verzögern, Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Zu den wichtigsten Unterstützungsmöglichkeiten gehören:
- Medikamentöse Behandlung: Antidementiva, Antidepressiva und Neuroleptika können zur Linderung von Demenzsymptomen, begleitenden Ängsten und psychotischen Verhaltensweisen eingesetzt werden.
- Nicht-medikamentöse Therapien: Gesprächstherapien, kognitive Stimulationstherapie und andere Behandlungsformen können bei der Bewältigung der Erkrankung helfen.
- Anpassung der Lebensweise: Ein gesunder und aktiver Lebensstil mit körperlicher Betätigung, einer ausgewogenen Ernährung und dem Verzicht auf übermäßigen Alkoholkonsum und Rauchen kann den Betroffenen helfen, gut mit Demenz zu leben.
- Unterstützungsangebote: Beratung, Selbsthilfegruppen und spezialisierte Betreuungsangebote können Betroffenen und ihren Familien helfen, mit der Erkrankung umzugehen.
- Altersgemäße Informationen und Unterstützungsangebote: Dienste, die für jüngere Menschen konzipiert sind, sollten die besonderen Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, verstehen und ihnen angemessene Informationen und Unterstützung bieten, um ihnen zu helfen.
Anlaufstellen und Beratungsangebote
- Alzheimer-Gesellschaften und Beratungsstellen zur Demenz
- Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamtes
- Pflegestützpunkte und Pflegekassen
- Selbsthilfegruppen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen
- Wegweiser Demenz: Hilfeportal (Bundesfamilienministerium BMFSFJ)
- Hilfe und Beratung: Regionale Anlaufstellen (Deutsche Alzheimer-Gesellschaft e.V.)
- Alzheimer-Telefon: Niederschwelliges Kontaktangebot für Betroffene, Angehörige und Ehrenamtliche (Deutsche Alzheimer-Gesellschaft e.V.)
- Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
- Diagnose Demenz: Infos zu Krankheitsbild und Verlauf (Bundesgesundheitsministerium BMG)
- Alzheimer-Demenz: Informationen auf einen Blick (Online-Informationsportal des BMG)
- Früherkennung von Alzheimer-Demenz (Alzheimer Forschung Initiative e.V.)
- Frontotemporale Demenz (FTD): Informationen auf einen Blick (DZNE)
- Demenz im jüngeren Lebensalter: Infoblatt (Alzheimer-Gesellschaft Baden-Württemberg e.V.)
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