Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise jeder zehnte Mensch betroffen ist. Die Medizin hat Migräne noch nicht vollständig verstanden, aber die Migräneforschung hat dank der Entwicklung neuer Therapeutika in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Neben der substanziellen individuellen Einschränkung von MigränepatientInnen ergibt sich auch eine enorme sozioökonomische Belastung, da zumeist Menschen während ihrer «produktivsten Lebensjahre» betroffen sind.
Was ist Migräne?
Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine neurologische Funktionsstörung, die oft von einer Vielzahl von Symptomen begleitet wird. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bestätigt, dass Migräne und Spannungskopfschmerzen die häufigsten Kopfschmerzarten sind, wobei generell mehr Frauen als Männer betroffen sind.
Symptome der Migräne
Migräne äußert sich typischerweise durch:
- Bohrende Kopfschmerzen, die Betroffene außer Gefecht setzen.
- Übelkeit und Erbrechen.
- Einseitige Kopfschmerzen mit pulsierendem Charakter.
- Mittlere bis stärkere Schmerzintensität, die durch körperliche Aktivität verstärkt wird.
- Dauer zwischen vier Stunden und bis zu drei Tagen (bei Migräne ohne Aura).
Ein Viertel der Migränepatienten erlebt zusätzlich eine sogenannte Aura, die sich durch Sehstörungen (Lichtblitze, Streifen, Punkte), Sprechstörungen, Missempfindungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle äußern kann. Auch Schweißausbrüche oder Verdauungsbeschwerden sind möglich. Eine typische Aura setzt unmittelbar vor oder zu Beginn des Kopfschmerzes ein und verschwindet nach etwa 20 Minuten.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht eindeutig geklärt. Es wird vermutet, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, darunter:
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- Entzündungsreaktionen: Überaktive Nervenzellen im Hirnstamm setzen Entzündungsbotenstoffe frei, die die Blutgefäße erweitern und die Gefäßwände durchlässiger machen.
- Durchblutungsstörungen: Stress, Wetterumschwung oder Hormonschwankungen können zu einer kurzzeitigen Verengung der Blutgefäße führen, gefolgt von einer Gefäßerweiterung, die den pulsierenden Kopfschmerz auslöst.
- Reizverarbeitungsstörung: Migräniker können Reizüberflutungen möglicherweise schlechter verarbeiten.
- Genetische Veranlagung, Hormone, Umweltfaktoren, Stress und Ernährung.
Neu entdeckter Signalweg
Forscher haben einen neuartigen Signalweg entdeckt, über den Migräne-Beschwerden bei Patienten mit Aura ausgelöst werden. Bei Migräne-Anfällen werden über das Hirnwasser mehrere Proteine freigesetzt, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden und an die Nervenzellen in einem sensiblen Knotenpunkt binden. Dieser Weg verläuft über einen bestimmten Nerven-Knotenpunkt außerhalb des Gehirns, den Ganglion trigeminale. Im Gegensatz zu den übrigen Hirnregionen ist die Blut-Hirn-Schranke an diesem Knotenpunkt durchlässig. Tatsächlich werden bei einem Migräne-Anfall zwölf verschiedene Proteine ins Hirnwasser freigesetzt, die dann an Schmerzrezeptoren auf den sensorischen Nervenzellen im Ganglion trigeminale binden können. Darunter ist auch das sogenannte CGRP-Protein, von dem bereits ein Zusammenhang mit Migräne bekannt war, und einige Proteine, die bereits mit anderen Schmerz-Erkrankungen in Verbindung gebracht wurden. Interessant auch: Dieser Mechanismus erfolgt offenbar nach Hirnhälften getrennt. So binden die auf einer Seite freigesetzten Proteine vorwiegend an den Knotenpunkt in derselben Kopfhälfte.
Migräne und Hypoxie
Aktuelle pathophysiologische Daten zeigen, dass zu Beginn der Migräneattacke eine neuronale Dysfunktion im Hypothalamus und im Hirnstamm zu vermuten ist, die eine fehlerhafte Verarbeitung von Afferenzen aus dem trigeminovaskulären Komplex verursacht. Ein wichtiges Werkzeug zur Erkenntnisgewinnung sind experimentelle Modelle wie etwa Tiermodelle. Ein solches humanes Modell könnte durch die Anwendung von normobarer Hypoxie zur Verfügung gestellt werden. Der Zusammenhang zwischen Hypoxie und Migräne ist auch klinisch fassbar. Dies zeigt sich zum einen in der erhöhten Prävalenz von Migräne in Hochregionen wie den Anden oder dem Himalaya, zum anderen darin, dass Migräne einen unabhängigen Risikofaktor für die Entwicklung von Höhenkopfschmerz darstellt. Interessanterweise wird diskutiert, dass Migränetrigger, wie sie häufig von PatientInnen berichtet werden, in der Lage sind, oxidativen Stress zu generieren. In experimentellen Settings konnte die Wirksamkeit von Hypoxie als Migränetrigger mehrfach gezeigt werden.
Kalium und Migräne
Frühere Studien legen nahe, dass Auren durch spontane Glutamat- und Kalium-Schübe ausgelöst werden, die sich rasch über die Großhirnrinde oder das Kleinhirn ausbreiten. Das reduziert kurzzeitig den Sauerstoffgehalt und Blutfluss im Gehirn und verursacht Wahrnehmungsstörungen. An kortikalen Neuronen dürften einerseits die afferenten Signale, andererseits eine hypoxisch bedingte extrazellulär erhöhte Kalium- und Glutamatkonzentration (3) zu einer Annäherung an das Schwellenpotenzial führen.
KATP-Kanäle
In klinischen Studien der letzten Jahre fielen immer wieder sogenannte KATP-Kanäle, ATP-abhängige Kaliumkanäle, auf. Die KATP-Kanäle sind im trigeminovaskulären System - unter anderem mit Schmerz- und Dehnungsrezeptoren des Trigeminusnervs, die an vielen Blutgefäßen sitzen - weitverbreitet. KATP-Kanäle stehen auch mit verschiedenen Substanzen in Verbindung, die dafür bekannt sind, dass sie Migräneattacken auslösen können. Medikamente, die bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt wurden und die Öffnung der KATP-Kanäle bewirkten, haben in früheren klinischen Studien bei vielen Studienteilnehmern zu Kopfschmerzen geführt. Eine Öffnung der KATP-Kanäle kann demnach Kopfschmerzen auslösen. Es gibt aber andere Wirkstoffe, die eine Öffnung der KATP-Kanäle hemmen. Sie verhindern damit eine übermäßige Weitung der Arterien, in deren Wänden die Kanäle sitzen.
Kalium in der Behandlung
Am besten eignet sich Mineralwasser, da es viele lebenswichtige Elektrolyte wie Natrium und Kalium enthält. Bananen sind reich an Kalium, Magnesium und Vitamin B6, die alle bei der Migräneprävention helfen können.
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Behandlung und Prävention von Migräne
Bei einem plötzlich auftretenden Migräneanfall gibt es sowohl Medikamente gegen die Schmerzen als auch gegen ungutes Magengefühl sowie das Erbrechen. Es ist sinnvoll die Arzneimittel schon bei den ersten Anzeichen einzunehmen, sodass die Schmerzattacke gezielt bekämpft werden kann. Bei starken Migränebeschwerden können Triptane wie beispielsweise Sumatripan oder Zolmitriptan eingesetzt werden. Wenn häufig Migräneattacken auftreten, können Kopfschmerzmedikamente auch vorbeugend eingenommen werden. Dafür ist aber eine Dauermedikation notwendig. Vorbeugend bei Migräne können Betablocker, Medikamente gegen Epilepsie, Metropolol, Propranolol, Bisorprolol oder Naproxen und auch pflanzliche Wirkstoffe, wie beispielsweise Pestwurz, eingenommen werden.
Weitere Behandlungsansätze
- Migränetagebuch: Ein Migränetagebuch kann helfen, die auslösenden Faktoren und Attacken der Migräne kennenzulernen.
- Regelmäßiger Sport: Sport hat einen positiven Effekt auf den Körper und kann Stress abbauen.
- Entspannungsübungen: Entspannungsübungen können helfen, Migräneattacken wirksam vorzubeugen.
- Ruhe und Dunkelheit: Bei einem akuten Migräneanfall hilft vor allem Ruhe und ein abgedunkelter Raum.
- Kombinationspräparate: Die Deutsche Kopfschmerz- und Migränegesellschaft (DMKG) empfiehlt Kombinationspräparate aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein.
- Homöopathie und Schüssler Salze: Auch die sanfte Medizin der Homöopathie und Schüssler Salze können zur Unterstützung und Hilfe bei Migräne eingesetzt werden.
Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel
- Elektrolyte: Einige Migräne-Patienten setzen als SOS-Maßnahme im Fall einer akuten Attacke auf die schnelle Zufuhr von z. B. Natrium, Kalium, Kalzium oder Magnesium.
- Omega-3-Fettsäuren: Ein ausgewogenes Verhältnis von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren kann wichtig für die Schmerzregulation sein.
- Melatonin: Melatonin hat laut einer jüngeren Studie eine vorbeugende Wirkung auf Migränekopfschmerzen.
- Magnesium, Vitamin B2 und Coenzym Q10: Ein Kombinationspräparat aus hochdosiertem Magnesium, Vitamin B2 und Coenzym Q10 kann einen lindernden Effekt auf Migräne haben.
- Vitamin D: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel wird mit einer höheren Anfälligkeit für Migräne in Verbindung gebracht.
- Basische Ernährung: Eine basische Ernährung kann dazu beitragen, den Säure-Basen-Haushalt im Körper auszugleichen und ein Ungleichgewicht mit Migräne in Verbindung gebracht werden kann.
- Koffein: Koffein kann sowohl Migräne auslösen als auch helfen, sie zu lindern.
- Magnesiumreiche Lebensmittel: Magnesiummangel wurde mit Migräne in Verbindung gebracht. Besonders magnesiumreiche Lebensmittel sind grünes Blattgemüse, Mandeln und andere Nüsse, Samen, gekeimte Vollkornprodukte und gekeimte Hülsenfrüchte.
- Vitamin B6: Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B6 kann dazu beitragen, Migräneattacken zu reduzieren.
Neue Therapieansätze
Die Entdeckung des neuen Signalwegs, über den Proteine das Gehirn "verrücktspielen" lassen, könnte der Ansatz zu einer neuen Migränetherapie sein - zum Beispiel indem man einen Wirkstoff findet, der das CGRP-Protein hemmt. Es gibt 4 neue Medikamente, die biotechnologisch hergestellten Substanzen Erenumab, Fremanezumab, Eptinezumab und Galcanezumab, die gegen den Eiweißstoff CGRP (kurz für calcitonin gene-related peptide) oder seinen Rezeptor wirken. Auch Wirkstoffe für die Behandlung von Migräne, die auf KATP-Kanäle abzielen, müssten neu entwickelt werden. Nach dem bisherigen Wissen könnte dies aber die Mühe durchaus wert sein: die KATP-Kanäle bieten einen vielseitigeren und grundlegenderen Eingriff in die Migräneentstehung als bisherige Mittel, die auf CGRP abzielen.
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