Epileptische Anfälle und krampfartige Zustände bei Kindern können für Eltern sehr beunruhigend sein. Es ist wichtig, die verschiedenen Ursachen, Formen und Behandlungsmöglichkeiten zu kennen, um im Notfall richtig reagieren und die bestmögliche Versorgung gewährleisten zu können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über das Thema, von den verschiedenen Arten von Anfällen bis hin zu modernen Diagnose- und Therapieansätzen.
Einführung
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, abnormale elektrische Aktivitäten im Gehirn, die zu zerebralen Funktionsausfällen führen können. Ein epileptischer Anfall wird als ein vorübergehendes Auftreten von subjektiven Zeichen und/oder objektivierbaren Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven und/oder synchronisierten neuronalen Aktivität im Gehirn definiert. Die Phänomenologie variiert beträchtlich, abhängig von Ort und Ausprägung der Anfälle.
Verschiedene Arten von Anfällen bei Kindern
Die Symptome von Epilepsie und anderen Anfallserkrankungen können sehr vielfältig sein. Es gibt verschiedene Arten von Anfällen, die sich in ihren Ursachen und Erscheinungsformen unterscheiden. Hier werden einige der häufigsten Anfallsformen bei Kindern beschrieben:
Fieberkrämpfe
Fieberkrämpfe sind die häufigsten Anfälle im frühen Kindesalter. Sie treten bei etwa 4-10 % der Kinder und Jugendlichen auf, meist im Zusammenhang mit Fieber. Die meisten betroffenen Kinder haben jedoch keine Epilepsie, da die Anfälle ausschließlich bei Fieber auftreten.
Absence-Anfälle (Petit-mal)
Ein Absence-Anfall, auch Petit-mal genannt, ist durch einen abrupten Aufmerksamkeitsverlust gegenüber der Umgebung gekennzeichnet, der jedoch ohne Bewusstlosigkeit einhergeht. Es handelt sich um die mildeste Ausprägung generalisierter Anfälle. Je nach Ausprägung werden die typischen Absencen in einfache und komplexe Absencen unterteilt.
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Einfache Absencen
Bei einfachen Absencen ist nur eine Bewusstseinspause zu bemerken, die plötzlich beginnt und endet. Der Blick ist starr und leer, die Gesichtszüge sind ausdruckslos. Das Kind hält bei der gerade durchgeführten Tätigkeit inne und nimmt diese nach Beendigung der Absence wieder auf.
Komplexe Absencen
Bei komplexen Absencen geht die Bewusstseinsstörung mit Begleiterscheinungen einher, wie z.B. leichten beidseitigen rhythmischen Zuckungen im Bereich des Gesichtes (Augenlider, Mundwinkel), der Schultern und Arme. Es kann auch zu Erschlaffung einzelner Muskelpartien oder zu einer Anspannung der Körpermuskulatur kommen.
Atypische Absencen
Atypische Absencen sind durch ausgeprägtere Begleiterscheinungen als die typischen Absencen gekennzeichnet. Beginn und Ende treten nicht so abrupt auf, und die Anfälle neigen dazu, immer häufiger hintereinander aufzutreten, bis schließlich ein Anfall in den nächsten übergeht (Absence-Status).
Myoklonische Anfälle
Diese Anfälle sind durch wiederholte Zuckungen gekennzeichnet, ohne nachfolgende Verkrampfung der Muskulatur. Die Anfälle dauern gewöhnlich nur kurz an.
Klonische Anfälle
Klonische Anfälle treten vor allem bei sehr jungen Kindern auf, insbesondere bei Neugeborenen.
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Tonische Anfälle
Beim tonischen Anfall kommt es zu einer allgemeinen Versteifung der Muskulatur. Überwiegt die Verkrampfung der Beugemuskeln, kommt es zu einer Beugehaltung des Körpers. Überwiegt dagegen die Verkrampfung der Streckmuskulatur, kann hieraus eine Überstreckung des ganzen Körpers resultieren. Tonische Anfälle treten bevorzugt aus dem Schlaf heraus auf und können leicht übersehen werden.
Generalisierte tonisch-klonische Anfälle (Grand-mal)
Generalisierte tonisch-klonische Anfälle, oft noch als Grand-mal-Anfälle bezeichnet, sind die häufigsten generalisierten Anfälle. Sie laufen in der Regel in mehreren Stadien ab:
Präkonvulsive Phase
Das Kind ist Stunden oder Tage vor dem Anfall unruhig, stimmungslabil, missmutig oder reizbar. Es schläft unruhig und klagt über Bauchschmerzen. Oft wird der Anfall durch ein vages Vorgefühl (Aura) eingeleitet.
Konvulsive Phase
Der Anfall beginnt typischerweise mit der einsetzenden Bewusstlosigkeit, die oft mit einem gepressten Schrei verbunden ist. Es kommt zu einer Versteifung sämtlicher Gliedmaßen (tonisches Anspannen). Bei aufrechter Körperhaltung stürzt der Patient und kann sich verletzen. Der Gesichtsausdruck ist entstellt, die Gesichtsfarbe zunächst blass, später bläulich. Im darauffolgenden klonischen Stadium treten symmetrische Zuckungen am ganzen Körper auf.
Postkonvulsive Phase
Am Ende des Anfalls fallen die Kinder von der Bewusstlosigkeit in einen tiefen Nachschlaf, der bei einigen von ihnen nur sehr kurz anhält, bei anderen aber viele Stunden dauern kann.
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Sturzanfälle (Astatische/Atonische Anfälle)
Sturzanfälle werden auch als astatische (atonische) Anfälle bezeichnet. Es handelt sich um Anfälle, bei denen das Kind plötzlich zu Boden stürzt.
Rolando-Epilepsie
Während des Anfalls zuckt eine Gesichtshälfte, manchmal auch ein Arm oder ein Bein. Es kann auch zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Sprech- und Schluckstörungen oder vermehrtem Speichelfluss kommen. Dabei ist das Kind in der Regel bei Bewusstsein. Die Anfälle treten meist beim Einschlafen oder Aufwachen auf.
Juvenile myoklonische Epilepsie
Sie zeigt sich erstmals in der Pubertät. Zu den Anfällen mit Muskelzuckungen und mitunter ausfahrenden Arm- und Schulterbewegungen kommt es meist morgens nach dem Aufwachen. Manchmal knicken auch die Beine ein.
West-Syndrom
Diese schwere Epilepsieform beginnt fast immer im Säuglingsalter. Während eines Anfalls beugt und streckt sich der ganze Körper des Kindes, die Nacken-, Hals- und Rumpfmuskulatur verkrampft ruckartig. Die Anfälle treten ebenfalls meist kurz nach dem Aufwachen oder beim Einschlafen auf.
Ursachen von Anfällen und Epilepsie bei Kindern
Epilepsien und Anfälle bei Kindern können vielfältige Ursachen haben. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) unterscheidet folgende Ätiologien:
Strukturelle Ursachen
Eine strukturelle Epilepsie ist mit umschriebenen pathologischen Hirnveränderungen assoziiert. Diese können erworben oder genetisch bedingt sein. Epileptogene Läsionen sind beispielsweise Hirntumore und Hirninfarkte, Kontusionsdefekte, vaskuläre Malformationen, Enzephalozelen, fokale kortikale Dysplasien, Polymikrogyrie der kortikalen Neurone, hypothalamische Hamartome oder eine Hippocampussklerose. Ebenso kann eine perinatale Hirnschädigung, oft infolge von Sauerstoffmangel während des Geburtsvorgangs, eine Epilepsie verursachen.
Genetische Ursachen
In den letzten Jahren wurden mehrere Hundert Gene und Gen-Veränderungen identifiziert, die vermutlich oder sicher eine Epilepsie (mit)verursachen. Die Mehrzahl der Fälle der idiopathischen generalisierten Epilepsien (IGE) sind polygenetische Erkrankungen. Das Erkrankungsrisiko hängt von verschiedenen genetischen Suszeptibilitätsfaktoren und Umwelteinflüssen ab. Sehr viel seltener ist nur ein Gen betroffen (zum Beispiel Ionenkanal-Gene oder Neurotransmitter assoziierte Gene).
Infektiöse Ursachen
Infektionen sind die weltweit häufigste Ursache von Epilepsie. Eine infektiöse Ätiologie bezieht sich auf Patienten mit Epilepsie und nicht auf Patienten, die Anfälle im Verlauf einer akuten Infektion erleiden. Typische Beispiele sind Neurozystizerkose, Tuberkulose, HIV, zerebrale Malaria, subakute sklerosierende Panenzephalitis, zerebrale Toxoplasmose und kongenitale Infektionen. Zudem sind post-infektiöse Entwicklungen einer Epilepsie möglich, beispielsweise nach einer viralen Enzephalitis.
Metabolische Ursachen
Eine metabolisch verursachte Epilepsie ist direkte Folge einer Stoffwechselstörung, die epileptische Anfälle als Kernsymptomatik aufweist. Es wird angenommen, dass die meisten metabolisch bedingten Epilepsien einen genetischen Hintergrund haben und nur selten erworben sind.
Immunologische Ursachen
Eine immunologische Epilepsie ist auf eine autoimmun vermittelte Entzündung des ZNS zurückzuführen. Hierzu gehören vor allem die Kalium-Kanal-Antikörper (LGI1)-bedingte limbische Enzephalitis und die NMDA-Rezeptor-Antikörper assoziierte Enzephalitis (NMDA = N-Methyl-D-Aspartat).
Unbekannte Ursachen
Neben den zuverlässig differenzierbaren Epilepsien gibt es Formen, deren Ursache (noch) nicht bekannt ist. Bislang sind die neurobiologischen Zusammenhänge der Epileptogenese nicht bis ins letzte Detail verstanden.
Weitere mögliche Auslöser
Es gibt auch spezifische Auslöser, die bei manchen Kindern Anfälle provozieren können. Ein Kältereiz durch Eisgetränke könnte in seltenen Fällen einen Anfall auslösen, insbesondere wenn eine erhöhte Krampfbereitschaft vorliegt. Impfungen, insbesondere die 6-fach-Impfung, können in seltenen Fällen mit Unruhe und krampfartigen Reaktionen einhergehen.
Diagnose von Anfällen und Epilepsie bei Kindern
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf dem Anfallgeschehen und wird durch Zusatzbefunde erhoben, die auf eine Prädisposition für weitere epileptische Anfälle hindeuten. Dazu gehören:
Elektroenzephalogramm (EEG)
Das EEG misst die Hirnaktivität und kann epilepsietypische Potenziale aufzeigen.
Bildgebung
Die Bildgebung (z.B. Magnetresonanztomografie, MRT) kann strukturelle Läsionen im Gehirn aufdecken, die zum Anfallsereignis passen.
Video-EEG-Monitoring
In spezialisierten Zentren wie der Schön Klinik Vogtareuth wird ein intensives Video-EEG-Monitoring durchgeführt, um Anfallsverläufe aufzuzeichnen und die genaue Lokalisation des Anfallsursprungs zu bestimmen.
Tiefenelektroden
In einigen Fällen werden Tiefenelektroden in das Gehirn implantiert, um eine noch akkuratere Messung der Hirnströme zu ermöglichen.
Behandlungsmöglichkeiten für Kinder mit Anfällen und Epilepsie
Die Behandlung von Epilepsie basiert nahezu immer auf einer medikamentösen Therapie, ggf. begleitet von nicht pharmakologischen Maßnahmen.
Medikamentöse Therapie
Etwa 60 % aller Kinder werden durch die Behandlung mit dem ersten Medikament anfallsfrei. Bei etwa 10 % gelingt dies erst nach dem Wechsel auf ein anderes Medikament. Manchmal müssen verschiedene Präparate ausprobiert werden, bis eins davon wirkt. Es können auch zwei oder mehr Medikamente kombiniert werden. Wenn ein Kind anfallsfrei ist, wartet man noch eine gewisse Zeit (zum Beispiel zwei Jahre), bis die Medikamente abgesetzt werden.
Ketogene Diät
Bei schwer behandelbaren Epilepsien empfehlen Ärztinnen und Ärzte manchmal eine bestimmte Ernährungsform - die ketogene Diät. Dabei werden nur wenig Kohlenhydrate und stattdessen vor allem Fette aufgenommen. Diese Diät hat zur Folge, dass sich der Stoffwechsel umstellt: Um Energie zu gewinnen, wird Fett statt Zucker abgebaut. Der erhöhte Gehalt an Fettsäuren im Blut soll wiederum die Signalübertragung der Nervenzellen im Gehirn beeinflussen und zu weniger Anfällen führen.
Epilepsiechirurgie
Eine Operation kommt infrage, wenn sich eine belastende Epilepsie nicht gut mit Medikamenten behandeln lässt. Sie ist nur möglich, wenn die Anfälle von einer ganz bestimmten Stelle im Gehirn ausgehen (fokale Epilepsie). Dabei wird häufig das Hirngewebe in dem Bereich entfernt, in dem der epileptische Anfall entsteht. Es ist auch möglich, diesen Bereich stillzulegen, indem Nervenfasern durchtrennt werden.
Vagusnerv-Stimulation
Dabei wird eine Elektrode links am Hals eingepflanzt und mit einem kleinen Gerät verbunden, das im Brustbereich unter der Haut eingesetzt wird. Das Gerät sendet über die Elektrode elektrische Impulse an den Vagusnerv und weiter ans Gehirn. Diese Impulse sollen bestimmte Gehirnaktivitäten hemmen und dadurch Anfällen vorbeugen.
Psychogene Anfälle
Psychogene Anfälle, auch nichtepileptische Anfälle bzw. dissoziative Anfälle genannt, sind Krampfanfälle, die seelisch bedingt sind. Es ist wichtig, zwischen psychogenen und „echten“ Anfällen zu differenzieren, was durch fachspezifische Untersuchungen (neurologisch, internistisch, psychiatrisch und psychologisch) erfolgen kann.
Umgang mit Unruhe und Anzeichen von Anfällen
Eltern berichten oft von Unruhe, Zuckungen und anderen ungewöhnlichen Verhaltensweisen bei ihren Kindern, die möglicherweise Anzeichen für Anfälle sein könnten. Es ist wichtig, diese Beobachtungen ernst zu nehmen und ärztlich abklären zu lassen.
Beispiele aus Elternberichten
- Ein 6 1/2-jähriger Junge hatte nach dem Genuss eines Eisgetränks einen Krampfanfall mit Bewusstlosigkeit und Einnässen.
- Ein Säugling zeigte im Alter von 11 Wochen krampfartige Symptome mit Überstrecken des Körpers und Verdrehen der Augen.
- Eine 18 Monate alte Tochter verdrehte morgens plötzlich die Augen nach oben und wirkte starr und blass.
- Ein 3-jähriger Sohn konnte nach dem Schaukeln plötzlich nicht mehr laufen und fiel um, ohne ohnmächtig zu werden oder zu zittern.
- Eine 4,5 Monate alte Tochter bekam nach der 2ten 6fach Impfung Schmerzen und Fieber und entwickelte zunehmend schlechtere Symptome.
Auswirkungen von Anfällen und Epilepsie auf Kinder und Familien
Häufige Anfälle können körperlich und psychisch belasten. Mögliche Auswirkungen sind:
- Konzentrationsstörungen
- Schwaches Selbstwertgefühl
- Angst vor dem nächsten Anfall
- Verletzungsrisiko
Eine verlässliche Unterstützung und ausreichende Behandlung können aber trotz Epilepsie eine gute Lebensqualität ermöglichen.