Einführung
Die Übertragung von Krankheiten von Tieren auf den Menschen, sogenannte Zoonosen, rückt immer stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ein besonders besorgniserregendes Beispiel ist die Übertragung der Maus-Meningitis, genauer gesagt des Bornavirus, von der Feldspitzmaus auf den Menschen. Obwohl Infektionen mit dem Bornavirus beim Menschen sehr selten sind, verlaufen sie in den meisten Fällen tödlich. Dieser Artikel beleuchtet die Übertragungswege, Symptome, Diagnose und Prävention der Maus-Meningitis beim Menschen, um das Bewusstsein für diese seltene, aber gefährliche Krankheit zu schärfen.
Was ist das Bornavirus?
Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) ist ein RNA-Virus, das die neurologische Borna'sche Krankheit auslöst. Es wurde erstmals im 19. Jahrhundert als Tierseuche bei Pferden und Schafen in der sächsischen Stadt Borna identifiziert. Erst seit 2018 ist bekannt, dass das Virus auch auf den Menschen übergehen kann und dort eine schwere Gehirnhautentzündung (Meningoenzephalitis) verursacht.
Der Überträger: Die Feldspitzmaus
Der Hauptwirt und Überträger des Bornavirus ist die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon). Sie ist ein insektenfressender Kleinsäuger, der das Virus in sich trägt, ohne selbst zu erkranken. Die Feldspitzmaus scheidet das Virus über Speichel, Urin und Kot aus und kann so andere Tiere und in seltenen Fällen auch den Menschen infizieren.
Die Feldspitzmaus ist vor allem in Bayern verbreitet, kommt aber auch in anderen Teilen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins vor. Sie lebt gerne in ländlichen Gebieten, insbesondere in der Nähe von Feldern und Wiesen.
Übertragungswege auf den Menschen
Es gibt verschiedene mögliche Infektionswege von Bornaviren auf den Menschen:
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- Direkter Kontakt mit Feldspitzmäusen oder deren Ausscheidungen: Dies kann beispielsweise bei Gartenarbeiten, in der Land- und Forstwirtschaft oder im Bauwesen geschehen. Auch der Kontakt mit toten Spitzmäusen, die von Katzen angeschleppt werden, kann ein Risiko darstellen.
- Einatmen von Staub, der mit Ausscheidungen infizierter Feldspitzmäuse kontaminiert ist: Dies kann beim Reinigen von staubigen Schuppen, Dachböden oder Kellern geschehen.
- Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln oder Wasser: Dieser Übertragungsweg ist zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich.
Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nach aktuellem Kenntnisstand nicht möglich. Auch infizierte Haustiere scheiden das Virus nicht aus und sind somit für den Menschen nicht ansteckend. Allerdings können Katzen infizierte Feldspitzmäuse nach Hause bringen und so das Risiko einer Infektion erhöhen.
Symptome einer Bornavirus-Infektion beim Menschen
Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit, beträgt vermutlich drei bis vier Monate. Die Bornavirus-Krankheit verursacht bei infizierten Personen zunächst unspezifische Beschwerden wie:
- Kopfschmerzen
- Fieber
- Allgemeines Krankheitsgefühl
Anschließend kommt es jedoch zu schweren neurologischen Symptomen wie:
- Sprachstörungen
- Gangstörungen
- Kognitive Verlangsamung
- Muskelzucken
- Epileptische Anfälle
- Lähmungserscheinungen
- Gestörte Bewegungsabläufe
- Wesensveränderungen
Innerhalb von wenigen Tagen bis hin zu wenigen Wochen fallen die Betroffenen in ein Koma. In den meisten Fällen verläuft die Krankheit tödlich.
Diagnose
Besteht bei einer Person eine Enzephalitis oder Meningoenzephalitis (Entzündung der Hirnhäute und des Gehirns) unklarer Ursache, insbesondere in den bekannten Endemiegebieten, sollte eine Infektion mit dem Bornavirus in Betracht gezogen werden. Der Nachweis des Erregers kann in einigen Universitätskliniken sowie im Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin erfolgen.
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Folgende diagnostische Methoden stehen zur Verfügung:
- Real-time-PCR aus Liquor und Gehirngewebe: Diese Methode dient dem direkten Nachweis des Virus.
- Antikörpernachweis aus Serum und Liquor (IIFT, Immunoblot): Diese Methode weist Antikörper gegen das Virus nach.
Der Antikörpernachweis aus Serum scheint das derzeit sensitivste diagnostische Verfahren zu sein.
Behandlung
Eine direkte Behandlung der Bornavirus-Enzephalitis existiert nicht. Es können antivirale Medikamente wie Favipiravir oder Ribavirin zum Einsatz kommen, die zumindest im Labor hemmend auf das Virus gewirkt haben. Zusätzlich könnte eine immunsuppressive Therapie den Verlauf der Erkrankung verlangsamen, da das Immunsystem bei der Bekämpfung der Viren Gehirnzellen zerstört.
Die Behandlung des Bornavirus ist experimentell und individuell, da es keine Standard-Therapie gibt. Die intensivmedizinisch unterstützende Behandlung steht im Vordergrund.
Prävention
Da es keine Impfung gegen das Bornavirus gibt, ist die Vorbeugung von Infektionen von entscheidender Bedeutung. Folgende Vorsichtsmaßnahmen helfen dabei, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren:
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- Kontakt zu Feldspitzmäusen und deren Ausscheidungen vermeiden: Dies gilt insbesondere bei Arbeiten im Freien und im Garten.
- Feldspitzmäuse und Igel nicht mit bloßen Händen berühren.
- Bei Arbeiten im Freien und im Garten Handschuhe tragen.
- Nach staubigen Arbeiten duschen, Haare und Kleidung waschen.
- Tote Spitzmäuse, die etwa von Katzen herangetragen werden, mit Handschuhen in einer verschlossenen Plastiktüte beseitigen und die Oberfläche, auf der das Tier gelegen hat, mit Haushaltsreiniger säubern, ggf. einen Mundschutz tragen.
- Im Umfeld lebenden Spitzmäusen ihre Nahrungsquelle entziehen (z. B. Tierfutter, Komposthaufen).
- Bei Arbeiten in möglichen oder bekannten Spitzmaushabitaten in Risikogebieten Staubaufwirbelung vermeiden (z. B. durch Befeuchtung) respektive mit einem eng anliegenden Mund- und Nasenschutz arbeiten.
Fallbeispiele
Daniela Wiesmann
Im Winter 2015 erkrankte Daniela Wiesmann aus Unterdietfurt im Kreis Rottal-Inn an einer Bornavirus-Infektion. Zunächst hatte sie typische Erkältungssymptome, die sich jedoch schnell zu einer schweren Hirnhautentzündung entwickelten. Trotz intensiver medizinischer Behandlung verstarb sie nach vier Wochen im Koma. Erst Monate später wurde die Diagnose Bornavirus gestellt.
Tom Tümmers
Im Jahr 2021 infizierte sich der damals 17-jährige Tom Tümmers aus Baesweiler bei Aachen mit dem Bornavirus. Er kämpfte über zwei Jahre lang um sein Leben, wurde mehrmals ins Koma versetzt und überstand einen Herzstillstand. Anfang 2024 durfte er nach Hause, benötigt aber weiterhin Vollzeitpflege und muss alles neu lernen. Warum die Behandlung bei Tom Tümmers erfolgreich war, ist unklar. Es handelt sich um einen experimentellen Heilversuch.
Fall aus Sachsen-Anhalt
Im Jahr 2020 wurde dem Landesamt für Verbraucherschutz in Sachsen-Anhalt der erste und bisher einzige bekannte Fall einer Bornavirus-Infektion in diesem Bundesland übermittelt. Betroffen war eine 58-jährige Frau, die sehr schwer mit Kopfschmerzen, Hautblutungen, septischem Krankheitsbild und veränderter Bewusstseinslage erkrankte. Sie wird aktuell in einem Pflegeheim betreut und ist nicht ansprechbar.
Weitere Zoonosen durch Kleinsäuger
Neben dem Bornavirus gibt es noch weitere Krankheitserreger, die von Kleinsäugern auf den Menschen übertragen werden können:
- Hantaviren: Hantaviren werden von Nagetieren wie Mäusen und Ratten übertragen und können grippeähnliche Symptome sowie Nierenfunktionsstörungen verursachen.
- Leptospiren: Leptospiren werden durch den Kontakt mit dem Urin infizierter Tiere übertragen und können grippale Symptome, Leber- und Nierenversagen verursachen.
- Francisella tularensis (Erreger der Hasenpest/Tularämie): Die Tularämie wird durch den Kontakt mit infektiösem Tiermaterial, kontaminierten Lebensmitteln oder Wasser oder durch den Stich infizierter Gliederfüßer übertragen und kann grippale Symptome, Geschwüre, Lymphknotenschwellungen sowie Augen- und Lungenentzündungen verursachen.
Forschung und Überwachung
Um das Wissen über Bornaviren und andere Zoonosen zu erweitern und die Prävention und Behandlung von Infektionen zu verbessern, sind Forschung und Überwachung von entscheidender Bedeutung. Im Rahmen des Nationalen Forschungsnetzes Zoonotische Infektionskrankheiten hat sich ein Verbundprojekt zur wissenschaftlichen Bearbeitung des Bornavirus-Geschehens gebildet (Zoonotic Bornavirus Consortium, ZooBoCo). Hier arbeiten verschiedene Partner aus der Bornavirus-Forschung zusammen, um Studien zu Bornaviren und deren Vorkommen, Pathogenese, Erregergenetik und antiviralen Strategien bei Patienten und im Tier durchzuführen.