Der Beruf des Notfallsanitäters ist anspruchsvoll und verantwortungsvoll. Er erfordert nicht nur medizinisches Fachwissen, sondern auch körperliche und psychische Belastbarkeit. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Anforderungen, die an Notfallsanitäter gestellt werden, von gesundheitlichen Voraussetzungen über Ausbildungsinhalte bis hin zu speziellen Herausforderungen im Offshore-Bereich.
Gesundheitliche Eignung: Mehr als nur "gesund"
Die gesundheitliche Eignung ist ein zentraler Aspekt für angehende Notfallsanitäter. Es geht darum, dass keine gesundheitlichen Probleme den Einsatz behindern dürfen. Das Notfallsanitätergesetz (§ 8 Abs. 1 NotSanG) und die Muster-APrV definieren die grundsätzlichen Regelungen. Die Realität der Gesundheit bewegt sich jedoch in einem Graubereich.
Übergewicht und chronische Erkrankungen
Entgegen der landläufigen Meinung sind Übergewicht oder eine Pollenallergie nicht automatisch Ausschlusskriterien. Viele Rettungskräfte sind übergewichtig, was oft dem Schichtdienst mit unregelmäßigen Mahlzeiten und Fastfood geschuldet ist. Entscheidend ist die Dienstfähigkeit. Ein Notfallsanitäter muss in der Lage sein, Patienten zu tragen, Treppen zu steigen und ohne Probleme in Notfallsituationen zu agieren.
Eine chronische Bronchitis ist ebenfalls nicht zwingend ein Ausschlusskriterium, solange sie keine Probleme verursacht. Es ist jedoch ratsam, dies mit dem Hausarzt zu besprechen, insbesondere wenn der Rettungsdienst als Hauptberuf angestrebt wird. Eine positive Zukunftsprognose ist hier wichtig.
Führerschein und Sehschärfe
Neben der allgemeinen Gesundheit sind auch spezifische Anforderungen wie die Sehschärfe zu erfüllen. Eine unkorrigierte Sehschärfe von mindestens 30 Prozent auf jedem Auge ist erforderlich. Bei Problemen in diesem Bereich kann ein augenärztliches Gutachten Klarheit schaffen.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Der Besitz eines Führerscheins der Klasse B ist notwendig, oft auch der Klasse C1. Die Klasse C1 muss ab dem 50. Lebensjahr verlängert werden, sofern sie zwischen dem 01.01.1999 und dem 28.12.2016 erworben wurde.
Arbeitsmedizinische Vorsorge
Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen sind obligatorisch und werden in der Regel vom Arbeitgeber festgelegt. Die Entscheidung über die gesundheitliche Eignung liegt im Ermessen des Arztes, wobei der Ermessensspielraum oft zugunsten des Bewerbers genutzt wird.
Ausbildung zum Notfallsanitäter: Ein umfassender Weg
Die Ausbildung zum Notfallsanitäter ist eine dreijährige, umfassende Ausbildung, die sowohl theoretische als auch praktische Inhalte vermittelt. Sie zielt darauf ab, den Auszubildenden eine umfassende Handlungskompetenz im Rettungsdienst zu vermitteln.
Inhalte der Ausbildung
Die Ausbildungsinhalte sind vielfältig und umfassen unter anderem:
- Medizinische Grundlagen: Anatomie, Physiologie, Krankheitslehre
- Notfallmedizin: Erkennen und Behandeln von Notfällen, Reanimation, Traumaversorgung
- Kommunikation: Gesprächsführung mit Patienten und Angehörigen, Teamkommunikation
- Rechtliche Grundlagen: Medizinrecht, Rettungsdienstrecht
- Technische Grundlagen: Gerätekunde, Fahrzeugkunde
Im ersten Ausbildungsjahr werden die Grundlagen vermittelt, im zweiten Jahr werden die Kenntnisse in der Intensivmedizin erweitert und im dritten Jahr werden die Kompetenzen durch praktische Anwendung gefestigt.
Lesen Sie auch: Sicher Autofahren mit Parkinson: Ein Leitfaden für Deutschland
Ausbildungsorte und Vergütung
Die Ausbildung findet an verschiedenen Lernorten statt, darunter:
- Berufsschule: Vermittlung der theoretischen Grundlagen
- Lehrrettungswache: Praktische Ausbildung im Rettungsdienst
- Kliniken: Praktische Einsätze in verschiedenen Fachbereichen (z.B. Anästhesie, Notaufnahme, Intensivstation)
Die Ausbildungsvergütung beträgt im ersten Jahr ca. 1.160 €, im zweiten Jahr ca. 1.226 € und im dritten Jahr ca. 1.293 €.
Persönliche Voraussetzungen
Neben den formalen Voraussetzungen (Schulabschluss, Führerschein) sind auch persönliche Eigenschaften wichtig:
- Freude am Umgang mit Menschen
- Einfühlungsvermögen
- Hilfsbereitschaft
- Teamfähigkeit
- Körperliche und psychische Belastbarkeit
Besondere Anforderungen im Offshore-Bereich
Der Einsatz von Notfallsanitätern in Offshore-Windparks (OWP) stellt besondere Anforderungen an die Qualifikation und Ausbildung. Die medizinische Versorgung des Personals an Land ist aufgrund der großen Distanzen und Wetterabhängigkeit deutlich erschwert.
Qualifikation und Schulungen
Das Rettungsfachpersonal in OWP benötigt eine sehr hohe medizinische Qualifikation, die über die Ausbildung zum Notfallsanitäter hinausgeht. Dazu gehören:
Lesen Sie auch: Corona und das Gehirn: Was wir wissen
- Langjährige Berufserfahrung auf notarztangebundenen Einsatzmitteln
- Kurse zum ACLS- (Advance Cardiac Life Support) und ITLS-Provider (International Trauma Life Support)
- Regelmäßige Schulungen wie „helicopter underwater escape training“ (HUET), Überleben See und Kurse in Seilzugangs- und Positionierungstechniken
Medizinische Versorgung in OWP
Notfallsanitäter in OWP sollen vor allem das therapiefreie Intervall bei lebensbedrohlichen Erkrankungen und Verletzungen verkürzen. Die Versorgung erfolgt nach geschulten und freigegebenen Algorithmen und Standard Operating Procedure (SOP). Diese Algorithmen umfassen nicht nur klassische notfallmedizinische Krankheitsbilder, sondern auch Behandlungspfade für Bereiche der medizinischen Grundversorgung.
Analyse von Notfällen in OWP
Eine retrospektive Auswertung digitaler Datensätze aus der Einsatzdokumentation der Rettungsfachkräfte vor Ort ergab folgende Erkenntnisse:
- Die häufigsten Diagnosegruppen waren Infektionen (13,2 %) und Atemwegserkrankungen (8,4 %) sowie Traumata der oberen (8,4 %) und unteren (4,6 %) Extremität.
- 21,2 % der Einsätze waren traumatologische Notfälle, 71,1 % internistische und 4,0 % sonstige Erkrankungen.
- Die meisten Fälle wurden als geringfügige (NACA I) 61,2 % oder ambulant behandelbare Störung (NACA II) 23,4 % eingestuft.
- Nur 1,9 % der Patienten mussten per Offshore-Rettungshubschrauber an Land verlegt werden.
Die Vitalparameter der Patienten, die per Offshore-Rettungshubschrauber an Land verlegt wurden, unterschieden sich signifikant von den restlichen Patienten der Stichprobe. Insbesondere Herzfrequenz, Atemfrequenz, Blutdruck und Schmerzintensität waren höher.
Herausforderungen und Perspektiven
Die Dokumentation der medizinischen Versorgung in OWP stellt eine Herausforderung dar. Es besteht eine gewisse Schwierigkeit, allgemeinmedizinische Versorgung mittels der üblichen Notarztprotokolle zu dokumentieren. Zukünftig könnte eine durchgehende und einheitliche Dokumentation nach festem Standard, vergleichbar mit dem MIND-3-Datensatz in der Notfallrettung, eine präzisere Auswertung ermöglichen.
Feuerwehr und Rettungsdienst: Eine starke Kombination
In einigen Städten, wie beispielsweise Dresden, ist die Feuerwehr eng mit dem Rettungsdienst verbunden. Die Berufsfeuerwehr hält rund um die Uhr Personal vor, welches über die notwendige Qualifikation verfügt, um die notfallmedizinische Versorgung sicherzustellen.
Kombinationsausbildung
Die Feuerwehr Dresden bietet eine kombinierte Ausbildung zum Notfallsanitäter und Brandmeister an. Diese Ausbildung vereint medizinische Expertise im Rettungsdienst und technisches Know-how im Brandschutz und der Hilfeleistung.
Vorteile der Kombinationsausbildung
- Umfassendes Wissen: Die Auszubildenden erlernen sowohl die medizinische Versorgung als auch die Brandbekämpfung auf höchstem Niveau.
- Finanzielle Vorteile: Während der Ausbildung erhalten die Auszubildenden eine Auszubildendenvergütung und zusätzlich eine Zulage aufgrund ihrer Notfallsanitäter-Qualifikation.
- Vielfältige Karrieremöglichkeiten: Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung stehen den Absolventen eine Vielzahl an Fachbereichen offen, in denen sie sich spezialisieren können.
Psychische Belastung und Berufsunfähigkeit
Notfallsanitäter sind in ihrem Beruf gesteigerten emotionalen Belastungen ausgesetzt, weswegen es nicht selten zu psychischen Erkrankungen, wie Burnout oder Depressionen, kommt. Diese können wiederum schnell zu einer Berufsunfähigkeit führen. Es ist wichtig, sich dieser Belastung bewusst zu sein und frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn nötig.