Der Mikrochip im Gehirn: Fortschritt oder Gefahr für die Menschheit?

Die Vorstellung klingt nach Science-Fiction, ist aber bereits Realität: Mikrochips werden in das menschliche Gehirn implantiert. Diese Technologie verspricht, Krankheitssymptome zu lindern, Körper- und Hirnfunktionen zu verbessern und sogar die Lebensdauer zu verlängern. Doch welche ethischen und gesellschaftlichen Folgen hat dieser Fortschritt? Ist alles, was technisch machbar ist, auch wünschenswert? Und wer kontrolliert die Entwicklung dieser Technologie?

Therapeutische Anwendungen und das Streben nach Perfektionierung

Implantierte Mikrochips werden bereits heute zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Ein Hirnschrittmacher kann beispielsweise Parkinson-Patienten helfen, ihre Symptome zu lindern. Doch die Technologie hat das Potenzial, weit darüber hinaus zu gehen. Sie könnte zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, zur Verbesserung der Körper- und Hirnfunktionen oder sogar zur Verlängerung des Lebens eingesetzt werden. Dies wirft die Frage auf, ob wir den Menschen durch Technologie perfektionieren und optimieren sollten.

Der Philosoph Jan-Christoph Heilinger vom Münchner Kompetenzzentrum Ethik der Ludwig-Maximilians-Universität München begrüßt zwar den Fortschritt in der Medizin, äußert aber auch Bedenken: "Meine Überlegungen sind kritisch aus dem Grund, dass ich mich oft frage, ob die Lösungen, die mit Hilfe der Technologien angeboten wurden oder werden oder verheißen sind, ob die wirklich auf Probleme abzielen, die wir vorrangig in unserer Gesellschaft angehen sollten."

Die Anpassung an die beschleunigte Zukunft

Der Journalist Thomas Schulz, der lange aus dem Silicon Valley berichtet hat, sieht die Entwicklung pragmatischer: "Der Mensch hat sich ja schon immer seiner Umgebung angepasst. Das ist Teil der Evolution. Das wird aber in diesen Tagen und Jahren immer schwieriger, ironischerweise dadurch, dass wir den Fortschritt und die Beschleunigung dieses Fortschritts selber verursachen und eigentlich bei unserer eigenen Entwicklung nicht mehr mitkommen. Wir können immer mehr, aber irgendwie können wir damit nicht richtig umgehen. Warum uns nicht selber anpassen, um uns fitter für die selbst verursachte superschnelle Zukunft zu machen?" Schulz argumentiert, dass wir uns anpassen müssen, um mit dem rasanten technologischen Fortschritt Schritt zu halten. Er sieht das Implantieren von Chips als einen logischen nächsten Schritt in der Entwicklung vom Smartphone über die Smartwatch zum Smartchip unter der Haut.

Das "Chippen" und seine potenziellen Vorteile

Das "Chippen", also das Implantieren eines reiskorngroßen Mikrochips, ist ein schneller und schmerzloser Eingriff. In der Regel kommen RFID-Chips zum Einsatz, die per Funk von außen ausgelesen werden können. Die möglichen Vorteile sind vielfältig: Der Chip könnte als Ausweis dienen, Türen öffnen, Landesgrenzen überschreiten, Zahlungen abwickeln, das Auto starten oder Vitalwerte überwachen. Viele Menschen werden sich künftig freiwillig chippen lassen, so selbstverständlich, wie sie heute ein Smartphone nutzen. Weltweit sind bereits über 50.000 Menschen gechippt, in Deutschland einige Tausend.

Lesen Sie auch: Anwendungsbereiche von Gehirnchips

Die Entwicklung zum Cyborg

In Zukunft werden weitere Chips implantiert werden, von der Smart Lense im Auge bis zum Hirnschrittmacher. Diese Entwicklung führt uns zu Cyborgs, Menschen mit immer mehr künstlichen Anteilen.

Gehirn-Computer-Schnittstellen: Gedankensteuerung und Kommunikation

Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI) ermöglichen es, Gedanken auszulesen und Maschinen zu steuern. Forscher nutzen Magnetimpulse, um schwere Depressionen zu behandeln. Elon Musks Firma Neuralink hat einem Locked-in-Patienten einen Chip ins Gehirn implantiert, über den dieser einen Computer ansteuern kann. Der Mann kommuniziert nun mithilfe von künstlicher Intelligenz.

Ethische Bedenken und die Frage der Kontrolle

Die Vorstellung, dass Computerchips in menschliche Gehirne verpflanzt werden, löst bei vielen Menschen Unbehagen aus. Wenn der Mensch zum Designobjekt wird, wirft das ethische Fragen auf: Zu was wollen wir uns machen? Wollen wir stärker werden, klüger sein oder empathischer? Wer entscheidet über diese Fragen? Sollen wir warten, bis die Philosophen eine Lösung gefunden haben, oder den Markt eine Antwort finden lassen? Es ist beängstigend, dass ein Teil der Antworten dem Verschwörungstheoretiker Elon Musk überlassen wird.

Das Smartphone als Cyborg-Implantat

Die Frage ist, ob wir uns überhaupt Sorgen machen sollten, wenn wir über Human Enhancement nachdenken. Was ist der Unterschied zwischen einem Chip im Hirn und einem Chip in der Hand (in meinem Smartphone)? Die Antwort ist: Es gibt kaum einen. Wir sind längst Cyborgs. Das Smartphone ist wie ein zusätzliches Sinnesorgan und Körperteil, das uns das Sehen und Durchqueren des digitalen Raums ermöglicht. Es ist Teil von uns geworden.

Die Übertragung der Sorge auf Alltagstechnologien

Die berechtigte Sorge vor Elon Musks Chips im Hirn sollte auf unsere Alltagstechnologien übertragen werden. Bevor man sich einen kleinen Computer ins Hirn pflanzt, ein Körperteil maschinell verstärkt oder gar ersetzt, sollte man sich gründlich fragen: Zu was macht mich dieser technologische Zusatz? Welche Art von Cyborg möchte ich, möchten wir sein? Unabhängig von der Antwort sollte man diese Entscheidung nicht Elon Musk oder irgendeiner anderen Einzelperson oder dem Markt überlassen. Man sollte sie für sich selbst entscheiden, individuell wo möglich, demokratisch wo nötig. Dafür müsste man den Tech-Mogulen und Plattformbesitzern ihre Macht wegnehmen.

Lesen Sie auch: Gehirnchip-Revolution?

Das Stier-Experiment von José Manuel Rodriguez Delgado

In den 1960er Jahren demonstrierte der Hirnforscher José Manuel Rodriguez Delgado auf spektakuläre Weise, wie man direkt in das Verhalten von Lebewesen eingreifen kann. Er provozierte in der Stierkampfarena von Córdoba einen Kampfstier und brachte ihn per Knopfdruck auf einer Fernbedienung zum Stehen. Dieses Experiment markierte einen wichtigen Meilenstein in der Ära der "Brain Chips", die es sich zum Ziel gesetzt hatten, Regungen wie Lust und Unlust, Wut und Freundlichkeit, Hunger und Durst gezielt zu steuern.

Die Anfänge der Hirnforschung

Delgado ließ sich von den Arbeiten des Schweitzers Walter Rudolf Hess inspirieren, der in den 1930er Jahren Elektroden in die Gehirne von Hauskatzen pflanzte und herausfand, dass das Reizen von einzelnen Hirnbereichen völlig unterschiedliche Auswirkungen hervorrufen kann. Delgado wollte jedoch eine aktive Umsteuerung von tierischem Verhalten erreichen. In den 1950er und 1960er Jahren unternahmen Forscher zahlreiche Versuche, um das Verhalten von Tieren durch elektrische Stimulation des Gehirns zu beeinflussen.

Die Grenzen der Hirnsteuerung

Von einer vollständigen Kontrolle, einer umfassenden Symbiose zwischen Mensch und Maschine, blieben die Forscher jedoch meilenweit entfernt. Delgado selbst fasste den Entschluss, fortan computergestützte Gehirnsteuerung auch am Menschen zu praktizieren.

Der Hirnschrittmacher als Erfolg

Die Science-Fiction-Grusel-Vision der Mensch-Maschine ist zum Glück nicht Wirklichkeit geworden. Aber der Hirnschrittmacher findet mittlerweile erfolgreich Anwendung und erleichtert zum Beispiel Parkinson-Patienten das Leben.

Addictive Technologies: Vom Buch zum Chip im Gehirn

Die Diskussion um Sucht und Abhängigkeit ist nicht neu. Bereits die Herstellung von Schriften und Büchern löste Diskussionen um exzessiven Konsum, Eskapismus und unproduktive Zerstreuung aus. Im Laufe der Geschichte kamen immer neue Technologien hinzu, die nicht mehr die Produktivität erhöhen, sondern der Unterhaltung dienen.

Lesen Sie auch: Chip-Technologie zur Schlaganfallbehandlung

Die Geschichte der Lesesucht

Im Mittelalter und der Renaissance entstanden Erfindungen wie die Brille und das Leserad, die den Buchkonsum vereinfachen sollten. Mit der massenhaften Verbreitung von Literatur begann eine Diskussion um die verwerfliche Lesesucht bei Frauen. Das übermäßige Lesen von (falscher, also unterhaltender) Literatur würde den Geist verderben und die Frau von ihren eigentlichen Pflichten abhalten.

Der Rausch der Geschwindigkeit und die Sucht nach Unterhaltung

Im 20. Jahrhundert kamen Technologien wie das Automobil, die Bahn und das Flugzeug hinzu, die einen Rausch der Geschwindigkeit auslösten. Auch der Jahrmarkt mit seinen Achterbahnen sorgte für körperliche Sensationen und einen Suchteffekt. Mit der Einführung des Fernsehens entstand eine neue Suchtdebatte, die diesmal auch mit wissenschaftlichen Studien untersucht wurde. Exzessiver Fernsehkonsum sollte verdummen, Menschen isolieren und sie von einem aktiven und produktiven Leben abbringen.

Moderne Addictive Technologies: Soziale Medien und Online-Games

Heute sind es vor allem soziale Medien und Online-Games, die ein Suchtpotential bergen. Sie setzen auf ein Zugehörigkeitsgefühl und die Angst, etwas zu verpassen. Große Firmen wie Meta, Google oder Electronic Arts setzen auf Algorithmen und Spielmechaniken, die darauf ausgelegt sind, User möglichst lange und möglichst involviert an eine Plattform oder an ein Spiel zu binden.

Mensch und Maschine: Eine Symbiose?

Erste Versuche mit einem Chip im Gehirn gibt es schon. Auf der einen Seite erwarten uns Verbesserungen: Krankheiten können zum Beispiel besser bekämpft werden. Die beiden Investor-Milliardäre Peter Thiel und Christian Angermayer beteiligten sich an Neurotech, einem Unternehmen, das im Wettbewerb zu Neuralink steht.

Das Wettrennen um die Marktführerschaft

Mit den Millionen der beiden Tech-Pioniere soll nun also das Unternehmen, das bereits die ersten Chips eingepflanzt hat, die Marktführer-Rolle übernehmen. Es geht jetzt um uns, um den Menschen. Die Kantische Frage nach ‘Was ist der Mensch’ soll beantwortet werden, ob mit Substanz oder Technologie. Die letzten Antworten werden gesucht.

Die Ziele der Hirnforschung

Es geht (zunächst) darum "unser Leben besser zu machen", um die Bekämpfung von Krankheiten wie Alzheimer und motorische oder sensorische Schäden. Oder eben darum, dass der Chef in Echtzeit beobachten kann, ob du beim nächsten Zoom-Meeting konzentriert bist. Natürlich entstehen bei einer solchen technologischen Erweiterung und Verschmelzung in der vollökonomisierten Optimierungsgesellschaft ungeahnte Möglichkeiten: Sexuelle Erlebnisse in der Cloud für die Ewigkeit zu speichern, jederzeit unsere Highlights abzurufen und in ihrer Echtheit nachzuleben - mit Freunden teilen oder vielleicht sogar für Geld anderen zur Verfügung zu stellen.

Die Besorgnis von Elon Musk

Neurolink-Gründer Elon Musk ist besorgt um die Menschheit. Er ist davon überzeugt, dass die Menschheit mit künstlicher Intelligenz verschmelzen muss, um zu überleben.

Die Allgemeine Künstliche Intelligenz

Was folgen soll, ist eine Allgemeine Künstliche Intelligenz - die auch als Starke KI bezeichnet wird - eben jene kognitive Fähigkeit, die der des Menschen überlegen ist.

Die Angst vor der Überflüssigkeit

Es sind die Konsequenzen einer nicht erklärbaren "perfekten" Technologie, die uns zum Homo obsoletus machen: als Mensch eine gute Nummer zwei, aber zu nichts "Sinnvollem" mehr zu gebrauchen, "die Tat" wird irrelevant. Daraus folgt tatsächlich - ein valides Argument für eine Verschmelzung mit der Technologie, nach dem Prinzip: "If you can't beat them, join them."

Der Verlust der Echtheit

Dabei sind es vielleicht Echtheit und die Lebendigkeit, die uns dabei verloren gehen. Das Leben wird zum Nichtlebendigen, und folglich ist der Tod nicht des Lebens Ende, sondern er ist vielmehr obsolet geworden, was der Unsterblichkeit gleichkommt.

Die Objektivität ersetzt die Subjektivität

Allein der Gedankenaustausch stellt uns (losgelöst von Diskussionen über Aktivierung und Sicherheitsaspekte) vor einige neuen Herausforderungen. Die Objektivität ersetzt die Subjektivität, die Materie das Geistige. Gedanken, Gefühle und Lüste werden durch Prozessierung überschrieben und ersetzt.

Das Denken aus der Dose

Unsere geringe Speicherkapazität wird in die Cloud ausgelagert - nichts muss erinnert werden, denn es ist sofort abrufbar, und unsere höchst ineffizienten Ausgabegeräte - unsere zwei Finger - die derzeit unser Smartphone bedienen, werden ersetzt durch die Gedankenübertragung und den (sofortigen) Informationsaustausch - Das Denken kommt aus der Dose.

Das schwierige Problem des Bewusstseins

Der australische Philosoph David Chalmers spricht vom “Hard Problem of Consciousness” - das schwierige Problem des Bewusstseins - das Problem zu erklären, warum und wie wir Qualia oder phänomenale Erfahrungen haben. Das heißt, es ist das Problem, warum wir persönliche Erfahrungen aus der ersten Person haben, die oft als Erfahrungen beschrieben werden, die sich "wie etwas" anfühlen.

Die gezielte technologische Singularität

Eine Verdrahtung unseres Gehirn mit der Schöpfung einer digitalen Welt, einer umfassenden Superintelligenz versetzt uns in eine Situation, in der unsere Gedanken nicht mehr unsere sind, sondern Teil des Kollektiven aus der Dose werden. Zumindest wäre es dann nicht mehr zu erkennen, welche Gedanken woher kommen. So läge in der gezielten technologischen Singularität kein Posthumanismus. Denn wir haben bis heute nicht festgelegt, was Humanismus für uns ist. Womöglich wird es aber eine posthumane Welt.

Die Frage nach der erstrebenswerten Zukunft

Wollen wir einen utopischen Kollektivismus ohne Wahrnehmung, oder eine imperfekte menschliche Welt, in der die Zielsetzung ist, uns kollektiv besser zu verbinden und vernetzen, ohne uns zu connecten? Dann sollten wir zunächst die Antwort auf eine andere Frage liefern: Welche Zukunft ist für uns erstrebenswert. Das wäre eine, die uns gegen Herdenstupidität und Anti-Intellektualismus schützt, jedoch vor allem eines als fundamentalen Unterbau hat: Eine Gesellschaft des Verstandes. Wir erkennen vorab Konsequenzen und mögliche Risiken unserer fehltastischen Vorhaben.

tags: #chip #im #gehirn #buch