Wie man das Altern des Gehirns verhindern kann: Ein umfassender Leitfaden

Der Alterungsprozess des Gehirns ist ein komplexes Thema, das seit Jahrhunderten diskutiert wird. Schon der römische Poet Decimus Iunius Iuvenalis, bekannt als Juvenal, spottete über den Verfall der Sitten und die Übel des Alterns, einschließlich des kognitiven Verfalls. Heutzutage, angesichts einer alternden Bevölkerung, ist es wichtiger denn je, zu verstehen, wie man das Altern des Gehirns verhindern oder zumindest verlangsamen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen des Hirnalterungsprozesses, die Rolle verschiedener Faktoren und die Möglichkeiten, die geistige Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Die Anatomie des alternden Gehirns

Das Gehirn verändert sich im Laufe des Lebens. Anatole Dekaban war einer der ersten Neurologen, der systematisch untersuchte, welche Veränderungen die graue und weiße Masse des Gehirns im Laufe des Lebens durchlaufen. Er analysierte fast 5000 Autopsieberichte und stellte fest, dass das Gehirn in den ersten zwei Lebensjahrzehnten rasant an Masse zunimmt. Ab dem 45. Lebensjahr beginnt es jedoch zu schrumpfen, erst langsam, dann immer schneller. Bis zum Greisenalter büßt es im Schnitt elf Prozent seines Gewichts ein.

Mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) können wir das Gehirn lebender Menschen exakt vermessen. Die Scannerdaten bestätigen Dekabans Resultate weitgehend. Heute geht man davon aus, dass das Hirnvolumen bereits zu Beginn der Pubertät sein Maximum erreicht. Danach werden unwichtige Nervenverbindungen gekappt, ein Phänomen, das als "Pruning" bekannt ist.

Schrumpfende Hirnareale

Ab Mitte 30 beginnt das Gehirn zu schrumpfen, zunächst minimal, ab 60 dann um 0,5 Prozent jährlich und später noch schneller. Von dieser Abnahme ist sowohl die graue Substanz (Zellkörper der Neurone) als auch die weiße Substanz (Informationsaustausch zwischen den Hirnarealen) betroffen. Die graue Substanz konzentriert sich in der Hirnrinde (Kortex), die im Alter immer dünner wird ("cortical thinning"). Die weiße Substanz besteht aus Nervenfasern, die elektrische Signale transportieren und durch Myelin isoliert sind.

Gleichzeitig mit dem Schrumpfen der grauen und weißen Substanz vergrößern sich die Ventrikel (Hohlräume im Gehirn, die mit Liquor gefüllt sind) und die Furchen zwischen den Hirnwindungen (Sulci) vertiefen sich. Die Atrophie erfolgt nicht überall gleich schnell. Besonders betroffen sind Hippocampus (Erinnerungsvermögen) und Amygdala (emotionale Bewertung von Sinnesreizen).

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Der Vergleich mit Schimpansen

Eine Studie verglich den Alterungsprozess beim Menschen mit dem von Schimpansen. Dabei stellte sich heraus, dass beim Menschen mit den Jahren insbesondere diejenigen Hirnregionen an Volumen verlieren, die sich im Laufe der Evolution zuletzt stark vergrößert haben. Diese "jungen" neuronalen Netzwerke sind offenbar besonders empfindlich. Auch der präfrontale Kortex (Entscheidungsprozesse, Aufmerksamkeit, Planung) schrumpft rasch.

Die "Brain Age Gap"

Das Gehirn eines 50-Jährigen kann so aussehen, als würde es von einem 40-Jährigen stammen, oder umgekehrt. Dieses Phänomen wird als "Brain Age Gap" bezeichnet. Fachleute nutzen Verfahren des maschinellen Lernens, um die Abweichung der Hirnalterung von der Erwartung zu messen. Ein höheres geschätztes Hirnalter geht oft mit einer geringeren geistigen Fitness einher.

Faktoren, die die Hirnalterung beeinflussen

Alkohol, erhöhter Blutzuckerspiegel, Bluthochdruck und genetische Faktoren können die Hirnalterung beschleunigen. Eine Studie identifizierte 59 genetische Varianten, die mit einem erhöhten bzw. reduzierten Brain Age Gap assoziiert sind. Ein fehlgesteuerter Energiestoffwechsel und das Tau-Protein (Schlüsselmolekül bei Alzheimer) scheinen eine Rolle zu spielen.

Neuronale Aktivität und Verschleiß

Der geistige Abbau im Laufe des Lebens liegt nur teilweise am Verlust von Nervenzellen. Alternde Nervenzellen weisen ein verändertes Aktivitätsprofil auf. Einige verlieren einen großen Teil ihrer erregenden Synapsen, während andere hyperaktiv werden. Die Ursachen für diesen Verschleiß sind vielfältig.

Reaktive Sauerstoffspezies (ROS)

Ein Hinweis ist, dass die Hirnzellen sich durch ihre hohe Aktivität selbst schädigen. Dabei verbrauchen sie viel Energie, wodurch reaktive Sauerstoffspezies (ROS) entstehen. Diese greifen die Hirnzellen an und schädigen sie.

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Möglichkeiten zur Vorbeugung des Alterns des Gehirns

Trotz der unvermeidlichen Veränderungen, die mit dem Altern einhergehen, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, das Altern des Gehirns zu verlangsamen und die geistige Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Gesunde Ernährung

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung hat einen positiven Einfluss auf den Alterungsprozess. Die Mittelmeerdiät, die auf einer fleischarmen Kost, viel Obst, Gemüse, Nüssen, Fisch und Olivenöl basiert, ist besonders empfehlenswert. Sie beeinflusst die Zusammensetzung der Darmbakterien positiv, reduziert Entzündungsmarker im Blut und sorgt für längere und intaktere Telomere. Flavonoide, die in vielen Obst- und Gemüsesorten enthalten sind, schützen die Gehirnfunktion. Auch Haferflocken, Nüsse, Eier, Quark, Kichererbsen, Sojabohnen und Fisch sind wertvolle Energielieferanten und Bausteine für das Gehirn.

Körperliche Aktivität

Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt dem Alterungsprozess entgegen und fördert soziale Kontakte. Moderater Sport hat einen positiven Effekt auf sämtliche "Hallmarks of Aging".

Ausreichend Schlaf

Gesunder Schlaf ist essenziell für die Regeneration der Zellen. Erwachsene sollten 7-9 Stunden schlafen und vor dem Zubettgehen auf alles verzichten, was die Schlafqualität stören kann.

Stress vermeiden

Dauerstress lässt uns schneller altern. Ausreichend Entspannung und regelmäßige Auszeiten sind wichtig.

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Darmgesundheit

Eine Dysbiose (Ungleichgewicht der Darmbakterien) kann mit chronischen Entzündungen und altersbedingten Krankheiten in Verbindung stehen.

Geistige Aktivität

Wer geistig aktiv ist, kann die Leistungsfähigkeit seines Gehirns verbessern. Das Erlernen neuer Hobbys, das Fordern des Geistes und die Kultivierung von Neugier haben positive Effekte auf die graue Substanz. Nervenzellen leben umso länger, je mehr man sie benutzt.

Orthomolekulare Medizin

Die orthomolekulare Medizin setzt auf die Versorgung des Körpers mit optimalen Konzentrationen natürlicher Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralien, Aminosäuren, Fettsäuren etc.), um Gesundheit zu erhalten und Krankheiten vorzubeugen. Bestimmte Nährstoffe und Lebensstilfaktoren können das Fortschreiten einer beginnenden Demenz verlangsamen und präventiv wirken.

Wichtige Mikronährstoffe

  • B-Vitamine (B₆, B₁₂, Folsäure): Schützen Nervenzellen, senken Homocystein und beugen Hirnatrophie vor.
  • Omega-3-Fettsäuren (DHA/EPA): Entzündungshemmende Fette, essentiell für Hirnmembranen und Synapsen.
  • Vitamin D: Wichtig für Immunfunktion und Schutzmechanismen im Gehirn.
  • Antioxidantien (Vitamin C, E, Selen): Neutralisieren freie Radikale im Gehirn.
  • Magnesium: Wichtig für die Signalübertragung zwischen Gehirnzellen und Gedächtnisbildung.
  • Zink & Selen: Essentiell für Wachstum und Reparatur von Nervenzellen.
  • Coenzym Q10 & L-Carnitin: Unterstützen die Mitochondrien (Kraftwerke der Zelle).
  • Lithium (Spurenelement): In sehr kleinen Mengen essentiell fürs Gehirn.

Soziale Kontakte

Soziale Interaktion und ein aktives soziales Leben sind wichtig für die geistige Gesundheit und können dazu beitragen, das Risiko von Demenz zu verringern.

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