Multiple Sklerose und das Demenzrisiko: Aktuelle Erkenntnisse und Zusammenhänge

Multiple Sklerose (MS) und Demenz, insbesondere die Alzheimer-Demenz, scheinen auf den ersten Blick unterschiedliche Erkrankungen zu sein. MS tritt vorwiegend in jüngeren Jahren auf, während die Alzheimer-Demenz eher im höheren Alter diagnostiziert wird. Trotzdem gibt es zunehmend Hinweise auf Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge zwischen beiden Krankheitsbildern, insbesondere im Hinblick auf kognitive Beeinträchtigungen und mögliche Risikofaktoren.

Epstein-Barr-Virus (EBV) als möglicher Auslöser von MS

Eine aktuelle US-amerikanische Studie hat gezeigt, dass das Epstein-Barr-Virus (EBV), ein weltweit verbreitetes Herpes-Virus, eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Multipler Sklerose spielen könnte. Das Forscherteam um den Epidemiologen Alberto Ascherio von der Harvard University fand heraus, dass sich das Risiko, an MS zu erkranken, um das 32-fache erhöht, wenn man sich mit EBV infiziert.

Die Studie untersuchte Daten von 10 Millionen jungen Mitarbeitern der US-Streitkräfte über einen Zeitraum von 20 Jahren. Bei 955 Personen wurde während ihrer Militärzeit MS festgestellt. Die Analyse der Blutproben dieser Personen ergab, dass fast alle Betroffenen EBV-Antikörper aufwiesen. Der durchschnittliche Zeitraum zwischen EBV-Infektion und Ausbruch der MS betrug etwa 7,5 Jahre.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass EBV nicht nur ein möglicher Auslöser, sondern sogar der Hauptverursacher von MS sein könnte. Dies eröffnet neue Perspektiven für die Prävention und Behandlung der Krankheit.

EBV und Alzheimer-Demenz: Ein wachsender Verdacht

Neben MS steht EBV auch im Verdacht, eine Rolle bei der Entstehung der Alzheimer-Demenz zu spielen. Obwohl es auch genetisch bedingte Formen der Alzheimer-Erkrankung gibt, scheinen die Auslöser in 95 % der Fälle nicht erblich bedingt zu sein.

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Neuere Studien haben gezeigt, dass hohe Konzentrationen von Herpes-Viren, einschließlich EBV, in den Amyloid-Plaques von Alzheimer-Patienten gefunden werden können. Eine taiwanesische Studie ergab, dass eine Infektion mit Herpes-Viren das Risiko einer späteren Alzheimer-Erkrankung signifikant erhöht.

Forscher an der Tufts University in Massachusetts konnten in Gewebekulturen menschlicher Gehirnzellen zeigen, dass Herpes-Viren die Bildung von Beta-Amyloid-Plaques fördern und die Ausschüttung von Enzymen, die diese Plaque-Bildung unterstützen, verstärken.

Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Herpes-Viren, einschließlich EBV, eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Alzheimer-Demenz spielen könnten.

Autoimmunerkrankungen und das Demenzrisiko

Eine Studie der University of Oxford hat ergeben, dass Menschen mit Autoimmunerkrankungen ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz zu erkranken. Die retrospektive Analyse von Patienten, die zwischen 1998 und 2012 wegen einer Autoimmunerkrankung stationär behandelt wurden, zeigte, dass diese ein um etwa 20 Prozent höheres Demenzrisiko hatten. Besonders hoch war das Risiko für die Entwicklung einer vaskulären Demenz (28 Prozent), während das Risiko für eine Alzheimer-Demenz geringer war (sechs Prozent).

Zu den 25 eingeschlossenen Erkrankungen gehörten unter anderem Zöliakie, Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis und Colitis Ulcerosa. Von diesen verursachten 18 eine deutliche Risikosteigerung, darunter Multiple Sklerose (doppeltes Risiko), Psoriasis (ein Drittel erhöhtes Risiko) sowie Morbus Addison und Lupus (jeweils fast 50 Prozent höheres Risiko).

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Die Forscher vermuten, dass insbesondere vaskuläre Schäden bei Autoimmunerkrankungen die demenzielle Entwicklung beschleunigen könnten.

Kognitive Beeinträchtigungen bei Multipler Sklerose

Kognitive Störungen sind ein häufiges Symptom bei Multipler Sklerose und können bei bis zu 60 % der Patienten bereits im frühen Verlauf der Erkrankung auftreten. Nach längerer Krankheitsdauer ist die Entwicklung einer Demenz möglich. Kognitive Beeinträchtigungen gelten jedoch nicht als typische Erstsymptome einer MS.

Die Kognitionsstörungen bei MS unterscheiden sich von denen bei Alzheimer in Ausprägung und Ursache. Bei Alzheimer steht die Beeinträchtigung der Fähigkeit, neue Informationen im Gedächtnis zu speichern, im Vordergrund, während bei MS vor allem die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit betroffen sind.

Neuropsychologen können kognitive Störungen bei MS mithilfe von Untersuchungen diagnostizieren und von altersbedingten oder anderen Ursachen abgrenzen.

Auswirkungen von Kognitionsstörungen auf Lebensqualität und Berufsfähigkeit

Kognitive Störungen können die Lebensqualität und Berufsfähigkeit von MS-Patienten erheblich beeinträchtigen. Sie können zu Problemen bei der Internet- und Handynutzung, beim bargeldlosen Bezahlen oder beim Autofahren führen. In der Frühphase der MS spielen kognitive Defizite neben Fatigue und psychischen Faktoren eine entscheidende Rolle. In späteren, progressiven Phasen können auch körperliche Beeinträchtigungen die Lebensqualität und Berufsfähigkeit verstärkt einschränken.

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Multiple Sklerose im Alter

MS-Erkrankte erreichen heute oft ein ähnliches Lebensalter wie Menschen ohne MS. Im Alter stellen sich jedoch besondere Herausforderungen, da der normale Alterungsprozess mit den Einschränkungen der MS zusammenkommt.

Es ist wichtig, MS-bedingte Beschwerden von rein altersbedingten Einschränkungen abzugrenzen. Bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) können dabei helfen, Veränderungen im Gehirn zu erkennen, aber nicht immer lassen sich diese eindeutig der MS zuweisen.

Im höheren Alter erkranken mehr Männer als Frauen an MS, während es bei jungen Menschen umgekehrt ist. Zudem leben MS-Erkrankte heute deutlich länger als noch vor einigen Jahren.

Mit zunehmendem Alter sinkt die Aktivität des Immunsystems (Immunseneszenz). Es stellt sich die Frage, ob sich dies positiv auf das Fortschreiten der MS auswirkt. Manchmal verliert die MS im Alter über 60 an Kraft, Schübe werden seltener und im MRT zeigen sich seltener aktive Herde. Allerdings heißt das nicht automatisch, dass man eine verlaufsmodulierende Therapie beenden kann oder sollte.

Im Alter entwickeln die meisten Menschen eine oder mehrere Erkrankungen (Komorbiditäten), die die vielen Lebensjahre mit sich bringen. Dann ist ein genauer Blick auf die Therapie nötig, damit sich die verschiedenen Medikamente nicht gegenseitig negativ beeinflussen.

Therapieansätze bei MS und Demenz

Die frühe Diagnose und Behandlung von MS und Demenz sind von entscheidender Bedeutung. Bei MS zielt die Therapie darauf ab, Entzündungen zu reduzieren, Schübe zu verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Bei Demenz konzentriert sich die Behandlung auf die Linderung von Symptomen und die Verbesserung der Lebensqualität.

Ein vielversprechender Therapieansatz bei leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz ist die Transkranielle Pulsstimulation (TPS). Auch die Multiple Sklerose ist Forschungsgegenstand im Bereich der TPS und könnte bald als „off-label“-Therapie angewandt werden.

Ein weiterer potentieller Ansatz ist die Unterdrückung entzündlicher ZNS-Prozesse, die bei der DAT beschrieben werden. Mit Fingolimod (FTY720) steht ein seit mehr als 10 Jahren ein potentes Medikament zur Behandlung der Multiplen Sklerose zur Verfügung, welches in tierexperimentellen Analysen und potentielle Einsatzmöglichkeiten in Studien präsentiert werden.

Niederfrequente Magnetfelder und neurodegenerative Erkrankungen

Es gibt Hinweise darauf, dass eine berufliche Exposition gegenüber niederfrequenten Magnetfeldern das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie ALS und Alzheimer-Demenz erhöhen könnte. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2013 deutete auf einen Zusammenhang zwischen beruflicher Exposition mit niederfrequenten Magnetfeldern und neurodegenerativen Erkrankungen hin. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2018 zeigte bei beruflicher Magnetfeldexposition ein erhöhtes Risiko, an Alzheimer-Demenz zu erkranken.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) verfolgt die Studienlage zu diesem Thema und geht Hinweisen mit eigener Forschung weiter nach. Bisher sind die Ergebnisse der einzelnen Studien nicht konsistent, aber die Mehrheit der Studien für Berufsgruppen mit hoher Magnetfeldexposition deutet auf einen schwachen, aber konsistenten Zusammenhang zwischen der Exposition von niederfrequenten Magnetfeldern und dem Erkrankungsrisiko von ALS sowie Alzheimer-Demenz hin.

Es bleibt unklar, ob es sich bei den beobachteten Zusammenhängen tatsächlich um Ursache-Wirkungsbeziehungen handelt und welche Mechanismen zugrunde liegen könnten.

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