Polyneuropathie und ihre Auswirkungen auf die Augen: Früherkennung, Diagnose und Behandlung

Die Polyneuropathie ist eine häufige neurologische Erkrankung, die durch Schädigung peripherer Nerven gekennzeichnet ist. Sie betrifft oft die Extremitäten, kann aber auch Auswirkungen auf andere Körperregionen haben, einschließlich der Augen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Polyneuropathie, insbesondere ihre Auswirkungen auf die Augen, sowie Möglichkeiten zur Früherkennung, Diagnose und Behandlung.

Was ist Polyneuropathie?

Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven gleichzeitig geschädigt sind. Die peripheren Nerven sind diejenigen, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen und Informationen zwischen dem zentralen Nervensystem und dem Rest des Körpers übertragen. Eine Schädigung dieser Nerven kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, die von leichtem Kribbeln bis hin zu schweren Lähmungen reichen.

Die sensomotorische Polyneuropathie betrifft meist periphere Körperregionen wie Füße und Hände. Typische Symptome sind Kribbeln, Brennen und Taubheit, die anfangs an beiden Füßen und Beinen auftreten. Ihren Ursprung haben die Gefühlsstörungen in den langen Nerven, die Muskeln, Haut und Organe mit dem Gehirn verbinden. Schäden an den Nerven führen dazu, dass die Weiterleitung von Informationen zwischen Gehirn, Rückenmark und dem Rest des Körpers gestört ist. Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, können bei der Polyneuropathie unterschiedliche Beschwerden im Vordergrund stehen.

Ursachen der Polyneuropathie

Die Ursachen der Polyneuropathie sind vielfältig. In Mitteleuropa ist Diabetes mellitus die häufigste Ursache, gefolgt von hohem Alkoholkonsum. Weitere mögliche Ursachen sind:

  • Diabetes mellitus: Etwa die Hälfte der Patienten mit Diabetes mellitus beschreiben Beschwerden einer Polyneuropathie. Ein schlecht eingestellter Blutzuckerspiegel kann die Nerven schädigen.
  • Alkoholismus: Übermäßiger Alkoholkonsum kann zu Nervenschäden führen.
  • Chemotherapie: Einige Medikamente, die in der Chemotherapie von Krebserkrankungen verwendet werden, können die Nerven schädigen, insbesondere die Axone. Dazu gehören Medikamente, die gegen Mikrotubuli gerichtet sind (z.B. Taxane wie Paclitaxel oder Docetaxel) und Platin-Medikamente (z.B. Oxaliplatin).
  • Autoimmunerkrankungen: Erkrankungen wie das Sjögren-Syndrom können eine Polyneuropathie auslösen. Das Sjögren-Syndrom ist eine Autoimmunerkrankung, die in erster Linie die Tränendrüsen in den Augen und die Speicheldrüsen im Mund angreift, aber auch andere Organe und das Nervensystem betreffen kann.
  • Infektionen: Bestimmte Infektionen können zu Nervenschäden führen.
  • Medikamente: Einige Medikamente können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie verursachen.
  • Nährstoffmangel: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere B-Vitaminen, kann zu Nervenschäden führen.
  • Erbliche Faktoren: In seltenen Fällen kann eine Polyneuropathie erblich bedingt sein.
  • Idiopathische Neuropathie: Trotz aller diagnostischen Fortschritte bleibt die Ursache in vielen Fällen unklar. Ärzte können dann nur die Symptome behandeln.

Auswirkungen der Polyneuropathie auf die Augen

Die Polyneuropathie kann verschiedene Auswirkungen auf die Augen haben, sowohl direkt als auch indirekt.

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Direkte Auswirkungen

  • Schädigung des Hörnervs: Das Sjögren-Syndrom, eine mögliche Ursache der Polyneuropathie, kann den Hörnerv schädigen.
  • Trockene Augen: Das Sjögren-Syndrom greift in erster Linie die Tränendrüsen in den Augen an, was zu trockenen Augen führen kann.
  • Schädigung der Hornhautnervenfasern: Die Hornhaut des Auges ist das am dichtesten mit Nervenfasern durchzogene Gewebe des Körpers. Eine Polyneuropathie kann diese Nervenfasern schädigen, was zu verminderter Sensibilität, Schmerzen und anderen Problemen führen kann.
  • Sehstörungen: In einigen Fällen kann eine Polyneuropathie zu Sehstörungen führen.

Indirekte Auswirkungen

  • Gleichgewichtsstörungen: Polyneuropathie kann Gleichgewichtsstörungen verursachen, was zu Stürzen führen kann. Um dies auszugleichen, kann es notwendig sein, den Visus (die Sehschärfe) beim Augenarzt korrigieren zu lassen. Betroffene kompensieren ihre Unsicherheit oft durch "Gehen mit den Augen", d.h. sie verlassen sich stärker auf ihre visuelle Wahrnehmung, um das Gleichgewicht zu halten.
  • Eingeschränkte Feinmotorik: Polyneuropathie kann die Feinmotorik beeinträchtigen, was das Anziehen, Kochen und andere alltägliche Aufgaben erschweren kann. Dies kann auch die Fähigkeit beeinträchtigen, kleine Gegenstände zu handhaben, was sich auf die Sehfähigkeit auswirken kann (z.B. beim Einsetzen von Kontaktlinsen).

Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnose der Polyneuropathie umfasst in der Regel eine körperliche Untersuchung, eine neurologische Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests.

Neurologische Untersuchung

Die neurologische Untersuchung umfasst die Überprüfung der Muskeleigenreflexe, der Hirnnervensituation und der Sensibilität (Berührungsdruckwahrnehmbarkeit, Temperaturwahrnehmbarkeit, Schmerzwahrnehmbarkeit). Geprüft werden auch die Oberflächensensibilität (Berührung, Druck, Temperatur, Schmerz) und die Tiefensensibilität (Spitz-Stumpf-Diskrimination, Erkennen von Zahlen/Buchstaben, Gelenkstellungen).

Elektrophysiologische Untersuchungen

  • Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie): Dabei wird die Leitgeschwindigkeit der Nerven untersucht, um Störungen der Nerven objektiv darzustellen.
  • Elektromyogramm (EMG): Dies ist eine ergänzende Untersuchung zur Nervenleitgeschwindigkeit, bei der die Muskelaktivität gemessen wird, um festzustellen, ob die Störung primär im Muskel oder durch die den Muskel versorgenden Nerven bedingt ist.

Weitere diagnostische Tests

  • Quantitative Sensorische Testung (QST): Durch sieben verschiedene Gefühlstests an der Haut werden 13 Werte ermittelt. Sie helfen zu erkennen, welche Nervenfasern genau geschädigt sind und wie stark die Schädigung fortgeschritten ist.
  • Thermode: Zur exakten Messung des Temperaturempfindens kommen computergesteuerte Temperaturreize zum Einsatz.
  • Hautbiopsie: Eine Gewebeprobe aus der Haut kann unter dem Mikroskop untersucht werden, um Schäden an den kleinen Nervenfasern der Haut (Small-Fiber-Neuropathie) festzustellen.
  • Nerv-Muskel-Biopsie: Eine Gewebeprobe aus dem Schienbein wird entnommen und feingeweblich untersucht, um festzustellen, ob der Schaden an der Hüllsubstanz des Nerven (Myelin) oder am Nerven selbst entstanden ist.
  • Liquoruntersuchung: Bei entzündlichen Polyneuropathien kann die Untersuchung des Liquors (Nervenwasser) hilfreich sein.
  • Blutuntersuchungen: Laborwerte können auf mögliche Ursachen der Polyneuropathie hinweisen, wie z.B. Diabetes mellitus oder Lebererkrankungen.
  • Pedobarografie: Dabei steht oder geht der Patient auf einer Druckmessplatte, um Druckwerte zu erfassen und falsche Druckwerte oder Druckspitzen zu identifizieren.

Innovative Diagnoseverfahren

  • Konfokale korneale Mikroskopie (CCM): Die CCM ist ein nicht-invasives Verfahren zur Untersuchung der Hornhautnervenfasern. Sie hat sich als geeignet erwiesen, um Neuropathien nachzuweisen, die die kleinen Nervenfasern betreffen, wie z.B. bei der Polyneuropathie. Neu ist die dynamische Messmethode, bei der statt eines einfachen statischen Abbildes der Hornhaut eine Momentaufnahme in Form einer Bilderserie zur Abbildung der Nervenfasern ausgewertet wird. Somit kann nicht nur ein Ausschnitt der Hornhaut betrachtet werden, sondern es wird ein Großteil der Hornhaut gescannt. Sie kann auch als Verlaufsmarker einer Erholung der kleinen Nervenfasern im frühen Erkrankungsstadium dienen.
  • Tränenflüssigkeitsanalyse: Forscher untersuchen die Tränenflüssigkeit, um Biomarker für Neuropathien zu finden. Dabei werden verschiedene Stoffe in der Flüssigkeit aufgetrennt und deren Konzentration bestimmt, insbesondere Lipide. Erhöhte Lipidwerte in Kombination mit zurückgebildeten Nervenfasern sind Anzeichen für eine beginnende Nervenerkrankung.

Behandlung der Polyneuropathie

Die Behandlung der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache der Erkrankung zu behandeln, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Behandlung der Ursache

  • Diabetes mellitus: Der Patient muss seine Blutzuckerwerte in den Griff bekommen, um die Nervenschädigung zu stoppen. Allerdings führt eine zu rasche Senkung der Blutzuckerwerte zu weiteren Nervenschäden. Als optimal gilt eine sanfte Senkung des HbA1c-Wertes um weniger als zwei Prozentpunkte über einen Zeitraum von drei Monaten.
  • Alkoholismus: Abstinenz ist erforderlich.
  • Medikamente: Wenn Medikamente die Ursache sind, sollte ein Wechsel der Präparate in Betracht gezogen werden.
  • Sjögren-Syndrom: Die Behandlung des überreagierenden körpereigenen Abwehrsystems mit immununterdrückenden Medikamenten kann ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern und sogar die schweren Behinderungen bessern.

Symptomatische Behandlung

  • Schmerzbekämpfung: Zur Schmerzbekämpfung haben sich Antidepressiva und Medikamente gegen Krampfanfälle (Epilepsie), sogenannte Antikonvulsiva, bewährt. Capsaicin-Pflaster auf der Haut können ebenfalls helfen, Schmerzen zu lindern und die Neubildung kleiner Nervenfasern anzuregen.
  • Physiotherapie: Gleichgewichtstraining in der Physiotherapie wirkt gegen die fortschreitende Gangunsicherheit.
  • Elektrotherapie: Die Nerven werden durch Impulse aus einem speziellen Gerät so stimuliert, dass Erkrankte statt Schmerzen ein leichtes Kribbeln spüren. Von außen lässt sich dieses durch ein TENS-Gerät erreichen.
  • Akupunktur: Wie die gezielten Reize der Akupunktur die Nerven beleben, ist noch ungeklärt.
  • Anpassung des Schuhwerks: Eine entsprechende Anpassung des Schuhwerks kann helfen, Druckspitzen zu vermeiden und das Gangbild zu verbessern.

Wichtige Hinweise für Patienten

  • Besprechen Sie vor jedem Chemotherapie-Zyklus mit den behandelnden Onkologen, ob es Hinweise gibt, die für eine Polyneuropathie sprechen könnten (Missempfindungen, Schmerzen, Muskelkrämpfe, Unsicherheit bei motorischen Tätigkeiten).
  • Achten Sie auf eine optimale Einstellung von Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus.
  • Vermeiden Sie übermäßigen Alkoholkonsum.
  • Lassen Sie Ihren Visus regelmäßig beim Augenarzt überprüfen und korrigieren.
  • Melden Sie sich bei einer erblich bedingten Netzhauterkrankung in das Patientenregister von PRO RETINA an.

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