Die Alzheimer-Demenz stellt eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit dar. Betroffene verlieren nach und nach ihr Gedächtnis und ihre Selbstständigkeit, was sowohl für die Patienten als auch für ihre Angehörigen eine immense Belastung darstellt. Die Suche nach wirksamen Therapien ist daher von höchster Dringlichkeit. In diesem Zusammenhang rückt ein altbekanntes Kraut in den Fokus der Forschung: das Johanniskraut.
Johanniskrautextrakt: Ein Zufallsfund mit Potenzial
Ein Forscherteam um Professor Jens Pahnke von der Universität Magdeburg und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) hat bei der Suche nach neuen Wirkstoffen gegen Alzheimer überraschende Entdeckungen gemacht. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass viele Alzheimer-Patienten auch unter depressiven Verstimmungen leiden. Daher untersuchten die Wissenschaftler, ob Johanniskraut, das traditionell zur Stimmungsaufhellung eingesetzt wird, auch bei Alzheimer helfen könnte.
Die Bedeutung des Extraktionsverfahrens
Die Untersuchungen ergaben, dass nicht jedes Johanniskrautextrakt gleich wirksam ist. Die besten Ergebnisse wurden mit 80-prozentigen ethanolischen Extrakten erzielt. Dieses Extraktionsverfahren spielt eine entscheidende Rolle, da es bestimmte Inhaltsstoffe in unterschiedlicher Konzentration freisetzt.
Um den Prozess zu verstehen, kann man sich vorstellen, dass zuerst die Pflanzen getrocknet und zermahlen werden. Anschließend wird das Pflanzenmaterial mit Ethanol aufgegossen und die festen Bestandteile ausgefiltert. Danach wird der Ethanol abgedampft, und was übrig bleibt, ist der Pflanzenextrakt.
Niedriger Hyperforin- und Hypericingehalt als Schlüssel zur Wirkung
Überraschenderweise waren die Extrakte, die im Labor besonders gut funktionierten, durch besonders niedrige Konzentrationen an Hyperforin und Hypericin gekennzeichnet. Diese Stoffe wurden lange Zeit für die beruhigenden Wirkungen des Johanniskrauts verantwortlich gemacht. Die Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass sie eher mit unerwünschten Nebenwirkungen und Medikamenteninteraktionen in Verbindung stehen.
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Johanniskrautextrakt im Tiermodell: Vielversprechende Ergebnisse
In Versuchen mit Alzheimer-Mäusen konnte der Johanniskrautextrakt bemerkenswerte Effekte erzielen. Die Forscher hatten bereits zuvor entdeckt, dass zwei Transportmoleküle, sogenannte ABC-Transporter, eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen. Diese Moleküle sind dafür verantwortlich, lösliche Vorstufen der toxischen Amyloid-Ablagerungen aus dem Gehirn herauszutransportieren.
Aktivierung der "Müllabfuhr" im Gehirn
Der Johanniskrautextrakt erwies sich als Aktivator dieser ABC-Transporter. Durch die Aktivierung dieser "Müllabfuhr" an der Blut-Hirn-Schranke konnte die Anhäufung von Amyloid-Ablagerungen im Gehirn der Mäuse reduziert werden.
Unterstützung durch Fresszellen
Darüber hinaus aktivierte der Johanniskrautextrakt auch die Fresszellen im Gehirn, die sogenannten Mikroglia. Diese Zellen nehmen die Plaques und deren Vorstufen auf und bauen sie ab. Dieser doppelte Wirkmechanismus - die Aktivierung der ABC-Transporter und der Mikroglia - macht den Extrakt so effektiv.
LAIF900: Ein bereits verfügbares Präparat mit Potenzial
Das am besten wirksame Extrakt aus den Mausmodellen ist bereits als pflanzliches Antidepressivum unter dem Namen LAIF900 auf dem Markt. Einige Patienten, die dieses Präparat einnehmen, berichten von positiven Effekten auf ihre kognitiven Fähigkeiten. So konnten einige Betroffene nach der Einnahme wieder lesen und schreiben.
Verfügbarkeit und Anwendung
LAIF900 ist in zwei Varianten erhältlich:
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- LAIF900: Verschreibungspflichtiges Antidepressivum für mittelstarke bis starke Depressionen.
- LAIF900 balance: Frei verkäufliches Präparat für leichte Depressionen, das sogar von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird.
Wichtiger Hinweis: Ärztliche Rücksprache erforderlich
Es ist wichtig zu betonen, dass die Einnahme von LAIF900 bei Alzheimer-Erkrankung nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen sollte. Das Präparat kann die Wirkung anderer Medikamente beeinflussen, weshalb eine Anpassung der Dosierung erforderlich sein kann.
Vorbeugende Wirkung?
Ob LAIF900 balance auch vorbeugend gegen Alzheimer eingenommen werden kann, ist derzeit noch nicht ausreichend erforscht. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass eine frühzeitige Behandlung von Depressionen das Risiko, an Demenz zu erkranken, verringern könnte. Da Alzheimer und Depressionen im Alter häufig gemeinsam auftreten, könnte ein Präparat, das beide Symptomatiken lindert, von großem Nutzen sein.
Alzheimer: Eine Frage der Definition?
Professor Pahnke weist darauf hin, dass die Frage, ob es Alzheimer als eigenständige Erkrankung gibt, letztlich eine Frage der Definition ist. Unabhängig davon, ob man den Alterungsprozess des Gehirns mit Ablagerungen und Verfall der Nervenzellen als physiologisch oder als krankhaft einstuft, bleibt die Tatsache bestehen, dass die Betroffenen nach und nach ihr Gedächtnis verlieren.
Die Rolle der Forschung
Die Forschung konzentriert sich daher auf die Bekämpfung der Proteinablagerungen im Gehirn, die für den Gedächtnisverlust verantwortlich sind. Trotz einiger Rückschläge in der Vergangenheit bleibt die Suche nach wirksamen Therapien ein wichtiges Ziel.
Johanniskraut in der Alzheimer-Forschung: Ein Überblick
Die Alzheimer Forschung Initiative (AFI) fördert seit Jahren die Forschung von Professor Pahnke und seinem Team. Im Fokus steht dabei die Aktivierung des Reinigungsmechanismus des Gehirns, um schädliche Stoffwechselprodukte abzubauen.
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ABC-Transporter als "Müllabfuhr" des Gehirns
Ein wichtiger Aspekt der Forschung ist die Untersuchung der ABC-Transporter, die schädliche Stoffe aus dem Gehirn abtransportieren. Pahnke und seine Kollegen konnten den entscheidenden Transporter für den Abtransport des Alzheimer-Proteins Beta-Amyloid identifizieren.
Griechischer Bergtee und Johanniskraut
Neben Johanniskraut untersuchen die Forscher auch andere Heilpflanzen auf ihre Wirkung gegen Alzheimer. So konnte bereits 2010 gezeigt werden, dass ein Extrakt aus griechischem Eisenkraut (Sideritis scarica) das Gedächtnis- und Orientierungsvermögen von Alzheimer-Mäusen verbessern kann.
Fazit: Johanniskraut als vielversprechender Ansatz in der Alzheimer-Therapie
Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Johanniskraut, insbesondere spezielle Extrakte mit niedrigem Hyperforin- und Hypericingehalt, einen vielversprechenden Ansatz in der Therapie der Alzheimer-Krankheit darstellen könnten. Die Aktivierung der ABC-Transporter und der Mikroglia führt zu einer Reduktion der Amyloid-Ablagerungen im Gehirn und kann möglicherweise die Gedächtnis- und Orientierungsfunktion verbessern.
Weitere Forschung erforderlich
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass weitere Forschung erforderlich ist, um die genauen Wirkmechanismen des Johanniskrauts zu verstehen und die Wirksamkeit und Sicherheit der Anwendung beim Menschen zu bestätigen. Dennoch geben die bisherigen Ergebnisse Anlass zur Hoffnung, dass Johanniskraut in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Behandlung und möglicherweise auch bei der Vorbeugung von Alzheimer spielen könnte.
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