Kein Glücksgefühl nach dem Orgasmus: Ursachen und Erklärungen

Viele Menschen erleben nach dem Sex oder Orgasmus ein Gefühl von Traurigkeit oder Unzufriedenheit, anstatt des erwarteten Glücksgefühls. Dieses Phänomen, bekannt als postkoitale Dysphorie (PKD) oder "Post-Sex-Blues", ist weit verbreitet und kann verschiedene Ursachen haben. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Gründe für das Ausbleiben des Glücksgefühls nach dem Orgasmus und bietet Einblicke, wie man damit umgehen kann.

Einführung

Postkoitale Dysphorie ist ein Zustand, der durch Gefühle von Traurigkeit, Angst, Reizbarkeit oder sogar Depression nach dem Geschlechtsverkehr oder einem Orgasmus gekennzeichnet ist. Obwohl Sex oft mit Vergnügen und Entspannung assoziiert wird, erleben viele Menschen das genaue Gegenteil. Studien zeigen, dass PKD sowohl bei Frauen als auch bei Männern vorkommen kann. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Gefühle normal sein können und nicht unbedingt auf ein Problem in der Beziehung oder eine sexuelle Funktionsstörung hinweisen müssen.

Ursachen für das Ausbleiben des Glücksgefühls nach dem Orgasmus

Die Ursachen für das Ausbleiben des Glücksgefühls nach dem Orgasmus sind vielfältig und können sowohl psychologischer als auch biologischer Natur sein. Hier sind einige der häufigsten Gründe:

Hormonelle Veränderungen

Nach dem Orgasmus werden Hormone wie Prolaktin, Oxytocin und Endorphine ausgeschüttet. Diese Hormone können Stimmungsschwankungen begünstigen, ähnlich wie beim Weinen nach intensivem Sport oder nach Wehen. Der rasante Abfall dieser Hormone nach dem Höhepunkt kann zu einem "Hormon-Hangover" führen, der sich in Traurigkeit oder Melancholie äußert.

Emotionale Nähe und Bindungsängste

Sexuelle Aktivität führt oft zu einer extrem hohen körperlichen und emotionalen Nähe. Dies kann überwältigend sein, besonders wenn man selten so tiefen Kontakt erlebt. Weinen kann hier ein Ausdruck von Bindungshunger, Verlustangst oder sogar Dankbarkeit sein. Für Menschen mit Beziehungs- und Bindungsängsten kann diese Nähe jedoch auch Angst auslösen und zu negativen Gefühlen führen.

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Unterdrückte Gefühle und Stress

Insbesondere wenn man unter Stress steht oder versucht, im Alltag Emotionen zu unterdrücken, können diese nach einem Orgasmus plötzlich zum Vorschein kommen. Schließlich lässt man in dieser Situation los und gibt für einen Moment die Kontrolle ab. Ein emotionaler Schutzwall kann dann für kurze Zeit fallen, und all das, was man dahinter versteckt hat, macht sich breit. Das kann kurz dafür sorgen, dass man von seinen Gefühlen überwältigt wird.

Schamgefühle und Körperbild

Scham ist ein Gefühl, das viele Menschen in einem sexuellen Kontext erleben. Sei es, dass ihnen ihre Bedürfnisse unangenehm sind oder sie ihren Körper nicht attraktiv finden, Scham kann ein Auslöser für einen "Post-Sex-Blues" sein und auch schon während des Sex für Unwohlsein sorgen.

Sexuelle Frustration

Auch wenn wir uns gerne einreden würden, dass es uns beim Sex hauptsächlich darum geht, unseren Partner glücklich zu machen: Wer nicht auch auf seine eigenen Kosten kommt, kann auf Dauer sexuell nicht zufrieden sein. In der Wissenschaft wird das Ganze als "Sexuelle Frustration" bezeichnet. Der eigene Orgasmus ist nicht bloß ein Sahnehäubchen, sondern eine Voraussetzung. Das impliziert zugleich ein gewisses Bewusstsein dafür, was überhaupt als sexuell erregend empfunden wird. Sie müssen nicht nur wissen, was Ihrem Partner gefällt, sondern auch, was Ihnen gefällt!

Sexuelle Traumata

Ein weiterer Grund für postkoitale Dysphorie kann ein sexuelles Trauma sein, das während des Sex negative Gefühle wieder hochbringt.

Unerfüllte Bedürfnisse in der Partnerschaft

Sex ist essentiell innerhalb einer Partnerschaft. Aber er ist nicht alles. Damit eine Partnerschaft alle Beteiligten glücklich machen kann, genügt es nicht, bloß sexuell auf einer Wellenlänge zu liegen. Genau darin liegt das Problem: Selbst wenn Sie prinzipiell mit Ihrem Sexleben zufrieden und grundsätzlich befriedigt sind, heißt das nicht, dass der Rest stimmen muss. Wer versucht, seine Beziehung allein durch Sex zu retten, scheitert entsprechend. Wird das nach dem Sex bewusst und man kehrt wieder zurück zur partnerschaftlichen Routine, in der etwas nicht stimmt, kann das Beziehungs-Ungleichgewicht auch zu einem emotionalen Ungleichgewicht führen. Traurigkeit kann die Folge sein!

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Gesellschaftliche Erwartungen und sexuelle Mythen

Die gesellschaftliche Idealisierung des "perfekten Sex" und sexuelle Mythen können ebenfalls zu Unzufriedenheit und negativen Gefühlen nach dem Sex führen. Beispiele wären, dass man bei jedem Sexualakt einen Orgasmus haben muss, oder dass der gleichzeitige Orgasmus das Können des Liebhabers definiert.

Biologische Faktoren

Es wird vermutet, dass auch biologische Faktoren wie genetische Veranlagung oder Anomalien im Nervensystem eine Rolle spielen können. In seltenen Fällen können Ohnmachtsanfälle nach dem Orgasmus auf eine angeborene Anomalie hinweisen, die eine medizinische Behandlung erfordert.

Was tun bei postkoitaler Dysphorie?

Wichtig zu verstehen ist, dass nach dem Sex zu weinen, nichts ist, wofür man sich schämen muss. Ebenso sagen diese Gefühle, die der:die Sexualpartner:in hat, nichts über die Qualität des Sex aus. Aus Filmen kennen wir doch genau diesen Gedanken, als Witz verpackt: Wer jemanden im Bett zum Weinen bringt, muss wirklich mies performt haben. Doch das ist völliger Quatsch.

Offene Kommunikation

Wer selbst unter dem "Post-Sex-Blues" leidet, sollte deshalb offen mit dem:der jeweiligen Sexualpartner:in sprechen und ihm:ihr mitteilen, was man in dieser Situation braucht. Manchen Menschen hilft Nähe, manche ertragen diese in einem solchen Augenblick gerade nicht. Ist man nicht selbst betroffen und merkt, dass der:die andere mit der Situation überfordert ist, kann man ebenso vorsichtig und aktiv nach den Bedürfnissen fragen. Für beide Seiten besteht jedenfalls kein Grund, sich schlecht zu fühlen, zumal ein "Post-Sex-Blues" in der Regel ebenso schnell wieder vergeht, wie er gekommen ist. Und manchmal kann er sogar befreiend wirken, insbesondere dann, wenn es Dinge gibt, die man von sich schiebt.

Selbstreflexion

Sich selbst zu fragen: Was genau hat mein Körper in diesem Moment gespürt? Was will da eigentlich beweint werden? kann helfen, die Ursache für die negativen Gefühle zu erkennen.

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Professionelle Hilfe

Wenn die postkoitale Dysphorie regelmäßig auftritt und das Wohlbefinden beeinträchtigt, kann es ratsam sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein Gespräch mit einem Therapeuten oder Sexualberater kann helfen, die Ursachen zu ergründen und Strategien zur Bewältigung zu entwickeln.

Körperliche Ursachen ausschließen

In seltenen Fällen können körperliche Ursachen wie Schmerzen beim Sex (Dyspareunie) oder hormonelle Ungleichgewichte für die negativen Gefühle verantwortlich sein. Ein Besuch beim Arzt kann helfen, diese Ursachen auszuschließen.

Umgang mit dem "Post-Sex-Blues" in der Partnerschaft

Wenn ein Partner unter postkoitaler Dysphorie leidet, ist es wichtig, unterstützend und verständnisvoll zu reagieren. Hier sind einige Tipps:

  • Zuhören und Empathie zeigen: Versuchen Sie, die Gefühle Ihres Partners zu verstehen, ohne zu urteilen oder zu bagatellisieren.
  • Offene Kommunikation fördern: Schaffen Sie eine Atmosphäre, in der Ihr Partner sich sicher fühlt, über seine Gefühle zu sprechen.
  • Bedürfnisse respektieren: Akzeptieren Sie, dass Ihr Partner möglicherweise Nähe oder Distanz benötigt.
  • Gemeinsam nach Lösungen suchen: Wenn die postkoitale Dysphorie die Beziehung belastet, suchen Sie gemeinsam nach professioneller Hilfe.

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