Der Umgang mit dem Sterben bleibt in weiten Teilen ein Tabu, obwohl Leben und Sterben untrennbar miteinander verbunden sind. Wer zu Lebzeiten darüber spricht, begegnet dem Sterben mit weniger Angst. Viele Menschen erleben den Tod ihrer Eltern und begleiten sie in dieser letzten Lebensphase. Die Begleitung von Sterbenden ist von großer Bedeutung, sowohl beim Eintritt ins Leben als auch beim Abschied. Wenn ein Mensch ansprechbar ist, ist es wichtig, alles anzusprechen.
Sterbefasten: Ein selbstbestimmter Weg?
Eine Möglichkeit, das Lebensende selbstbestimmt zu gestalten, ist der freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken, auch bekannt als Sterbefasten. Dabei wird die Zufuhr von fester Nahrung und Flüssigkeit bewusst eingestellt. Dieser Weg wird oft von schwer kranken oder hochbetagten Menschen gewählt, die nicht mehr leben möchten.
Christiane zur Nieden begleitete ihre 88-jährige Mutter beim Sterbefasten. Ihre Mutter hatte entschieden, dass sie nicht mehr essen und trinken will, und das 13 Tage lang durchgehalten. Schließlich starb sie an Nierenversagen. Die ganze Familie, darunter auch zur Niedens Mann Christoph, ein Palliativmediziner, begleitete die Mutter in ihren letzten Tagen.
Der Ablauf des Sterbefastens
Beim Sterbefasten kommt es nach etwa zwei Tagen zur Ausschüttung von Endorphinen, wodurch das Hungergefühl verschwindet. Dies ist vergleichbar mit dem Heilfasten, funktioniert jedoch nur, wenn der Verzicht freiwillig erfolgt. Ohne Flüssigkeit sammeln sich die Gifte im Körper und führen allmählich zu Schläfrigkeit, Koma und schließlich zum Tod. Man geht davon aus, dass diese Phase schmerzlos ist.
Im Gegensatz zum Verhungern, bei dem man sich elende Zustände vorstellen muss, ist das Sterbefasten ein bewusster und freiwilliger Schritt. Es hat sogar Suchtpotenzial, da es durch die Endorphinausschüttung positiv erlebt werden kann.
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Die Bedeutung der Mundpflege
Im Mundraum befinden sich die Rezeptoren für das Durstgefühl. Eine gute Mundpflege, die die Schleimhäute feucht hält, kann das Durstgefühl reduzieren oder sogar verhindern. Deshalb ist die Begleitung durch eine gute Mundpflege in der letzten Phase des Sterbefastens besonders wichtig. Dieser Mechanismus gilt jedoch nicht für junge Menschen, die einen höheren Wasserbedarf haben.
Rechtliche und ethische Aspekte
Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit wird juristisch als Suizid betrachtet. Werbung für Suizid ist in Deutschland verboten. Dennoch möchte Christiane zur Nieden Menschen über diese Möglichkeit informieren, ohne dafür zu werben. Sie betont, dass diese Option nicht für jeden geeignet ist und ein unterstützendes Umfeld sowie Durchhaltevermögen erfordert.
Das Gesetz verbietet die geschäftsmäßige Sterbehilfe. Gewerbsmäßig ist, wenn man Geld bekommt. Geschäftsmäßig, wenn es auch ohne Bezahlung auf Wiederholung angelegt ist. Es gibt jedoch die Auffassung, dass der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit eine Ausnahme darstellen könnte, da es sich um einen passiven Suizid durch Unterlassen handelt, der in einen natürlichen Sterbeprozess übergeht.
Symptome und palliative Versorgung am Lebensende
In der letzten Lebensphase können verschiedene belastende Symptome auftreten, wie Schmerzen, Angst, Depression, Schlafstörungen und Unruhe. Es ist wichtig zu wissen, dass niemand leiden muss. Es gibt viele Hilfen, um die Symptome zu lindern. Schwerstkranke Menschen und Angehörige sollten mit dem Behandlungsteam, wie Ärzten, Pflegenden oder Hospizhelfern, sprechen.
Schmerzen
Schmerzen sind eines der häufigsten und belastendsten Symptome. Sie können durch die Grunderkrankung, Begleiterkrankungen oder eingeschränkte Beweglichkeit entstehen. Die Behandlung erfolgt meist mit starken Medikamenten wie Opiaten. Palliativmediziner sind erfahren darin, Medikamente gezielt zu kombinieren und Nebenwirkungen zu vermeiden. Auch Cannabis kann unter bestimmten Voraussetzungen ärztlich verordnet werden. Neben Medikamenten gibt es auch soziale und pflegerische Maßnahmen, die lindern können.
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Verwirrtheit und Unruhe
Bei Palliativpatienten können plötzlich Symptome wie Verwirrtheit, Aggressivität, Wahnvorstellungen, starke Gefühlsschwankungen oder Schlafstörungen auftreten. Die betroffene Person erkennt ihre Umgebung oft nicht mehr. Auslöser können die Erkrankung selbst, Flüssigkeitsmangel oder andere Faktoren sein. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (oder Infusionen), persönliche Zuwendung und Entspannungsübungen können helfen.
Angst
Angst ist ein häufiges und ernstzunehmendes Symptom am Lebensende. Sie kann sich direkt oder indirekt äußern, z.B. durch Unruhe, Aggression, Rückzug oder körperliche Reaktionen. Nicht-medikamentöse Maßnahmen wie ein ruhiges Umfeld, persönliche Zuwendung, beruhigende Sinnesreize, pflegende Maßnahmen oder Beschäftigungen können die Angst lindern. Bei konkreten Ängsten sind Ärzte und Pflegende gute Ansprechpersonen.
Hunger und Durst
In der Palliativphase verschwinden Hunger und Durst zum Teil völlig. Wenn ein Mensch noch essen und trinken will, sollte er das zu sich nehmen, worauf er Lust hat. Lebensfreude ist in der Palliativphase wichtiger als Ernährungsfachwissen. In manchen Fällen kann eine künstliche Ernährung oder Flüssigkeitsgabe angebracht sein, wenn Übelkeit, Schmerzen oder andere Symptome das Essen schwer machen. Betroffene sollten nur dann künstlich ernährt werden, wenn sie dies wünschen und es aus ärztlicher Sicht ratsam ist.
Atemnot
Atemnot entsteht nicht nur bei Sauerstoffmangel, sondern auch bei zu viel Kohlenstoffdioxid im Körper. Bei Atemnot ist es wichtig, zu beruhigen und die Konzentration auf eine möglichst gleichmäßige Atmung zu lenken.
Depression
Eine unheilbare Krankheit und das nahende Lebensende können die Stimmung drücken. Wenn Symptome wie niedergedrückte Stimmung, Schlafstörungen oder Hoffnungslosigkeit ausgeprägt sind und lange anhalten, sollte der Arzt informiert werden. Antidepressiva können hier zu einer Steigerung der Lebensqualität beitragen.
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Weitere Symptome
Weitere Symptome, die in der letzten Lebensphase auftreten können, sind Juckreiz, Schwäche, Krampfanfälle, Mundpilz, Schlafstörungen, Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung. Für all diese Symptome gibt es Linderungsmöglichkeiten, die mit dem Behandlungsteam besprochen werden sollten.
Die Bedeutung der Begleitung
Die Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen ist ein wichtiger Bestandteil der Palliativversorgung. Es ist wichtig, über Ängste, Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen und gemeinsam einen Weg zu finden, der ein würdevolles und selbstbestimmtes Sterben ermöglicht.
Christiane zur Nieden betont, wie wichtig es ist, in dieser Zeit alle Tabus zu brechen und jede Minute bewusst zu leben. Sie erinnert sich an die besondere Stimmung in den letzten Stunden ihrer Mutter und die erhebende Erfahrung, beim letzten Atemzug dabei zu sein.
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